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Die spinnen, die Kölner
oder
Man kann sich die Suppe auch selber einbrocken

Februar 2011. Die Kölner Kulturpolitik ist sehr speziell. "Eigenwillig", nennen das die Mecklenburger, wenn sie nicht "spinnert" sagen wollen.

Da gelingt es den Kulturoberen, mit Karin Beier eine überaus befähigte Intendantin an ihr daniederliegendes Schauspiel zu verpflichten. Die Frau erfüllt binnen zweier Jahre mehr als die in sie gesetzen Erwartungen, und was tun die Amtswalter? Sie schmeißen der Regisseurin Knüppel zwischen die Beine.

Weil sich die Hausherrin angesichts zu hoher Kosten für ein zu klein dimensioniertes neues Schauspielhaus für die, wie es zunächst heißt, billigere Renovierung des alten Baues ausspricht und ein entsprechendes Bürgerbegehren unterstützt, und weil dieses Volksbegehren bei der Abstimmung über die Wir-reißen-alles-ab-und-bauen-alles-neu-Pläne der Behörden obsiegt, sind die Politiker der Rheinstadt, denen gerade erst ihr unschätzbar wertvolles Stadtarchiv eingestürzt war, sauer. Drohen mit Kürzungen für Beiers hoch gepriesenes Schauspiel, setzen, offensichtlich, nicht alle Hebel in Bewegung, um die Intendantin zum Bleiben zu bewegen, als diese ein Angebot aus Hamburg erhält, das Schauspielhaus im Jahre 2013 zu übernehmen. Im Gegenteil, die Kölner Verantwortlichen erwecken mehr als nur den Anschein, dass sie froh sind, wenn Beier die Stadt verlässt, lieber heute als morgen. Aber die tut ihnen diesen Gefallen nicht.

Für alle, die den Überblick bewahren wollen, hat die Redaktion hier nochmal die Chronologie der Kölner Ereignisse zusammengestellt:

 

Presseschau, 26.11.2010: Der Gegenort und sein Kopf

In einem von zwei Texten einer Feuilleton-Doppelseite feiert Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (26.11.2010) das Kölner Theater und seine Intendantin Karin Beier.

Er stellt fest: "In Köln steht das zurzeit wichtigste Theater Deutschlands." Karin Beier sei die wichtigste Künstlerin der Stadt. Zum Erfolg beigetragen habe: dass die Kölnerin Beier von Anfang an den "lokalen Bezug gesucht und gefunden" habe. Dass Beier von Anfang an "internationale Theatersprachen und -stile" gezeigt habe. Dass die Kölner Zuschauer, um die "ästhetische Auseinandersetzung" nicht herumkämen und auch mit dem "Unpopulären" wie etwa Laurent Chétouane konfrontiert würden. Und dass die "beinhart" arbeitende Regisseurin nach eigenem Dafürhalten gerade eine gute Phase habe.

Köln, nur du allein

Aber natürlich, so Michalzik, dies und Ähnliches sagten alle erfolgreichen Intendanten über ihre Arbeit. Weshalb er, der Kölner Chefin weiter zuhörend, Folgendes aufzeichnete:

+ Die Stadt Köln sei besonders hässlich.

+ Köln, habe Elfriede Jelinek nach Studium der örtlichen Skandale und Affären befunden, sei die Verbrecherhauptstadt Nummer eins.

+ Ganz Köln, so Beier, besäße kriminelle Energie und das mache die Intendantin, wenn sie sich selbst beobachte, klammheimlich stolz.

+ Die Kölner seien besonders direkt in ihrer Art. Sie meckerten dauernd über ihre Stadt, redeten aber auch dauernd über ihre Stadt, weil sie die Stadt liebten.

+ Köln sei sozusagen das Hauptquartier des faustischen Menschen, der Elfriede Jelinek und Karin Beier zufolge "tun und tun und tun" müsse, wie Jelinek schreibt: "Wir bauen, und warum tun wir es? Weil wir es können."

Wo leere Gruben gähnen

Die Voraussetzungen für die außerordentliche Rolle, die das Theater in der Stadt gegenwärtig spiele, habe die ignorante Politik Stadtregierung geschaffen. Die Kölner seien durch den Einsturz des Stadtarchives traumatisiert. Seitdem gebe es ein grundsätzliches Misstrauen gegen alle Bauvorhaben, so Beier. "Im Theater", schreibt Michalzik, "hat dieses Misstrauen seinen Ort gefunden, es ist der Kölner Gegenort, und Karin Beier ist sein Kopf." Das Theater sei "der Ort einer Vernunft" geworden, die versuche, sich "mit Maß und Ziel" zu orientieren.

Die Politik dagegen versage fortwährend weiter durch Schweigen. Kein Denkmal am Ort des Einsturzes werde errichtet, kein Schuldiger namhaft gemacht und wenn Beier den früheren Oberbürgermeister zitiere in ihrer "gigantischen" Elfriede Jelinek-Aufführung, die von den Zuschauern "regelrecht gestürmt" werde, dann verlange dieser Mann eine öffentliche Entschuldigung.

Alles andere als stolz seien die Kölner Politiker auf ihre erfolgreiche Künstlerin. Im Gegenteil.
Dass sie sich öffentlich gegen den Neubau des Kölner Theaters gestemmt hat, verzeihen ihr die Politiker der großen Parteien nicht. Michalzik schließt mit: "So hat bei Karin Beier das Theater seine gesellschaftliche Funktion zurück gewonnen. [...] Das Theater Köln ist das erste Theater des neuen Bürgerprotests geworden."

(jnm)

Presseschau, 26.11.2010: Bemerkenswerte Mickrigkeit

In einem zweiten Artikel, direkt vom Ort des wundersamen Geschehens und aus der Kenntnis einiger Jahrzehnte Kölner Theatergeschichte, schreibt Martin Oehlen in der Frankfurter Rundschau (26.11.2010), das Schauspielhaus sei, nach abgewehrtem Abriss zwar schwer sanierungsbedürftig (seit 1962 nicht instand gehalten), doch stehe die "Institution" fest im Zentrum der Stadt: "Was innerhalb und außerhalb des Theaters geschieht, ist tatsächlich Stadtgespräch." Das Theater strahle so hell wie zu seinen besten Zeiten unter Jürgen Flimm zwischen 1979 und 1985.

Der Erfolg sei Kraftquelle für "die ganze Szene". Auch die "fulminante" Arbeit des Opern-Intendanten Uwe-Eric Laufenberg helfe zum besseren Besuch auch der freien Theater. Theater an sich habe wieder einen guten Leumund bekommen.

Weil der Kölner dazu neige, "keine Feier zu verpassen", sei es kein Wunder, dass auch alle Vorstellungen der Jelinek-Aufführung "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" ausverkauft seien. Diese Aufführung sei auch "deshalb eine heiße Nummer", weil "sehr konkret die eigene Sache" der Stadt und ihrer Bewohner verhandelt werde.

Der Einsturz des Stadtarchivs habe das Fass in Köln zum Überlaufen gebracht. Danach habe eine Initiative über 50.000 Unterschriften gegen den Abriss des Schauspielhauses gesammelt und Beier das "zentrale Motto" des Protestes geprägt: "Inhalt vor Fassade". Damit habe sie, wie bereits beim Streit um das Plakat zu ihrer Nibelungen-Inszenierung, abermals "Courage" gezeigt.

Tatsächlich müsse jede "Kölner Politiker-Generation" neu begreifen, welche Rolle die Künste in der Stadt spielten. Die Förderung von "Kunst und Wissen" habe immer die Bevölkerung selbst betrieben. Ohne die Hilfe von Sammlern und Mäzenen wäre etwa nie der "Kranz von Museen" geflochten worden. Der städtische Kulturetat dagegen sei "traditionell von bemerkenswerter Mickrigkeit". Jede andere deutsche Großstadt stünde besser da.

(jnm)

 
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