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Die spinnen, die Kölner
oder
Man kann sich die Suppe auch selber einbrocken

Februar 2011. Die Kölner Kulturpolitik ist sehr speziell. "Eigenwillig", nennen das die Mecklenburger, wenn sie nicht "spinnert" sagen wollen.

Da gelingt es den Kulturoberen, mit Karin Beier eine überaus befähigte Intendantin an ihr daniederliegendes Schauspiel zu verpflichten. Die Frau erfüllt binnen zweier Jahre mehr als die in sie gesetzen Erwartungen, und was tun die Amtswalter? Sie schmeißen der Regisseurin Knüppel zwischen die Beine.

Weil sich die Hausherrin angesichts zu hoher Kosten für ein zu klein dimensioniertes neues Schauspielhaus für die, wie es zunächst heißt, billigere Renovierung des alten Baues ausspricht und ein entsprechendes Bürgerbegehren unterstützt, und weil dieses Volksbegehren bei der Abstimmung über die Wir-reißen-alles-ab-und-bauen-alles-neu-Pläne der Behörden obsiegt, sind die Politiker der Rheinstadt, denen gerade erst ihr unschätzbar wertvolles Stadtarchiv eingestürzt war, sauer. Drohen mit Kürzungen für Beiers hoch gepriesenes Schauspiel, setzen, offensichtlich, nicht alle Hebel in Bewegung, um die Intendantin zum Bleiben zu bewegen, als diese ein Angebot aus Hamburg erhält, das Schauspielhaus im Jahre 2013 zu übernehmen. Im Gegenteil, die Kölner Verantwortlichen erwecken mehr als nur den Anschein, dass sie froh sind, wenn Beier die Stadt verlässt, lieber heute als morgen. Aber die tut ihnen diesen Gefallen nicht.

Für alle, die den Überblick bewahren wollen, hat die Redaktion hier nochmal die Chronologie der Kölner Ereignisse zusammengestellt:

 

Presseschau, 26.11.2010: Der Gegenort und sein Kopf

In einem von zwei Texten einer Feuilleton-Doppelseite feiert Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (26.11.2010) das Kölner Theater und seine Intendantin Karin Beier.

Er stellt fest: "In Köln steht das zurzeit wichtigste Theater Deutschlands." Karin Beier sei die wichtigste Künstlerin der Stadt. Zum Erfolg beigetragen habe: dass die Kölnerin Beier von Anfang an den "lokalen Bezug gesucht und gefunden" habe. Dass Beier von Anfang an "internationale Theatersprachen und -stile" gezeigt habe. Dass die Kölner Zuschauer, um die "ästhetische Auseinandersetzung" nicht herumkämen und auch mit dem "Unpopulären" wie etwa Laurent Chétouane konfrontiert würden. Und dass die "beinhart" arbeitende Regisseurin nach eigenem Dafürhalten gerade eine gute Phase habe.

Köln, nur du allein

Aber natürlich, so Michalzik, dies und Ähnliches sagten alle erfolgreichen Intendanten über ihre Arbeit. Weshalb er, der Kölner Chefin weiter zuhörend, Folgendes aufzeichnete:

+ Die Stadt Köln sei besonders hässlich.

+ Köln, habe Elfriede Jelinek nach Studium der örtlichen Skandale und Affären befunden, sei die Verbrecherhauptstadt Nummer eins.

+ Ganz Köln, so Beier, besäße kriminelle Energie und das mache die Intendantin, wenn sie sich selbst beobachte, klammheimlich stolz.

+ Die Kölner seien besonders direkt in ihrer Art. Sie meckerten dauernd über ihre Stadt, redeten aber auch dauernd über ihre Stadt, weil sie die Stadt liebten.

+ Köln sei sozusagen das Hauptquartier des faustischen Menschen, der Elfriede Jelinek und Karin Beier zufolge "tun und tun und tun" müsse, wie Jelinek schreibt: "Wir bauen, und warum tun wir es? Weil wir es können."

Wo leere Gruben gähnen

Die Voraussetzungen für die außerordentliche Rolle, die das Theater in der Stadt gegenwärtig spiele, habe die ignorante Politik Stadtregierung geschaffen. Die Kölner seien durch den Einsturz des Stadtarchives traumatisiert. Seitdem gebe es ein grundsätzliches Misstrauen gegen alle Bauvorhaben, so Beier. "Im Theater", schreibt Michalzik, "hat dieses Misstrauen seinen Ort gefunden, es ist der Kölner Gegenort, und Karin Beier ist sein Kopf." Das Theater sei "der Ort einer Vernunft" geworden, die versuche, sich "mit Maß und Ziel" zu orientieren.

Die Politik dagegen versage fortwährend weiter durch Schweigen. Kein Denkmal am Ort des Einsturzes werde errichtet, kein Schuldiger namhaft gemacht und wenn Beier den früheren Oberbürgermeister zitiere in ihrer "gigantischen" Elfriede Jelinek-Aufführung, die von den Zuschauern "regelrecht gestürmt" werde, dann verlange dieser Mann eine öffentliche Entschuldigung.

Alles andere als stolz seien die Kölner Politiker auf ihre erfolgreiche Künstlerin. Im Gegenteil.
Dass sie sich öffentlich gegen den Neubau des Kölner Theaters gestemmt hat, verzeihen ihr die Politiker der großen Parteien nicht. Michalzik schließt mit: "So hat bei Karin Beier das Theater seine gesellschaftliche Funktion zurück gewonnen. [...] Das Theater Köln ist das erste Theater des neuen Bürgerprotests geworden."

(jnm)

Presseschau, 26.11.2010: Bemerkenswerte Mickrigkeit

In einem zweiten Artikel, direkt vom Ort des wundersamen Geschehens und aus der Kenntnis einiger Jahrzehnte Kölner Theatergeschichte, schreibt Martin Oehlen in der Frankfurter Rundschau (26.11.2010), das Schauspielhaus sei, nach abgewehrtem Abriss zwar schwer sanierungsbedürftig (seit 1962 nicht instand gehalten), doch stehe die "Institution" fest im Zentrum der Stadt: "Was innerhalb und außerhalb des Theaters geschieht, ist tatsächlich Stadtgespräch." Das Theater strahle so hell wie zu seinen besten Zeiten unter Jürgen Flimm zwischen 1979 und 1985.

Der Erfolg sei Kraftquelle für "die ganze Szene". Auch die "fulminante" Arbeit des Opern-Intendanten Uwe-Eric Laufenberg helfe zum besseren Besuch auch der freien Theater. Theater an sich habe wieder einen guten Leumund bekommen.

Weil der Kölner dazu neige, "keine Feier zu verpassen", sei es kein Wunder, dass auch alle Vorstellungen der Jelinek-Aufführung "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" ausverkauft seien. Diese Aufführung sei auch "deshalb eine heiße Nummer", weil "sehr konkret die eigene Sache" der Stadt und ihrer Bewohner verhandelt werde.

Der Einsturz des Stadtarchivs habe das Fass in Köln zum Überlaufen gebracht. Danach habe eine Initiative über 50.000 Unterschriften gegen den Abriss des Schauspielhauses gesammelt und Beier das "zentrale Motto" des Protestes geprägt: "Inhalt vor Fassade". Damit habe sie, wie bereits beim Streit um das Plakat zu ihrer Nibelungen-Inszenierung, abermals "Courage" gezeigt.

Tatsächlich müsse jede "Kölner Politiker-Generation" neu begreifen, welche Rolle die Künste in der Stadt spielten. Die Förderung von "Kunst und Wissen" habe immer die Bevölkerung selbst betrieben. Ohne die Hilfe von Sammlern und Mäzenen wäre etwa nie der "Kranz von Museen" geflochten worden. Der städtische Kulturetat dagegen sei "traditionell von bemerkenswerter Mickrigkeit". Jede andere deutsche Großstadt stünde besser da.

(jnm)


Presseschau, 14.12.2010: Die blanke Gier nach Leben

"Wenn ich ehrlich bin: ich übe nicht meinen Traumberuf aus. Der war Ärzte ohne Grenzen", sagt Karin Beier laut einem Text von Martin Eich (Die Welt, 14.12.2010). Momentan laufe sie hochtourig: "Ich habe die Kerze an beiden Ende angezündet." Und das halbiere nicht deren Lebensdauer: "Das gibt ein schöneres Licht". Es sind bildgewaltige, blitzende Sätze wie diese, die viel über Karin Beier und ihr Theaterverständnis verraten.

"Tiefgefroren", sei die Politik ihr gegenüber, dass sie "die Pläne nicht nur des Oberbürgermeisters durchkreuzte, das denkmalgeschützte Schauspielhaus durch einen Neubau zu ersetzen und sich diesem Strom aus Geschmacks- und Geschichtslosigkeit entgegen stemmte, verübelt man ihr heute noch", schreibt Eich. Sie sagt: "Ich würde auf jeden Fall noch einmal so handeln. Selbst wenn sie mich hinausgeworfen hätten." (hier eine Chronik der Debatte um Neubau oder Sanierung des Kölner Opern-Theater-Komplexes am Offenbachplatz)

Sie treibe "die blanke Gier nach Leben, nach Intensität" an, sagt Beier. Und: "Es wird mir zu viel über das Theater geredet. Man sollte es einfach machen." Auch den Tagungen der Intendantengruppe des Bühnenvereins bleibe sie fern: "Ich war da noch nie. Und ich will da auch nicht hin." Der Umgang innerhalb der Theaterszene sei "schmallippig und eng", dem wolle sie sich nicht aussetzen. "Ich empfinde es als hochgradig unangenehm, wenn bei Preisverleihungen die ganze Mischpoke zusammenkommt. Das ist ein missgünstiger, Lust tötender Brei. Man muss aufpassen, vom Betrieb nicht kontaminiert zu werden."

Sie stelle deshalb auch ernsthafte Überlegungen an, "in absehbarer Zeit" den Beruf zu wechseln. "Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mir damit nicht etwas in die Tasche lüge. Aber man ist doch immer auf der Suche." Deshalb überlege sie, ein Medizinstudium zu beginnen.


Meldung: Interimsprobleme

Köln, 20. Januar 2011. Neuer Ärger bahnt sich an in der Kölner Kulturpolitik. Einem Bericht der Kölner Rundschau (19.1.2011) zufolge, droht Opernintendant Uwe Eric Laufenberg mit seinem Rücktritt, falls die SPD ihren Vorschlag umsetze, das Bonner Opernhaus oder eine Mehrzweckhalle als Interimslösung für die derzeit ausgelagerte Kölner Oper zu etablieren. "Weiß Herr Börschel, was er macht?", zitiert das Blatt Laufenberg. "Hat er für 2012 schon einen neuen Opernintendanten? Wenn er so weitermacht, wird er einen brauchen."

Da sich die Sanierungsarbeiten am Opernhaus nach derzeitigem Stand noch bis 2015 hinziehen, plädiert Laufenberg für eine feste Ausweichspielstätte seines Hauses. Infrage komme der Musical Dome am Hauptbahnhof. Seine Argumente gegen die vom Kölner SPD-Fraktionsvorsitzenden Martin Börschel vorgebrachten Alternativmodelle legt Laufenberg in einem Offenen Brief dar.

Im Frühjahr 2010 war der Opernintendant mit seinem Einsatz für den Neubau von Oper und Schauspiel gescheitert. Laufenberg unterlag in einer kontrovers geführten Debatte der Kölner Schauspielcheffin Karin Beier, die sich mit ihrer von einem Bürgerbegehren unterstützten Initiative, den Riphahn-Bau am Offenbachplatz zu erhalten und zu sanieren, durchsetzte.

(chr/dpa via Kölner Rundschau)

Presseschau, 28.1.2011: 1,2 Millionen Kürzung unterschreibt man nicht

28. Januar 2011. "Da sagt man nicht so einfach Nein", zitiert das Hamburger Abendblatt Karin Beier, die sich nun erstmals zu der Offerte äußert, neue Intendantin des Hamburger Schauspielhauses zu werden. "Sie habe bereits gute, intensive Gespräche mit der Hamburger Kulturbehörde geführt", heißt es in der Zeitung, der Beier gegenüber sagte: "Ich will ganz sicher sein, dass es einen politischen Konsens über alle Parteiengrenzen hinweg gibt. Wenn die SPD ihre Berufung nicht wollen würde, wäre das fatal."

Beier wolle die Vorschläge der Kulturbehörde, die Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) am Mittwoch offiziell bestätigte, an diesem Wochenende erstmals prüfen. Die bislang angekündigten, nach dem Kulturgipfel im Herbst gestreckten Etat-Kürzungspläne seinen für Beier jedenfalls "nicht akzeptabel. Wenn es unter dieses Niveau geht, ist das Ganze zum Scheitern verurteilt. Ich werde den Teufel tun, mich dem auszusetzen." In der Welt sagt sie es noch deutlicher: "Kein Mensch mit Verstand würde einen Vertrag unterschreiben, der eine Kürzung von 1,2 Millionen vorsieht."

Auf die Frage des Abendblatts, woran die Verhandlungen über die Leitung des größten deutschen Sprechtheaters noch scheitern könnten, entgegnete Beier: "An finanziellen Dingen beispielsweise. Oder daran, dass ich mit der Stadt Köln nicht zu einem guten Ergebnis komme. An der SPD, falls sie diese Entscheidung nicht gut findet. Oder in letzter Sekunde an meinem Bauchgefühl. Aber das Schauspielhaus ist eines der schönsten Häuser Europas. Da sagt man nicht so einfach Nein."

Beiers Kölner Vertrag läuft noch bis Ende der Spielzeit 2013/14, der Kölner Kulturdezernent Georg Quander hat bereits auf die Erfüllung gepocht. In Hamburg wünscht man sich Beier jedoch früher, die Arbeit des derzeitigen Leitungsteams, als geschäftsführender Intendant Jack Kerfuss und als geschäftsführender Dramaturg Florian Vogel, ist zur Zeit bis 2012 befristet.

Nicht nein, das ist noch kein ja, und in der Frankfurter Rundschau beschwört Peter Michalzik, dass dies hoffentlich nicht der nächste Fall Sammer werde, den das Schauspielhaus mit Matthias Hartmann vor ein paar Jahren schon einmal hatte, als der sich im letzten Moment doch lieber fürs Schauspielhaus Zürich entschied.

(sik)


Meldung: Warten

Köln, 30. Januar 2011. Wie der Kölner Stadt-Anzeiger (30.1.2011) schreibt, wünschen sich die Kölner Grünen und eigentlich wohl mittlerweile die Mehrheit der Kölner Politiker, dass Karin Beier noch bis zum Ende ihres gegenwärtigen Vertrages 2014 in Köln Schauspiel-Intendantin bleiben möge. Mindestens. Die Umworbene gibt dagegen an: sie überlege noch, spricht allerdings von dem Hamburger Angebot als "großer Verführung".

Die Beteiligten versuchen sich höflich gegeneinander zu verhalten. So hat Kultursenator Reinhard Stuth aus Hamburg den Kölner Kulturstadtrat Georg Quander vom Hamburger Angebot an die Kölner Schauspiel-Chefin mittlerweile informiert. Karin Beier hat Quander ebenfalls über das Hamburger Angebot informiert. Sie wolle die Offerte in Ruhe studieren, auch "stehe nicht fest, ob sie im Falle eines Falles bereits 2013 in Hamburg antreten wolle". Quander hat Beier NICHT aufgefordert, sich möglichst bald zu erklären, schreibt der Kölner Stadt-Anzeiger. Quander gehe "weiter davon aus", dass vor der Hamburger Bürgerschaftswahl am 20. Februar keine Entscheidung falle.

In welche vergleichweise komfortable Verhandlungsposition das Hamburger Angebot Karin Beier in Köln gebracht hat, sieht man an einer Vorentscheidung (Webseite Kölner Stadt-Anzeiger, 31.1.2011) die gestern im Kölner Kulturausschuss fiel. Entgegen eines Vorstoß' des SPD-Fraktionschefs Martin Börschel lehnte es der Ausschuss ab, andere Standorte für Kinderoper und Studiobühne als die von den Intendanten Karin Beier und Uwe-Eric Laufenberg favorisierten, zu diskutieren.

(jnm)

Meldung: Die Beier führt das Volk an

Köln, 16. Februar 2011. Am vergangenen Sonntag sind in Köln die neuen Entwürfe für den Rosenmontagszug vorgestellt worden. Karin Beier, die Intendantin des Kölner Schauspielhauses, war bereits vor einem Jahr als Gallionsfigur ganz vorne mit dabei. Und sie soll, so melden verschiedene Medien, auch in diesem Jahr wieder als Kämpferin gegen die Abrisspläne rund ums Schauspielhaus eine Rolle spielen. Gestaltet wird der Wagen nach dem berühmten Gemälde von Eugène Delacroix Die Freiheit führt das Volk an von 1830. Karin Beier wird das Kölner Kulturvolk anführen, während OB Jürgen Roters am Boden liegt.

(www.koeln.de / ape)


Meldung: Die Kapitänin setzt aufs größere Schiff

Hamburg, 16. Februar 2011. Wie der Kölner Stadtanzeiger vorab meldet (noch nicht online), wird Karin Beier 2013 ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg wechseln. Heute hat der Aufsichtsrat in der Hansestadt beschlossen, die Kölner Schauspiel-Intendantin von Beginn der Spielzeit 2013/2014 an mit der künstlerischen Leitung des Hauses zu beauftragen.

"Jetzt ist der Weg frei" , erklärte Kulturbehörden-Sprecher Stefan Nowicki gegenüber dem Hamburger Abendblatt. Der Vertrag werde aber erst nach der Hamburger Bürgerschafts-Wahl unterschrieben, die an diesem Sonntag stattfindet. In einem Schreiben an ihre Mitarbeite teilte Beier, die in Köln noch einen Vertrag bis 2014 hat, nach Angaben des Kölner Stadtanzeigers mit: "Ich werde diesen Auftrag annehmen."

Auch Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters reagierte bereits: "Natürlich hätten wir Karin Beier gerne hier in Köln gehalten", bestätigte er im Hamburger Abendblatt den Vorab-Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers. "Es ist aber ebenso klar, dass wir mit den Ausstattungsmöglichkeiten des Staatstheaters in Hamburg nur schwer mithalten können."

Seit 2007 ist Beier Chefin des Schauspiels Köln, das seitdem wiederholt zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, so auch in diesem Jahr. Sie wird die erste Frau an der Spitze des Deutschen Schauspielhauses sein.

(Hamburger Abendblatt / geka)


Presseschau, 19.2.2011: Überzeugende Konzepte

Ganz aus dem Häuschen sind Teile der Presse über den angekündigten Wechsel Karin Beiers vom Schauspiel Köln ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

In der Welt kommentiert Stefan Keim: "Der Ritterschlag der Karnevalisten beweist: Karin Beier hat es in Köln geschafft und das zuvor mausgraue Schauspielhaus zu einem ideensprühenden Ort gemacht, an dem zentrale Themen der Gesellschaft verhandelt werden. Sie hat extreme und kontroverse Stile gewagt und ist zum Dauergast beim Berliner Theatertreffen geworden - in diesem Jahr schickt Köln zwei Produktionen. Und sie hat den harten politischen Kampf gegen den Abriss des Schauspielhauses gewonnen." Zwar werde Beier nun wortbrüchig, weil sie Köln vor Ende der Renovierungsphase verlässt. Aber: "Karin Beier geht, bevor Köln sie endgültig zermürbt." Dem Verdacht, dass Beier in Hamburg vom Regen in die Traufe kommt, zumal am Schauspielhaus seit Jahren alle Intendanten scheiterten, entkräftet Keim: "Sie hat die inhaltliche wie ästhetische Breite, den Mut zu Außergewöhnlichem und die notwendige Aufmerksamkeit für die Vorgänge in der Stadtgesellschaft. Vor allem beherrscht sie als Regisseurin die große Bühne, was im Theater heute immer mehr zum Problem wird. Kaum einer findet noch überzeugende Konzepte für die großen Tanker. Karin Beier hat sie."

Ein ausführliches Porträt zeichnet Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt: Zwar stellt sie ihre Lobeshymnen auf Karin Beier noch unter Vorbehalt, weil die Vereinbarungen die morgige Bürgerschaftswahl überstehen müssen. Aber dann gibt es kein Halten mehr: "In Köln hat sie das Theater aus 20 Jahren Tiefschlaf befreit, es ist die Stadt, in der sie aufwuchs und mit 20 Jahren anfing, Regie zu führen. Hier hat sie eine freie Gruppe gegründet und ein Dutzend Stücke von Shakespeare inszeniert." Beier, die im Ausland und an allen großen deutschsprachigen Theatern inszeniert habe, "ob in München, Zürich, am Wiener Burgtheater, in Bochum, Hannover oder Bonn", sei Beier vielseitig, besitze keine ausgeprägte Handschrift. "Man könnte auch sagen: Sie ist für alles offen. Sie arbeitet mit Stars und mit Schauspielern, die manchmal nicht mal Deutsch können. Sie arbeitet viel und intensiv, macht eigentlich psychologisches Theater. Sie habe 'so eine grundsätzliche Hyperenergie', hat sie mal gesagt."

Wenke Husmann kommentiert auf Zeit Online: "Karin Beier macht Stadttheater, wie es sein soll: klug, engagiert und sehr erfolgreich. Die Hamburger Zuschauer dürfen sich freuen. Die Hamburger Politiker sollten sich einen warmen Schal umbinden."

(geka)


Meldung: Die Sterntalerin

Hamburg, 19. Februar. Ab 2013 will die Stadt Hamburg etwa 2,5 Millionen Euro mehr pro Jahr für das Deutsche Schauspielhaus zahlen. Wie der NDR weiter vermeldet, hat die designierte Intendantin Karin Beier etwa eine Million zusätzlich für die künftige dritte Spielstätte des Hauses in der Gaußstraße ausgehandelt. Dort soll die Jugendsparte, das Junge Schauspielhaus, einziehen. Circa 800.000 Euro bekommt das Theater als Ausgleich für höhere Tariflöhne der Angestellten. Der Gesamtetat soll um 600.000 Euro steigen. Noch vor wenigen Monaten wollte der Senat den Etat um 1,2 Millionen Euro kürzen.

Beier hatte in den vergangenen Wochen nicht nur mit dem noch amtierenden Senat Gespräche geführt, sondern auch mit den Spitzenkandidaten von SPD und GAL. Auch die hätten ihr Unterstützung zugesichert, sagte Beier.

Wie die Welt meldet, hatte die Hamburger Bürgerschaft die Zukunft des Schauspielhauses bereits in der vergangenen Woche auf sicherere Füße gestellt. Mit den Stimmen von CDU und GAL bewilligten die Abgeordneten einen Zuschuss in Höhe von knapp 1,6 Millionen Euro, der für das Junge Schauspielhaus bestimmt ist. Die SPD enthielt sich, aber Spitzenkandidat Olaf Scholz machte nun klar, dass an dieser Summe im Falle eines Wahlsieges nicht gerüttelt werde. Der eigentliche Vertragsabschluss findet erst nach der Bürgerschaftswahl statt. So ist es mit Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) und seinem Herausforderer Scholz vereinbart.

Noch ist die 45-Jährige Intendantin am Schauspiel Köln. Am Mittwoch hatte der Aufsichtsrat des Hamburger Schauspielhauses beschlossen, Beier von der Spielzeit 2013/2014 an mit der künstlerischen Leitung des Hauses zu beauftragen.

(NDR / Welt / geka)


Meldung: Keinerlei Gespräche

22. Februar 2011. Meldungen verschiedener Medien zufolge soll der Kölner Opernchef Uwe Eric Laufenberg nach dem Wechsel von Karin Beier nach Hamburg auch die Leitung des Schauspielhauses übernehmen. Informationen der Westdeutschen Zeitung zufolge hat der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters als Zeitpunkt für den Start von Laufenbergs Generalintendanz bereits den September 2012 geplant. Karin Beiers Vertrag mit Köln endet jedoch erst 2014. Die Hamburger Intendanz soll sie bereits zu Beginn der Spielzeit 2013/14 antreten. Zurzeit werde mit ihr über eine einvernehmliche Lösung über die restliche Laufzeit ihres Vertrages verhandelt, zitiert die WAZ den Kölner OB Jürgen Roters.

"Man hat mich gebeten, die Generalintendanz zu übernehmen, um die drei Jahre Interimszeit gut über die Bühne zu bringen", sagte Laufenberg heute dem Kölner Boulevardblatt Express. "Während der Sanierungsphase macht es Sinn, Kräfte und Kosten zu bündeln, um 2015 zurück zu kehren. Dann braucht das Schauspiel einen eigenen Intendanten!" Karin Beier habe er angeboten, sie könne wenn sie bereit wäre, in dieser Konstellation zu bleiben, "so viel inszenieren, wie sie wolle." Beier habe jedoch geantwortet: "Warum soll ich hier inszenieren, wenn ich nicht mehr Intendantin bin, dann kann ich auch an die Wiener Burg gehen." Radio Köln zufolge hat Karin Beier allerdings heute nachmittag die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dass sie doch dauerhaft in Köln bleiben und nicht nach Hamburg wechseln könnte.

Inzwischen ließ Karin Beier jedoch durch die Pressereferentin des Schauspiel Kölns dementieren, ihr Wechsel nach Hamburg stehe noch in irgendeiner Form in Frage. Vielmehr hätten sie die abenteuerlichen Ereignisse des heutigen Tages darin bestärkt, der Stadt Köln den Rücken zu kehren. Verhandlungen über die Modifizierungen ihres Kölner Vertrags hätten bislang nicht statt gefunden. Bis zum heutigen Tag habe es keinerlei Gespräche, nicht einmal eine Information über den Plan einer möglichen Generalintendanz ab der Spielzeit 2012/13 gegeben.

(sle)


Presseschau, 23.2.2011: Katastrophale Entscheidung

Gestern (22.2.2011) erschienen die ersten Meldungen zu Plänen der Kölner Kulturpolitik, die Leitung von Oper und Schauspiel während der Sanierungsphase bis 2015 in einer Generalintendanz unter Uwe Eric Laufenberg zusammenzulegen. Heute geht der Kölner Stadt-Anzeiger (23.2.2011) der Causa nach. Laufenberg stelle in Aussicht, die Kosten für die Ausweichspielstätten (bislang auf 41 Millionen Euro veranschlagt) um bis zu 20 Prozent zu senken. Während die Oper, wie von Laufenberg zuletzt lautstark gefordert, in den Musical Dome ziehen solle, könne die Interimsstätte des Schauspiels, die Expo XXI, aufgegeben werden. "Wie wäre es denn mit einem Unterwegskonzept fürs Schauspiel? Es gibt ja noch die Halle Kalk - und dazu kämen tolle, neue, interessante Räume", zitiert der Kölner Stadt-Anzeiger den derzeitigen Leiter der Kölner Oper Laufenberg. Die Kölner Oper sei "in den vergangenen 15 Jahren systematisch zugunsten des Schauspiels ausgeblutet worden", habe Laufenberg gegenüber dem Blatt erklärt. Gleichzeitig erneuerte er seine Rücktrittsdrohung. Er brauche eine "Beschlussvorlage bis zur Ratssitzung am 1. März. 'Ansonsten bleibt mir nur meine Kündigung. Die Oper ist in Planungsnot.'"

Karin Beier lehnte es unterdessen ab, bereits 2012 aus der Leitung des Schauspiels Köln auszuscheiden. Sie wolle den Umzug ins Ausweichquartier begleiten. Widerstand gegen die Idee der Generalintendanz regt sich bei den Grünen, dem Koalitionspartner der SPD. Auch Kulturdezernent Georg Quander (parteilos) sieht exzellente Positionierung von Oper und Schauspiel in Gefahr. "Köln hat einen großen Ruf zu verspielen", sagt er.

In einem Kommentar zur Sache weist der Theaterkritiker Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger die mögliche Generalintendanz als "eine katastrophale Entscheidung" zurück. "Wie kann man nur die erfolgreichste Intendantin in der Geschichte der Stadt freiwillig ein Jahr früher ziehen lassen?" Laufenbergs Aussage, die Oper "habe 15 Jahre lang fürs Sprechtheater bluten müssen", sei "die Sicht eines bockigen Opernintendanten. Man sollte ihn nicht zum Gärtner des Theaters machen." Andernfalls drohe das "Schauspiel in die künstlerische Bedeutungslosigkeit zurückgeführt zu werden. Es ist an der Zeit, aufzuschreien."


Meldung: Konstruktive Vorschläge

23. Febuar 2011. Wie das Schauspielhaus Köln mitteilt, hat Karin Beier heute ein ausführliches und konstruktives Gespräch mit dem Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters und Kulturdezernent Georg Quander geführt. Es stehe nun fest, so die Mitteilung, dass Beier Köln auf keinen Fall schon 2012 verlassen werde.

Sie habe auch darlegen können, wird die Schauspielintendantin zitiert, warum sie eine Generalintendanz, in welcher Besetzung auch immer, für grundsätzlich falsch halte. "Das Schauspiel braucht eine starke Person, die sich die sich mit ihrer ganzen Kraft für seine Belange einsetzt. Das Gespräch verlief auch insofern erfreulich, als schon heute gemeinsam konstruktive Vorschläge für die Interimszeit erarbeitet wurden. Details dazu können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genannt werden."

Gestern war in verschiedenen Medien davon die Rede gewesen, bereits 2012 einen Generalintendanten für die Kölner Bühnen zu ernennen. Mit der Spielzeit 2013/14 soll Karin Beier in Hamburg die Intendanz des Deutschen Schauspielhauses Hamburg übernehmen.

(sle)

Presseschau, 24.2.2011: Treffen mit Anwalt

In der causa Karin Beier, Köln, der Klüngel und das Kölner Schauspiel schreibt Welt Online (24.2.2011, 6:57 Uhr) Karin Beier lasse sich nicht aus dem Amt drängen, das habe sie dem Oberbürgermeister und dem Kulturdezernenten "unmissverständlich" klar gemacht. Das Modell Generalintendanz sei vom Tisch, Beier bliebe bis 2013, am Dienstag werde entschieden, wo genau Oper und Schauspiel in der Zeit der Renovierung der Theaterhäuser unterkämen. Die "Forderungen der Politiker" in dieser Sache, das heißt in Sachen Geld, seien "eindeutig", die Kosten für die Zeit in den Ausweichspielstätten "müssen gesenkt werden". In der Vorlage stehe folgender Vorschlag: Die Oper miete den Musical Dome als Ausweichquartier an, das Schauspiel nutze für zwei Produktionen pro Spielzeit ebenfalls den Musical Dome, die Halle Kalk werde technisch aufgerüstet und als ständige Spielstätte für das Schauspiel eingerichtet. Zur Spielzeit 2013/14, wenn Karin Beier Köln in Richtung Hamburg verlässt, soll ein neuer Schauspiel-Intendant in Köln anfangen.

Auf der Webseite des Kölner Stadt-Anzeigers (24.2.2011, 9:43 Uhr) ergänzen Christian Bos und Martin Oehlen, beim Treffen von Beier mit OB Roters und Kulturdezernent Quander am Mittwoch sei auch Beiers Anwalt dabei gewesen. Uwe Eric Laufenberg habe inzwischen aus Barcelona sein Bedauern "über den Gang der Dinge" geäußert. Beier nicht einzubeziehen, sei "natürlich indiskutabel", er habe sich schriftlich bei ihr "entschuldigt." Allerdings erleichtere die Dreieckskonstellation in der Leitungsstruktur der Bühnen - Opernintendant, Schauspielintendantin, Geschäftsführender Direktor - nicht gerade "das Planen für die Zeit des sehr komplizierten Interims". Auch Kulturdezernent Georg Quander habe versichert, "dass ihn das Scheitern der Generalintendanz nicht schmerze. Im Gegenteil". Beiers Theater sei "ein internationales Aushängeschild der Stadt." Auf jeden Fall werde Beier das Schauspiel 2012/13 ins Interim führen, habe der OB bestätigt. Möglicherweise stehe Beier, so heiße es in einer Mitteilung, schreibt der Stadt-Anzeiger, trotz der Hamburger Verpflichtung für die Spielzeit 2013/14 ganz oder teilweise zur Verfügung. Darüber solle zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.2.) resümiert Andreas Rossmann die Misere: Mehr als drei Jahre währe schon "das Hoch" des Kölner Schauspiels, seit Jürgen Flimm 1985 seine Heimatstadt verließ, habe das Theater hier "keine so aufregende und glückliche Zeit mehr erlebt". Doch Oberbürgermeister Roters wolle "offenkundig" die "erfolgreiche und unbequeme Intendantin loswerden". Das Szenario dafür "hatte sein Büro bereits ausgeheckt", die Pressekonferenz, auf der der "scheinbar perfekte Coup vorgestellt werden sollte", sei bereits "anberaumt" gewesen, nur Karin Beier sei zu den im "internen Hauruckverfahren" entwickelten Pläne einer Generalintendanz nicht gefragt worden. So sei sie, als sie von dem fait accompli erfuhr, aus allen Wolken gefallen. "Dass die Schauspielchefin sich gegenüber ihren Mitarbeitern, Zuschauern und den eigenen künstlerischen Ansprüchen in der Pflicht sieht, das Theater noch durch das erste Sanierungsjahr zu boxen, interessierte schon gar nicht mehr oder überstieg schlicht das hier waltende Vorstellungsvermögen." Wie Köln der Intendantin, die dem Theater "wieder Ansehen und Angebote zur Auseinandersetzung beschert hat", seine "Wertschätzung" bekunde, dürfe als "Lehrstück für eine sozialdemokratische, von technokratischem Denken bestimmte Kulturpolitik" gelten.

In der Frankfurter Rundschau (24.2.2011) schreibt Peter Michalzik in einer Glosse: "Und wenn schon der Politik die Zukunft Kölns egal ist, die in diesem Fall an einem anziehenden Theater hängt, dann schlägt die Stunde des Dezernenten. Er [Georg Quander] ist der Anwalt der Kunst in der Stadt. Und der wird jetzt - zum Wohle der Stadt - gebraucht. Quander sagt, [...] Köln habe nun auch einen Ruf zu verspielen. Der Mann scheint verstanden zu haben, worum es geht. [...] Er war es, der einst Beier geholt hat. Er sollte dafür kämpfen, dass er sich wieder auf die Suche machen kann.

Und Stefan Keim schreibt in der Tageszeitung Die Welt: Seit Karin Beiers Weigerung, Ihren Vertrag vorzeitig aufzulösen, "herrscht Karneval in der Kölner Kulturpolitik. Gerüchte machen die Runde. Geht Karin Beier doch nicht nach Hamburg? Will sie selber Generalin werden? Beier dementiert. [...] Es gab in den vergangenen Wochen die seltsamsten Kooperations- und Fusionsideen mit Bonn. Völlig unausgegorene, selbstverständlich. Hinter den Kulissen brodelt es, alles scheint möglich, nichts ist sicher. Nur eins: Köln setzt wieder einmal Maßstäbe für kulturpolitischen Dilettantismus."

Kommentar, 24.11.2011: Peinlich und kleinlich

von Dina Netz

Köln, 24. Februar 2011. Peinlich und kleinlich. So muss man die Kölner Kulturpolitik im Moment nennen. Die Stadt hat Opern-Intendant Uwe Eric Laufenberg angetragen, während der Sanierungsphase 2012 bis 2015 Generalintendant der Kölner Bühnen zu werden, also Oper und Schauspiel zusammen zu leiten – dabei läuft der Vertrag von Schauspiel-Intendantin Karin Beier noch bis 2014. Dummerweise hatte niemand Karin Beier gefragt, was sie davon hält, weshalb sie jetzt erst recht ihren Vertrag bis zum Ende erfüllen will, auch wenn eigentlich Hamburg ruft. "Damit sind Überlegungen für eine Generalintendanz bei den Bühnen Köln für die Zeit des Interims nicht zu verwirklichen", hieß es Mittwoch Abend lakonisch in einer Pressemitteilung der Stadt. Das hätte man auch ohne große Öffentlichkeit herausfinden können. Uwe Eric Laufenberg hat sich inzwischen bei Karin Beier entschuldigt, obwohl er für das Vorgehen der Stadt ja auch nichts kann.

Furchtbar peinlich ist das, denn auf so eine plumpe Weise versucht man niemanden, offensichtlich gegen den Willen des zuständigen Kulturdezernenten Georg Quander, aus dem Amt zu drängen, schon gar nicht, wenn diejenige das Kölner Schauspiel fast aus dem Stand aus der absoluten Bedeutungslosigkeit in die allererste Theaterliga geführt hat.

Keine Intendantin für den Theater-Elfenbeinturm

Was steckt hinter einem so grob fahrlässigen Vorgehen, das alle Beteiligten beschädigt außer Karin Beier selbst? Damit sind wir beim zweiten Attribut, das die Kölner Kulturpolitik kennzeichnet: Viele Kölner Lokalpolitiker, insbesondere Oberbürgermeister Jürgen Roters, sind offenbar kleinlich. Sie sehen nur, dass Karin Beier ihnen Arbeit gemacht hat, indem sie ein Bürgerbegehren unterstützte, das den Abriss des Schauspielhauses in eine Renovierung umwandelte. Dadurch wurden ein neuer Ratsbeschluss und neue Planungen für die Sanierung von Oper und Schauspiel notwendig.

Bei jeder Gelegenheit wird seitdem der Vorwurf erhoben, Karin Beier habe sich gegen die Stadt gestellt. Dabei braucht es, erstens, für ein Bürgerbegehren auch noch ein paar unterschreibende Bürger. Und zweitens: Sollen sie doch froh sein über eine Intendantin, die nicht nur in ihrem Theater-Elfenbeinturm hockt, sondern sich einmischt in die Belange ihrer Stadt (die ja im übrigen auch ihre Heimatstadt ist). Als Karin Beier dann vergangene Woche bekanntgab, dass sie ans Hamburger Schauspielhaus wechseln werde, brach ein Sturm der Entrüstung los – im Fußball, der in Köln ja die Referenzgröße ist, obwohl die Erfolge des FC weit hinter denen von Karin Beier zurückbleiben, im Fußball wäre der Wechsel eines Trainers von der zweiten in die erste Bundesliga die natürlichste Sache der Welt.

Zumal Karin Beier Recht hat, wenn sie sagt, dass man ihr geradezu den roten Teppich für den Weggang ausgerollt habe: Statt Anerkennung für die wiederholten Einladungen zum Berliner Theatertreffen und für die Spitzenplätze in den Kritikerumfragen gab's Sparvorgaben, geradezu ostentatives Fernbleiben des Oberbürgermeisters und jetzt eben über ihren Kopf hinweg den Vorschlag eines Generalintendanten.

Uwe Eric Laufenberg und sein Unterwegskonzept

Auch die Rolle von Opernintendant Uwe Eric Laufenberg in diesen Scharmützeln ist fragwürdig. Laufenberg hat selbst eigene Händel mit der Kölner Kulturpolitik - obwohl man ihm den Generalintendanten angetragen hat, droht er weiter mit Rücktritt, weil er immer noch kein dauerhaftes Ausweichquartier für seine Oper während der Zeit der Sanierung von 2012 bis 2015 hat. Er favorisiert den Musical Dome, und finanzierbar scheint das den Kölner Haushaltspolitikern nur, wenn die Ausweichquartiere des Schauspiels billiger werden, als bisher geplant. Darüber verhandelt jetzt die Stadt weiter mit, gottlob, Karin Beier und Uwe Eric Laufenberg, der als Generalintendant für einen Tag schon einmal ein "Unterwegskonzept" für das Schauspielhaus vorschlug, mit dem er als vormaliger Chef des Potsdamer Schauspiels für viel Furore gesorgt hatte. Ein Unterwegskonzept, das er allerdings für seine Oper strikt ablehnt. Was für die Oper nicht recht ist, sollte also für das Schauspiel billig sein?

Man kann nur von Glück sagen, dass Karin Beier trotz ihrer Hamburger Zukunft, die Kölner Gegenwart nicht schnurz-piep-egal geworden ist und dass sie selbst für einen geordneten Übergang in die Interimsspielzeiten sorgen will (und, wie es leise anklingt, sich möglicherweise auch noch weiter kümmern wird, bis das Schauspiel eine neue Führung erhalten hat). Unter einer schwächeren Leitung als der von Beier, wäre der so schnell eroberte Ruhm des Kölner Schauspiels wohl im Nu wieder dahin.

Die kleinliche und peinliche Kölner Kulturpolitik jedenfalls, die für dieses ganze Kuddelmuddel erst gesorgt hat, ist schwer erträglich und schwer nachvollziehbar. Kölle am Rhein hält sich offenbar für die tollste Stadt der Welt, in der Jeder dankbar sein muss, der hier arbeiten darf. Dabei steht Köln ganz tief in der Schuld von Karin Beier, die das Schauspielhaus zum ersten Mal überhaupt zum heftig schlagenden kulturellen Herz der Stadt gemacht hat.


Meldung: Der vorerst letzte Akt

Köln, 1. März 2010. Wie der Kölner Stadt-Anzeiger (1.3.2011) auf seiner Webseite berichtet, hat der Kölner Stadtrat gestern mit den Stimmen von Grünen, CDU und FDP beschlossen: Oper und Schauspielhaus werden saniert, das Schauspiel bekommt eine zweite Bühne in den denkmalgeschützten Opernterrassen am Offenbachplatz, die Oper nutzt den Musical Dome als Ausweichquartier während der Bauphase 2012 bis 2015 und die Kinderoper wird im Untergeschoss der Oper untergebracht. Das Ganze darf höchstens 253 Millionen Euro kosten. Die SPD enthielt sich, Die Linke stimmte gegen den Beschluss.

Bis zuletzt hatte die SPD-Fraktion im Stadtrat erklärt, dass sowohl die Kosten der Interimspielzeiten um 15 Prozent zu hoch ausfielen als auch die Sanierung der Theaterhäuser in Zeiten der kommunalen Finanzkrise viel zu teuer veranschlagt sei und um 13 Millionen auf 240 Millionen gesenkt werden müsse. Was zur Folge gehabt hätte, dass dem Schauspiel nach der Sanierung keine zweite Bühne mehr zur Verfügung gestanden hätte.

(KStA/ jnm)

Anmerkung

 In Köln regiert zwar eine rot-grüne Koalition und die SPD stellt mit Jürgen Roters auch den Oberbürgermeister, der für die jetzt beschlossene Vorlage auch geworben hatte – doch taten die Sozialdemokraten in den vergangenen Wochen alles, um sich als machtpolitische Betonköpfe und Kulturbanausen zu präsentieren, die der Schauspielhefin Karin Beier nicht verzeihen können, dass sie sich dem Bürgerbegehren gegen einen geplanten Neubau von Oper und Schauspiel angeschlossen und es wohl auch zum Sieg geführt hatte.

Nach dem gescheiterten Versuch, Karin Beier vor ihrem Weggang nach Köln so rasch wie möglich aus ihrem Intendantenamt zu drängen, erschien der Plan der SPD, die Kosten für die Sanierung so weit zu drücken, dass kein Geld mehr übrig wäre für eine zweite Schauspielbühne wie ein bewusst in Kauf genommener Kollateralschaden. Noch am Montag hatte sich Karin Beier gegen diesen jüngsten Vorstoß in einem Zeitungsinterview vehement zur Wehr gesetzt hatte.

Nicht nur bei der Schauspielintendantin, auch bei den Kommentatoren der Kölner Zeitungen verstärkte sich angesichts der zahlreichen Querschüsse der SPD in den letzten Tagen der Eindruck, dass da "einzelne Menschen in der SPD unter allen Umständen der Sanierung ihren eigenen Stempel aufdrücken" wollten. "Es geht um Gesichtsverlust und um Macht. Man möchte auf keinen Fall einfach das beschließen, was das Bürgerbegehren durchgesetzt hat. An lautere Gründe glaube ich jedenfalls nicht."

(jnm)

 
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