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Lustvolle Lethargie

von Tobias Prüwer

Leipzig, 18. März 2011. Am Einlass bekommt der Besucher ein Kaleidoskop ausgehändigt. Psychedelische Wirkungen, die man sich bei diesem Stoff erwarten konnte, überlässt der Demiurg vielstimmig-überfrachtender Bildwelten Jürgen Kruse in dieser Inszenierung einem deus-ex-machina aus Pappe und Plastik.

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Glamour in der Rockerbude. Jürgen Kruse zeigt "Easy Rider" in der Leipziger Skala
© R. Arnold / Centraltheater

Als selbsterklärter Co-Regisseur fungierend, sieht sich Kruse nur als Übersetzer: "Jedes Skript ist ein Transkript", erschallt wie ein Prolog mehrmals zu Beginn. Schreibmaschinen klappern zur Untermauerung der Sentenz. Sie mutet fast wie eine Entschuldigung Kruses an, den Stoff nicht experimentierfreudiger angegangen zu sein.

Immerhin, die Bühne ist, wie bei Kruse Usus, voll gestellt. Einmal mehr hat er einen symbolischen Kosmos im Schauraum arrangieren lassen. Dieses Mal fügen sich die vielen Details zu einer Art Trailerpark-Veranda zusammen. Karussellpferde stehen statisch im Raum, zur Linken wie zur Rechten sind Sitzecken aus Gartenstühlen aufgebaut. Reifen stapeln sich und baumeln in der Luft. Ein Baumstumpf hält als Hackklotz her, auf dem dann und wann eine Schauspielerin im Petticoat Pappkartons mit dem Beil zerteilt. Auf einer Gitarre prangt der Sinnspruch: "This Machine Kills Hippies", in der Ecke sucht ein Mobilphone-Mobile nach Anschluss. An einer Wäscheleine sind Papierpferde angeklammert und ein Che-Guevara-Shirt mit der Aufschrift "Kill your Idols".

Das kann als Motto dieses Abends der lustvollen Lethargie dienen. Denn eigentlich passiert nicht viel. Das Gros der Handlung wird angedeutet und touchiert, was der Inszenierung die Anmutung eines auf die Bühne gehobenen Storyboards oder Daumenkinos verleiht.

Maschinen röhren aus dem Off

Zu Beginn werden alle Ecken respektive Szenenstationen auf der Bühne ausgeleuchtet, wie um dem Publikum einen Überblick in dem Wirrwarr zu bieten, bevor es in den Stoff geht. Wie Treibgut auf staubigem Meer kommen die Motorradrocker Captain America (Manuel Harder) und Billy (Edgar Eckert) ziellos voran. Helden gehen anders.

Immer etwas neben der Spur zieht diese Road-Movie-Adaption dahin, ohne je eine Straße zu zeigen. Auch die Harleys fehlen, nur aus dem Off röhren die Maschinen auf. Lediglich die Story-Stationen werden – von der Abweisung des Motelbesitzers über die Hippiekommune und dem Bordellbesuch bis zum Showdown mit den Rednecks – recht filmgetreu angefahren und wie auf einer Liste der Wiedererkennungsmarker abgehakt. Irgendwann ist der letzte Schuss gefallen und ein gedudelter Country-Song spielt zur großen Aufhebung der sozialen Widersprüche auf: Wieder hergestellt scheint die Ordnung, die Motorrad fahrenden Freigeister ausgetrieben. Die Geister der Vergangenheit greifen zum Besen und besorgen gelangweilt den Kehraus.

Die im Film bedeutungstragende Musik dümpelt – mal von den Darstellern gesungen, mal eingespielt –dahin, und wiederholt sich in wechselnden Songs als der permanente Abgesang einer vermeintlich besseren Zeit. Hier hätte man sich ein bisschen mehr das intervenierende Händchen Kruses, der sonst musikalisch sicher ist, gewünscht. Doch die szenische verstreute Saat geht auch so auf.

Die Zeit verrinnt
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Hagen Oechel als Jack-Nicholson-Remake
© R. Arnold / Centraltheater

Immer, wenn man einen Hauch von Action erwartet oder Kruses musikalisches Effektspiel, wird man von Zurückhaltung überrascht, aber nicht enttäuscht. Denn die spielfrohen Darsteller untergraben wunderbar allen heroischen Gestus. Überzogene Dialoge unterminieren die coolen Charaktere. Der amerikanische Traum von Freiheit und der Emanzipation des Individuums, geht auch für die Easyrider nicht in Erfüllung. Selbst der ödeste Landstrich ist noch zu eng dafür und die Zeit verstreicht.

Tempus fugit: Die sich verflüchtigende, dahin rinnende Zeit ist wohl der Schlüssel zu dieser Inszenierung. Immer wieder wird betont, wie viel Zeit man hätte, Captain America trägt ein halbes Dutzend Uhren am Oberarm über die Lederjacke gestreift. Genüsslich fällt Hagen Oechel aus seiner Rolle, um mit betont langsamer Gründlichkeit ein Lagerfeuer mit Brandpaste fürs nächste Abfackeln zu präparieren.

Durchweg zeigt sich das postsouveräne Subjekt am Werk, das nicht bei sich selbst, aber auch nicht anders sein kann. Es hat reichlich Patina angesetzt dieses Lebensgefühl absoluter Libertät, für das zuletzt weder politische Aktion noch inneres Drogenexil zum befreienden Fluchtpunkt taugten. Auch on the road bringt kein Ortswechsel Erfüllung oder bietet wenigstens neue Perspektiven an. Zeit und Sein sind leer, so sehr man sie auch zu füllen versucht: Das quillt als stummer Schrei aus jedem Moment dieser inszenierten Collage.


Easy Rider
nach dem Film von Dennis Hopper
Co-Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Fabian Siepelmeyer, Kostüme: Fabian Siepelmeyer, Licht: Veit-Rüdiger Griess, Dramaturgie: Uwe Bautz.
Mit: Mareike Beykirch, Edgar Eckert, Sarah Franke, Manuel Harder, Günther Harder, Carolin Haupt, Zenzi Huber, Andrej Kaminsky, Hagen Oechel, Hanna Werth.

www.centraltheater.de


Kritikenrundschau

Trotz eines atmosphärischen Rilke-Einstiegs, der wunderbar das "Lakonische mit dem Lyrischen" verbinde, und trotz einiger Andeutungen davon, dass "Freiheit etwa als eine andere Form existenziellen Gefangenseins seziert" werden könnte, zeigt sich Steffen Georgi in der Leipziger Volkszeitung (21.3.2011) von diesem Rocker-Abend enttäuscht: "Kruse entschied sich für ein Szenen-Patchwork, eine Filmposen- und Textfetzen-Collage, deren Kraftkern zunehmend zerbröselt zum beliebigen Szenen-Klimbim und dramaturgischen Auf-der-Stelle-Treten. Mit Monologen, spannend und inhaltsreich wie Zikaden-Zirpen und mit viel Musik, live und von Konserve." So werde hier nicht wie versprochen der Film exorziert oder "Ent-Movie-Fiziert", vielmehr entstehe Theater, "das wieder mal versucht, so cool wie das Kino zu sein. Und dabei statt der angestrebten Atmosphäre einer wohligen Marihuana-Traum-Lethargie schlicht bleierne Müdigkeit erzeugt."

"Was tun wir hier eigentlich und wohin soll das führen?", fragt sich Claudia Euen in der Sächsischen Zeitung (22.3.2011). Einzig das Geräusch aufheulender Motoren erinnere an das Gefühl endloser Weite, während Captain America und Billy in Bewegungslosigkeit verharrten und in lang gezogenen Dialogen über gesellschaftliche Veränderung sinnierten. Das sei "fetziges und vor allem witziges Rock'n'Roll-Theater mit lauter Gitarrenschrammelmusik, bunten Kostümen und leicht spöttischem Blick auf eine vergangene Zeit. Das ist eigentlich schade. Denn obwohl man damals schon erkannte, dass wirkliche Liebertät nur ein Traum ist, so wagt man heute kaum mehr davon zu träumen. Das mag realistisch sein, hinterlässt aber nur Leere."

In der Freien Presse Chemnitz (23.3.2011) schreibt Ralph Gambihler: Kruses Zugriff wirke "überraschend entspannt". Der Abend sei "eher eine lustvoll-melancholische Rückbesinnung auf die filmische Essenz des Jahres 1969" als ein "brisantes Remake aus aktuellem Anlass". Stellenweise habe man den Eindruck, der Regisseur wollte "im Bühnenformat einem Lebensgefühl nachspüren" und "dabei möglichst viel von der dazugehörigen Musik unterzubringen". Kruse hole die Leinwand-Helden vom Motorrad und entschleunige das "ohnehin kaum temporeiche (…) Freiheitsdrama bis an die Grenze des Stillstands". Er gebe ein "Stück im Stehen und Sitzen". Zeit scheine keine Rolle zu spielen in diesem "nostalgischen Blick zurück", der "irgendwo zwischen Reminiszenz und Abgesang seine eigene Erschlaffung zelebriert". Worauf Kruse hinaus wolle, bleibe unscharf. "Womöglich will er gerade das nicht: auf etwas hinaus."


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