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Der Märchenkönig malt Kreideschlösser

von Steffen Becker

München, 3. März 2011. Nein, sie sind nicht aufgetaucht, die Vertreter der Ludwig-Vereinigungen, die mit Schnauzbart und Gamshut für die Ehre des Kinis kämpfen. Die Premiere von "Ludwig II." an den Münchener Kammerspielen sorgte nicht für die Auseinandersetzung mit den Königstreuen, die Regisseur Ivo van Hove in Interviews befürchtete (und vielleicht genossen hätte). Was zeigt: Selbst in der Hochburg der Ludwig-Verehrung kann man diesen in einer Bühnenversion der wenig schmeichelhaften Verfilmung von Luchino Visconti zeigen, sogar als Belgier. Musste Visconti anno 1972 sein Werk fürs Kino noch umschneiden, kann van Hove das Drehbuch ungekürzt inszenieren. Und den Märchenkönig als maßlosen Exzentriker präsentieren, der sich von den Fesseln der Gesellschaft befreien will und dabei nicht nur an der Welt, sondern auch an seiner Homosexualität leidet.

Raum für die Träume eines Herrschers

Diese Mammutaufgabe übernimmt der Niederländer Jeroen Willems. In drei Stunden und 70 Szenen tritt er niemals ab. Für Kurzweil beim Zuschauer sorgen dabei die filmischen Mittel, deren sich die Inszenierung bedient: kurze Auftritte, synchrone Bilder, abrupte Schnitte. Lediglich bei der Bühnengestaltung löst sie sich völlig von der Vorlage. Während Visconti auf historisch korrekte Ausstattung setzte, arbeitet Jan Versweyweld mit einem fast leeren, abstrakten Raum. Ein weißer Kubus in der Mitte repräsentiert die Sphäre der Staatsgeschäfte.

Willems betritt ihn nur widerwillig. Die Kamera, die die Geschehnisse im Innern auf die Außenwand des Würfels projiziert, schneidet sein Gesicht an oder verliert ihn ganz aus dem Blick. Und drückt damit aus, dass der Herrscher-Darsteller seine Rolle nur unzureichend ausfüllt. Lieber gestaltet der König die Sphäre des Privaten und der Kunst. Mit Kreide malt er die Schauplätze auf den Boden und später Schlösser an die Wände. Wenn er nicht ständig gestört würde von Menschen, die ihm das Leben eines Regenten, Sohnes oder Ehemanns aufzwingen wollen, wo er doch die Kunst in den Mittelpunkt der Gesellschaft stellen will.

Lieben, lernen, widerstreben

Willems bringt die Zerrissenheit Ludwigs perfekt zum Ausdruck. Mit jeder Faser seines Körpers will er sagen "Der König möchte alleine an seinen Träumen arbeiten". Er blickt an den Leuten vorbei, seine Gesprächsgesten sind linkisch, ständig wischt er sich den Schweiß von der Stirn, als bereite es ihm größte Anstrengung, sich jemand anderem zuzuwenden.

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Hören, Herrschen, Künste pflegen: Jeroen Willems als Ludwig II. © Jan Versweyveld

Wenn er aber von der Musik Wagners spricht, sprüht er vor Begeisterung, sein Körper richtet sich auf, alles Fahrige fällt von ihm ab. Das ist der Mann, den Sissi von Österreich lieben könnte. Gespielt wird sie von Brigitte Hobmeier als fast aggressive Frau, immer auf dem Sprung, auf der Flucht vor Einengungen. Im Zusammenspiel mit Willems kann man sich gut vorstellen, dass die beiden historischen Persönlichkeiten ein explosives Paar abgegeben hätten.

Die schauspielerischen Leistungen liegen durch die Bank auf hohem Niveau. Wolfgang Pregler gibt als Wagner einen genialen Giftzwerg, Edmund Telgenkämper überzeugt als Graf Dürckheim, die Ludwig ergebene und verzweifelte Stimme der Vernunft, die nicht zu ihm durchdringt. Eine Überraschung sind auch die mehrfach und facettenreich besetzten Nebenrollen. Im Fall von Sylvana Krappatsch etwa fällt erst nach einem Blick in die Besetzungsliste auf, dass Königinmutter, Cosima Wagner und eine dem König zugeführte Liebesdame von der selben Person gespielt werden.

Falsche Illusionen vom Regen in der Nacht

Ludwig II. würde dem Publikum also einen durchweg gelungenen Abend bescheren, würde die Inszenierung nicht manchmal etwas schlingern. Stellenweise weiß van Hove nicht so recht, was er mit der leeren Bühne anfangen soll. Als Ludwig am See mit einem Lakaien flirtet, malt er Kreidewellen an die Wand, die beiden machen Schwimmbewegungen und prusten. Das wirkt übertrieben und albern, gerade im Vergleich zu Momenten, in denen van Hove in wenigen Handgriffen sehr viel transportiert – etwa als Ludwig seine Kurzzeitverlobte Sophie (Katharina Hackhausen) immer wieder von neuem auf einem Stuhl platziert. Sie lässt es klaglos leidend über sich ergehen. Damit ist alles über die Beziehung der beiden gesagt.

Ungewöhnlich fällt auch der Schluss aus: Ludwig geht mit seinem Arzt, Dr. Gudden (Oliver Mallison) von der Bühne ab. Die Kamera verfolgt sie zur Garderobe, sie nehmen ihre Schirme und spazieren durch Münchens Straßen. Ein Mann mit Duschbrause folgt ihnen - in der Nacht von Ludwigs Tod regnete es in Strömen. Den Kini-Verehrern hätte man damit sagen können, dass das ein Lacher und alles nur Theater sei. Aber die waren ja nicht da.


Ludwig II.
nach dem Film von Luchino Visconti
Regie: Ivo van Hove, Bühne: Jan Versweyveld, Kostüme: Greta Goiris, Musik: Eric Sleichim, Video: Tal Yarden, Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: Silke Avenhaus, Marc Benjamin, Stephan Bissmeier, Peter Brombacher, Katharina Hackhausen, Brigitte Hobmeier, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Wolfgang Pregler, Steven Scharf, Edmund Telgenkämper, Jeroen Willems.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr zu Ivo van Hove: Seine Inszenierung Der Menschenfeind kam im September 2010 an der Schaubühne Berlin heraus. Mehr auch im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Eine "Tragödie von fast antiker Wucht", die "den königlichen Glanz in eine geheimnisvolle, spannungsreiche Atmosphäre" taucht, annonciert Sven Siedenberg in der Neuen Zürcher Zeitung (5.3.2011). Anders als der italienische Filmregisseur in seinem vierstündiges Historien- und Kostümepos verweigere sich der Ivo van Hove den Bildern. "Er flüchtet in die Abstraktion, in eine leere Bühne mit strenger Schwarzweiss-Ästhetik, auf der sich lediglich mit Kreide bekritzelte Wände und ein geschlossener Kubus befinden. Was sich darin abspielt – die verhassten Staatsrituale des Monarchen –, wird mit Webcams nach draussen übertragen." Dieser Kunstgriff schafft, so der Kritiker, nicht nur Spielräume für neue, unverbrauchte Bilder. Zugleich entgehe der Regisseur so der Versuchung, "sich an den massenhaft verbreiteten Postkartenbildern und Klischeevorstellungen abarbeiten zu müssen." Wie Visconti zeige auch van Hove das Innenleben eines einsamen Helden, "der an der Realität verzweifelt und sich in eine Parallelwelt voller Wagner-Klänge hineinträumt". Ludwig-Darsteller Jeroen Willems, der den Kritiker "phänotypisch an Mel Gibson und Robbie Williams" erinnert, legt dieses Innenleben für ihn mit "verstörender Intensität" offen. "Brigitte Hobmeier säuselt wie Romy Schneider im Wiener Singsang, sonst aber vermeidet sie mit ihren langen roten Locken und in neutralem Outfit erfolgreich jede Niedlichkeit. Die beiden Protagonisten werden flankiert von einem hochkarätigem Ensemble."

Calvinistisch-nüchtern findet Christine Dössel von der SüddeutschenZeitung (5.3.2011) die Inszenierung, und den Regisseur "im tranig dahinplätschernden Kielwasser der Filmvorlage selber nicht ganz sicher." Dabei wird ihr besonders eine Schwäche des Abends deutlich: nämlich, dass der Text des Abends tatsächlich nur aus dem Drehbuch besteht. "Gesprochen auf der Bühne, noch dazu in einer so hochsymbolischen, jegliche geschichtliche Referenz vermeidenden Szenerie wie hier, klingen die Dialoge zum Teil so fernsehmäßig dürftig, künstlich oder die Figuren erklären müssend, dass dies dem Theater eher abträglich ist." Van Hove versucht ihrem Eindruck zufolge "so etwas wie die Studie einer Depression." Deshalb erinnere Jan Versweyvelds Bühne immer stärker an ein Verlies, "dessen schwarze Wände am Ende mit Kreidezeichnungen übersät sind: Schlösser, Planeten, Strichmännchen, hingemalt von einem Mann, der eine Utopie hat vom Menschen als Schöpfer der Welt. Ludwig in seiner Einsamkeitshölle." Das seinen dann "schon sehr schöne und ergiebige Theaterbilder". Seine Rettung verdankt der Abend aus Sicht der Kritikerin jedoch vor allem dem Ludwig-Darsteller und niederländischen Theaterstar Jeroen Willems.

Es sei van Hoves Inszenierung anzusehen, dass er den Mythos Ludwig II. noch einmal vergegenwärtigen wollte, jenseits von Kitsch, Tourismus und Viscontis Oppulenz, stellt Sven Ricklefs in der Sendung Kultur heute vom Deutschlandfunk fest (4.3.2011). "Ludwig nicht als ferner Märchenprinz sondern als verzweifelter Utopist, das ist die Botschaft dieser Inszenierung, die konsequent damit endet, dass dieser Ludwig zunächst einen Flügel zertrümmert und dann das Theater und damit die Welt der Kunst und die Welt des Scheins verlässt." Die Figuren seien "schonungslos gezeichnet, sind hart konturiert, wie der Bühnenraum. Das gilt vor allem für Jeroen Willems, der mit der ihm eigenen Darstellungsintensität seinen Ludwig schon gleich zu Beginn geradezu befällt, dort, wo der Schüchterne vor der Krönung zittert."

"Fast alles wird Projektionsfläche für die immer wieder eingesetzten Videobilder der zahlreichen Kameras aus allen Winkeln der Bühne, die Ludwig unnachgiebig verfolgen", schreibt Erik Franzen (Frankfurter Rundschau, 7.3.2011) Und immer tiefer werde der alternde König in den "Strudel aus innerer Verwundbarkeit und äußeren Staatsintrigen gezogen". So gelinge "eine überraschende Aktualisierung des fast schon vergessenen Ludwig-Stoffes, den überkommene Herrschaftsutopien ebenso durchweben wie moderne Ich-Störungen unserer durchgebügelten Abwertungsgesellschaft". Leider scheine Ivo van Hove seinem Ensemble die konsequente Fortführung des Dramas "als texttreue Film-Adaption nicht bis zum bitteren Ende zuzutrauen. Statt den Wahnsinn zu entfesseln, überlässt er äußeren Mitteln wie einem elektronisch-verkitschten Dauersound aus den Lautsprechern die Bühne: Seltsam angebunden wirken die Akteure."

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