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Im Visier der Rufmörder

von Thomas Askan Vierich

Wien, 16. April 2011. Alles scheint zunächst schräg: Die Bühne fällt nach links ab, die Leuchtstoffröhre hängt schief darüber, sogar das Programmheft wurde trapezförmig zugeschnitten. Doch dann erweist sich die Inszenierung Dieter Giesings zunächst als enttäuschend lustlos. Die Schauspieler sprechen ihre Texte im Ausfallschritt. Das sieht sehr ungelenk aus. Oder liegt es einfach daran, dass sie sich auf der abfallenden Bühne Halt verschaffen müssen?

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Joachim Meyerhoff
© Reinhard Werner

Giesing macht es ihnen auch sonst schwer: Er gibt ihnen kaum Requisiten. Da stehen ein paar Stühle, hängen zwei Huthaken, dazu ein Schreibtisch und fünf gleiche Türen. Alles ist weiß, medizinisch, weil wir uns in einer Privatklinik befinden. Und weil uns hier vorgeführt werden soll, wie die Welt funktioniert: Überall Intrigen, Vorurteile, schmutzige Politik. Und nicht zu vergessen: Antisemitismus!

Der glücklichste Moment eines traurigen Lebens

Hrm. Man fühlt sich als Zuschauer unterfordert. Sind wir hier in eine lehrreiche Schulaufführung geraten? Es ist durchaus eindrucksvoll, wie sich Professor Bernhardi aus innerer Überzeugung und Selbstüberschätzung immer mehr zum Spielball der politischen Intrigen macht. Aber man hätte durchaus ein paar Zwischentöne vertragen.

Bernhardi, Chef einer Wiener Privatklinik um 1900, glaubt nur seinem ärztlichen Gewissen folgen zu müssen und verweigert einem katholischen Priester den Zugang zu einer Todkranken. Weil die fälschlicherweise glaubt, sie sei geheilt. Gleich wird ihr Verlobter kommen, um sie zurück ins Leben zu holen! Der Priester mit seiner letzten Ölung würde sie wüst aus dem vielleicht glücklichsten Moment ihres ansonsten eher traurigen Lebens reißen. Aus dieser Weigerung Bernhardis machen die Feinde des Professors den bewussten Affront eines Juden gegen den christlich-katholischen Glauben. Bernhardi wird vor Gericht gezerrt und zu zwei Monaten Zuchthaus verurteilt. Er wird zum Opfer einer antisemitischen Hetzjagd, verraten von seinen Mitarbeitern, verraten von seinem Jugendfreund, dem Kultusminister, der vorgibt, sich für ihn einsetzen zu wollen – und dann aus politischem Opportunismus doch die Seiten zu den Antisemiten wechselt.

Weiterdenken kann eingestellt werden

So weit die bekannte Geschichte dieses Stückes von Arthur Schnitzler, das er kurz vor dem Ersten Weltkrieg schrieb und zu Zeiten der noch bekannteren Dreyfuß-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts ansiedelte. Die Empörung merkt man dem Stück an. Doch Schnitzler traf den Nerv. Sein Stück wurde von der österreichischen Zensur verboten und konnte nur in Berlin zur Uraufführung gelangen.

Auch 2011 sind die Parallelen zum Verfall der politischen Sitten im Österreich der Grassers und Strassers überdeutlich. Udo Samel als jüdischer Kollege Bernhardis prangert die Verlogenheit der Antisemiten und der ganzen Politik mit Schaum vor dem Mund an. Das Wiener Premierenpublikum ist begeistert. Sie hören, was sie hören wollen. Die Welt, insbesondere die Politik, ist schlecht und ist es schon immer gewesen. Super. Weiterdenken kann eingestellt werden. Antisemiten sind wir eh nicht, nie gewesen, sondern immer nur die anderen.

Ein Michael Kohlhaas in Weiß

Doch nach der Pause wird alles anders. Plötzlich ist Platz für Zwischentöne. Die Requisiten werden nicht zahlreicher, trotzdem agieren die Darsteller viel lebendiger. Besonders schön die Szene, als der Priester (Lucas Gregorowicz) den auch von ihm verleumdeten Bernhardi besucht und ihm gesteht, dass er vor Gericht einfach nicht den Mut hatte die Wahrheit zu sagen. Das trägt Gregorowicz fast unter Tränen vor. Roland Koch, der neben dem ministerialen Jugendfreund (Nicholas Ofczarek) den zweiten Hauptgegenspieler Bernhardis verkörpert, bleibt nicht beim Schwarz-Weiß stehen. Zumindest gab er den Anschein, dass er es ehrlich meinte und nicht nur auf den Job seines Vorgesetzten aus war.

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Auch Joachim Meyerhoff als Bernhardi entwickelt sich: Am Anfang musste man befürchten, dass er die Rolle des Michael Kohlhaas in Weiß zu lasch anlegte. Doch im vierten und fünften Akt entwickelt er mehr Temperament. Jetzt passt seine Lässigkeit zu Professor Bernhardi, der auf Rache und Revision verzichtet. Am Anfang ein Lächeln Bernhardis – und am Ende. So hat es Schnitzler gewollt, und so spielt es Meyerhoff.

Komödie voller Zwischentöne

Überhaupt muss man attestieren: Nach ungelenkem Beginn steigert sich das gesamte Team. Dazu trägt nicht wenig Branko Samarovski mit viel Wiener Schmäh als sozialdemokratischer Hofrat in Diensten des bis zum Schluss herrlich ambivalenten Nicholas Ofczarek bei. Ofczarek war auch der Einzige, der schon in der ersten Hälfte für Lebendigkeit auf der Bühne sorgte. Und so ist insgesamt festzustellen: Dieter Giesing ist es gelungen, seine Schauspieler auch in den kleinsten Nebenrollen zu Höchstleistungen zu animieren.

Giesing ist nicht bekannt für eitle Regieeinfälle. Eher für dezente, detaillierte Schauspielerführung. Das hat er an diesem Abend, zumindest in der zweiten Hälfte, eindrucksvoll bewiesen. Aus dem Lehrstück wurde doch noch eine Komödie voller Zwischentöne. Mit erschreckender Aktualität. So offen können antisemitische Vorurteile nicht mehr im politischen Tagesgeschäft instrumentalisiert werden. Aber die Mechanismen sind die gleichen geblieben. Auch heute könnte einem Professor Bernhardi Ähnliches widerfahren. Möglicherweise nicht mehr ausschließlich, weil er Jude ist. Doch Rufmord bleibt ein beliebtes Mittel der politischen Intrige.

 

Professor Bernhardi
von Arthur Schnitzler
Regie: Dieter Giesing, Mitarbeit: Johann Kresnik, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Fred Fenner, Musik: Jörg Gollasch, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Joachim Meyerhoff, Roland Koch, Caroline Peters, Udo Samel, Oliver Masucci, Klaus Pohl, Martin Schwab, Marcus Kiepe, Sven Dolinski, Christoph Luser, Stefanie Dvorak, Nicholas Ofczarek, Branko Samarovski, Lucas Gregorowicz, Bernd Birkhahn, Robert Reinagl, Florentina Kubizek/Sophie Resch.

www.burgtheater.at


Mehr Nachweise für Arthur Schnitzlers Aktualität? In Magdeburg inszenierte Claudia Bauer im April 2011 Schnitzlers Reigen.

 

Kritikenrundschau

In Schnitzlers Komödie werde "die österreichische Neigung zum Antisemitismus derart wirkungsvoll aufgedeckt, dass man gar nicht so viel essen kann, wie man kotzen möchte", schreibt Norbert Mayer in der Presse (18.4.2011). "Hat das aber noch mit uns zu tun? Ja. Die subtile Inszenierung von Dieter Giesing (…) macht Professor Bernhardi zu unserem Zeitgenossen. Vorbildlich scharf werden die Wirkungsweisen von Ressentiments, die Beschränkungen der Politik und menschliche Schwächen herausgearbeitet." Giesings Kunst bestehe darin, "dass er alle Tempi beherrscht. Beinahe schleppend ist der Beginn, um sich dann zu dichtesten Szenen zu steigern." Mayers Sonderlob verdient sich Branko Samarovski, der den "zynischen und zugleich humanen Dr. Winkler mit nicht zu überbietender Raffinesse" gebe. Samarovski rage heraus, "in einer Aufführung, die von Charakterköpfen wimmelt".

"Giesings im allerbesten Sinne 'werktreuer' Bernhardi-Inszenierung eignet etwas Untröstliches", meint Ronald Pohl im Standard (18.4.2011). "Äußerlich kühl, klar und jederzeit nachvollziehbar analytisch, reißt sie doch mit lapidarer Geste den Schleier weg vor dem Abgrund des Judenhasses". Meyerhoffs Bernhardi besitze "das Gemüt eines schlaksigen Boxers, der die Schläge seiner viel zu vielen Gegner im Nu auspendelt – mit grämlichem Mund und mit ermüdeter Seele." Meyerhoffs Darstellung werbe "keinen Augenblick lang um wohlfeile Zustimmung; sie enthält eher die Leidenselemente der Shylock-Erzählung. Die Verletztheit Bernhardis, die Ohnmachtsattacken eines psychisch Versehrten, sie gehören einer Sphäre an, in der die Scham das Gefühl, gegenüber den Hetzern recht zu behalten, bei weitem überwiegt. Meyerhoffs meisterlicher Bernhardi bildet das finstere, zutiefst beklemmende Zentrum einer klug gedachten Inszenierung."

"Staatskunstverschwendung! Kein Privattheater, keine Freie Gruppe könnte die hundert teuersten Sitze an jedem Spieltag abschrauben lassen für ein Konversations-Kammerspiel", erregt sich Hans Haider in der Wiener Zeitung (18.4.2011) über die Bühnenbild-Überbauung der vorderen Zuschauerreihen. Die "Angst der Burgherren vor dem Guckkasten" erklärt sich Haider damit, dass "Schnitzlers Relikt aus den politisch-kulturellen Grabenkämpfen des späten 19. Jahrhundert hinter einem vergoldeten Bühnenrahmen erst recht museal" wirke. Immerhin lasse sich auch hundert Jahre später "beschämende Aktualität aus diesem Tendenzstück herausklopfen". Und Giesings Herrenensemble imponiere "mit raumgreifenden Bewegungen (von Johann Kresnik trainiert) und exaktem Sprechen. Große, hinreißende Kaliber!" Jedoch "fehlen in ihrem Wortkonzert typisch wienerische Nuancen, in denen mitschwingt, was nicht ausgesprochen wird". Meyerhoff als Bernhardi illustriere "lehrbuchgerechten Moralismus", habe aber "im Schnitzler-Erinnerungsmuseum keine Vitrine erobert".

"Dass Dieter Giesings bis dahin eher staubtrockene Inszenierung am Ende nah am Wasser gebaut hat, ist durchaus signifikant für den dreistündigen Abend am Wiener Burgtheater", schreibt Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung, 19.4.2011): Der menschenfreundliche Regisseur beuge sich über Schnitzlers "nicht als Zeitdiagnostiker oder Chirurg mit scharfem Skalpell, sondern als milder szenischer Allgemein- und Humanmediziner. Und leider auch als Narkosearzt, der streckenweise für gähnende Langeweile sorgt". Giesing mache sich "gewissermaßen den Standpunkt der Titelfigur zu eigen, die ihren Fall nicht als Politikum verstanden und also instrumentalisiert wissen will, dabei aber die Lage verkennt". Meyerhoff wirke in seiner Rolle "gebremst", "merkwürdig" fremdele er in ihr: "Die Figur scheint er sich nur flüchtig wie einen Arztkittel übergestreift zu haben, ein Professor Unrat der Besetzungs-Politik." Alles ende schließlich "ironisch-versöhnlich mit ein paar kathartischen Kullertränen (...). Man sollte Österreich an allen vier Ecken anzünden, heißt es einmal im Stück. Das vielleicht gerade nicht, aber die Luft, sie hätte schon brennen müssen bei diesem Stück."

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.4.2011) über Schnitzlers Stück: "Garniert mit witzigen, nicht uneitlen Seitenhieben auf praktisch alle (…) schrieb Schnitzler eine durchaus langatmige Salonkomödie, die sich satirisch-sarkastisch mit dem primitiven Antisemitismus seiner Zeit auseinandersetzt." Eigentlich, so Lhotzky, sollte es "selbst in Wien" nicht mehr möglich sein, dass der "Professor Bernhardi" aufgeführt werde, als "lägen die gewaltigsten Probleme mit Antisemitismus im Berufsneid der nichtjüdischen akademischen Kollegen und bei bornierten Regierungsmitgliedern". Giesing, unterstützt von einem großartigen Ensemble, gelinge dies Kunststück aber doch. "Ein bisschen zu sarkastisch" lege Joachim Meyerhoff den Bernhardi an. Als Doktor Ebenwald, bleibe ihm Roland Koch nichts schuldig und setze "mit großer Verschlagenheit immer noch eins drauf". Nicholas Ofczarek gebe den Minister Flint mit unverbindlichem Lächeln, das "nur ganz selten entgleitet", Caroline Peters versuche als Dr. Cyprian Ruhe in die turbulenten Sitzungen zu bringen, und Udo Samel oder Martin Schwab dürften "hemmungslos outrieren". Knapp drei Stunden, "die man in dieser fröhlichen Ignoranz heute nicht mehr erwartet hätte".

Ganz anders Peter Kümmel in der Zeit (20.4.2011): Er entdeckt etwas, dass der Boden unter der Komödie klingt hohl, weshalb die Schauspieler auf Karl-Ernst Herrmanns Bretterbühne heftig poltern. Auch unter dieser Bühne ist der Boden hohl. Joachim Meyerhoff zeige die Figur des Bernhardi nicht von "milder Resignation" geprägt, sondern von "Erregbarkeit, ein gereiztes Genauigkeits-, Gerechtigkeits-, Wahrhaftigkeitsempfinden. Der Mann ist ein erhitztes System, welches durch Selbstberuhigungsmaßnahmen (begütigendes Lächeln, leise Summtöne) gekühlt werden muss." Die Wiener Inszenierung sei vor allem das "Schauspiel seiner Selbstzügelung". Modern sei auch seine Neugier: "Es ist die Neugier, mit der ein Jude aus dem Nach-Holocaust-Zeitalter auf einen Juden aus dem Vor-Holocaust blickt." Professor Bernhardi sei ein "Spiel unter Männern", und Giesings Kunst die "Darstellung von Männern in der Blüte ihrer Jahre – hoch fliegend und immer zu nah an der Sonne". Udo Samel und Martin Schwab, die halsstarrigen Alten bildeten den "moralischen Rest", der das System, das über Leichen gehen wird, noch aufhält. Nicholas Ofczarek spiele den Minister, der dieses System verkörpere: "Ein von seiner eigenen Machtfülle gerührter Bursche mit schwimmenden Augen schreitet herein, bubenhafte Peter-Alexander-Blicke in den Saal werfend, tänzelnd: meine Show, das alles." Es sei ein "feines System des gegenseitigen Verstehens und Verachtens" zwischen diesen beiden Männern. Meyerhoff und Ofczarek spielten es "famos": Wenn Bernhardi ihn durchschaue, steige in Flints Gesicht ein geschmeicheltes »Erraten«-Lächeln auf. "Einer wird leben, der andere wird sterben. Beide haben in diesem Moment die Zukunft erraten."

 
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