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Sackgassen der Emanzipation

von Dieter Stoll

Nürnberg, 30. April 2011. Am Ende steht der Name der gescheiterten Amazonen-Königin, die in besinnungsloser Raserei den geliebten Achill zerfetzt und damit ihr eigenes Leben als Gegenentwurf zur brutal besitzergreifenden Männerwelt vernichtet hat, wie ein Menetekel an der Wand. In Versalien ist PENTHESILEA hingeschrieben, nicht etwa mit dem Theater-Blut, das in Eimer-Portion bereit steht für die unvermeidliche Kolorierung von Kleists wortgewaltig sudelndem Trauerspiel, sondern mit blankem Wasser.

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© Marion Buehrle

Während die Frauen die Gedenk-Buchstaben mit bloßen Händen malen, beginnen sie bereits wieder zu verblassen. "Nun ist's gut", sagt die tragische Heldin und stirbt. Eines der starken Bilder, die Regisseurin Kathrin Mädler für ihre kluge, wenn auch gelegentlich überanstrengte Nürnberger Inszenierung des gefürchteten Stückes gefunden hat.

Sie hat ausdrücklich eine Fassung "nach Heinrich von Kleist" gewählt, setzt ihr Ensemble aus drei Frauen und einem Mann wie einen Wellenbrecher gegen die Erwartung an die Kolossal-Klassik ein und duckt sich dennoch nicht ins Studio-Kleinklein weg. Indem sie das Ungeheuerliche des Kleist-Entwurfs handlich macht, gibt sie ihm eine neue, begreifbare Größe.

Jede ist Penthesilea

Wenn die knapp zweistündige Aufführung beginnt, ist bereits alles verloren. Blick zurück, Zorn inbegriffen. Der Tor-Wächter zum "Reich der Schatten" schält sich aus seinem Pelz, schlägt das große Mythenbuch auf und muss einspringen, wo Not am Mann ist. Auch den liebenden Achill, der sich trickreich die Gunst der streitbaren Königin erschleichen will, repräsentiert er. So wie er den Chronisten und Schrittmacher im Drama auf unwillig staunender Distanz hält. Männer haben in diesem Gefecht nichts zu bestimmen und nichts zu erkennen. Michael Nowack gibt dem Sortiment der Randerscheinungen eine Naivität, die sich ins Gedächtnis einbrennt.

Das Heer der Amazonen und ihrer Anführerin besteht aus drei Personen, die in gleitendem Wechsel die Rollen tauschen. Jede ist auch Penthesilea. Sie tauchen nach Luft schnappend wie Ertrinkende auf, streifen ihre Weibchen-Hüllen bis auf die Unterwäsche ab und suchen den Weg, der nur ins Unheil führen kann. Mit Rebecca Kirchmann, Josephine Köhler und Henriette Schmidt sind drei gleichwertige Schauspielerinnen im Einsatz, die den großen Verzweiflungs-Ton wagen, ohne sich von ihm beherrschen zu lassen, und die Körpersprache mitschwingen lassen.

Fiebrig erzählte Ereignisse

Kathrin Mädler schickt die Figuren in die Rückblende und lässt sie am Text stutzig werden. Immer wieder gibt es Stellen, in denen verwundert zum Überprüfen auf Replay geschaltet oder im anschwellenden Stimmengewirr die Ordnung der glatten Kunst-Exekution außer Kraft gesetzt wird. Bühnenbildnerin Uli Remmert türmt ein Chaos von Requisiten rund um karierte Ikea-Plastiktaschen auf (Kostümbildnerin Mareike Porschka schnörkelt Tüll-Minis für den Emanzen-Abfall) und zieht dahinter einen Laufsteg aus sechs Tischen als geordnete Zweit-Ebene ein. Wenn zwei Amazonen ihre rasende Königin an beiden Beinen aus dem Kampf zerren und dann freudlos "Triumph" rufen, weiß man Bescheid über das, was endlich im Reim-Missverständnis von "Küsse/Bisse" sein unendlich trauriges Ende findet.

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Man kann nicht sagen, dass der geradezu zwanghaft zum Scheitern führende Kleist-Text in Nürnberg völlig unfallfrei über die Bühne ging. Wenn Kathrin Mädler die Amazonen pantomimisch mit Pfeil und Bogen hantieren lässt, ist das im Schattenwurf auch für die Karl-May-Festspiele brauchbar, und manche der fiebrig erzählten Ereignisse verschlucken sich denn doch am Dampf der eigenen Hochdramatik. Was die Aufführung auszeichnet, ist ihr sicheres Gefühl für Bilder, die dem Text standhalten. Und das Vertrauen auf die Schauspieler, die der latent drohenden Verführung zum dröhnenden Pathos meist souverän widerstehen.

Talent für Metaphernbeschaffung

Die Frage, ob denn heute eine große "Penthesilea"-Aufführung denkbar oder wünschenswert ist (in Nürnberg gab es seit Menschengedenken keine und nur ein älterer Premierenbesucher erinnerte sich an eine Tournee vor 50 Jahren mit Maria Becker im benachbarten Erlangen), drängte sich im lang anhaltenden Schussbeifall nicht auf. Für Mädler, die inszenierende Dramaturgin mit dem Talent für Metaphernbeschaffung, ist diese zweite Regie nach dem letztjährigen Überraschungserfolg von Peter Weiss' Die Ermittlung eine Bestätigung. Nicht ganz auf gleicher Höhe, aber sehr eindrucksvoll. Sie wird nächste Saison mit der Uraufführung eines Stücks von Lukas Hammerstein weitermachen.

 

Penthesilea
nach Heinrich von Kleist
Inszenierung: Kathrin Mädler, Bühne: Ulli Remmert, Kostüme: Mareike Porschka, Licht: Tobias Krauß, Dramaturgie: Host Busch.
Mit: Rebecca Kirchmann, Josephine Köhler, Henriette Schmidt, Michael Nowack.

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Die Regisseurin Kathrin Mädler, 1976 in Osnabrück geboren, ist promovierte Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin. Ihre erste Regiearbeit war 2009 die Inszenierung von Peter Weiss' Auschwitz-Oratorium Die Ermittlung auf dem ehemaligen Reichsparteigelände in Nürnberg.

 

Kritikenrundschau

Um die "Entpuppung einer Frau" gehe es Mädler, schreibt Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (2.5.2011). "Unter den kecken Taftröckchen à la Vivienne Westwood erscheint weiße Männer-Unterwäsche – altmodisch wie bei der Bundeswehr und, naturgemäß, mit Eingriff!" Mädler habe den Text stark gekürzt, "dafür aber weitere Texte (warum auch immer) schnipselhaft eingefügt: etwa von Andersens kleiner Meerjungfrau und anderen weiblichen Unglückskreaturen. Das bringt herzlich wenig." Wer das Stück nicht kennt, werde seine Not haben, die komplexe Liebesgeschichte im Waffenklirren der Worte nachvollziehen zu können.

Richtig gut werde dieser Abend, wenn Kleist gespielt werde, findet Katharina Erlenwein in den Nürnberger Nachrichten (2.5.2011): "Mädlers dramaturgische Finte, die Titel- und weniger weitere Frauenrollen zwischen Rebecca Kirchmann, Josephine Köhler und Henriette Schmidt rotieren zu lassen, geht ausgezeichnet auf, auch wenn der Text manchmal die Wucht einer großen Tragödin verlangen würde und nicht nur die eindrucksvolle Wut fast jugendlicher Schauspielerinnen." Liebe, Verzweiflung und ohnmächtige Wut steigerten die drei Schauspielerinnen effektvoll, meist ins Nichts der imaginären Kampfzone vor Troja sprechend.

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