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Salto Vitale eines Defensivkünstlers

von Christian Rakow

Berlin, 23. März 2011. Der Popliterat Joachim Lottmann meinte einmal in einem Gespräch, dem ich beiwohnte, eigentlich habe heute kein Autor mehr Stoff für mehrere Bücher. Man müsse es so machen wie Benjamin von Stuckrad-Barre: einen Roman wie "Soloalbum" schreiben – den einen erlebnissatten Roman –, dann geht man auf Lesetour und anschließend handeln alle weiteren Werke von Beobachtungen, die man auf dieser Tour gesammelt hat.

Bei Burgschauspieler Joachim Meyerhoff gab's die Lesetour schon vor seinem Debütbuch und es war eine Tour, beginnend im Wiener Burgtheater 2007, die von Kritikern wie Peter Kümmel in der Wochenzeitung Die Zeit quasi als Neuerfindung des Theaters im Modus "genialer Schlichtheit" begrüßt wurde, und die fast schon folgerichtig in eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 2009 mündete.

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Joachim Meyerhoff liest und erzählt "Alle Toten fliegen hoch. Teil 1: Amerika"
© Reinhard Werner
Literarische Wohltat

Tatsächlich waren Meyerhoffs diskret an einem einsamen Bühnentisch vorgelesene autobiographische Jugenderinnerungen "Alle Toten fliegen hoch" wohl weniger eine performative denn eine literarische Wohltat. Im Feld einer Gegenwartsdramatik, die allzu oft ihre Themen von weit her borgt und sie dann mit tausendundeiner halbherzigen Anspielung in manieriert zurecht geschnipselten Plots wieder herzeigt, ragte dieses persönliche Erzählen um Haupteslänge heraus: Meyerhoff, das war der Mut zu anekdotischen, plastischen Beobachtungen, vorgetragen in einem ruhigen, humorvollen und immer wieder auch sentimental anrührenden Grundton.

Nun folgt das Buch zur Tour beim renommierten Pop-Verlag Kiepenheuer & Witsch, genauer zum ersten Teil der insgesamt sechs Leseabende: Amerika. Und weil, in der Logik von Joachim Lottmann, bis zum Druck des Erstlings der Strom primärer Erlebnispoesie nicht abreißt, hat Meyerhoff flugs noch einmal nachgelegt. Auf 320 Seiten bringt es seine Publikation. Es hätte – so viel Wasser muss man denn doch in den ansonsten nach wie vor gut mundenden Wein von Castel Meyerhoff schütten –, dieses Nachschubs nicht überall bedurft.

Gute 90 Seiten nimmt der Roman Anlauf, ehe er bei den Erlebnissen des Schülers Meyerhoff während seines Auslandsjahres in Laramie, Wyoming/USA angelangt. Das Intro stellt uns einen etwas tollpatschigen, neidvollen Provinzknaben beim verstolperten Großstadttrip durch Hamburg und in seinen ersten pubertären Liebeserkundungen daheim im Schleswig-Holsteinischen vor. Leicht forciert wird eine Erzählposition von schräg unten entworfen: "Besonders mein Blick gefiel mir nicht", heißt es über den Pubertierenden. "Ein leicht dümmliches Erstauntsein vermochte ich daraus einfach nicht zu verbannen. Ich wollte endlich lernen, so zu gucken, als hätte ich ein Geheimnis, und nicht, als wäre mir die Welt eines."

Liebeserkundungen in Laramie

Dieser erstaunte Blick, mit dem letztlich auch der erwachsene Erzähler für seine skurrilen Erfahrungsberichte operiert, bisweilen kokettiert, entfaltet seine Kraft erst in den Amerika-Episoden. Mythen und Marotten eines durchschnittlichen Schülerlebens im mittleren Westen – vom Tunen der Straßenkreuzer über die Basketballeuphorie bis zu diversen Trinkgelagen samt Teenagesex – werden wie vom Spielfeldrand her eingefangen: Passiv verfolgt der Held das Geschehen rundherum, ehe er in einem unvermuteten Einsatz treffsicher humorvoll die Partie für sich entscheidet. So geht’s im Leben wie in der Dichtkunst.

Meyerhoffs Coming-of-Age-Geschichte besticht im Apercuhaften, selbst dann noch, wenn der Tod des mittleren Bruders den launigen Duktus des Romans in der zweiten Hälfte zunehmend erdet. Unter der Hand liefert "Amerika" die Bildungsgeschichte eines aufblühenden Selbstbewusstseins. Der Held wächst in dem Maße, wie das Umfeld schrumpft. Unterrichtsfächer wie Extremtauchen oder Psychologie warten mit einer aberwitzigen Parade von knallharten Motivationslehrern auf, die sich alsbald in ihrem Ertüchtigungswahn selbst karikieren und demontieren. Wenn alle umfallen, ragt der, der hocken bleibt, hervor. So geht der Salto vitale für Defensivkünstler.


Joachim Meyerhoff
Alle Toten fliegen hoch. Teil 1: Amerika.
Kiepenheuer & Witsch: Köln 2011. 320 Seiten. 18,95 Euro.

 
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