Helau Good-bye: Alex wird Minister

von Matthias Schmidt

Halle, 2. März 2011. Am Ende steht der Protagonist Alex fein angezogen, gegelt und bebrillt vor einem Spiegel und posiert. Neben ihm eine sehr adrette blonde Frau, Typ: junger Adel. Man hat es längst erkannt, möchte es aber am liebsten nicht wahr haben. Wir sehen offenbar die Familie von und zu Guttenberg. "Schöner Titel, schöner Krieg, schöne Frau, schöner Arsch!", wird Alex zugerufen. Das mag auf einer Karnevalssitzung für Lachsalven sorgen, in "A Clockwork Orange" ist es eine Peinlichkeit. Den zynischen "Ludwig van"-Liebhaber und Gewalt verherrlichenden Droog Alex in diese Pointe zu schicken, ist so neben der Geschichte, dass man es nicht anders als abstrus nennen kann.

Wohin mit der Gewalt?

Dass die Inszenierung des Stoffes, der sich drastisch mit Gewalt und Brutalität von Jugendlichen auseinandersetzt, die Wirklichkeit streifen würde, war nicht nur zu erwarten, es war zu erhoffen, denn gerade das Thalia Theater hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die Lebenswirklichkeit in Sachsen-Anhalt zu thematisieren. Wie die aussieht, vermeldete gestern das Statistische Bundesamt: Platz eins beim Anteil jugendlicher Straftäter. Wer hier bewusst Zeitung liest, muss vergleichsweise oft an Alex und die Droogs denken: 21.2.: bewaffneter Überfall auf ein Imbissrestaurant in Merseburg, Täter ca. 18 Jahre. 24.2.: Überfall auf 88-jährige Frau in Halle, Täter ca. 20 Jahre. 27.2.: Massenschlägerei mit Körperverletzung unter 15-20jährigen in Bad Dürrenberg. Und so weiter. Von den Hallenser und Magdeburger Fußball-Ultras ganz zu schweigen. Da kann sich ein Theater mit seinen Mitteln aktuell verhalten, und sei es provokant.

Anthony Burgess’ Roman, dessen Erfolg wesentlich Stanley Kubricks Verfilmung zu verdanken ist, hat das Zeug dazu. Burgess verhandelt darin vor allem die Frage, wie eine Gesellschaft sich zu Gewalt verhalten soll. Konservativ und restriktiv, wie es der Romanheld Alex erlebt, als er zum guten Bürger "konditioniert" werden soll? Oder liberal und duldsam, was Burgess selbst immer wieder als den besseren Weg bezeichnete? Katka Schroth verzichtet in ihrer Inszenierung auf eine Haltung zu dieser Frage. Damit entgeht sie dem Verdacht, didaktisch argumentieren zu wollen, und das ist zunächst auch gut so, denn eine moralische Anstalt ist das Theater für die meisten Jugendlichen ohnehin nicht.

Trash und Travestie

Herausgekommen ist allerdings eine relativ unkonzentrierte Inszenierung, die nicht nur keine Haltung, sondern auch keine Ansprechhaltung hat. Anfangs kommt sie trashig daher, bildlich zwischen Kubrick und einem Punkmusical. Alex und seine Droogs grölen "Alex" von den Toten Hosen und wirken dabei schlicht: zurückgeblieben. Sie sabbern regelrecht, wenn es um Sex und Gewalt geht und selbst Alex, eigentlich der Intellektuelle, ein gar nicht so unsympathischer Zyniker, wirkt fast permanent hysterisch.

Die Exzesse werden mit Stroboskop-Licht geschickt weg-choreografiert, kleine Gags und viel Musik bringen den Abend gut voran. Es wird ästhetisiert, was nicht zeigbar und eigentlich auch nicht aushaltbar ist. Eine Zeit lang gelingt das wunderbar, doch dann siegt eine seltsame Komik. Alles wird überstilisiert, überzeichnet, und das gerne richtig albern. Der Mord-Überfall auf eine alte Lady etwa ist eine Mischung aus Trash und Travestie, und die Alex verhaftenden Polizisten sächseln und schwäbeln dümmlich herum. Gelacht wird viel, aber im Halse stecken bleibt das Lachen nie.

Als der "geheilte" Alex aus dem Knast zurückkommt, sammeln seine früheren Kumpels als "Ordner" Müll auf. Ein-Euro-Jobber als Lachnummer. Danach setzen sich alle Masken mit dem Gesicht einer Frau auf - ganz sicher bin ich nicht, aber ich fürchte, es war Anne Will. Nun kann man darin sicher diesen oder jenen Bezug ins Heute suchen, die Romanvorlage ist immerhin knapp 50 Jahre alt, spätestens mit den Guttenbergs aber geht das in die Hose.

Zu oft wird an der Oberfläche inszeniert und fast immer an der Dimension der Vorlage vorbei. Da hilft es auch nicht mehr, dass einmal nachdenklich das Verhörprotokoll eines jungen Mannes vorgetragen wird, der offenbar aus Wut und Ratlosigkeit sein Baby getötet hat. Es gibt sie zu selten, die Momente, in denen man andocken könnte, in denen man das Thema aktuell verstehen könnte. Hergegeben hätte es der Roman "A Clockwork Orange".

 

Clockwork Orange
von Anthony Burgess, übersetzt von Harald Müller
Fassung und Regie: Katka Schroth, Dramaturgie: keine, Bühne: Christian Beck, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Peter Schneider.
Mit: Florian Schmiemann, Paul Mailänder, Jörg Kunze, Louise Nowitzki, Natascha Mamier, Frank Schilcher, Peter Schneider.

www.buehnen-halle.de

 

Im Mai 2008 inszenierte David Bösch in Zürich eine eigene Fassung von A Clockwork Orange.

 

Kritikenrundschau

In der Mitteldeutschen Zeitung aus Halle (4.3.2011) schreibt Andreas Montag: Dieses Stück auf die Bühne des Kinder- und Jugendtheaters zu bringen, sei eine viel bessere Idee, als, [wie in "Ultras"] mit "stolz- und biergeschwellten Anhängern eines lokalen Fußballvereins nach Erklärungen für deren Aggressivität zu suchen". Katka Schroth sei allerdings an ihren "guten Absichten"  gescheitert. "Zu viel Ambition, zu laut (…), zu konfus und immer mit dem deutlich erkennbaren, ehrenwerten Motiv, der Gesellschaft ihre ganze verrottete Verkommenheit einmal so richtig humorfrei vor Augen zu führen". Der Aufreger an Burgess' Stoff "war und ist der kalte, diagnostische und provozierende Blick". Warum "soll die Gewalt marodierender Banden schlimmer sein als die Gewalt des Staates, der sich auf sein Monopol beruft, um das Establishment vor der Jugend zu beschützen?" Wollte man, schreibt Montag, solche Thesen auf der Bühne ernsthaft verhandeln, müsse man die "flackernde Show" ein "bisschen herunterfahren". "Eine Nummer kleiner und weniger aufgebockt, dafür mit mehr Vertrauen in die eigentliche Geschichte" hätte der Abend ein richtiges "Denk-Vergnügen" werden können.

 
Kommentar schreiben