Spieglein, Spieglein an der Wand

von Matthias Weigel 

Berlin, 28. April 2011. Jede Theaterproduktion mit jugendlichen Schauspielern wird sich ab jetzt an Maurice, Zoë, Ramses, Fons, Tasja, Robbe und Aiko messen lassen müssen. Aber nicht nur das. Auch als Stück über das Älterwerden, über das Altgewordensein und über das Noch-Nicht-Altgewordensein ist die neue Gemeinschaftsproduktion von Gob Squad und dem belgischen Kunstzentrum Campo ein Coup: "Before Your Very Eyes" heißt sie, und da passiert es, direkt vor deinen Augen, das gutgelaunte und nachdenkliche, kinderleichte und tieftraurige, spielerische und grausame Theaterglück.

Abgründig ist dabei vor allem das Setting: Die sieben (belgischen) Kids zwischen acht und 14 Jahren sind in ihrem verspiegelten Kubus auf der Bühne den Blicken ausgesetzt, ohne selbst zurückschauen zu können. Von außen sind die Spiegel durchsichtig, und wie in einem Laborexperiment können wir die kleinen Lebewesen in ihrem natürlichen Lebensraum betrachten. Dort werden sie hineingeworfen, um sich zu Queens "Don't stop me now" ihre Seele aus dem Leib zu tanzen, bessergelaunt, fetziger und mitreißender als in jeder Haribo-Werbung.

In der Zeitschleife

Auf das Kommando einer ebenso freundlichen wie bestimmten, weiblichen Erzähler-Erzieher-Experimentleiter-Stimme aus dem Off werden sie im Laufe des Abends mehrere Zeitschleifen vollführen und dabei auf ihre eigene (verhältnismäßig kurze) Vergangenheit zurückblicken, in ihre nahe und ferne Zukunft vorausblicken, sowie als Greise auf ihr noch nicht gelebtes Leben zurückblicken.

Ramses kann vor Scham kaum zusehen, wie sein jüngeres Ich den Liebesbrief der damaligen "Freundin" vor laufender Kamera vorliest. "Ich hatte damals ja noch überhaupt keine Ahnung von Frauen", analysiert er heute knallhart – immerhin ist er jetzt ganze zwei Jahre älter und weiser. Herzzerreißend ist es, wenn der frühere Robbe voller Stolz seinen formbaren Gummiball in die Kamera hält mit der Gewissheit, das beste Spielzeug auf Erden gefunden zu haben, und fragt: "Wirst du später noch mit dem Gummiball spielen?" – "Äh, Robbe... dieser Gummiball, der ist nicht cool", raubt der heutige Robbe alle Illusionen. Wie viel zwei Jahre doch ausmachen können.

Dann plötzlich: Schwarzer Lippenstift, Glitzeroberteile und (falsche) qualmende Zigaretten. Die Pubertät ist erreicht. In ihren Zeitreisen bewegen sich die Jugendlichen auf dem schmalen Grat zwischen kindlichem Fantasiespiel und eiskalter Unberechenbarkeit: Einerseits Schminkspaß und Verkleidung, andererseits werden Bilder von U-Bahn-Schlägern und Happy-Slapping-Banden wachgerufen.

Grau gepudert, Frau betrogen

Der soziale Horror zeigt sich schließlich auf Zoës 45. Geburtstagsfeier, das Alter, in dem man seinen Kindern Mützen aufsetzt, wenn einem selbst kalt ist. "Ramses, rede mit Fons über den Rotwein und demonstriere ihm dein Wissen", befiehlt die mächtige Stimme. Und weiter: "Fons, staune anerkennend. – Denke dir: Was für ein scheiß Angeber". Ob die Kids wohl damit rechnen, dass das in 30 Jahren vielleicht tatsächlich auf sie zukommt? Habe ich eigentlich damit gerechnet? Welcher übermächtigen Stimme füge ich mich?

Wenn die Jungperformer mit Puder ergrauen, heben die Worte aus dem Jenseits jedenfalls zu den ganz großen Fragen an: "Was hättest du in deinem Leben anders machen sollen? Was hast du gut gemacht?" Die jungen Greise geben Antworten, die von "Frau betrogen" bis "Kätzchen gerettet" reichen, dann aber schnell mit einem schnulzigen "Non, je ne regrette rien"-Playback hinweggewischt werden. Ist doch alles nur Quatsch.

She She Pop und ihre Väter schafften es in Testament mit ihren privaten Problemen gepaart mit Shakespeares König Lear ganz universelle Generationen-Fragen zu stellen, die einem nahe gehen. Gob Squad (die sich ja zum Teil mit She She Pop überschneiden) und "ihre" Kinder gehen nahe, indem sie zwischen unschuldigem Spiel und eiskalter Abgeklärtheit changieren; indem sie ganz direkt unsere großen Lebensängste ansprechen, gleichzeitig aber von einer Stimme ferngesteuert werden und in einem Glaskasten hocken, uns nach dem Lebensglück befragen und uns verlachen – ist doch nur Spiel.

Kinderantwort auf Erwachsenenfragen

Dabei darf man die handwerkliche Perfektion, die die jungen Akteure an den Tag legen, nicht unterschätzen. Ob Gob Squad nun Naturtalente gecastet hat, die Schützlinge perfekt vorbereitet sind oder auch das Spiegelkasten-Setting seinen Dienst leistet: Selten haben Jugendliche so ungehemmte Spielfreude gelebt, durchwegs so interessante Charaktere durchscheinen lassen, so sauber und präzise gearbeitet.

Und das alles so federleicht, als wäre es für acht- bis 14-Jährige die natürlichste Sache der Welt, mal eben einen so beeindruckenden Abend ins HAU zu zaubern. Maurice, Zoë, Ramses, Fons, Tasja, Robbe und Aiko sind unsere sich immer wieder überschneidenden Altersschablonen. Sie spielen zwar Kinderspiele, aber mit erwachsener Bühnenpräsenz. Sie stellen erwachsene Fragen und werden herumkommandiert. Sie antworten als Kinder auf Erwachsenenfragen. Und wir, wir wären gerne mal wieder Kinder. Aber am besten ganz erwachsene.

Before Your Very Eyes (UA)
Konzept, Design und Regie: Gob Squad (Johanna Freiburg, Sean Patten, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will), Performance Coach: Pascale Petralia, Kostüme: An Breughelmans, Gob Squad, Sounddesign: Sebastian Bark, Jeff McGrory, Gob Squad.
Mit: Maurice Belpaire, Zoë Breda, Ramses De Ruyck, Fons Dhossche, Tasja Doom, Robbe Langeraert, Aiko Vanparys; Stimme: Rigley Riley.

www.hebbel-am-ufer.de
www.campo.nu/drupal
www.gobsquad.com

 

Diese Inszenierung wurde von den Lesern für das virtuelle nachtkritik-Theatertreffen 2012 ausgewählt. Mehr zu Gob Squad gibt es im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

Mit Begeisterung nimmt Christian Rakow in der Berliner Zeitung (30.4.2011) diesen Abend auf. Die deutsch-englische Performancegruppe Gob Squad arbeite "an einer neuen Art der Schelmenkunst. Auf den ersten Blick wirkt alles glitzernd, unbeschwert, albern bisweilen. So wie hier zum Auftakt, wenn 'Don't Stop Me Now' von Queen aus den Boxen dröhnt und die Kids eine atemlose, zappelige Eröffnung tanzen. 'Wir sind hier, um Spaß zu haben', lautet die Ansage. Aber anschließend geht es doch ums Ganze, um die Erfahrung von Zeit und Vergänglichkeit, um das Leben schlechthin." In seiner Grundstimmung gleicht dieser Abend aus Rakows Sicht dem diesjährigen Theatertreffen-Beitrag 'Testament', in dem die Gruppe She She Pop (von der einige Mitglieder auch bei Gob Squad mitwirken) mit ihren echten Vätern anhand von 'König Lear' Erbschaftsfragen, Familienbeziehungen und Lebenswege konkret beleuchten." Hier jedoch erdeten sich "die schlauen Pop-Performer" nun existenziell, "sie werden - bei allem lässigen Gestus - sentimentaler, anrührender."

Gob Squad stehe für das in die Jahre gekommene Avantgarde-Theater der neunziger Jahre, befindet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (3.5.2011). Um sich dann verwundert die Augen zu reiben: "Die Kinder spalten sich auf - in die Kinder, die sie sind, und in die Jugendlichen, Erwachsenen, Alten, die sie einmal sein werden." Erwachsen zu sein, stellten sich die Kinder, "vielleicht zu Recht und aus eigener, gnadenloser Anschauung heraus", als eine endlose, fürchterlich öde Stehparty vor. "Was die Inszenierung neben den umwerfenden Darstellern so bezaubernd macht, ist die gänzlich unsentimentale Verbindung zwischen dem leichten, heiteren Spiel und der nüchternen Melancholie des Erwachsen- und Altwerdens. Es ist wahrscheinlich, zumindest für den etwa 46-jährigen Teil der Zuschauer, die schönste und wahrste Aufführung des Jahres."

 

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