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Es lebe Christoph Schlingensief!

von Stefan Bläske

Wien, 6. bis 10. April 2011. Draußen scheint die Frühlingssonne, drinnen wabert der Weihrauch. In der Kunsthalle Wien, der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary und dem Kasino des Burgtheaters wird fünf Tage lang "Der Gesamtkünstler Christoph Schlingensief" behandelt. Auf Einladung des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums versuchen Weggefährten, Wissenschaftler und Journalisten Werk, Wesen und Wunden des "Totgejubelten" in Worte zu fassen, und manch Redner sonnt sich dabei in Schlingensiefs Windschatten.

Wunden zeigen, Wunden zufügen

Burgschauspielerin Dorothee Hartinger indes wagt am letzten Tag auch kritische Töne und erinnert daran, dass der, der seine Wunden zeigte, auch anderen Wunden zufügte. Das bringt ein bisschen rote Farbe in die Sanft- und Einmut der Gelehrten, die dem im August 2010 verstorbenen Geehrten selbst vermutlich etwas eintönig erschienen wäre. Es ist halt ein Unterschied, ob ein Gesamtkünstler und Missionar brusttontief-überzeugend und zugleich augenzwinkend im selben Atemzug verschiedene Positionen vertritt oder Symposiumisten versuchen, post mortem jenes kraftvolle "Sowohl-als-auch" zu analysieren.

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Christoph Schlingensief © Thomas Aurin

Christoph Schlingensief, so der womöglich größte gemeinsame Nenner des Symposiums, war Selbstwiderspruch in persona, Rede und Gegenrede zugleich. Er "wollte gleichzeitig aktiv sein und passiv" (Carl Hegemann); seine Werke lebten vom "autobiographischen Versprechen, das zugleich wieder durchgestrichen wird" (Evelyn Annuß); "sobald ein Abend gebaut war, wollte er ihn zerstören" (Matthias Lilienthal); im Sinne der Beuys'schen Einheit von Kunst und Antikunst seien Schlingensiefs Filme Film und Antifilm zugleich (Georg Seeßlen).

Autonom! Kontemplativ!

Synkretismus sei ihm wichtig gewesen, Pathos habe er benutzt, bedient, gebrochen und ironisiert gleichermaßen. Die Theaterwissenschaftlerin Monika Meister betont, wie der Fluxus-Orator auf dem Paradox der Autonomie selbst in extremster körperlicher Zwangslage beharrte, indem er Jesus am Kreuz sagen ließ: "Ich bin autonom", und Dramaturg Carl Hegemann ergänzt, dass es durchaus möglich sei, als Schlingensiefs höchstes Ziel die "Autonomie" und – zugleich – mit Boris Groys auch die "Kontemplation" zu bezeichnen. Zentral für Schlingensief sei "die Bereitschaft gewesen, Gegenteiliges gleichermaßen gut zu finden", und sein Andenken sei am besten dadurch zu pflegen: "Ambiguitätstoleranz lernen!"

"Gedenken an einen zukünftig Verstorbenen" lautete der Eröffnungsvortrag der Tagung, in dem Evelyn Annuß, Spezialistin in Sachen "Theater des Nachlebens" daran erinnerte, dass Christoph Schlingensiefs "brachiale Tabubrüche" nicht nur bei ihr anfangs auch Hass und Ablehnung hervorgerufen haben, er erst "heute einmütig und flächendeckend totgejubelt" werde. Die Flächendecke allerdings sei "subsystemspezifisch" und geographisch zu relativieren, waren sich in der anschließenden Diskussion die Intendantin des steirischen herbst, Veronica Kaup-Hasler, Kunsthallen-Direktor Gerald Matt und Biennale-Pavillon-Pressechef Markus Müller einig.

Operal! Cineastisch!

"La Biennale di Venezia" soll Besserung bringen, eine Öffnung über den deutschsprachigen Raum hinaus und in den Bereich der Bildenden Kunst hinein. Prinzipielle Einwände und Nörgeleien gegen "Schlingensief im Museum", gegen eine Ausstellung der Arbeiten des Präsenz-Menschen fanden die Diskutanten ungerechtfertigt – zumal sich der Beuys-Verehrer in den letzten Jahren immer mehr zum Bildenden Künstler entwickelt habe.

Während die Ausstellungsmacher Christoph Schlingensief als Bildenden Künstler beschreiben, empfindet der Filmkritiker Georg Seeßlen Schlingensiefs gesamtes Werk als "cineastisch", und in der Diskussionsrunde zu "Schlingensief und die Oper" sind sich Barbara Beyer, Jörg van der Horst und Thomas Wördehoff einig, Schlingensiefs gesamtes Werk sei "operal".

Virtuos! Dilletantisch!

Vielleicht sind dies Versuche der Vereinnahmung. Vielleicht sind diese Zuschreibungen auch schlicht der thematischen Bündelung geschuldet – einer zwar wenig produktiven, aber kaum anders lösbaren Gliederung des "interdisziplinären Symposiums" über den "InterArt"-Künstler in Disziplinen und Themenblöcke, einer für die Diskussion offenbar nötigen Schubladisierung des Grenzüberschreitenden und Widersprüchlichen.

Möglicherweise aber offenbaren diese Zuschreibungen den Grund für Schlingensiefs außergewöhnliche Wirkung: Dass er sich nicht nur, wie Festwochen-Schauspielchefin Stefanie Carp betont, stets selbst auslieferte, lächerlich und zum Schauplatz machte, sondern dass er dabei auch so vieles zugleich bot und war, jeder an ihm etwas finden kann, das ihn persönlich beschäftigt und umtreibt. Dass Schlingensief so viel Lärm und Musik machte, derart virtuos und dilettantisch auf verschiedenen Instrumenten spielte, auf so vielen Frequenzen funkte, dass er in jedem Hörer eine Saite zum Klingen bringt, mindestens. Dass noch der taubste Hohl- zum Resonanzkörper wird.

Da Schlingensief die Dissonanz nicht scheute, den Widerhall durch Widerworte suchte, war es geradezu stimmig, wie Dorothee Hartinger der Harmonie des Symposiums ein paar schräge Töne hinzufügte. Ihre Begegnung mit Schlingensief beschrieb sie als "Schock", die Wunden der gemeinsamen Arbeit seien noch immer nicht verheilt. Ihrer Meinung nach interessierte sich Schlingensief bei den "Bambiland"-Proben weder für Jelineks Text, von dem er nicht viel übrigließ, noch für die Schauspieler, er habe Menschen nur benutzt, neben sich keinen Platz für andere Künstler und Meinungen gelassen.

Am Skandal arbeiten

Hartingers Hybris-Vorwurf freilich durfte so hart nicht stehen bleiben, und ergo relativierte Thalia-Theater-Intendant Joachim Lux diplomatisch, dass Christoph Schlingensief "auch rücksichtslos gegen sich selbst" gewesen sei. Das "auch" freilich ist bemerkenswert.

Im Abschlusspanel differenzierte Germanistin Susanne Hochreiter zwischen Skandal und Skandalisierung und vertrat die These, dass Schlingensief nicht den Skandal provozierte, sondern "am Skandal arbeitete". Und Stefanie Carp, HAU-Intendant Matthias Lilienthal und "Falter"-Chefredakteur Armin Turnherr diskutierten schließlich über "Öffentlichkeit" und den "Provokateur" Schlingensief, der jenes Label in seinen letzten Jahren "gehasst und abgelehnt" habe – und es doch nicht losgeworden ist.

Allen spannenden Beiträgen zum Trotz: die Highlights des von Pia Janke und Teresa Kovacs klug moderierten Symposiums waren die Videovorführungen, in denen Elfriede Jelinek, Christoph Schlingensief und Alexander Kluge zu Wort kamen. Eloquenter, amüsanter und klüger ist ein Nachdenken über das Phänomen Schlingensief kaum möglich.

 

Der Gesamtkünstler Christoph Schlingensief

Interdisziplinäres Symposium veranstaltet vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrumin in Kooperation mit dem Deutschen Pavillon der 54. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, der Kunsthalle Wien und Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Eine Videodokumentation des Symposiums soll über die Website des Deutschen Pavillons der 54. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia (www.deutscher-pavillon.org) veröffentlicht werden.


www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com
www.schlingensief.com


Mehr zu Christoph Schlingensief in unserem Lexikon.