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Die Auserwählten

15. Februar 2011. Die Jury für das Berliner Theatertreffen hat ihre Auswahl der zehn bemerkenswertesten und damit zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen der vergangenen Saison bekannt gegeben:


Das Berliner Theatertreffen findet vom 6. bis 22. Mai 2011 statt.

Zur Auswahljury gehörten in diesem Jahr die TheaterkritikerInnen Ulrike Kahle-Steinweh (freie Autorin für SWR Fernsehen, Der Tagesspiegel, Theater heute), Ellinor Landmann (Redakteurin beim Schweizer Radio DRS 2), Christine Wahl (freie Autorin für den Tagesspiegel, Theater heute, Spiegel online), Vasco Boenisch (Redakteur bei WDR Fernsehen, freier Autor der Süddeutschen Zeitung), Wolfgang Höbel (Redakteur beim Spiegel), Andres Müry (Theaterpublizist, freier Autor für Theater heute, Der Tagesspiegel) und Franz Wille (Redakteur bei Theater heute).

Hier die Begründungen der Jury zu den ausgewählten Inszenierungen.

(dip)

 

 

Presseschau

Hartmut Krug vom Deutschlandradio Kultur (Fazit, 15.2.2011) ist "überrascht und überraschend zufrieden" mit der Auswahl fürs Theatertreffen, weil sie wirklich "einmal nicht bei den üblichen Verdächtigen gelandet ist, also bei den großen Häusern (...) oder bei den immergleichen Regisseuren". Es sei "eine so bunte und so anregende Mischung", dass er sich "zum ersten Mal seit langer Zeit" wieder auf das Theatertreffen freue. Viele Inszenierungen seien auf eine nicht-agitatorische Weise politisch, indem sie die Texte "von innen heraus ins Heute holen". Es sei "eine erstaunliche Breite" von Handschriften vertreten. Die zweimalige Einladung von Fritsch findet Krug "ein wenig übertrieben". Seiner Meinung nach wäre es allerdings "absurd gewesen", wenn man "Verrücktes Blut" nicht eingeladen hätte – "das ist für mich das Ereignis der Saison." Krug vermisst lediglich die "Zauberberg"-Inszenierung von Sebastian Hartmann.

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (16.2.2011) freut sich ebenfalls über "erstaunlich viele Überraschungskandidaten". In diesem Jahr sei "alles anders. Kein Stemann, kein Kriegenburg, kein Stelldichein der üblichen Verdächtigen." Schlingensief und seinem künstlerischen Vermächtnis nun "noch einmal so (be)greifbar und direkt begegnen zu können, ist tröstlich - und ein Geschenk des Theatertreffens". Herbert Fritsch sei mit seinen zwei Einladungen nicht nur Sieger der "Berliner Best-of-Schau", sondern decke auch gleich "die Felder 'Provinz' und 'Osten'" ab. Wobei auch Dössel zwei Fritsch-Einladungen "bei allem Respekt" für "ein bisschen übertrieben" hält, da hätte man schon noch eine Position für eine andere Handschrift frei räumen können. Die Einladung von "Verrücktes Blut" überrasche kaum, da es sich "bereits schwer im Kultstatusbereich" bewege. Es sei "der heißeste Beitrag des Theaters zur Sarrazin- und Integrationsdebatte". Von den "führenden deutschen Bühnen" sei allein das Schauspiel Köln wieder vertreten. Über Puchers "Tod eines Handlungsreisenden" weiß Dössel, dass er ganze sieben Ja-Stimmen auf sich vereinigen konnte und damit "angeblich sicherste Kandidat von allen" sei. Dössel vermisst zwar Marthalers "Meine faire Dame" und Jette Steckels "Don Carlos", findet die Mischung insgesamt aber "recht interessant" - "mal was anderes." (P.S.: In ihrem SZ-Blog macht Christine Dössel darauf aufmerksam, dass wir sie in Bezug auf Marthaler falsch verstanden haben.)

Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.2.2011) hat für die Auswahl unter der Überschrift "korrekt abseitig" hingegen nur Spott übrig. In Herbert Frisch sieht er ein schrilles "Horrorkasperl", Rögglas "Die Beteiligten" findet er "öde". Vontobel, Henkel und Pucher repräsentieren für ihn "das alt gewordene junge Theater", "Testament" die Off-Szene, "Verrücktes Blut" und "Werk / Bus / Sturz" die politische Korrektheit, "Via Intolleranza II" die postume Sentimentalität. Stadelmaier vermisst Breths "Zwischenfälle".

Stefan Keim von der Frankfurter Rundschau (16.2.2011) nennt die Auswahl "die tolle Arbeit einer mutigen Jury". Für ihn zeigt sie, "dass die Innovationen derzeit nicht von den großen Tankern kommen. Und dass es Provinz schon lange nicht mehr gibt." Exemplarisch dafür steht seiner Meinung nach der zwei Mal eingeladene Herbert Fritsch, der "die Stadttheaterszene über die mittleren Häuser" aufrolle und den Keim in seinem Text porträtiert.

Im Gegensatz zu Keim zeigt sich die Welt (15.2.2011) überrascht davon, dass Fritsch "nach dem Urteil der Juroren" ohne Zweifel "der wichtigste Regisseur des deutschen Sprachraums 2010" ist – "unergründlich sind die Wege der Damen und Herren der Jury". Verständlich findet man die Entscheidung für Vontobel und Beier, ganz unverständlich die für Bachmann: "Gab es am Wiener Burgtheater wirklich nichts Bemerkenswerteres zu sehen?"

Katrin Bettina Müller von der taz (17.2.2011) kommentiert: "Es ist nicht alles anders als in den anderen Jahren, und doch fühlt es sich ein wenig so an." Mit Erpulat und She She Pop seien Künstler eingeladen, die "keine große Institution im Rücken" haben, "beide müssen mit jedem Stück um Mittel werben - ihre Einladung zum Theatertreffen ist auch ein Signal an die Kulturpolitik, an dieser Projektschiene festzuhalten". Dass damit, plus "Via Intolleranza", "drei Produktionen nicht aus den großen Stadttheatern kommen, ist ebenso überraschend wie die Einladung von zwei Inszenierungen aus Schwerin und Oberhausen". Die "üblichen Vorwürfe" könne man der Jury, "die übrigens zum ersten Mal ihre Auswahl nicht bloß vermelden ließ, sondern leibhaftig begründete", nicht machen. "Also keine Fragen, Vorfreude bloß. Genug Verschiebungen, um gespannt zu sein auf neue Mitspieler oder alte Bekannte in neuen Rollen."

 

 
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