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Brecht, neu verföhnt

von Matthias Schmidt

Leipzig, 14. April 2011. Den berühmten Epilog hat Regisseur Sebastian Baumgarten weggelassen: weder geht der Vorhang zu, noch sehen wir betroffen, dass alle Fragen offen sind. An Brechts letzte Sätze im Stück hält er sich dennoch: "Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!" Baumgarten hat einen guten Schluss gesucht und gefunden. Und nicht nur das.

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Die Frage, wie erfolgreich die drei Götter heute wären, kämen sie auf der Suche nach einem guten Menschen in unser Sezuan, sie scheint leicht beantwortbar. Daran muss man nicht eine ganze Inszenierung lang herumrätseln. Wir geben alle die Shen Te und haben zugleich unseren Vetter Shui Ta, so ist die Welt: gut, aber böse. Brechts guter Frau von Sezuan gewähren die Götter, einmal monatlich auf ihr böses Alter Ego zurückzugreifen. Bei Baumgarten weiß die junge Frau, dass das nicht reichen wird und steht am Ende folgerichtig als schizophrene Doppelfigur auf der Bühne. Ein Mensch wie du und ich, der gut sein will, aber erfahren hat, dass das besser geht, wenn man seine Schattenseite immer dabei hat.

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© David Baltzer/ bildbühne.de

Mao, Lenin, Marx und ein Friseur

Weil das heute noch weniger überraschend ist als zu Brechts Zeiten und zudem der Glaube an das Gute im Menschen seitdem die eine und die andere entscheidende Niederlage erlitten hat, ist es ein Vergnügen, dieses Parabelstück als Trashfilm inszeniert zu sehen. Die Handlung wird parodiert, von ihrem moralischen Heiligenschein befreit und dadurch eigentlich erst ertragbar. Brecht dürfte es recht gewesen sein.

Die Götter – Mao, Lenin, Marx – sie landen als trickanimierte Videoprojektion, und sowieso ist mit dem ersten Auftritt des Wasserverkäufers Wang klar, dass gelacht werden darf. Maximilian Brauer lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Wang eine tragikomische Nummer ist, ein Loser, der das Träumen noch nicht aufgegeben hat. Und es geht munter weiter: man spielt in slow motion, spult die Handlung vor- und zurück. Geräusche in bester Cartoon-Manier sorgen für Lacher. Das Geld, das die Götter der Prostituierten Shen Te für einen Neubeginn dalassen, zum Dank dafür, dass sie ihnen Unterkunft gewährte, es wird von einem Rosinenbomber abgeworfen.

Die Hausbesitzerin ist als neureiche Russin mit kräftigem Akzent überzeichnet (wie immer mit vollem Körpereinsatz: Birgit Unterweger) und Barbier Shu Fu (Guido Lambrecht) irgendwas zwischen Udo Waltz und Harald Glööckler. Über allem liegt eine ordentliche Schicht Verfremdung aus dem Repertoire der Jetztzeit-Medien – ein bisschen "Rapunzel, neu verföhnt" und dazu der (fast) komplette Brecht-Text sowie die Paul-Dessau-Lieder, denen Peter René Lüdecke und Guido Lambrecht einen Hauch Lou Reed mitgeben. Wie gut das zusammengeht, ist erstaunlich.

Die festgenagelte Kathrin Angerer

Die sparsamen Kulissen werden mit Videoschnipseln ergänzt, was hier so kongenial wie selten gelingt, weil die Filme eben nicht nur Bilder sind, moderne Chemiefabriken und Filme aus der Zeit der Kulturrevolution, sondern regelrecht "mitspielen". Die Tür zu Shen Tes Tabakladen – ist eine gefilmte Schiebetür! Mit einem Swoosh geht sie auf und zu – wunderbar. Ein live an Klavier und Keyboard eingespielter Soundtrack verstärkt das Filmische des Abends, der allerdings mit seinen dreieinhalb Stunden ein wenig zu lang ist. Gerade weil Baumgarten ein regelrechtes Ideenfeuerwerk zündet, das in Tempo und Vielfalt über diese Zeit schlicht nicht zu halten ist.

Am Ende, in der Gerichtsverhandlung gegen Shui Ta, sitzen alle an einem Tisch, haben die Textbücher in der Hand und lesen die Szene – wie in einer Textprobe – vor. Noch eine dieser überraschenden Verfremdungen, dieses Mal ganz ohne Effekte. Nur Eine steht auf der Bühne, in auf den Brettern festgenagelten Schuhen: Kathrin Angerer als Shen Te/Shui Ta. Ein starkes Bild. Und eine starke Kathrin Angerer. Die war so gut – am liebsten möchte man ihr eine Bahncard 100 kaufen, auf dass sie damit oft nach Leipzig komme.

 

Der gute Mensch von Sezuan
von Bertolt Brecht. Musik von Paul Dessau
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühnenbild: Thilo Reuther, Kostüme: Ellen Hofmann, Musikalische Einrichtung: Max Renne, Jörg Follert, Friederike Bernhardt, Live-Musik: Friederike Bernhardt, Max Renne, Video: Marc Stephan, Dramaturgie: Anja Nioduschewski, Licht: Veit Griess, Ton: Daniel Graumüller.
Mit: Kathrin Angerer, Birgit Unterweger, Peter René Lüdecke, Linda Pöppel, Maximilian Brauer, Artemis Chalkidou, Guido Lambrecht, Matthias Hummitzsch, Barbara Trommer, Janine Kreß, Friederike Bernhardt.

www.schauspiel-leipzig.de

 

Nachtkritiken zu weiteren Guter Mensch von Sezuan-Inszenierungen der jüngeren Vergangenheit: Thomas Dannemann führte in Stuttgart Regie (Januar 2011), Friederike Heller an der Schaubühne Berlin (April 2010).

 

Kritikenrundschau

Die Inszenierung überzeuge weniger auf der politischen als auf der emotionalen Ebene, so Nina May in der Leipziger Volkszeitung (15.4.2011). Die Spaltung ihrer Person in Shen Te und Shui Ta erscheine eher psychotisch, "vielleicht wie die Folge eines Burnouts - und nicht bloß als stereotype Aufteilung in gute Helferin und bösen Kapitalisten." Angerer, deren betörender Stimme man endlos lauschen will, spiele die Vermischung sehr überzeugend, in jeder Shui-Ta-Szene blitzt Shen Te durch und andersrum. Brechts Mantra - Die Umstände sind grausam, also kann auch der Mensch nicht gut sein - verliere seinen Fingerzeig auch dann nicht, wenn man seine Stilmittel beinahe parodistisch übertreibt, und Baumgarten verfremde auf allen Ebenen. Fazit: "Am Ende entsteht so der Eindruck, einem merkwürdig altmodischen Brecht-Happening beigewohnt zu haben, das dem Autor wohl gefallen hätte. In seiner Fremdheit, die Dessaus Musik noch verstärkt, ist das schon wieder irgendwie interessant, wenn auch mit dreieinhalb Stunden eindeutig zu lang."

Aus einer Video-Animation treten zu Beginn die Götter heraus - Karl Marx, Wladimir Iljitsch Lenin und Mao Tse-Tung - und ziehen fortan in blauen Anzügen, blauen Mützen sowie roten Halstüchern der alten Revolutionen von damals durch die Geschichte der Prostituierten Shen-Te, berichtet Michael Laages auf Dradio Fazit Kultur vom Tage (15.4.2011). Jenseits dieser postkommunistischen Grundidee gebe sich Baumgartens Leipziger Brecht-Schau extrem verspielt. "Sie setzt grundsätzlich auf sehr komödiantische Darstellungsweisen und beschwört eine Farce, eine Art Brecht-Comic. Die Methode strotzt die erste halbe Stunde über vor Phantasie, verliert sich dann aber ein bisschen zu schnell in den Niederungen der vom Autor extrem weit und breit und detailliert ausgefächerten Fabel." Kathrin Angerer spiele mit erkennbarem Spaß an der Sache das Doppel-Profil von Böse und Gut. Baumgartens Inszenierung finde teils flotte, teils freche szenische Lösungen, verharre aber letztlich in der Nähe zur Comedy.

Baumgarten lasse den Text "weitgehend vom Blatt spielen", mache aber trotzdem "kurzen Prozess mit dem Stück, in dem er es zur poppigen Farce auftakelt", schreibt Ralph Gambihler in der Chemnitzer Freien Presse (18.4.2011) Dabei mache der Regisseur allerdings "eigentlich nichts anderes, als das epische Theater Brechts mit seinen eigenen Mitteln zu modernisieren, also die Parabel um die Ex-Prostituierte und Tabakladenbesitzerin Shin Te noch einmal zu verfremden". Natürlich greife der "Pathos-Verweigerer" Baumgarten "zu anderen, nämlich den popkulturellen und massenmedialen Mitteln unserer Zeit". Das sei "stellenweise recht lustig", der Preis dafür aber hoch: "Vieles wirkt einfach verhampelt und verstrampelt und überfrachtet mit Einfällen, denen man anmerkt, dass sie jemandem eingefallen sind". Und dass es im "Guten Menschen" um einen "zeitlosen existenziellen Konflikt geht", nämlich "um den permanenten Selbstwiderspruch des zwischen Markt und Moral eingeklemmten Individuums - davon lässt der Abend wenig spüren". Da könne das "inspiriert aufspielende Ensemble" wenig ausrichten. Auch Kathrin Angerer nicht – "dabei spielt sie bewundernswert in der doppelten Hauptrolle, mit einem Anflug von Dämlichkeit die hilflos altruistische Shen Te, resolut - und brüchig den hartherzigen Vetter Shui Ta".

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