Die geborene Theaterkritikerin

5. Mai 2011. Einen bemerkenswerten Text veröffentlicht Peter Kümmel in der heutigen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit: Zwitterhaft schillernd zwischen Glosse und Kommentar, zwischen stichelnder Kritik und freundlicher Zustimmung, zwischen altbekannten Thesen und frischen Formulierungen nimmt er die Institution wie die diesjährige Auswahl des Berliner Theatertreffens auseinander.

Doch zunächst macht er die "geborene Theaterkritikerin" aus: Grace van Cutsem, jenes Mädchen, das sich in der Balkonszene der Londoner Prinzenhochzeit die Ohren zuhielt, "als sprenge der Überdruss ihm den Kopf. Über ihm küssen sich zwei adlige Grosschauspieler, Kate und William, unter ihm kann die Masse ihr Dabeiseinsglück nicht fassen, aber das Blumenmädchen: schaut hindurch. Als sehe das Kind hinter allem Gewimmel auch Zukunft und Vergangenheit des Königshauses."

Der Jury, so Kümmels Volte, fehle nur jene Grace zu ihrem Glück. Jenes Theatertreffens also, das einst gegründet wurde, "um die Inselstadt Berlin (West) mit maßgeblichen Inszenierungen des Theaterfestlandes bekannt zu machen. Heute ist es ein reiner, leuchtender Selbstzweck."

Nackte Selektion stecke dahinter: Dass sieben Juroren die gesamte deutschsprachige Theaterszene bewerten wollten, die "reichhaltigste der Welt", sei unmöglich. "Dass man es doch tut, bestärkt uns im Glauben an die schönste deutsche Tugend: die Lust, eine Sache um ihrer
selbst willen zu tun."

Nicht zu erwähnen vergisst Kümmel, dass bei aller Wechselei der Juroren die Fachzeitschrift Theater heute immer dabei sei: "Die Jury funktioniert als eine mythische Instanz, unabhängig von ihrer aktuellen Besetzung. Anders wären die regelmäßigen Einladungen an immer gleiche
Regisseure (Kriegenburg) nicht zu erklären." Doch nun fehlten die festen Größen und "Grand Old Schachteln"; die besten seien ohnehin schon tot oder rausgeflogen: "Wer aus dem TT-Kosmos
mal verschwunden ist, kehrt nicht wieder." (Was nicht ganz stimmt: Jürgen Gosch etwa ist der Wiedereinstieg 2005 nachhaltig gelungen.)

Nun aber preist er, wenn nicht explizit die gesamte Auswahl 2011, so doch Herbert Fritsch. Er sei "ein unberechenbar heller, in witzigen Ausbrüchen überlebender Schauspieler", als Regisseur ein "Produkt und Protagonist des geschmähten, wunderbaren deutschen Stadttheaters". Und die Pointe von's Janze? "Man mochte wetten, Herbert Fritsch wurde es gelingen, selbst Grace van Cutsem, die geborene Kritikerin, zum Lachen zu bringen."

(geka)

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