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Im Wutschaum zerstäubt

von Andreas Schnell

Bremen, 25. März 2011. Eine französische Baustelle irgendwo in Westafrika. Ein Arbeiter ist ums Leben gekommen, nicht ganz zufällig, ein geheimnisvoller Afrikaner mit Namen Alboury will der Familie die Leiche zurückgeben. Die Leiche aber ist in der Latrine verschwunden. Und mit Geld freikaufen können sich die Franzosen nicht. Das sorgt auch unter ihnen für Konflikte. Horn, der Baustellenleiter, setzt eher auf Worte als auf Gewalt – und auf Geld. Ingenieur Cal ist eher für nackte Gewalt. Und dann ist da noch Léone, eine junge Pariserin, die Horn heiraten will, weil man ja als älterer Mann nicht allein bleiben will. Die junge Frau interessiert sich aber dann doch eher für Alboury, träumt von einem gemeinsamen Leben, und wenn's eines in Armut ist. Die Tiefe ihrer Gefühle zu Alboury und Afrika lässt sich an ihrer Reisevorbereitung ablesen: Den ganzen Tag vor ihrer Abreise hat sie Reggae gehört.

Kein Araber, kein Schwarzer

Doch, Koltès' Stück hat Witz, einen galligen allerdings. Die romantischen Vorstellungen der schlicht gestrickten Léone, das Punttila/Matti-Verhältnis zwischen Horn und Cal, das Aufeinanderprallen inkommensurabler Maßstäbe – "Kampf des Negers und der Hunde" schillert düster. Und Corinna Sommerhäuser hat sich bemüht, eine schlüssige Inszenierung daraus zu destillieren.

Das in Kunstnebel getauchte Bühnenbild (ein wenig besorgt denkt man schon an die unglückliche, ebenfalls nebelgetränkte Inszenierung von "Glaube Liebe Hoffnung" am gleichen Ort vor einer Weile zurück) zeigt ein paar Holzstege, dazwischen steht knöchelhoch Wasser, in der Mitte steht ein über einen Steg zugänglicher Bungalow mit einer Leiter daran. Das genügt als Hintergrund für das Kammerspiel, in dem im Folgenden leider ein bisschen zu viel herumgeschrieen wird – und am Ende auch noch mehr gestorben als bei Koltés. Der sicherlich nicht nur deswegen an Sommerhäusers Arbeit einiges auszusetzen gehabt hätte. Nicht zuletzt, dass Alboury von einem Weißen (Timo Lampka) gespielt wird.

"Der einzige Antrieb, warum ich Stücke schreibe, liegt darin, dass Araber und Schwarze auf der Bühne stehen; alles andere ist mir egal", soll Koltès gesagt haben. Hier aber: kein Araber, kein Schwarzer. Auch wenn Alboury und Léone (Eva Gosciejewicz) sich auf dem Höhepunkt ihres Verhältnisses mit schwarzer Farbe anmalen. Vielleicht hätte sich Koltès auch mit der Behandlung seiner harten, aber höchst poetischen Sprache unzufrieden gezeigt, die hier, wir erwähnten es, oft in im Wutschaum zerstäubt.

Figuren, wie aus einer Traumwelt

Bei Horn (Siegfried W. Maschek) hat das noch etwas Reizvolles. Er verleiht seiner Figur enorme Explosivität. Cal (Martin Baum) ist zwar auch bei Koltès der stets auf seine Nerven und den Instinkt pochende Heißsporn, gerät hier aber oft zu verstammelt. Gosciejewiczs Léone fehlt wiederum jene intuitive, einfühlsame Ebene, die sie in der Vorlage durchaus hat. Und Timo Lampka irritiert mit einer naiven Darstellung des Alboury, der hier als kaum mehr als ein verschrobenes Kind erscheint anstatt das "Fremde" glaubhaft zu verkörpern.

Schließlich sind da auch noch Figuren wie aus einer Traumwelt, ein zweiter Cal mit riesigem Kopf, eine Léone mit Hundemaske, die die surreale Atmosphäre dieser Inszenierung stützen und weniger zu Klarheit als zur Verrätselung beitragen. Der Faszination dieses Stücks können diese Schwächen allerdings nur wenig anhaben. Die Inszenierung hat atmosphärische Dichte, und es gibt immer wieder Augenblicke großer Intensität, nicht zuletzt dort, wo Horn ins Philosophieren gerät, sein Selbstbild des weltoffenen Liberalen Risse bekommt.

So bleibt man am Ende hin und hergerissen. Gutes Stück, schönes Bühnenbild, durchwachsene schauspielerische Leistungen und ein paar erratische Regieeinfälle ergeben nicht unbedingt einen großen Theaterabend. Aber interessant ist er doch.

 

Kampf des Negers und der Hunde
von Bernard-Marie Koltès
Regie: Corinna Sommerhäuser, Bühne: Tobias Schunck, Kostüme: Mareen Biermann, Musik: Felix Huber, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Siegfried W. Maschek, Timo Lampka, Eva Gosciejewicz, Martin Baum.

www.bremertheater.de


Die Regisseurin Corinna Sommerhäuser wurde 1976 in Köln geboren und arbeitet u.a. am Theater Osnabrück, dem Theater Oberhausen oder dem Hamburger Thalia Theater, wo sie 2008 Anne Habermehls Stück Letztes Territorium uraufführte.

 

Kritikenrundschau

"Heißer Dampf liegt in der Luft, riesige Pfützen glänzen im Halbdunklen. Und die Seelen der Menschen, die in diesem tropischen Klima leben müssen, sind Schwarz wie die Nacht", schreibt Sven Garbade in der Nordwest-Zeitung (28.3.2011) und bilanziert, dass Corinna Sommerhäusers "interkulturelles Nachtspiel" recht gut die "geheimnisvoll knisternde Atmosphäre" treffe, die Koltès 1981 in das Theaterstück eingeschrieben habe.

Überzeugend und durchaus eindrucksvoll sei es, wie Regisseurin Corinna Sommerhäuser die "Innensicht der Figuren ins Außen überträgt, wie sie subjektive Wahrnehmungen und Empfindungen im Atmosphärischen greifbar werden lässt", so Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung (28.3.2011). Die Europäer in Afrika erscheinen bei Sommerhäuser als Opfer ihrer eigenen Erwartungen und ihres eigenen Scheiterns an der Begegnung mit dem Fremden. Und auch über die darstellerischen Leistungen der Schauspieler lasse sich Gutes berichten.

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