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Locker dümpeln

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 30. April 2011. Zu mehreren Grillpartys unter befreundeten Ehepaaren sind sie eingeladen worden, die beiden Singles "Er" und "Sie": "integriert – ich weiß zwar nicht in was", aber jedenfalls tief "hinein in ihr Soziales, in ihren Gemeinschaftskörper", weil "den Volksmund öffnen wir und laden ein"! So ätzt "Er". "Sie" kennt "Liebe eigentlich nur aus dem Kino", gibt sich voll emanzipiert und selbstbewusst und wundert sich dann doch, "warum jeder Zentimeter dieses Körpers verrät, dass ich in der Provinz geboren wurde". Aber "der Körper ist ein Gift solang er lebt", möglicherweise ja schon deshalb, weil "ein Frauenkörper immer zu viel Materie hat für eine Idee".

Da passiert also schon mal ein stinknormaler "bürgerlicher Beischlaf", von dessen Zustandekommen und Folgen Ewald Palmetshofer, österreichisches Theater-Liebkind in der Dreißiger-Generation, in seinem 2009 im Wiener Schauspielhaus uraufgeführten Stück faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete erzählt. Genauer: erzählen lässt, denn "Er" und "Sie" sind ja nicht selbst da, sondern die sechs (drei mal zwei) anderen Partygäste berichten.

Und sei's auch nur ein bisserl Neid

Palmetshofer spaltet regelmäßig die Geister: Werner Schwab und Elfriede Jelinek heruntergeschraubt auf bekömmliche Boulevard-Remakes? Ja, stimmt schon. Aber der Autor liefert garantiert dramaturgisch dankbares, sprachspielerisch zurechtgeschliffenes Material.

Darauf setzt und damit spielt auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses Anna-Sophie Mahler. Sie, die gerne und liebevoll auf Figuren und Paare zoomt, richtet diesmal wirklich kleine Scheinwerfer auf sie: Eine Jede und einen Jeden lässt sie in die Rollen von "Ihr" und "Ihm" schlüpfen, wirklich "Sie" und "Er" sein. Und das ist gut so, weil ja alle sechs Normalmenschen ein wenig was fühlen von und mit den beiden – und sei's auch nur ein bisserl Neid. Dann wird also der Spot hingedreht auf die Figur, die gerade etwas sagt, was gelegentlich in Rhythmus oder Wort-Versatzstücken tatsächlich nach Faust und Grete klingt.

Im Brackwasser des Small-Talk

Anna-Sophie Mahler malt lustvoll und lädt ein, optionale Tiefen und vorhandene Untiefen dieses Stücks zu ertauchen. Von den drei Paaren erfahren wir in der Party-Situation um einiges mehr, als im Text steht, weil sich die Regisseurin körpersprachliche Kleinszenen ausdenkt. Verena Lercher, Leon Ullrich, Katharina Klar, Thomas Frank, Pia Luise Händler, Fritz Köhler umzingeln den rauchenden Griller, turteln, streiten, spielen Party-Theater – und sind so stinknormal wie nur.

Mit solchen Figuren lässt sich kein Staat, bestenfalls Theater machen. Da wird in Anna-Sophie Mahlers Inszenierung vieles deutlicher als in Palmetshofers Vorlage. Aber die Regisseurin desavouiert den Autor nicht: Auch sie bleibt ganz locker und dümpelt wie der Text im Brackwasser des Small-Talk.

Der Mensch ist eine leere Socke

Goethe werden der Titel und die Zitate schon nicht kratzen. "Wie er's denn hält mit ...", "Man müsst sich selber ...": So wird bei Palmetshofer angebandelt. Ein wenig Glück sollte wohl sein dürfen: "Es gleitet ab, das Glück und schmiert die glatte Wand hinunter ... weil einen Saugnapf hat es nicht, ein Glück". Mit dem "Innerlichkeitswert" (durch Kapital-Zufuhr) ist's auch nicht weit her, weil wenn man Menschen umstülpt, so wird uns schwarzmalend erklärt, "fällt keine Innerlichkeit raus", so wie aus einer Socke auch kein Fuß rausfalle.

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Wie dem auch sei: "So eine Welt macht uns keiner schlecht", auch wenn Sie/Grete zuletzt ihr von ihm/Faust gezeugtes Kind tötet. Da landen wir am Ort des Verbrechens, er wird mit Absperrbändern umzäunt. Faust, hauptberuflich "auch humanitär", ist derweil in die Dritte Welt gegangen, Latrinen bauen. Und die Party-Teilnehmer? Die schauen sich "um 22 Uhr die Sondersendung an" und sind froh, dass die Namen der Freunde, also die ihren, öffentlich nicht genannt werden.

 

faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete
von Ewald Palmetshofer
Regie: Anna-Sophie Mahler, Bühne und Kostüme: Sophie Krayer, Dramaturgie: Regula Schröter. Mit: Verena Lercher, Leon Ullrich, Katharina Klar, Thomas Frank, Pia Luise Händler, Fritz Köhler.

www.schauspielhaus-graz.com

 

Vor drei Jahren war der Autor Ewald Palmetshofer mit hamlet ist tot. keine schwerkraft zum ersten Mal zu den Theatertagen nach Mülheim eingeladen. Zwei Jahre später, 2010, war faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete für den dort alljährlich vergebenen Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Sein neuestes Stück tier. man wird doch bitte unterschicht wurde im September 2010 in Dresden uraufgeführt.

 

Kritikenrundschau

Julia Schafferhofer beschreibt Palmetshofers Stück in ihrer Mini-Kritik für die Kleine Zeitung (1.5.2011) als "ein satzmäanderndes, sprachlich scharf geschossenes Frage-Antwort-Spiel, das an Faust-Motive vor dem Hintergrund des Kapitalismus anknüpft". Anna-Sophie Mahler hebe den "klugen, wortgewaltigen Text mit einem großartigen Ensemble (...) behutsam auf die Probebühne. Die Musik (...) geht dabei unter. Viel Beifall."

"Inmitten von Pärchenscheiße und Dialogen, die, wenn es ernst wird, nur beiseitegedacht und dem Gegenüber nicht ins Gesicht gesagt werden", werde bei Palmetshofer über Glück, Liebe und den Kern des Menschen sinniert, so Colette M. Schmidt im Standard (2.5.2011). In den Pärchen-Dialogen rissen die Sätze "oft ab, als rinne diesen der Sinn aus, bevor sie fertig sind", während sich Fausts Monologe am Rande der Party auftürmten und "versuchen, von Werner Schwab zu sein". Florian Köhler erfülle als Fritz/Faust jeden Satz "mit Leben, arbeitet genau am oft schwülstigen Text". Daneben beeindruckt Pia Luise Händler als "gestresste Mutter (...), die ihr Babyphon wie einen Mühlstein um den Hals trägt".

 Die Kritik, die Palmetshofer formuliere, sei "durchaus heutig und setzt sich mit Gruppenzwang ebenso auseinander, wie mit dem verordneten Glücksgefühl und dem krampfhaften Verweilen an der Oberfläche", schreibt Michaela Reichart in der Kronen Zeitung (2.5.2011). Mahler setze nicht auf Ausstattung, sondern ganz auf ihre Darsteller. Für Verwirrung sorge es, wenn "nicht immer gleich deutlich wird, dass gerade ein Rollenwechsel stattgefunden hat". Und "auch die Monologe hätten etwas präziser gearbeitet werden können", einzig Köhler "vermag die verschachtelten Texte auch inhaltlich gut zu vermitteln". Trotzdem: "ein dichter, spannender Abend".

 
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