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Die Zeugen A und B in der Täter-Opfer-Falle

von Klaus M. Schmidt

Düsseldorf, 27. Februar 2011. Die Verletzungen und Verbrechen der Vergangenheit bleiben relevant. Auch in der dritten Generation, der Generation der Enkel der Täter und Opfer des Holocaust, kann es kein unbefangenes Miteinander, keinen unbefangenen Dialog zwischen Deutschen und Israelis geben – oder doch?

Das Düsseldorfer Schauspielhaus und das israelische Nationaltheater Habima in Tel Aviv haben im Herbst 2008 vier deutschen und vier israelischen Autoren ermöglicht, im jeweils anderen Land Erfahrungen zu sammeln. Kurze szenische Texte sollten entstehen, die das deutsch-israelische Verhältnis beleuchten. Die deutschen Autoren stammen aus dem durch Thomas Jonigk geleiteten Autorenlabor am Düsseldorfer Schauspielhaus, die Israelis wurden von dem Dramatiker Shlomo Moskowitz betreut. In Düsseldorf wurden jetzt vier israelische und zwei deutsche Texte uraufgeführt.

Achtung Baustelle
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Natalia Belitski, Moritz Führmann, Viola Pobitschka    © Sebastian Hoppe

Die Wände des Studios der Spielstätte Central sind mit Plastikbahnen verhängt, wie sie auch zum Abhängen von Sanierungsobjekten genutzt werden. Verschieden hohe Podeste machen den Boden dieser Baustelle uneben, etwa 50 unterschiedliche Stühle stehen hier in Reih und Glied. "Posttrauma" heißt das erste Stück von Tal Schiff, der Titel könnte programmatisch für den ganzen Abend sein. Der Israeli Motti (Moritz Führmann) hat den Deutschen Philip (Andreas Bichler) verprügelt, weil der angeblich seine Freundin Michal (Natalia Belitski) angegraben hat.

In unmittelbar aneinander geschnittenen Dialogen wird die Tat post festum verhandelt. Michal hat genug vom Macho-Beschützer Motti, sie streiten. Julia (Katharina Abt), die den verletzten Philip mit zu sich nach Hause genommen hat, wundert sich über dessen Passivität. Die Analyse der Zeugen A und B (Gunther Eckes, Rainer Galke) wirkt überflüssig. Die Umkehr der historischen Täter-Opfer-Konstellation leuchtet jedenfalls sofort ein, denn Motti ist unschwer als Bewohner eines Landes zu identifizieren, das stets seine Existenz verteidigen musste, während Philip eingesteht: "Das war das erste Mal, das ich Prügel bezogen habe. Ich wusste nicht, wie ich reagieren soll."

Es gibt kein Entrinnen

"Als du gesagt hast, du bist Deutsche, da war ich zum ersten Mal seit meiner Bar Mitzwa wieder Jude." Das sagt Daniel (Eckes) in "Tikun" von Yariv Gottlieb zu Anna (Belitski). Der Blick Daniels auf seine Freundin kann sich nur schwer lösen von den Nazi-Klischees. "Jedes Jahr Gedenkzeremonien und Alarmsirenen und Anne Frank, und es gibt kein Entrinnen", so bringt er seine Prägung zum Ausdruck. Anna plädiert dafür, dass sich die beiden ihre eigenen Bilder schaffen müssen, ein etwas naiver Wunsch.

Noa Lazar-Kenan macht sich in "Das Gedenkschauspiel" über die Erinnerungskultur in erfrischender Weise lustig. Regisseur Ronni (Galke) probt in Berlin mit den Schauspielern Efrat (Belitski) und Ami (Eckes) für eine Gedenkzeremonie. Sand ins Probengetriebe der eh schon ratlosen Truppe, der "nichts Authentisches" gelingen will, bringt ein Polizist (Führmann). Der will Ami mit auf die Wache nehmen, denn er soll gegen den Reichstag gepinkelt haben. Der Polizist lässt sich zum Warten überreden.

Nachdem alle szenischen Versuche der israelischen Gedenktruppe komisch gescheitert sind, bauen sie den Uniformierten am Ende mit seiner Polizeisirene einfach in eine Schweigeminute ein. Die Sirene heult, die Akteure stehen schweigend da. Hier ist Erinnern nur noch hohle Form.

Von Widersprüchen erhitzt

"Ein anderes Haus" heißt das letzte israelische Stück. Auf unterschiedlichen Zeitebenen agieren einerseits Nomi (Belitski) und Schaul (Fühmann), andererseits deren Sohn Tom (Eckes) und dessen Frau Rona (Viola Pobitschka). Die beiden Ebenen werden unmittelbar miteinander verschliffen. Die Traumatisierung durch den Tod eines anderen Kindes haben Nomi und Schaul durch Überbehütung an Tom weitergereicht. Rona verzweifelt fast an seiner Lebensangst, bis er sich doch von ihr überreden lässt, das Elternhaus in ein "anderes Haus" umzugestalten.

Prägung durch die Geschichte und ihre Übermittlung, den israelischen Stücken ist gemeinsam, diese mindestens aufzuzeigen. Mal bleiben die Protagonisten durch sie determiniert ("Posttrauma"), mal entwickeln sie den als lebensnotwendig empfundenen Wunsch, sich von ihr zu lösen ("Tikun", "Ein anderes Haus"), mal gehen sie selbstironisch damit um ("Das Gedenkschauspiel"). Dabei entstehen Figuren, die von ihren Widersprüchen erhitzt und somit lebendig werden, manchmal auch gegen den etwas holzschnittartigen Realismus der Regie.

Verworrenes deutsches Ende

Worüber sich aber Frau (Abt) und Mann (Galke) in Thomas Melles "Jazz" streiten, das lässt einen trotz geschliffenen Dialogs kalt. Die beiden Deutschen sitzen in einem israelischen Restaurant. Die Aussicht auf ein Jazzkonzert am Abend verstimmt ihn, denn er hasst Jazz. Noch mehr aber verstimmt ihn, dass die Frau das in Hörweite des Kellners (Bichler) kund tut. Der Mann will offenbar in Israel auf Teufel komm raus nicht mit einer Antihaltung – egal wogegen - auffallen. Es entwickelt sich ein intellektuelles Geplänkel, in dem er Adornos berühmtes Missverstehen des Jazz als faschistische Form zitiert, was die Frau nicht daran hindert, weiter über ihn zu spötteln. Ja und?

"Meeting People" von Nora Mansmann beschließt den Abend. Formal geht der Text am weitesten. Er mischt postdramatisch Erzählung, Dialog und Bibelzitate, vermeintlich prototypisches Personal ("Mr. Television The Face Of Israel"), halbwegs realistische ("Jossi der Taxifahrer") und allegorische Figuren ("ein schwuler jüdischer Erzengel"). Doch zu welchem Zweck? Damit die Protagonistin Jule (Pobitschka), eine Deutsche auf Israel-Reise, zunächst bekennt, sich immer für die Geschichte der Juden interessiert zu haben, um nur wenig später zu lamentieren: "das will keiner mehr hören holocaust and heroism mach doch was lustiges (sic!)". Das Ganze endet in einer neuerlichen "endlösung (sic!)", die – wie eine Videoprojektion nahelegt – als atomarer Angriff über "das auserwählte volk und die herrenrasse (sic!)" kommt, in der beide "verschwimmen verschwinden (sic!)".

Das ist ein verworrenes Ende für diesen Abend, dessen israelische Perspektiven im ersten Teil durchaus erhellend wirken.

 

Reality Check (UA)
Stücke von Tal Schiff, Yariv Gottlieb, Noa Lazar-Kenan, Dana Idisis (Israel), Thomas Melle, Nora Mannsmann (Deutschland)
Übersetzungen aus dem Hebräischen: Ruth Melcer.
Regie: Kerstin Krug, Bühne: Jan Alexander Schroeder, Kostüme: Claudia Radowski, Musik: Rainer Jörissen, Video: Tim Deckers, Lucas Magnus Peter, Dramaturgie: Reinar Ortmann, Projektleitung: Amélie Niermeyer.
Mit: Katharina Abt, Natalia Belitski, Andreas Bichler, Gunther Eckes, Moritz Führmann, Rainer Galke, Viola Pobitschka.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Deutsch-israelische Theaterprojekte, die nach dem Fallout des Holocaust auf die dritte Nachkriegsgeneration in beiden Ländern fragen, hat es in den letzten Jahren einige gegeben. Yael Ronens Work-in-Progress Dritte Generation 2010 an der Berliner Schaubühne zum Beispiel, das als die Mutter aller dieser Projekte gelten kann. (Hier ein Trailer.) Am Theater Heidelberg gab es 2010 eine Partnerschaft mit dem Theater im israelischen Beit Lessin, das mit They call me Jekisch eröffnet wurde. Beit-Lessin-Chefdramaturg und Regisseur Avishai Milstein schrieb für nachtkritik.de zur Lage seiner Theaternation einen Theaterbrief.


Kritikenrundschau

"Die Erinnerung an den Holocaust schwebt über allen Begegnungen. (…) Das Grauen und die Angst unterfüttern alle Begegnungen von Deutschen und Israelis." So fasst Stefan Keim die szenischen Momentaufnahmen von "Reality Check" für die Sendung Fazit auf Deutschlandradio (27.2.2011) zusammen und führt weiter aus: "Vor allem die israelischen Autoren beschäftigen sich mit Schmerzpunkten, bleiben aber in der Benennung der Probleme stecken. Ratlosigkeit steht oft am Ende der zum Teil sehr braven Texte. Und man hat den schon zum Klischee gewordenen Dramaturgensatz im Ohr, Theater sei dazu da, um Fragen zu stellen. Manchmal hätte man allerdings schon gern den Versuch einer Antwort." Gelungener erscheinen einzelne Versuche, "den Grenzbereich zur Comedy berühren", wie die von Thomas Melle, Rainer Galke oder Noa Lazar-Kenan. Die junge Regisseurin Kerstin Krug habe mit "Eleganz und Witz“ in den Bühnenideen "die vielfältigen Texte sehr pointiert in den Griff gekriegt". Allerdings: "Den schmerzhaften, erhellenden Witz, den Yael Ronens Schaubühnenabend 'Die dritte Generation' entwickelte, erreicht 'Reality Check' nur zum Teil."

Lob für die Regisseurin Kerstin Krug und ihre Bildideen schenkt auch Isabelle de Bortoli in der Rheinischen Post (1.3.2011) aus. Zu den Stücken heißt es: "Israelis, gefangen in der Vergangenheit, und Deutsche, die verlegen und verkrampft werden, sobald sie mit Juden in Kontakt kommen oder in Israel weilen – dieses Bild zeichnen die sechs Autoren". Und weiter: "In fast allen Stücken gibt es immer wieder auch lustige Momente, in denen gängige Klischees selbstironisch beleuchtet werden. Die sieben Schauspieler, allen voran Natalia Belitski, Gunther Eckes und Rainer Galke, zeigen darstellerisch eine extreme Bandbreite und schaffen es, den Figuren, trotz einer Stücklänge von nur je 15 Minuten, Tiefe zu geben. Die Geschichten berühren."

Eine "Realitätsprüfung", die "den Stand der deutsch-israelischen Beziehungen genauso umfasst wie eine Inventur der Erinnerung" sei "ein weites Feld", sagt Tanja Lieske in der Sendung Kultur Heute auf Deutschlandfunk (28.2.2011). Entsprechend "disparat ist das Ergebnis. Realistische und allegorische Szenen sind dabei, Sprech- und Körpertheater, Klamauk, Slapstick und bemühter Ernst." Kopflastig komme "das Meiste daher, mit einer bemerkenswerten Ausnahme. Der 1977 geborenen israelischen Dramatikerin Noa Kenan-Lazar ist mit 'Das Gedenk-Schauspiel' ein kleiner Coup gelungen." Überhaupt seien "die Beiträge der israelischen Autoren interessanter" gewesen, so die Kritikerin, "man traut sich mehr auf dieser Seite des Geschehens." Auch Lieske schließt sich dem Lob für die Regie von Kerstin Krug an, die "Tempo und Distanz" ermöglicht und einen Abend für Schauspieler entwickelt habe: "Ein spielfreudiges Ensemble ist mit jeder Menge Körpereinsatz unterwegs und gleicht so manche Textunebenheit aus."

"Die Dritte Generation nach dem Holocaust ist um Humor bemüht", akzentuiert Anne Heidrich auf Welt Online (1.3.2011). "Es geht um viele Täter und viele Opfer und viele Schuldkomplexe. Und das Zuschauen macht trotzdem Spaß." - "Die Jungen ziehen her über die Art, wie die Elterngeneration umgeht - mit Tätern und Opfern und mit den Gedenk-Ritualen. Böse ist ihr Humor und legt die eigene Hilflosigkeit offen. Dabei gelingen besonders den israelischen Nachwuchs-Dramatikern brillante Dialoge, spielerisch leicht in Szene gesetzt.“ So berichtet Michael-Georg Müller auf dem Online-Portal der WAZ-Gruppe der westen (1.3.2011). Hervorgehoben werden die Texte "Posttrauma", "Tikun" und "Gedankenschauspiel". "Meeting People" der deutschen Autorin Nora Mansmann wirke "als endzeitige Mischung aus alttestamentlichen Zitaten und Pseudo-Comedy" dagegen "angestrengt".



 
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