altSchnitzler im Swingerclub

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 1. April 2011. Zehn Augenmasken tragende Menschen betreten die Bühne, legen ihre Bademäntel ab und stehen in Unterwäsche da. "Keine Zeit mehr für die Liebe", heben sie zu singen an und begleiten ihren frommen Choral mit vulgärerotischen Gesten. Hintern werden präsentiert, Brüste geschüttelt, Zungen spielerisch herausgestreckt. Was ist das, ein Swingerclub? Und wer ist, wenn alle gleich aus der Wäsche schauen, wer? Wer die Dirne, wer die junge (Ehe-)Frau, wer die Schauspielerin? Wer der Graf und wer der Soldat?

Beinahe ein Abenteuer

Mit diesem verblüffenden Intro eröffnet Claudia Bauer ihre Inszenierung des vor noch nicht all zu langer Zeit skandalumwitterten Stück "Reigen" von Arthur Schnitzler. Neu ist, was sich darin abbildet, nicht. Es verdichtet nur, was sonst erst im Laufe der zehn Dialoge zutage tritt. Der Reigen ist ewig und zeit- und klassenlos. In Lust und Verlangen, in der Sehnsucht des "Vorher" und der Enttäuschung des "Nachher" sind letztlich alle gleich. Damals wie heute, in Wien wie in Magdeburg.

Es geht also um uns, und dennoch ist schnell klar, dass die Swingerpaare und ihre schlimmen Taten eben nicht dazu dienen, dem Stück vielleicht doch einen letzten, kleinen Hauch von Provokation zu entlocken. Zwar entstammen sie einer Parallelwelt, über die niemand etwas anderes zugeben würde als dass er so etwas mal zufällig bei RTL II gesehen habe. Aber sie sind eben auch Metapher für die bis ins Privateste liberalisierte Gesellschaft. Tabulos und weitgehend durchpornografisiert. Bis hin zu der wirklich bemerkenswerten Themenwanderung in den Medien. Mit dem entsprechenden Überbau lackiert, ist der Sex längst von RTL II zu arte und Co. gewandert.

Peitsche hin, Fetisch her

Doch Claudia Bauer setzt eben nicht auf Anprangern und Moralisieren. Dass die Inszenierung eine kluge und zudem im besten Sinn unterhaltsame ist, verdankt sie vor allem der humorvollen und streckenweise satirischen Leichtigkeit, mit der Bauer die Jetztwelt mit ihren ja in der Tat zugespitzten Verhältnissen in den "Reigen" hineinholt. Bauer scheut sich nicht vor der klischeehaften Komik eines Rollenspiels mit einem osteuropäischen Stubenmädchen und nicht vor einem wirklichen Züchtigungsschlag auf den Hintern.

SM-Spiele, Rollentausch, Bondage – alles mögliche wird in den einzelnen Dialogen angedeutet und zugleich ad absurdum geführt. Denn auch eine in Folie eingewickelte Frau stellt "danach" die Frage, ob ER sie denn auch wirklich lieb habe. Und umgekehrt, selbstredend. Peitsche hin, Fetisch her – es bleibt eben doch alles so, wie es Schnitzler geschrieben hat. Da ist die Frau, die ihren Mann belügen muss, weil er ihr keine Wahl lässt. Da ist der Mann, der sich nach einem Alkoholrausch wünscht, nicht mir ihr geschlafen zu haben: "Das wäre beinahe ein Abenteuer gewesen...".

No pants

Nie kippt der Abend ins Thesentheater oder gar in eine Wertedebatte. Dem live gespielten Punk sei Dank. Und dem Selbstbewusstsein, mit dem das Ensemble sowohl körperlich als auch verbal agiert. Was 1920 zur Uraufführung und noch lange danach durch "dezente Andeutungen" zu vermeiden versucht wurde, hier wird es ausgestellt. Originellerweise teilweise mit Unterwäsche, die in die Zeit Schnitzlers zu passen scheint. Zwei Stunden lang fast unbekleidet zu posieren, quasi schamlos – ist letztlich subversiv, weil es das Stück gewissermaßen entsexualisiert.

Das Lady-Gaga-Prinzip: no pants und trotzdem (besser: deshalb) kein Sexsymbol. Genau dadurch gelingt es, dass die Sexszenen von großer Komik und (fast) nie peinlich sind; gymnastische Übungen in Fitness-Center-Manier und dennoch kein bloßer Slapstick. Genau dadurch sind auch die immer wieder eingestreuten Choräle und Gesangsstrecken mit ihrem Liebes- und Sehnsuchtspathos ertragbar und verstehbar. Lachen und Weinen, schamlos genießen und sich genussvoll schämen – in diesem "Reigen" hält sich immer beides die Balance. Anschauen!

 

Reigen
von Arthur Schnitzler
Regie: Claudia Bauer, Dramaturgie: Dag Kemser, Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach, Musik: Peer Baierlein.
Mit: Katharina Brankatschk, Alexander Absenger, Babette Slezak, Bastian Reiber, Christiane-Britta Boehlke, Marc Rißmann, Heide Kalisch, Andreas Guglielmetti, Julia Schubert, Martin Reik, Sven Springer.

www.theater-magdeburg.de


Alles über Claudia Bauer auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

In der Magdeburger Volksstimme (4.4.2011) denkt Rolf-Dietmar Schmidt über das Skandalöse an Schnitzlers "Reigen" nach: "Die Darstellung auf der Bühne aller Abgründe gesellschaftlichen Seins in der Sexualität, der intimsten und nahesten Berührung zweier Menschen, das war der Skandal." Genau dieses Mittel greife Regisseurin Claudia Bauer auf, "wohl wissend, dass laszive Posen oder die Darstellung des Geschlechtsaktes heute kaum noch jemanden aus dem Theater treibt (allerdings auch nicht hinein)". Schnitzlers Stück verlange "ungeheuren Einsatz von den Darstellern. Die Magdeburger Inszenierung treibt diese Anforderungen physisch und psychisch auf die Spitze und setzt da noch ein Stück oben drauf, indem eigens komponierte Musik in die Dialoge eingebaut ist. Verblüfft registriert der Zuschauer, welch musikalisches und gesangliches Chorpotenzial in den Schauspielern steckt." Der Komponist Peer Baierlein habe "mit seinen mystischen und rockigen Stücken die Dramatik bis zur Schmerzgrenze transportiert".

 
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