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Die Wahrheit der Lüge

von Ulrich Fischer

Hamburg, 14. Februar 2011. Florian Zeller stellt seinem neuen Stück "Die Wahrheit" ein Zitat Voltaires voran: "Die Lüge ist eine Tugend, wenn sie es erlaubt, das Leiden zu vermeiden. Lügen Sie, meine Damen... Seien Sie tugendhaft ... Ich werde Ihnen bei Gelegenheit Gleiches mit Gleichem vergelten." Und mit sieben knappen, klaren, luziden Szenen illustriert Zeller danach vergnüglich Voltaires französische Frivolität.

Michel betrügt seine Frau mit Alice. Sie ist unzufrieden, dass sie sich nur für kurze Stunden treffen. Anfänglich wehrt Michel ihren Wunsch nach einem Wochenende ab; er fürchtet nicht nur, seine Frau Laurence könne ihm auf die Spur kommen, sondern auch Paul, Alices Mann und Michels bester Freund. Michel will auf keinen Fall, dass etwas herauskommt, angeblich um alle zu schonen. Er drängt Alice zu dem Versprechen, immer weiter zu lügen; sie aber lehnt ab. Bringt Alice sie also schließlich an den Tag, "die Wahrheit"?

Er mit ihr, und sie mit ihm?

Das wird das Publikum nie erfahren. Michel befürchtet, Alice habe gequatscht und packt den Stier bei den Hörnern. Als er mit Paul spricht, erwidert der aber nicht mit dem befürchteten Eifersuchtsausbruch, er bleibt kühl. Schließlich habe er, Paul, keinen Grund, sich aufs hohe Ross zu setzen, er betrüge Michel schon lange mit Laurence, Michels Frau. Länger, als Michel ihn mit Alice hintergehe, mit seiner, Pauls Frau.

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Leslie Malton und Herbert Knaup
©Christian Enger

Michel ist empört. Ihn, einen Ehrenmann, betrügt seine Frau, und dann auch noch mit seinem besten Freund. Er stellt seine Frau zur Rede. Laurence wiederum ist schwer enttäuscht von der Untreue ihres Gatten. Sie hat Michel nie betrogen. Behauptet sie. Sagt sie die Wahrheit? Michel beginnt (an sich selbst?) zu zweifeln. Es wäre eine subtile Rache von Paul gewesen, ihm, Michel, weis zu machen, er habe ihn mit seiner Frau betrogen, obwohl das gar nicht der Fall war – nicht nur, dass er Michel glauben macht, er habe gleiches mit gleichem vergolten, er bewegt den Tölpel von Freund auch noch, seiner Frau (gegen seinen Willen) die "Wahrheit" zu sagen, die er ihr so lange und mit so viel Mühe verschwiegen hat.

Die Sprache der Lüge

Das Stück des jungen, französischen Dramatikers und preisgekrönten Romanciers glänzt trotz des eigentlich banalen Grundkonflikts hell, weil es übersichtlich wie eine Mathematikaufgabe mit vier Bekannten beginnt, die Lösung dann aber unübersichtlich kompliziert wird. In der Boulevardkomödie ist es üblicherweise so, dass das Publikum mehr weiß, als das Bühnenpersonal. In "Die Wahrheit" ist es umgekehrt. Der Untertitel der Komödie erklärt, sich auf "Die Wahrheit" beziehend: "Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen".

Ebenso brillant wie die Handlung sind die Charaktere konstruiert – die Dialoge sind luzide. Annette und Paul Bäcker – ein bewährtes Übersetzerpaar, sie Französin, er Deutscher – übertrugen vorbildlich die französische Transparenz in unsere Sprache. Am Ende steht im Namen der Wahrheit der Triumph der Lüge: "(Sie nehmen sich in die Arme, erleichtert, wieder einmal um die Wahrheit herumgekommen zu sein. Michel küsst sie (Laurence, seine Frau) auf die Stirn und versucht diesen Kummer zu trösten, den er nicht versteht, /Dunkel). Ende."

Und die Nuancen der Lüge

Ulrich Waller hält sich bei seiner Erstaufführungsinszenierung genau an den Text, schöpft klug die Komik des Dialogs aus und lässt seinen Schauspielern soviel Raum wie möglich. Und was für Schauspieler: Das vierköpfige Ensemble spielt glänzend, herausragend Herbert Knaup als Michel. Knaup scheint einen Gipfelpunkt seiner Nuancierungskunst erreicht zu haben, wenn er Alice, seine Geliebte, beschwört, zu lügen, ihrem Mann nur nicht die Wahrheit zu sagen, einfach aus Rücksicht auf ihn, aus Liebe, Respekt. Aber dann übertrifft Knaup sich selbst in den folgenden Szenen, in denen die Paradoxien, dem Gesetz dramatischer Steigerung folgend, zunehmen. Der Schauspieler zeigt alle funkelnden Facetten des betrogenen Betrügers, ein Lügner, der sich angesichts der Lüge der anderen ehrlich empört.

Das gesamte Ensemble beweist in nur neunzig Minuten vorzüglichen Kammerspiels, dass "Die Wahrheit" mehr als gute Unterhaltung ist. Denn Florian Zeller steht in der besten Tradition der französischen Komödie in ihrer anspruchsvollsten Form. Er war eigens zur Erstaufführung nach Hamburg gekommen und nahm mit dem Ensemble den Schlussbeifall entgegen – und der wollte nicht enden. Das St. Pauli Theater weist auf ein überragendes Dramatiker-Talent hin, mit einer makellosen Erstaufführung.


Die Wahrheit oder Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen
von Florian Zeller, aus dem Französischen von Annette und Paul Bäcker
Regie: Ulrich Waller, Bühne: Nina von Essen, Kostüme: Ilse Welter. Mit: Johanna Christine Gehlen, Thomas Heinze, Herbert Knaup, Leslie Malton.

www.st-pauli-theater.de


Mehr von Ulrich Waller: Zuletzt sahen wir Anfang Februar 2011 am Berliner Renaissance Theater seine Inszenierung Eines langen Tages Reise in die Nacht von Eugen O'Neill.

 

Kritikenrundschau

Jenny Tobien schreibt im Hamburger Abendblatt (16.2.2011) von einem "sehr unterhaltsamen Stück", das "ausschließlich aus Dialogen besteht" und "raffiniert gebaut" ist. Protagonist Michel werde von Herbert Knaup "grandios dargestellt". Für die Zuschauer sei es "höchst amüsant, mit anzusehen, wie Michel, der glaubt, alles im Griff zu haben, immer verunsicherter zum Spielball der anderen wird". Die Komödie schaffe es, "durchweg zu unterhalten ohne in Klamauk abzudriften" und überzeuge "mit überraschenden Wendungen, präzisen und pointierten Dialogen und nicht zuletzt durch die Leistung der prominenten Darsteller".

Florian Zellers "Die Wahrheit" sei eine "amüsante Gebrauchsanweisung, wie man am besten lügend durchs Leben kommt, ohne den anderen durch die Wahrheit zu verletzen", schreibt Monika Nellissen in ihrer Kurzkritik in der Welt Kompakt (16.2.2011). Der Plot sei "so einfach wie kompliziert". Die Kunst des 31-jährigen Dramatikers liege darin, "nicht nur die Beteiligten wenigstens zeitweilig im Ungewissen zu lassen, sondern auch uns Zuschauer in die Irre zu führen". Dazu leiste Ulrich Waller "deutsche Komödienwertarbeit vom Feinsten".

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