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Gezuckerter Weltekel

von Georg Petermichl

Wien, 12. Februar 2011. "Wir existieren nur / wenn wir sozusagen / der Mittelpunkt der Welt sind," räsoniert der alte Schauspieler, und fasst damit den Kern der unbequemen und großartigsten Figuren des österreichischen Autors Thomas Bernhard (1931-1989) zusammen. Die meisten davon sind unzufriedene Aufsteigermenschen, die unbedingt existieren wollen und folgerichtig ihre Welt verkleinert haben. Und zwar soweit, dass ihnen der Platz im Mittelpunkt gesichert ist: Rund herum bleiben Verlierertypen, Quasseltanten, und überhebliche Dramatiker hängen, bockstarr schauen sie ins tyrannisch gleißende Ablicht ihres persönlichen Lebensmonsters.

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Gert Voss
© Monika Rittershaus

Diese Balance macht Bernhard-Hauptfiguren so verständlich: Sie sind grausam, aber sie haben sich selbst dafür Gesellschaft geschaffen. "Die Wünsche aufgegeben / aber mich selbst habe ich nicht aufgegeben / Wir schulden niemandem etwas / Alle schulden uns alles / aber wir schulden niemandem etwas." Ein anderer Kernsatz, den Gert Voss mit Beiläufigkeit bedacht hat.

Allerletzte Koketterie

Er gibt den Solisten in "Einfach kompliziert", das soeben zu Ehren von Bernhards 80. Geburtstag Premiere hatte. "Wir" hat er hochgezogen, der Rest ist dünnstimmig. Der alte Schauspieler ist allein und hat sozusagen den Tod seines Bernhard-Charakters überdauert: Er hat alle ihm Nahestehenden bereits verloren, die einzige Bezugsperson ist ein Mädchen – Katharina (Viktoria Niebauer), die ihm jeden Dienstag und Freitag die Milch bringt, was ihr der alte Schauspieler im zweiten von drei Akten mit Lebensweisheiten, Abmahnungen und selbstreferenziellen Monologen dankt.

Claus Peymann, der für sechzehn von zwanzig Bernhard-Uraufführungen verantwortlich zeichnet, hat das Stück für das Wiener Akademietheater eingerichtet. Inhalt: Der alte Schauspieler nagelt eine Sesselleiste an, beschließt endgültig, die Wohnung mit 82 Jahren nicht mehr auszumalen, setzt sich die Krone von Shakespeares Richard III. auf. Bekommt Besuch von Katharina. In seiner allerletzten Koketterie vertraut er dem Mädchen an, dass er Milch hasst und sie die einzige Person ist, die er noch sehen möchte: Starker Tobak für die Neunjährige. Und – wahrscheinlich am darauffolgenden Milch-Tag – entscheidet er sich für Käse anstatt Wurst, bleibt ungeduldig aber allein.

Abschied vom Mäusevolk

Es passiert wenig, in den zwei Aufführungsstunden. Dem Stücktext haftet ein fremder Hauch von Pathos an, was daran liegen könnte, dass er zum 80. Geburtstag für Bernhard Minetti geschrieben wurde – laut Bernhard ein Ausnahmeschauspieler. Und in gewisser Weise stellt es den Nachsatz zum Ensemblestück "Minetti" (UA: 1976) dar. Was bleibt nun von der Vorstellung – die am 17. Februar auch im Berliner Ensemble Premiere feiert? Was nimmt jemand mit nach Hause, der zur Zeit der Uraufführung etwa so alt war wie jetzt die neunjährige Katharina?

Claus Peymann und Gert Voss bekommen vom Wiener Publikum minutenlangen Applaus und Standing Ovations. Und: Endlich bekommt man wieder ein informatives (bildreich recherchiertes) Programmheft der Dramaturgin Jutta Ferbers – mittlerweile eine Seltenheit im Burgtheater. Gert Voss gibt dafür einen altersverschrobenen Schauspieler. Er präsentiert ihn verlebt, völlig zahnlos, so als müsste eine Bernhardfigur nur ihr Umfeld verlieren, um gesellschaftstauglich zu werden.

Zu Beginn liegt er zerknautscht am Boden, montiert die Sesselleiste- vielleicht trennt er sich dabei von den letzten Untertanen, dem Mäusevolk. Dann wieder tänzelt er gewandt durch den Raum, die Haare genauso zu Berge gekämmt, wie seine Hände verrückt in den Himmel ragen, eine Wolldecke als Lendenschurz – wirkt possierlich anstatt kampfgeschult. Er redet mit seinem Spiegelbild. Oder mit seinem Schatten im Sonnenlicht des übergroßen Fensters. Rund um ihn bröckelt der Putz von der ausgewaschenen Wand auf die kärgliche Kemenateneinrichtung. Die ist nach hinten gelehnt und ansteigend (Bühne und Kostüme: Karl-Ernst Herrmann).

Ins Kindchenschema versinken

Letztlich bleibt aber zu hoffen, dass wir, die erst "nach Bernhard" das Theaterlicht erblickten, Thomas Bernhard nicht so erinnern müssen: Zu sehr in sich gekehrt, zu wohlwollend oder hysterisch vor sich hinsäuselnd ist dieser Hauptcharakter. Voss nützt seine akrobatische Mimik; aber nur zur fröhlichen Bebilderung seines Charakters, das Publikum versinkt im Kindchenschema.

Nach den Hörspiel-CDs, der Gesamtausgabe, dem Burgtheater-Fest, der Fotoausstellung, den Zeitzeugen-Berichten, ihren Berichtigungen zu den gemeinsamen Skandalen und ihren Inszenierungen, also: Beim nächsten Mal wäre man froh über Bernhard-Figuren ohne nostalgischen Zuckerguss.

 

Einfach kompliziert
von Thomas Bernhard
Regie: Claus Peymann, Bühne und Kostüme: Karl-Ernst Herrmann, Dramaturgie: Jutta Ferbers, Licht: Ulrich Eh.
Mit: Gert Voss, Victoria Niebauer, Alice Prosser oder Wilhelmina Mischorr (in Berlin).

www.burgtheater.at

 

Mehr lesen? Ein Blog zur Berliner Premiere der Inszenierung von Esther Slevogt.

 

Kritikenrundschau

"Einfach kompliziert", das "subtilste Kammerspiel aller Bernhardstücke", sei eigentlich "unspielbar, weil irgendwann die gespielte Wut öde werden muss, die gespielte Eitelkeit gefällig, die gespielte Langeweile langweilig", meint Dirk Schümer in der Frankfurter Allgemeinen (14.2.2011). Bernhard Minetti habe bei der Uraufführung die Herausforderung bewältigt, "indem er sich selbst gab", Gert Voss hingegen zerkaue das Stück nicht, "er zelebriert es – ähnlich wie Pablo Casals einsam, virtuos und genussvoll eine Bach-Suite auf dem Cello spielte". Voss kenne "Rezept und Nebenwirkungen zu gut, um sein Publikum mit Chargieren und Extravaganzen abzufüttern. Er liefert lieber die Entzauberung, die Reflexion gleich mit." Regisseur Peymann laufe "zu alter Behutsamkeitsform auf". Er gebe Voss "in Karl-Ernst Herrmanns wundervoll bröselndem, kunstvoll zerwohntem, ausgeblichenem Zauberraum ganz kleine Fingerzeige, wie man Bernhard als Partitur phrasiert und seine Bravourarien immer wieder neu verziert. Mehr als dieses alles braucht es nicht, um den größten Toten unserer Literatur, den dramatischsten Untoten unseres Theaters wieder zu beschwören."

"Voss, der in Wien kein Publikum hat, sondern eine Gemeinde, schreit, flüstert, deklamiert, schlägt Nägel in die Wand, verschüttet Milch und streckt Schopenhauer die Zunge heraus", schreibt Uwe Mattheiss in der tageszeitung (14.2.2011). "Er hämmert die ganze breite Schauspielklaviatur rauf und runter in Mikrometerdistanz an der Outrage vorbei, aber immer von unsichtbaren Fäden in der Form gehalten. Das Ganze ist das Virtuosenspiel einer fremden Epoche. Seine Würde besteht darin, wie der Protagonist, von dem es erzählt, unaufhörlich weiterzuspielen, selbst um den Preis des Verlustes von Zeitgenossenschaft." Wo Thomas Bernhard heute stehe, erfahre man aber nicht. "Allerdings zieht die Aufführung, was den reflektierten Umgang mit Text und den schauspielerischen Mitteln betrifft, hierzulande wieder eine Gürtellinie ein gegen einen kontinuierlichen Niveauabfall, der in der Nach-Peymann-Ära im Grunde alle großen Häuser in Wien ergriffen hat."

"Es wäre natürlich töricht, Minetti gegen Voss auszuspielen", mahnt Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (14.2.2011), "aber trotzdem muss gesagt werden, dass Peymann es nicht geschafft hat, mit seinem Schauspieler einen Ton und eine Haltung für diese Figur zu finden. Voss zieht einfach alle Register, als habe er, wie der Alte, zu lange in 'Ludwigshafen' gespielt. Dieser Ludwigshafener Naturalismus ist Voss' frühes Ende an diesem Abend. Er, verlassen von aller Magie, und Peymann, weit entfernt von einer letzten Modellinszenierung." In dem Stück gebe es "nichts Originales, alles ist Zitat. Darüber hat sich die Regie keinen Kopf gemacht, sondern alles vom Blatt geleiert." Peymanns "fade und uninspirierte Regie zeigte auch keinen Weg in einen zukünftigen Umgang mit Thomas Bernhards Dramen. Es war mattes Veteranentheater, das bei der Premiere in Wien bejubelt wurde".

In der Frankfurter Rundschau (14.2.2011) wundert sich Stephan Hilpold, warum Peymann, Voss und Co "zur Selbstfeier ein Stück ausgegraben haben, das zwar vieles enthält, wofür man Bernhard mögen muss, das aber zu seinen schwächsten zählt". Klar, da könne "man noch einmal schön in die Grantelei und Mieselsucht, die Hybris, Lächerlichkeit und Narretei des Thomas Bernhard und seiner Figuren tauchen. Das macht Gert Voss denn auch mit großer Lust." Diese Kunst sei indes "in der Zeit stecken geblieben". Voss, "der vor 25 Jahren am Burgtheater einen umjubelten Richard III. gab, spielt jetzt am selben Haus Richard den Mäusekönig: Man kann sich vorstellen, wie das alle Beteiligten amüsiert. Über solche Pointen kommt der sich wie Gummi ziehende Abend allerdings nicht hinaus."

Für Ulrich Weinzierl in der Welt (14.2.2011) hingegen handelt es sich bei "Einfach kompliziert" "nicht um Resteverwertung, eher um Verdichtung von Leitmotiven, konzentriert auf eine Person: 90 Minuten Greisengroll, Weltekel und -flucht, Scheitern als hohe Kunst betrachtet, Leben im Existenzkerker." Dass Gert Voss "wieder unter seinem einstigen Leibregisseur auftritt, ist kein geringerer Glücksfall als Peymanns gebrochenes Versprechen nach Bernhards Tod, künftig kein Drama des Verstorbenen zu inszenieren. Wir fühlen uns als Passagiere einer Zeitreise mit wundersamem Nostalgie-Effekt: Was dazwischen lag, wirkt wie ausgelöscht, altes Herz wird wieder jung." Gert Voss erreiche "ein unvergleichliches Niveau, vereint höchste Musikalität der Sprache mit jener der Bewegungen und der Mimik: der Königsnarr als Narrenkönig, der Untergeher als heimlicher Sieger." Dass all das nicht zum Selbstzweck verkomme, "ist Peymanns Verdienst. Immer noch weiß er besser als jeder andere im deutschen Theater Bernhard-Partituren umzusetzen: mit äußerster Genauigkeit, in puristischer Strenge und traumtänzerischer Leichtigkeit."

"Bernhards ingeniöse Meditation über die Kunst und die ihr zugrunde liegenden Täuschungsmanöver ist 'naturgemäß' ein Hochseilakt", schreibt Ronald Pohl im Standard (14.2.2011). Claus Peymanns Regie sei "von vollendeter Musikalität: Sie bringt die Motive und Kantilenen dieses unendlich herzzerreißenden Stückes hellauf zum Leuchten. Sie vertreibt die Manierismen, die Voss' Spiel gelegentlich anzuhaften begannen wie Spinnweben, mit einem Hauch Klarheit. Sie zeigt eine Bochumer Provinzknallcharge auf dem schwindelerregenden Gipfel ihrer eingebildeten Königswürde."

"Diese Aufführung ist ein Triumph", jubelt Norbert Mayer in der Presse (14.2.2011): Peymann beweise auch "an diesem schwierigen Kammerspiel, wie sensibel er mit Bernhards Sprachkunst umgeht, und Voss ist ein würdiger Erbe Minettis." Mitten im Satz, "und zwar immer an der richtigen Stelle", ändere Voss "schlagartig den Ton. Aus einem renitenten 82-Jährigen, der alle überlebt hat, wird dann für Momente ein Wissender, der sich an Shakespeare und Schopenhauer abarbeitet: 'Das Geborenwerdenverbrechen ist nicht zu verzeihen.'" Fazit: "Ein großes Solo für Voss, makellos, eine herrlich zurückhaltende Inszenierung von Peymann, die den Schauspielerkönig gewähren und alle Facetten seiner Kunst zeigen lässt."

Altes Theater, nicht modisch, also auch nicht altmodisch", schreibt Peter von Becker im Berliner Tagesspiegel (19.2. 2011). Bestärkt von Claus Peymann, gehe Gert Voss weit über alles "eitle Virtuosennummern-Rampenarientheaters" hinaus. Man sehe in 100 Minuten gleichsam "das Menschheitsdrama des Altwerdens, des Spielens gegen den eigenen Tod". Dies aber "nicht als Tragödie. Sondern als Narrenkönigsfarce." Wie einst der Clown Charlie Rivel jaule Voss die rührendsten Jammertöne. "Und bildet er sich für Sekunden mal eine zweite Jugend ein, mit groteskem, äffischem Bubengrinsen, ist im nächsten Moment das Gesicht wie erloschen. Ein Gesicht, das ist das Tollste, das hier ganz ohne Reden und Rasen zur großen Bühne wird."

Gert Voss sei vieles an diesem Abend, aber nicht der durchsichtige, "Geistestheaterkopf", für den Bernhard seinen Monolog geschrieben haben, schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (19.2. 2011). Denn aus Sicht der Kritikerin kann man Bernhards Übertreibungskunst nicht mit "breitem Schauspielertheater, mit gespielten Menschen und Menschlichem" zu fassen kriegen, "sondern indem man Gedachtes darin durchhörbar macht." Und dennoch. Das Merkwürdige dieses Abends sei nicht, "dass das Voss-Spiel in der breiten Gefühligkeit so bernhardfern bleibt, sondern, dass es, nimmt man Bernhard wirklich ernst, in dieser Gegenbewegung schon wieder besonders bernhardnah ist. 'Immer gegen alle gespielt' sagt Voss, der Alte, 'Theaterkunst/ Terrorismus'. Und flugs liegt Bernhard selbst in der 'Theaterfalle', die er sich erschrieb."

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