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Die Tempomacher des Wirtschaftsabschwungs

von Bernd Mand

Heidelberg, 6. März 2011. Der Volksmund weiß es ganz genau: "In der Ruhe liegt die Kraft." Seltsam bloß, dass weite Teile der Bevölkerung dem eigenen Mund nicht trauen wollen. Das kollektive Hetzen und Ermüden des modernen Menschen spricht jedenfalls eine andere Sprache als der gern zitierte Lautbildungsapparat, den wir schon lange nicht mehr verstehen können oder wollen.

Felix Rothenhäusler hat all den Getriebenen jetzt einen bewegten Theaterabend im Heidelberger Theater gewidmet und sich dafür eines der wohl berühmtesten Opfer der gesellschaftlichen Hast ausgesucht: Willy Loman. Jenen müden Helden in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden", dem der große amerikanische Traum die Ruhe, den Verstand und letztendlich auch sein Leben raubt. Aber nicht nur Willy hat sein Päckchen zu tragen. Millers Drama ist selbst kein unbeschriebenes Blatt mehr und nicht erst seit der Verfilmung durch Volker Schlöndorff, dessen gemeinsam mit Florian Hopf erarbeitete Übersetzung die textliche Grundlage für Rothenhäuslers Inszenierung liefert, steht Willy Lomans Welt in der Regel für ein tiefes suburbanes Grau mit realistischen Beigetönen am Zeitkolorithorizont.

Willy leuchtet

Felix Rothenhäusler setzt hier allerdings dankbarer Weise das Brecheisen an und entrümpelt die bemitleidenswerte Opferidylle vom Keller bis zum Dachboden. Bis es nicht einmal mehr ein Haus gibt, für das Loman noch seine Hypotheken abbezahlen könnte. Weit und offen stellt der 29jährige Rothenhäusler die Lomansche Familientragödie auf schwarze Schaumstoffplatten einer leeren Bühne. In großen weißen Leuchtbuchstaben steht Willy am hinteren Bühnenrand geschrieben. Der Rest ist nichts. Außer Bewegung. Denn Text und Darsteller sind hier im ständigen Fluss. Spielt Simone Mende am Anfang Lomans Frau Linda mit rundgesichtigem Optimismus im Dialog mit ihrem Mann, dem Ronald Funke bewegend scheiternden Starrsinn gibt, so wird sie noch manches Mal an diesem Abend mit ihm die Rolle tauschen. Ein kurzes, wiederholtes Eintauchen in den anderen.

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Familienaufstellung auf Amerikanisch: die Lomans in Heidelberg          © Marcus Kaesler

Die Brüder Biff (Jan Andreesen) und Happy (Matthias Lamp) sind gleichermaßen beweglich und Jennifer Sabel springt rasant von Lomans Alter Ego (oder Stimme seiner Selbstgespräche) zum Nachbarssohn oder feuert Willy als sein junger Boss mit süffisantem Spaß am hinterlistigen Schicksal. Nichts scheint fest und nichts scheint sicher zu sein in Rothenhäuslers Bewegungsspiel. Immer sind hier alle am Gehen, Laufen und Rennen. Still gestanden wird hier eigentlich nicht. Gesprochen wird am vorderen Bühnenrand im Licht und das meist direkt ans Publikum gerichtet. Von der Seite oder aus dem Halbdunkel in der hinteren Bühnenhälfte beobachten die anderen die jeweiligen Proklamationen. Und greifen sie in ihren Bewegungen wieder auf. Die Figuren umkreisen sich, streifen oder berühren sich kurz und kommentieren mit stummen Blicken oder Zitatausbrüchen die vorgebrachten Handlungsfetzen.

Im uramerikanischen Seifenblasenregen

Es ist eine rasant choreographierte Familienaufstellung, die dank der knackigen und mutigen Textarbeit zu schlanken anderthalb Stunden Theaterzeit wird. Zeitsprünge, Rollenwechsel und intelligent gesetzte Wiederholungen machen aus Millers 1949 uraufgeführtem Drama des kleinen Mannes einen frisch gesampelten Remix, der zu starken Bildern und Momenten führt. Die aufkeimende Hoffnung der Loman-Brüder in die Gründung ihres eigenen Sportartikelgeschäfts lässt einem in einer packenden Ensemble-Passage die Nackenhaare senkrecht stehen, so kraftvoll ist hier das Zusammenspiel zwischen Bewegung, Text und Musik. Und Simone Mendes verzweifelte Freiheitsbekundung am Begräbnis ihres Mann setzt einen bewegenden Schlusspunkt hinter das Hasten.

Für den Zuschauer ist Rothenhäuslers Inszenierung kein leichtes Unterfangen. Nicht nur, weil man schnell mit einem kräftigen Augenflimmern zu kämpfen hat, sondern, weil die wahre Dramatik des Abends nicht in den Dialogen und Textpassagen zu finden ist. Das Drama passiert im leeren Raum, in den Beziehungslinien, die sich zwischen den Schauspielern auf ihren Wegen über die Bühne aufbauen. Die sind zart, wankelmütig und verdammt leise. Aber sie sind es, die dem brüchigen Wirbel den sicheren Boden geben.

Den Seifenblasenregen, der das Vorortdrama durchgehend begleitet, kann man jetzt natürlich gut und gerne unter der Rubrik "überflüssiger Holzhammer" verbuchen, der recht befremdlich und platt unzählbare Träume zerplatzen lässt. Aber bei einem so uramerikanischen Thema scheint es nur fair, wenn man beherzt in die Trickkiste des Showgeschäfts greift. Whatever works.


Tod eines Handlungsreisenden
von Arthur Miller
Deutsch von Volker Schlöndorff und Florian Hopf
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne: Léa Dietrich, Kostüme: Katharina Kownatzki, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer, Musik: Matthias Krieg.
Mit: Simone Mende, Jennifer Sabel, Jan Andreesen, Roland Funke, Matthias Lamp.

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

"Hier rennen, laufen, schleichen und traben fünf Schauspieler einen Abend lang an die Rampe und sprechen Sätze, die meist nur wie Stichworte klingen", schreibt Ralf-Carl Langhals (Mannheimer Morgen, 8.3.2011). Es sei des Regisseurs Felix Rothenhäusler Art, "Arthur Millers Mischung aus psychologischem und expressionistischem Theater Ausdruck zu geben. Heißen will das: Alle laufen davon, schaffen aber den Absprung nicht. Auch das ist nicht originalitätssteuerpflichtig." Ein Abend zum Schimpfen und Davonlaufen sei es geworden: "Es gibt typisierte Figurenzuordnung, die immer wieder aufgegeben wird, leitmotivische Textwiederholungen, die ins Nichts führen, übertriebenen Mut zur Lücke, der nur schwer der komplexen Handlung aus Rückblenden, Fantasien und Beziehungen Herr wird."

"Wogendes, anstrengendes Bewegungstheater" hat Heribert Vogt (Rhein-Neckar-Zeitung, 8.3.2011) gesehen: "Wie der Handelsvertreter stets aufs Neue Anläufe auf seine Wunschvorstellungen unternimmt, so rennen Loman und seine Familie im Theaterkino anderthalb Stunden lang aufs Publikum zu." Man staune nicht schlecht über "die gute Kondition der fünf Darsteller". Erinnert werde man an "den Hamster im Laufrad oder die sinkenden Überlebenschancen der angeschlagenen Kreatur im Großstadtdschungel des Raubtierkapitalismus". Der Zuschauer frage sich dennoch, was diese Figur des Loman mit unserer Gegenwart zu tun habe. "Es ist schließlich wohl das schon zwanghaft wirkende, pulsierende Bewegungsmuster auf der Bühne, dieses ständige Hin- und Hergerissensein zwischen Aufbruch und Absturz, das den Betrachter nicht zur Ruhe kommen lässt und letztlich zu der Frage bringt: Surfst nicht auch du jenseits des sinnlichen Lebens in den unendlichen Weiten des Internets, ohne jemals – wie Willy Loman – irgendwo wirklich anzukommen?"

 


 
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