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Dichtung als mögliche und unmögliche Insel 

von Esther Slevogt

Berlin, 7. April 2011. Ein alter Mann stirbt und wird von den Söhnen in seinem Dreck tot im Sessel gefunden. Es sind zwei ziemlich jämmerliche Gestalten: Eirik, der eine, ist so eine typische, emotional verkümmerte autoritäre Gegenwartsexistenz. Berg, der andere, ein kummerspeckiger Weichling, in dem eine gewalttätige Bombe tickt, die im Laufe des Abends auch hochgehen wird.

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Werner Wölbern & Christoph Franken (hinten)
© Arno Declair

Da stehen sie also nun vor dem toten Vater, dessen häusliche Verhältnisse auf einen hohen Verwahrlosungsgrad hinweisen. Dreck, Dreck, Dreck. Ein stinkendes Zimmer voller Müll und mehreren Katzenkadavern. Was man halt gelegentlich so auf der Vermischtes-Seite liest. Den Männern ist schlecht angesichts des Drecks, und ihrer Versäumnisse. Aber dann sind da noch zwei Umzugskartons mit Manuskripten. Gedichten, wie sich herausstellt. Der Vater hat also ein enormes Werk hinterlassen. Aber statt zu sichten, zu retten, was möglicherweise schön an diesem Menschen war, versinken die Söhne immer tiefer in dem Dreck, den er hinterließ.

Ecce homo, ecce poeta

So weit, so Nis-Momme Stockmann, dessen Stück mit dem Ettore-Scola-haften Titel "Die Ängstlichen und die Brutalen" nun David Bösch in den Kammerspielen des Deutschen Theaters inszeniert hat. Bösch, Fachmann fürs Melodramatische, fürs existenziell Verdichtete, atmosphärisch Aufgeladene. Und einer wie Bösch ist auch genau der Richtige für dieses Kammerspiel, dem man vorwerfen muss, dass es ein wenig zu selbstgenügsam in existenzialistischen Klischees sich suhlt und mit pathetischer Geste den Abgründen unserer Profanität irgendwelche hehren Gedanken und Dichterworte entgegen schleudert. Und zwar geradezu mit archaischer Dichterzornesurschreileidenspose. Ecce Poeta!

Bösch nimmt das alles sehr ernst und nicht ernst zugleich. Holt aus dem, im Text nur angedeuteten Familiendrama, das sich im Angesicht des toten Vaters zwischen den Brüdern entspinnt, ein Maximum an Konkretion (und Situationswitz) heraus. Und hält doch eine gewisse Distanz zum Stoff und seiner Drastik, der so immer wieder eine parabelhafte Überhöhung erfährt. Patrick Bannwarts Bühne tut ein Übriges. Erst das armselige Sterbeambiente mit totem Vater, der als Vogelscheuche im abgeranzten Sessel kauert. Irgendwann hebt sich eine Wand und gibt den Blick auf einen spitz zulaufenden Raum voller Müll frei, an dessen schwarze Wände mit Kreide existenzialistische Reizworte gekritzelt wurden, die aus den (von Bösch weggelassenen) väterlichen Dichtungen stammen.

Das Symbolische abrasierter Schnurrbärte

Und doch ist es ein Abend, den man mit zwei drei Strichen sofort niederschreiben könnte: Klischees, Klischees, Klischees, wohin man blickt. Stockmann greift ziemlich tief in den Mustopf aktuell grassierender Sehnsüchte nach dem verlorenen Paradies des Wahren, Guten und Schönen. Die Beweisaufnahme ist deshalb schnell abgeschlossen. Nicht nur der verschiedenen küchenpsychologischen Einschübe wegen, die im Gewand der letzten Dinge um die Ecke geschlichen kommen: Träume von Spinnen, toten Müttern und bösen Katzen, gewaltsam abrasierte Schnurrbärte, weil sie traumatische Vatererinnerungen wecken. Gattinnen, die der Schwere ihrer deutschen Ehemänner auf den Flügeln indischer Segelfluglehrer entkommen sind.

Auch die Vorstellung von der Dichtung, die gegen die stinkende Wirklichkeit ankommen muss, und auf der dann doch von deren grobschlächtigen Vertretern nur herumgetrampelt wird. Bösch inszeniert das auch hübsch plakativ, lässt die armseligen Söhne sich immer wieder in die Kisten mit den Texten fläzen, in ihnen ignorant herumwühlen, darüber schlürfen. Das ist natürlich allerpathetischster bürgerlichster Künstlerkitsch.

Ambivalente Wahrnehmung

Und schließlich die Söhne, wie sie da so stehen und schlechte Figuren abgeben: Werner Wölbern als autoritärer Mittelmäßling mit unkontrollierten Affekten und einer ziemlichen Portion Selbstmitleid. Christoph Franken, als speckiges, komplexbeladenes Riesenbaby mit Bomberjacke und philosophischen Anwandlungen, der sich vor seinen Ängsten immer wieder unter der Pudelmütze versteckt, und aus dem am Ende nicht nur apokalyptische Dichterworte brechen, sondern auch wahre Mordlust sich schließlich im Müllberg entlädt. All dies ist so fett aufgetragen und vorgespielt, dass man gelegentlich unter den Sitz zu rutschen droht.

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Trotzdem ist ein komischer Effekt dieses Abends, dass man ihm auch immer wieder gespannt zuhören muss, gleichzeitig tiefstes Misstrauen gegen den Stoff und die eigene Wahrnehmung empfindet, angerührt und abgestoßen auf einmal ist. Dass man sich auch fragt, ob wir nicht längst viel zu zynisch und abgebrüht für solche Stoffe sind. Ob die auf dem Theater gezeigte Welt nicht das direkte Ergebnis dieses Zynismus' ist. Ob wir also solche Dichter wie Stockmann dringend brauchen. Oder eher nicht.

 

Die Ängstlichen und die Brutalen
von Nis-Momme Stockmann
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme und Mitarbeit Bühne: Merle Vierck, Dramaturgie: John von Düffel, Licht: Ingo Greiser.
Mit: Werner Wölbern, Christoph Franken.

www.deutschestheater.de


Die Uraufführung von Stockmanns Stück fand im November 2010 im Schauspiel Frankfurt statt. Es inszenierte Martin Kloepfer. Mehr zu Stockmann gibt es auch im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

"Bösch hat radikal gestrichen - die lyrischen und philosophischen Partien fast ganz. Das Ergebnis: Achtzig Minuten spannendes, dichtes Menschentheater", schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (13.4.11), der sich als Zeuge einer Rehabilitierung des Stücks durch den Regisseur fühlte. Der Abend beginne als schwarze Komödie und gleite sacht hinüber ins Tragische. Und "auch wenn im zweiten Teil des kurzen Abends Begriffsbombast und gehobene Plattheit lauern - die Ouvertüre verrät Meisterschaft mit ihrem Zwiegespräch ineinander verhakter Monologe, den abgebrochenen Sätzen, die eben nicht alles mitteilen müssen, um zur Gänze gehört zu werden." Patrick Bannwarts Bühnenbild trage zur atmosphärischen Verdichtung bei. "Der schwarze, nach hinten spitz zulaufende Raum öffnet sich Schicht um Schicht den Blicken und der Fantasie." Fazit: "die zweite, eigentliche Uraufführung".

Von aufgeplustertem Pathos-Trash spricht Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (9.4.2011) der weder Stockmanns Stück noch Böschs Inszenierung so recht etwas abgewinnen kann. Der Abend kreise um die ewige Frage: "Warum? Warum immer ich. Warum diese Scheiße - diese ganze Scheiße?" Unter Verwendung verschiedenster, man könne auch sagen: unentschiedenster Spiel- und Szenenmittel baue Bösch die Angelegenheit zusammen: "Der Anfang: Klobürstenkomödie, das Ende: Trauerspiel, dazwischen: Psychominidrama", wie das eben so sei im Pathos-Trashtheater. Einzig den Schauspielern gesteht der Kritiker mildernde Umstände zu, "denn ihnen gelingt das Kunststück, den Figuren Würde und Kontur zu verschaffen. Man muss das bewundern." Stockmann und Bösch wollten das Große, Wahre, Tiefe verhandeln; Franken und Wölbern zeigen es uns so konkret und kantig wie möglich, um das Große, Wahre, Tiefe wenigstens vor den gröbsten Peinlichkeiten zu bewahren."

Zäh findet Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (9.4.2011) den Abend, die daran besonders bemängelt, dass die bedeutungsschwangere Symbolik von Stück und Inszenierung kaum je an Tiefenschärfe gewinnt. Den Schauspielern wird allerdings Hochklassigkeit bescheingt.

Das Stück "verheddert sich in der ziellosen Aneinanderreihung leer laufender Dialoge und poetisch schwülstiger Traumerzählungen", schreibt Peter Laudenbach (Süddeutsche Zeitung, 12.4.2011). Und David Bösch arrangiert das "eher desinteressiert und lässt seine Darsteller mal in die Comedy, mal ins aufgeregte Gefuchtel trudeln". Fast wirke es, "als wüssten alle Beteiligten, dass der Text nicht zu retten ist, also hangeln sie sich routiniert durch kleine Nümmerchen, bis der 90minütige Abend überstanden ist".

 
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