Right here, right now

von Jan Lazardzig

Chicago, 1. Mai 2011. Historische Reenactments waren die längste Zeit in den Händen von heißblütigen Freizeithistorikern, kriegsverliebten Kostümfetischisten und national gestimmten Memorabiliensammlern. Nun machen sich in Pittsburgh (Howling Mob Society) und Chicago (Pocket Guide to Hell) Akteure der Freien Szene daran, die vielleicht amerikanischste aller Theaterformen (neben American Football) für ihre Zwecke umzuwidmen.

Wie in den großen Civil War-Reenactments, die Jahr für Jahr, Saison für Saison, Wochenende für Wochenende Hunderttausende Amerikaner in den historischen Ausnahmezustand versetzen ("How to get started in Civil War Reenacting", so der Name eines Programms zur Nachwuchsgewinnung), geht es auch hier um alles, nämlich die historische Wahrheit. Truth-telling ist angesagt. Doch dass diese Off-Off-Reenactments eine ähnliche Massenbewegung werden, steht nicht zu befürchten, denn ihre Wahrheiten sind weitaus unpopulärer.

Eine Parlamentsbesetzung in Wisconsin

Auch die Reenactment-Industrie, die den Kostüm- und Requisitenfetischismus der detailversessenen Geschichtsperformer bedient, wird bei den Neulingen wohl keine neuen Käuferschichten erschließen. Denn anders, als bei den etablierten Reenactments, geht es hier nicht um das peinlich genaue Nachvollziehen ewiger Entscheidungsschlachten im originalgetreuen Kostüm und auch nicht um das gemeinschaftliche Campingerlebnis eines Infanterie-Korps. Die neuen Akteure agieren vielmehr im Geist der Grassroot History, der History from Below, die sich in den 1960er Jahren gegen hegemoniale Geschichtserzählungen zur Wehr setzte (in Deutschland am ehesten zu vergleichen mit den alltags- und sozialgeschichtlich arbeitenden Geschichtswerkstätten).

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© Yoni Goldstein

Archivrecherchen und Quellenkritik gehen diesen Reenacments voraus. Nicht das Erleben des Civil War steht auf dem Programm, sondern die ebenso bunte wie kritische Erschließung der amerikanischen Arbeiter- und Protestbewegung. Den aktuellen politischen Hintergrund stellen die Proteste im Bundesstaat Wisconsin dar, wo ein Gesetz den Gewerkschaften das Recht nehmen soll, für alle Angestellten im öffentlichen Dienst kollektiv Tarifverhandlungen zu führen. Protestierende Lehrer haben daraufhin über Wochen das Parlament besetzt gehalten. In Deutschland wäre in einem vergleichbaren Fall (der Besetzung des Hessischen Landtages zum Beispiel) vermutlich die Bundeswehr kurzerhand zu ihrem ersten Inlandseinsatz gekommen.

Die Historie: Streiks, Schüsse und Fehlurteile

Gestern nun, am Vortag des 1. Mai, des Labor Day, fand an historischer Stätte in Chicago ein "Full Scale Historical Reenactment" des Haymarket Riot statt, jenes blutig endenden Arbeiterprotests auf der Randolph Street vom 4. Mai 1886, dem der internationale Arbeiterfeiertag seinen Maitermin verdankt.

Die (in ihren Einzelheiten komplexe und umstrittene) Historie in Kurzform: Landesweit streikten vor 125 Jahren Arbeiter für humanere Arbeitsbedingungen (acht, anstelle der durchaus üblichen vierzehn Stunden Arbeitszeit wurden gefordert). Auf dem Haymarket explodierte bei Protesten der McCormick-Arbeiter eine Rohrbombe, die einen Polizisten das Leben kostete. Weitere Polizeikräfte starben daraufhin durch friendly fire im eigenen Kugelhagel. Die Zahl der hierbei getöteten Demonstranten ist unbekannt, ebenso die Identität des Bombenwerfers. In der politisch aufgeheizten Atmosphäre wurden rasch acht stadtbekannte Anarchisten (darunter vier deutsche Immigranten) dingfest gemacht und – obgleich ihre Unschuld mehrfach bezeugt werden konnte – verurteilt, sieben davon zum Tode. Bereits sechs Jahre später musste der Gouverneur des Staates Illinois die krassen Fehlurteile widerrufen. Die zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Arbeiter wurden aus dem Gefängnis entlassen.

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© Yoni Goldstein

Die über dreißig Laien-Performer aus Theater- wie Gewerkschaftsszene und die sechsköpfige Blechbläser- und Trommlerkapelle um den Regisseur Paul Durica (Pocket Guide to Hell) stellen den handlungstragenden Kern des einstündigen Lehrstücks. Das Publikum kann und muss mitspielen. Es firmiert, soweit es sich nicht durch Kostüm-Elemente der Gruppe der Polizisten, Streikbrecher, Fabrikbesitzer u.ä. zuordnet, als streikende Arbeiterschaft, als Scharnier zwischen Damals und Heute. Der Austragungsort des Spektakels ist stadtgeschichtlich durch ein Denkmalungetüm aus Stahl von 1992 wuchtig authentifiziert. Unmittelbar vor dem eigentlichen Reenactment ist zudem eine – durch mehrere gemeinsam intonierte Arbeiterlieder erträgliche – Gedenkplakettenanbringung der Illinois Labor History Society zu überstehen. Gewerkschaftsvertreter aus Kanada, dem Iran [!] und dem benachbarten Bundesstaat Wisconsin sorgen dabei in ihren Stellungnahmen für mitunter schrille Aktualitätsbezüge.

Agitation mit Schaumstoffknüppeln

Wer unter den vielleicht 350 Zuschauern und Aktivisten ("Stand with Wisconsin" und "No Retreat!" steht auf vielen Ansteckern) an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag in der Erwartung eines großen Historienspektakels gekommen sein sollte, wird wohl enttäuscht. Ein Karrenimitat, rechts des Denkmals, bedeutet das Rednerpult von 1886. Von hier aus erfolgt eine szenisch leicht aufbereitete Geschichtsdeklaration im Wechsel von historiografisch-objektivierender Rede (durch den Stadthistoriker Tim Samuelson, der sich selbst gibt) und Berichten aus erster Hand (durch die Laiendarsteller). Eine eher ereignislose Ereignisgeschichte, dies indes mit viel Verve und deiktischem Geschick.

In der sterilen Aufgeräumtheit des Chicagoer Innenstadtbezirks wirkt allerdings jeder Verweis auf die Wahrhaftigkeit des Ortes ähnlich phantastisch wie die behauptete Gegenwart des historischen Geschehens. Dennoch lässt sich das Publikum ("Down with the Police!"-Zwischenrufe) bereitwillig agitieren. Im rasanten Balkan-Stil eines Goran Bregovic gibt es musikalische Intermezzi. Den allseits herbeigesehnten Höhepunkt markiert die Bombenexplosion mit anschließendem Knüppel- und Revolvereinsatz der sehr zahlreichen und eifrigen Polizisten. Auch mit Kinderrevolvern und Schaumstoffknüppeln lässt sich einige Verwirrung stiften – wobei viele der Performer die Uneigentlichkeit ihres Tuns derart offensiv vor sich hertragen, dass eine tatsächliche Bedrängnis sich nicht einzustellen vermag.

"Die Vergangenheit ist öffentlich"

Prozess und Hinrichtung von vier Anarchisten folgen in fast comicartiger Verdichtung. Der berühmte letzte Satz des deutschstämmigen Anarchisten August Spies erfährt lauten Zuspruch im Publikum: "Die Zeit wird kommen, in der unser Schweigen mächtiger sein wird als die Stimmen, die ihr heute durch den Strang erstickt!" ("The time will come when our silence will be more powerful than the voices you strangle today!")

Den Sinn des Ganzen kundzutun, kann sich der als Anarchist auftretende Regisseur gleich nach seiner Hinrichtung dann allerdings nicht verkneifen: "Die Vergangenheit ist öffentlich" ("The past is a public sphere"). Um die Dringlichkeit eines solches Satzes zu verstehen, kann man sich auf einen der wochenendlichen battlegrounds der Reenactment Szene begeben. Vielleicht reicht es aber auch, über die gesellschaftliche Möglichkeit einer Debatte nachzudenken, die derzeit über ein offizielles Dokument entbrannt ist, nämlich die Geburtsurkunde des amerikanischen Präsidenten.

Publikum und Performer ziehen zur after-party weiter in die kleine Haymarket-Brauerei, um sich gemeinsam auf jenen Tag einzustimmen, der in den USA – paradoxerweise – kein offizieller Feiertag ist: May Day.

 

In zwei weiteren Theaterbriefen aus den USA von Juni 1010 und September 2010 berichtete Sascha Just für nachtritik.de aus der Off-Szene New Yorks. 

Kommentare  
Theaterbrief Chicago: effekthascherische Überschrift
Hat dieser Artikel irgendetwas mit den Beastie Boys zu tun? Oder warum dieses effekthascherische "Right here, right now" als Titelüberschrift?

(Der Beastie Boys Titel heißt me.E. "Right Right Now Now". Die Überschrift lese ich so, dass Reenactment etwas mit Vergegenwärtigung von Geschichte zu tun haben könnte. wb für die Red.)
Theaterbrief aus Chicago: auch eine Form von Vergegenwärtigung
Stimmt. Ich meinte natürlich Fatboy Slim. Jedenfalls, der über die Überschrift möglicherweise aufgerufene Musik-Diskurs passt vielleicht genreübergreifend zum neuen "Spex"-Titelthema "Protestsänger: Karriere ohne Zukunft?". Auch eine Form der Vergegenwärtigung von Geschichte. Und Bob Dylan passt sich mittlerweile der chinesischen Zensur an.
Theaterbrief Chicago: die Ereignisse brechen in die Geschichte ein
Noch eine inhaltliche Frage: Wie ist der folgende Satz zu verstehen?:
"Vielleicht reicht es aber auch, über die gesellschaftliche Möglichkeit einer Debatte nachzudenken, die derzeit über ein offizielles Dokument entbrannt ist, nämlich die Geburtsurkunde des amerikanischen Präsidenten."
Geht es hier um das Thema der (kollektiven) Herkunft des "gottgewollten" amerikanischen Präsidenten und "seines Volkes" gegenüber dem einzelnen Individuum?
Und wer erinnert Obama an seine Versprechungen hinsichtlich der Überführung der Insassen im Gefangenenlager Guantanamo in den Rahmen des modernen Rechtsstaats bzw. Völkerrechts? Die Ereignisse brechen mal wieder in die Geschichte ein.
Theaterbrief Chicago: nicht in Seattle
Nein Dirk, du bist nicht in Seattle. Die Leute dort haben andere Namen.
Theaterbrief Chicago: gutes altes Europa
Manchmal mögen wir auch Europa. Wegen dem richtig alten Stoff...
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