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Allein unter Menschen

von Claudia Klupsch

Magdeburg, 25. März 2011. Auf die Frage, was ihn am Hamlet-Stoff reize, antwortet Regisseur Dirk Cieslak: "Der Wahnsinn." Der Wahnsinn ist Thema im "Hamlet in Magdeburg" – der Wahnsinn im Leben des Einzelnen, der Wahnsinn der Gegenwart in einer ostdeutschen Stadt wie Magdeburg, der Wahnsinn in der Welt.

Shakespeares rätselhafte Figur fehlt in der Inszenierung. Es gibt keinen verzweifelten Rächer, keine Deklamation von "Sein oder Nichtsein". Acht Laien-Darsteller, ein Kind und vier Profi-Schauspieler bilden das Ensemble. In Projekten mit Laien hat Cieslak Erfahrung. Nach Berliner "alten 68ern" und Leipziger Braunkohlekumpeln sind es nun Magdeburger Bürger, die der Regisseur auf die Bühne holt. Gemeinsam mit ihnen hat er Text und Umsetzung entwickelt.

Auftrag des Vaters

"Was ist der Mensch, wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Ziel nur Schlaf und Essen ist?". Hamlet sucht Antwort. Die Menschen auf der Bühne suchen Antwort. Der Hamlet-Stoff, bestens geeignet, über Leben und über den Zustand der Welt nachzudenken, legt sich gleich einer Folie über die Inszenierung. Vom Shakespeare-Text bleibt allerdings nicht viel übrig.

Cieslak lässt sich ganz auf die Laien ein. Ihre Geschichten, ihr Denken, ihre Persönlichkeiten rückt er klar in den Mittelpunkt. Sie sorgen für berührende Momente. Wie bei Hamlet  es gibt einen "Auftrag des Vaters": Bei Lehrerin Christel Landesfeind ist der Vater mit zerschossener Lunge aus dem Krieg gekommen. Autoritär zwingt er sie zu Höchstleistungen. "Ich gebe mein Bestes" sagt sie immer wieder auch zu anderen, die sie in ihrem Leben mit Forderungen traktieren – zum Trainer ("Rauf auf den Sprungturm!"), zur Mutter ("Geh endlich Brot holen!"), zum Vorgesetzten ("Erziehen Sie die Jugendlichen zu sozialistischen Persönlichkeiten!"). Ein Boxduell mit dem Vater symbolisiert den Kampf, den die Tochter bis heute führt. Das Zusammenspiel zwischen Laien-Darstellerin Landesfeind und den Schauspielern Iris Albrecht, Ralph Martin und Sebastian Reck ist in dieser Szene besonders eindrucksvoll gelungen.

"Die Welt ist aus den Fugen"

Die Profi-Schauspieler nehmen jedoch zumeist die Rolle von Zuhörern und Fragern ein. Scheinbar lockere Gespräche wechseln sich ab mit Erzählungen der Magdeburger. Dass es Laien sind, die auf sich blicken und über das Heute sinnieren, macht gelebtes Leben authentisch, schafft eine starke Verbindung zum Publikum. Wie in einem Wohnzimmer sitzen alle beieinander: das Publikum in seinen Sitzreihen auf bunten Kissen, Schauspieler und Laien auf verschiedenartigen Sitzmöbeln. Bühnenbildner Olf Kreisel hat die gesamte Theater-Gesellschaft in eine Art hölzern verkleideten Raum gepackt – das Wort "Gehege" fällt im Text. Abgeschottet zum gemeinsamen Nachdenken.

Jedes Leben ist spannend. Bewegend sind die Geschichten von Familien, die der Krieg prägte, von Gewalterfahrung und vom Durchbeißen im Leben. "Die Welt ist aus den Fugen" – dessen sind sich die Magdeburger bewusst. Der Städter ist "allein unter Menschen", in Libyen "schießen sie sich tot", Flüchtlinge aus Afrika, tote Soldaten in Afghanistan, eine Foto-Ausstellung von Kriegstoten ausgerechnet im Einkaufszentrum.

Bei aller gezeigten, mitunter zuviel anmutenden Betroffenheit ist die Inszenierung ziemlich komisch: Der siebenjährige Viktor Grottke entzückt mit Auftritten, indem er von Hamlet in kindlicher Drolligkeit erzählt. Die Schauspieler liefern eine witzig überzeichnete Fecht- und Vergiftungsszene. Beim erträumten Besuch von Ex-US-Außenminister Henry Kissinger in Magdeburg laufen Laien und Schauspieler zu komödiantischer Höchstform auf. Sie zeigen eine herrliche Karrikatur auf Staatsbesuche streitbarer Politiker, gespickt mit Seitenhieben auf gesellschaftliche Missstände. Überhaupt ist Cieslaks Stück hochpolitisch, etwa auch dann, wenn über Passivität in der Demokratie diskutiert wird. Das Ziel, das Publikum stärker zu politisieren, ist klar herauszulesen und ein gutes Anliegen – auch in jeder anderen Stadt.

 

Hamlet in Magdeburg
von William Shakespeare und Magdeburger Bürgern
Regie: Dirk Cieslak, Bühne/Kostüme: Olf Kreisel, Dramaturgie: Heide Palmer, Anja Sackarendt.
Mit: Iris Albrecht, Frank Benz, Ralph Martin, Sebastian Reck sowie den Magdeburger Bürgerinnen und Bürgern: Maria Bienemann, Diana Grottke, Viktor Grottke, Christel Landesfeind, Kristina Manke, Gisela Müller, Beate Rülke, Georg von der Gablentz.

www.theater-magdeburg.de

 

Kritikenrundschau

Bereits in der ersten Szenenfolge von Dirk Cieslaks "Hamlet", in der Magdeburger Bürger über ihr Verhältnis zur Stadt berichten, zeige sich, "dass sowohl Ängste als auch Hoffnungen sehr ehrlich und gründlich in die Tiefe gehend empfunden, aber auch trefflich formuliert werden", schreibt Liane Bornholdt in der Magdeburger Volksstimme (28.3.2011). "Die Stadt sei zum bloßen Transitraum geworden, der nur noch in Eile durchquert werde und wo sich die Kommunikation nur noch auf eine rudimentäre Zeichensprache beschränke, unspezifisch und arm. Man sei allein unter Menschen, das Allee-Center ist die Kathedrale, Dom und Kloster bloße Ornamente." Die sich anschließenden Lebensepisoden seien "vielfältig, berühren durch ihre Authentizität und das Spiel ist absolut überzeugend". "Hamlet in Magdeburg" habe "bei den Akteuren (…), aber auch im Publikum Spuren hinterlassen, viel Nachdenklichkeit, Selbsterkenntnis, auch Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist ein spannendes Stück und wunderbares Theater."

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