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Die schrägen Enkel der Liz Taylor

von Kai Bremer

Frankfurt, 14. April 2011. "Die Katze auf dem heißen Blechdach" zu inszenieren, ist kurz nach dem Tod von Elizabeth Taylor und den Fernseh- und Zeitungsberichten aus Anlass von Tennessee Williams' 100. Geburtstag kein leichtes Unterfangen. Immer wieder dieselben Bilder in den letzten Wochen – die Taylor im weißen Cocktailkleid, im Hintergrund Paul Newman mit dem Glas in der einen, der Krücke in der anderen Hand. Kann sich ein Theaterabend davon freimachen?

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Bettina Bruinier hat das am Schauspiel Frankfurt versucht. Margaret (Franziska Junge) trägt statt des weißen Kleids einen roten, faltenfreien Samtrock und ein weinrotes Jäckchen. Brick (Torben Kessler) braucht zwei Krücken, und sein Bruder Gooper (Sascha Nathan) trägt keinen seriösen Anzug wie im Film, sondern ein knapp sitzendes Hemd und zu kurze Hose, die den Blick frei gibt auf rote Socken.

Besoffen am Boden

Seine hängenden Schultern und sein Gesichtsausdruck verraten, dass er nicht der Anwalt ist, der um sein Erbe kämpft, sondern der Depp vom Dienst, dem seine grell gekleidete und mit einem beeindruckenden Schwangerschaftsbauch ausgestattete Frau Mae (Birte Schrein) zur Seite steht. Auch wenn Margaret und Brick miteinander sprechen, erinnert nichts an den Film. Sie schnattert ohne Ende, droht hin und wieder vor lauter Geplapper, das Atmen zu vergessen. Man könnte meinen, Brick besäuft sich nur, weil sie ihm unentwegt auf die Nerven geht.

In Frankfurt ist aber nicht nur alles anders als im Film-Klassiker. Die Inszenierung setzt auf die von Williams favorisierte Fassung des Stücks, die weniger optimistisch als die für die New Yorker Erstaufführung von Elia Kazan bearbeitete Version und erst recht als der Film endet. Die mutmaßliche Aussichtslosigkeit der von Williams bevorzugten Fassung unterstreicht die Frankfurter Aufführung, weil sich Brick beinahe den gesamten letzten Akt hindurch besoffen auf dem Boden rollt – unwahrscheinlich, dass er an diesem Abend noch ein Kind zeugt, worauf Margaret so sehr hofft.

Big Mama und der Klamauk

Doch über all die Bemühungen, den Film vergessen zu machen und das Drama in den Mittelpunkt zu rücken, scheint die Frage, was mit dem Stück eigentlich angefangen werden soll, übersehen worden zu sein. Wenn Bruinier überhaupt eine Idee hatte, dann wohl die, dass die "Katze" auch komische Seiten hat. Die Regisseurin spitzt die Aufführung derart zu, dass das Stück zu einer regelrechten Typenkomödie mutiert. Das liegt nicht nur an Gooper und Mae mit ihren fünf über die Bühne kreischenden Kindern. Vor allem ist es Traute Hoess als Big Mama, die als gute Seele der Familie und rabiate Schwiegermutter Leben in die Bude bringt. Im Vergleich zu ihr hat es Felix von Manteuffel als Big Daddy schwer, weil sich seine Figur schlicht zum Klamauk nicht eignet. Aber nicht nur seinetwegen trägt die Idee von der Komödie nicht recht.

Schließlich ist Brick eben nicht am Geschnatter seiner Frau verzweifelt, sondern über den Tod seines Freundes Skipper und wegen seiner latenten Homosexualität zum Alkoholiker geworden. In den ersten beiden Akten steht dann auch als leibhaftige Erinnerung an den toten Freund ein junger Mann im Hawaii-Hemd (Thomas Prazak) an einer Bar im Hintergrund und schenkt Brick fleißig nach. Diese immer wieder leise singende Figur steht im krassen Kontrast zum Gerede und Getue im Vordergrund, so dass man sich fragt, was sie tatsächlich leistet, was Kesslers Brick nicht auch hätte leisten können, wenn er nicht primär darauf beschränkt worden wäre, seine zunehmende Betrunkenheit auszuspielen.

Spektakuläres Bühnenbild

Wenn von der Frankfurter "Katze" mehr bleibt als ein paar Schenkelklopfer, dann liegt das am Bühnenbild (Barbara Ehnes). Am Anfang stehen Margaret und Brick hoch oben vor einer Tapete mit grünen Blumen-Rosetten. Zu ihren Füßen fällt eine gewaltige Schräge Richtung Publikum ab, auf der dann auch munter herumgestolpert wird und die deutlich an die weiß getünchte Holzfassade einer Südstaaten-Villa erinnert – fast so, als sei die Front vom Haus abgefallen.

Die Schräge wird nicht nur zur Ebene abgesenkt. Aus ihrer Mitte kann sich auch (kräftig ächzend) eine im floralen Muster der Oberbühne gehaltenes Wohnzimmer erheben. Wenn sich die Bühne verändert, ist das spektakulär und handwerklich beeindruckend. Aber es rettet keinen Theaterabend. So ist es auch kein Wunder, dass nach der Pause manch ein Sitz leer blieb. Dem überwiegenden Teil des Publikums aber scheint die Frankfurter Spaßkatze gefallen zu haben – zumindest ließ das der kräftige Schlussapplaus vermuten.


Die Katze auf dem heißen Blechdach
von Tennessee Williams
Regie: Bettina Bruinier, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Justina Klimczyk, Musik: Torsten Kindermann, Oliver Siegel, Video: Kerstin Polte, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Alexander Beck, Wilfried Elste, Traute Hoess, Franziska Junge, Torben Kessler, Felix von Manteuffel, Sascha Nathan, Thomas Prazak, Birte Schrein.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Im laufenden Tennessee-Williams-Jahr inszenierte Thomas Langhoff am Berliner Ensemble Endstation Sehnsucht. Mehr zu Bettina Bruinier gibt es im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

"In Frankfurt am Main kann man jetzt ein Lehrstück anschauen. Es ist ein Stück darüber, was Regie im Theater vermasseln kann", schreibt Peter Michalzik (Frankfurter Rundschau, 16.4.2011): "Wir haben also Darsteller, die sich auf der Bühne kaum bewegen können. Bis auf diese zweifelhafte Vorgabe interessiert sich die Regie dann aber überhaupt nicht mehr für sie. Warum macht man ein solches Stück, wenn man keine Idee hat? Dann doch wenigstens für die Schauspieler. Sie wirken hier aber, als seien sie sich bei den Proben selbst überlassen gewesen." Da machten sie dann, was alleingelassene Schauspieler tun: "Sie wühlen in ihrem Inneren, quetschen alle Gefühle hervor, die sie finden, und tun es mit dem größten Ernst, um zu beglaubigen, woran sie selbst nicht glauben können." Das ergebe dann diese untergründig gequälten, flehenden Blicke, während man verzweifelte Sätze herausschleudere. "Mancher Zuschauer mag das für echtes Gefühl halten, in Wahrheit tut es weh und erzeugt Mitleid. Kein Wille, kein Fleisch, kein Sex." Diese Aufführung sei seicht und gefällig, "08/15-Theater, ein Lehrstück aus dem Niemandsland der Beliebigkeit".

Torben Kesslers zur Schau gestellte Lustlosigkeit sei selbst "ziemlich lustlos. Desgleichen Franziska Junges Maggie. Sie hat die beste Figur des Ensembles und eine reine Seele; beide schimmern wunderbar durch ihren transparenten Unterrock. Doch allzu leichtpfotig hinweg springt sie über die Abgründe im Text hinweg", schreibt Jan Küveler (Die Welt, 16.4.2011). Hervorragend sei hingegen der Rest des Ensembles: "Manteuffels Big Daddy ist ein Gedicht der Dickköpfigkeit. Selbst seine Hosenträger sind griesgrämig"; Traute Hoess' Big Mama ist "ein Hausdrache, der den Whiskey zum Feuerspeien indes gar nicht nötig hat". Allesamt seien sie freilich Karikaturen: "Was bleibt? Eine Grinsekatz, deren Mitte - Maggie und vor allem Brick - leider nie so richtig Kontur gewinnt."

"Obwohl verdrängte Homosexualität unter Sportlern ein aktuelles Thema ist, sperrt sich das Südstaaten-Drama offenbar gegen eine entschlossene Aktualisierung oder eine radikale Neudeutung", behauptet Hubert Spiegel (FAZ, 16.4.2011). In Bettina Bruiniers Inszenierung sei dergleichen nicht einmal in Ansätzen zu sehen: "Es gibt kein Konzept, allenfalls einen Zug ins Komödiantische, der aber auch nicht weit trägt, will man die Figuren nicht der Lächerlichkeit preisgeben." Und das "ambitionierte Bühnenbild" werde dem auch zur Last: "Auf die schlichte Metapher des heißen Blechdaches setzt es die noch simplere Mechanik der schiefen Ebene". Zudem sei "die Katze, die Tennessee Williams im Titel ankündigt, ist bei Franziska Junge (...) eher ein Reh, das auf langen Staksbeinen über die halsbrecherisch schräggestellte Bühne stöckelt und verzweifelt nach seinen nicht vorhandenen Krallen sucht. Wenn es faucht, klingt das rührend: Bambi will ein Löwe sein".

 
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