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Die Früchte des Fördersystems

von Andreas Jüttner

Heidelberg, 8. Mai 2011. Eitel Sonnenschein in Heidelberg. Erst sorgt das Wetter beim Stückemarkt neun Tage lang für Sommerlaune, dann werden zum Abschluss alle Preise so vergeben, dass es nichts zu meckern gibt. Und das sogar so, dass sich in der Preisvergabe das unterschwellige Thema des diesjährigen Festivals spiegelt: Die postmigrantische Dramatik dominierte 2011 am Neckar, sowohl in deutschen Uraufführungsgastspielen als auch mit dem Gastland Türkei. Und prompt ging der Hauptpreis erstmals in der Festivalgeschichte an einen Autoren aus dem Gastland, was zusammen mit dem Europäischen Autorenpreis zwei große Preise für Autoren aus Istanbul ergab, während der Innovations- und der Publikumspreis an deutsche Wettbewerbsteilnehmer gingen.

Eine abgefuckte Komödie

Wobei es laut Jurysprecher C. Bernd Sucher ja schon als "glückhaft" gelten darf, dass die Preise überhaupt wie geplant vergeben wurden – im vergangenen Jahr kulminierte in der entsprechenden Weigerung der damaligen Jury der Disput um die Autorenförderung und ihre Auswüchse. Die Entscheidung der diesjährigen Jury wird wohl keine vergleichbar ausufernden Debatten im Internet nach sich ziehen. Dennoch ist ihr zu wünschen, dass sie weiträumig wahrgenommen wird. Denn das mit dem Hauptpreis ausgezeichnete Stück "Schöne Dinge sind auf unserer Seite" des türkischen Autors Berkun Oya lohnt die Verbreitung.

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Die vier Preisträger: Ahmet Sami Özbudak, Rike Reiniger, Bonn Park, Berkun Oya (v.l.n.r.)
© Sven Hoppe

Ein Einbruch lässt vier Schicksale aufeinander und auseinander prallen: Ein vom Land geflohenes junges Paar, das von der Familie des Mädchens verfolgt wird, bricht in die Wohnung eines arrivierten Großstadtpärchens ein. Die ohnehin angespannte Beziehung der Wohnungsbesitzer ist nach dem Überstehen dieser Extremsituation am Ende: Kaum sind die Einbrecher fort, verlässt die Frau den Mann. Dafür kehrt kurz darauf das junge Mädchen zurück: Ihr Freund ist auf der Straße von ihrem jüngeren Bruder erschossen worden. Nun sucht sie erneut Zuflucht in der Wohnung, und im Gespräch mit dem verlassenen Mann entwickelt sich ein dialogisch rasant aufgefächertes Panorama der Wertvorstellungen, Liebes- und Lebensentwürfe – ein "gesellschaftlicher Diskurs, wie er auch in Deutschland geführt wird", wie Jurymitglied Felicia Zeller in ihrer Laudatio auf diese "abgefuckte Komödie und emotional aufgeladene Alltagskomödie" befand.

Super-Mario erobert das Theater

Mit dieser Auszeichnung wurde dem deutschsprachigen Theatermarkt ein inhaltlich und formal starkes und schlüssiges Stück erschlossen – ein erfreulicher Aspekt dieses Stückemarktes, der freilich zugleich eine Schwachstelle dieses etablierten Wettbewerbs beleuchtet: Wie im vergangenen Jahr drängte sich unter den deutschen Kandidaten, obwohl deren Zahl von sechs auf sieben aufgestockt worden war, keiner zwingend für den Titel auf. Fairerweise muss erwähnt werden, dass der 34-jährige Berkun Oya ein erfahrener Autor ist, der in Istanbul ein eigenes Theater gegründet hat und die Endarbeit an seinem Stück mit einem Stipendium am Royal Court Theatre in London vornehmen konnte. Sicher, Autoren mit vergleichbaren Meriten gibt es auch hierzulande – und vielleicht sogar unter jenen, für die das Heidelberger Wettbewerbskriterium zutrifft, noch nicht mehr als fünf Uraufführungen hinter sich zu haben. Aber diese Autoren (und ihre Verlage) bewerben sich offenbar nicht am Neckar: Vier der sieben gelesenen Stücke waren Erstlingswerke. Und drei davon kamen nicht von Verlagsseite, sondern über Empfehlungen in den Pool von 79 Einreichungen.

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Einem hat dies genützt: Bonn Park, ein 23-jähriger Deutsch-Koreaner aus Berlin, erhielt für sein Debüt "Die Leiden des jungen Super-Mario in 2D" den Innovationspreis des Festivals. Ein Preis, der freilich wie maßgeschneidert ist für eine solche Unternehmung: Park verschmilzt die Eindimensionalität der überaus populären Computerspiel-Figur mit großen Themen klassischer Literatur: Liebe, Eifersucht, Versagensangst, Identitätssuche und Handlungsfreiheit. Indem er Sprach- und Story-Struktur des simplen Spiels in die Spieldimensionen des Theaters überträgt (in der letzten Szene "morphen" die Identitäten so subtil, dass die simple Behauptungskraft der Bühne jeden aufwändigen Computertrick alt aussehen lässt), gelingt tatsächlich etwas Innovatives. "Park fordert das Theater heraus", befand Birgit Lengers, Leiterin des Jungen DT Berlin, in der Laudatio. Das stimmt. Aber ob es sich auch herausfordern lassen will von dieser jenseits der Zielgruppe einstiger Super-Mario-Zocker dann doch eher belanglosen Spielerei?

Geschichten aus finsteren Zeiten

Als Stück, auf das Bühnen gewartet haben könnten, wirkt eher Rike Reinigers sehr konventionell, aber atmosphärisch dicht und spannend gebauter Monolog "Zigeuner-Boxer", das den per Publikumsentscheid vergebenen Förderpreis des Theater-Freundeskreises erhielt. Der gealterte Boxer Hans quält sich mit der Erinnerung an seinen Freund "Ruki", der in den 1930er Jahren zum besten deutschen Boxer aufstieg, dann aber als Sinti von den Nazis ins KZ gesteckt wurde – wo er und Hans sich unter schrecklichen Umständen wieder begegnen. Als plastisch erzählte, auf dem realen Vorbild des Boxers Johann "Trukeli" Trollmann aufbauende Geschichte über Freundschaft, Opportunismus und die Gräuel der Nazi-Zeit ist "Zigeuner-Boxer" eine geradezu idealtypisch gelungene Vorlage für intensive Klassenzimmer- oder Studio-Aufführungen.

Ebenfalls vor der Folie bedrückender Zeiten spielt Ahmet Sami Özbudaks Stück "Die Spur", wiederum ein Debüt, für das es den speziell den Gastland-Autoren vorbehaltenen Europäischen Autorenpreis gab. Drei Zeitebenen fließen hier in einer Wohnung in Istanbul zusammen: Die griechisch-orthodoxen Schwestern des Jahres 1955, der Kommunist im Jahr 1980 und der Transvestit im Jahr 2010 sind die Außenseiter dreier Epochen. Ihre Lebensabschnitte in der Wohnung werden ineinander geschnitten und so arrangiert, dass sie sich zeitweilig über die Jahrzehnte hinweg zu berühren scheinen. Das Stück verbinde "große Geschichte und individuelles Handeln" in "Szenen, die für politisches Theater im besten Sinne stehen", so die Laudatio von Stephan Roppel, Intendant des Züricher Theaters an der Winkelwiese, der mit Heidelbergs Schauspielchef Jan Linders die Jury komplettierte.

Der Boom dauert an

Neben den prämierten Stücken gab es eine unterhaltsam wortgewaltige, hoch aktuelle Auseinandersetzung mit gierverschuldeten Katastrophen von der BP-Ölpest bis zu Hochsee-Piraterie. Für einen Preis war "Die Verfassung der Strände" von Stephan Lack wohl zu eng an Jelinek geschult – gegen eine Aufführung hingegen spricht nichts. "Die gewaltige Schlacht um die Herzen der Menschen" von Sascha Macht macht es der Regie trotz vieler großartiger Sätze ("Die Sprache ist ein Haus ohne Dach. Der Tod ist ein Keller ohne Haus") dann doch etwas schwerer, ist das Szenenkonvolut doch vor allem gewaltig unfokussiert.

Für manches der insgesamt zehn neuen Stücke mag schon die Lesungs-Präsentation eine Nummer zu groß gewesen sein. Und in der Tat darf rund 15 Jahre nach dem Einsetzen des Booms neuer deutscher Dramatik gefragt werden, wie dringlich das Aufbringen ganz neuer Stimmen noch ist, wenn die interessantesten jungen deutschen Autoren schon so etabliert sind, dass ihre aktuellen Arbeiten während des Festivals als Gastspiele der Uraufführungen präsentiert werden können. Andererseits: Gerade die beiden gelungenen Aufführungen, die von den deutschen Lesungen gerahmt wurden – nämlich Philipp Löhles "Die Überflüssigen" und Oliver Klucks "Warteraum Zukunft" – sind nicht zuletzt Folgen eines Fördersystems, zu dem die Stückemärkte in Heidelberg und Berlin gehören.


www.theaterheidelberg.de



Hier die Pdf-Dateien aller Stücke, die zum Wettbewerb auf dem Heidelberger Stückemarkt 2011 eingeladen wurden:

 

Mehr zur Debatte um die Neue Dramatik finden Sie im nachtkritik-Lexikon. Viel Aufsehen erregte im Mai 2010 die Entscheidung der Heidelberger Jury, keinen einzelnen Autoren auszuzeichnen, sondern die Preissumme aller drei Preise zwischen allen Autoren zu teilen. Einer der Juroren, der Vorjahressieger Nis-Momme Stockmann, veröffentlichte kurz zuvor im Vorfeld der Mülheimer Theatertage 2010 außerdem einen Text gegen die Bewertungsmacht der Kritik.

 

Kritikenrundschau

2011 gab es den bislang üppigsten unter vielen üppigen Heidelberger Stückemärkten, befindet Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (10.5.2011): "Die ausufernde Fülle hatte diesmal allerdings auch mit dem europäischen Gastland zu tun. In der Türkei trifft man ja nicht nur auf eine reiche, spannende Theaterszene, sondern landet auch mitten in der Integrationsdebatte - bei einem Thema also, das zunehmend auch von deutschen Bühnen aufgegriffen wird." Anders als im vergangenen Jahr verweigerte die aktuelle Jury keine Einzelpreise, "ließ aber ebenfalls eine Rakete steigen: indem sie den wichtigsten, mit 10000 Euro dotierten Autorenpreis zum ersten Mal nicht an einen deutschsprachigen Theaterdichter vergab." Preisträger Berkun Oya "war tatsächlich nicht nur eine der imposantesten Erscheinungen des Festivals, sondern hatte mit 'Schöne Dinge sind auf unserer Seite' auch die steilste Textvorlage geliefert."

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