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Fischen im Allgemeinmenschlichen

von Christian Rakow

Berlin, 10. Mai 2011. Ins Theater zieht es Tatjana (Natali Seelig) nicht; sie sagt: "Mir geht alles Melodramatische und Wichtigtuerische auf die Nerven. Und all die großen Gefühle der Schauspieler… Mein Gott!" Es muss ein Satz sein, den sich Regisseurin Jette Steckel in ihrem Textbuch doppelt unterstrichen hat. Denn ganz in seinem Sinne eröffnet sie mit weniger Gefühl, mehr Physiologie: Der Mensch ist die Summe seines Gliederspiels, er zappelt. Ferngesteuert schütteln die Gorki'schen Kleinbürger ihre Köpfe. Zu knackigen Industrialbeats.

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© Arno Declair

Es ist ein Einstieg aus der Marsmännchenperspektive, ein Blick auf seltsame irdische Lebensformen, die auf einem Kieselgrund herumtapsen, der die hohe, uns mit dem Rücken zugewandte Lenin-Statue auf dem Podest in der Bühnenmitte umgibt (Raumentwurf: Rufus Didwiszus). Mit Ingeborg Bachmanns Prosawerk "Undine geht", einer Ansprache an die letzten Menschen, zoomt Steckel in ihren Gorki-Abend: "Alle Spiele habt ihr erfunden. Zahlenspiele und Wortspiele, Traumspiele und Liebesspiele." Steckel selbst wird noch eine Reihe Spiele hinzufügen: das Sprich-hastig-ohne-Unterlass-Spiel, das Paarsprech-Spiel, das Schüttel-Deine-Verspannungen-heraus-Spiel.

Milieuportrait aus früher Industriemoderne

Eineinhalb Akte lang wirkt dieser Abend, als solle noch einmal der Sieg des US-Comics über den sozialistischen Realismus gefeiert werden. So wie den Figuren im Zeichentrick gern mal für Bruchteile von Sekunden ihre Augen stielförmig aus den Höhlen vorschießen, wenn etwa Faszination anzuzeigen ist, so ploppen hier die Spielhaltungen der Akteure auf. Sie sprechen überakzentuiert wie in einer Hörspielsaga aus Witzboldens Garten.

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Und wahrlich, es steckt auch etwas Soap in diesem Frühwerk von Maxim Gorki (von 1901): Die kränkelnde Tatjana liebt den wackeren Malerburschen Nil, den ihr Vater, ein wohlhabender Malermeister, als Pflegesohn aufgezogen hat. Nil wiederum liebt das Hausmädchen Polja, in das sich auch der misanthropisch geistvolle Untermieter Teterew verguckt hat. Nebenher bändelt Tatjanas Bruder Pjotr mit der jungen Witwe Jelena an, wovon Vater Bessemjonow gar nicht begeistert ist. Die Verwicklungen sind gleichwohl nur Dekor in diesem bestechenden Milieuporträt am Eingang in die industrialisierte Moderne, getränkt von Pessimismus und einem verblassenden zünftischen Konservativismus und von einer schon hysterischen Jugend, die mürrisch und visionslos daher faselt, während sie auf den Schicksalsdreh von außen wartet.

Und alle im Chor: "Empört Euch!"

Jette Steckels Regie hat fraglos das Großeganze dieses Entwurfs im Blick. Vom Einstieg mit "Undine geht" an rechnet sie die Kosten des kapitalistischen Wohlstands auf, adressiert sie den materiell gut gestellten, aber politisch inaktiven Kleinbürger in uns. Sie karikiert die intellektuellen Stubenhocker (mit Brillengestell: Natali Seelig als Tatjana; Ole Lagerpusch als Pjotr) und macht die ineffektiven Welterklärer wie den Teterew von Peter Jordan lächerlich: "Komm, blas in den philosophischen Dudelsack!" Freilich ist man in diesen Satiren von der Selbstzersetzung des Bürgertums, wie sie Stephan Kimmig unlängst ebenfalls im großen Haus des Deutschen Theaters mit Gorkis Kinder der Sonne subtil vorführte, ein gutes Stück entfernt.

Zeigefingernd mahnt Steckel (von Stéphane Hessel inspiriert) "Empört euch!" und schickt entsprechend Felix Goeser als Arbeiterheros Nil zur Mitmach-Impro an die Rampe (bitte alle aufstehen und im Chor: "Ich werde das nicht länger hinnehmen! Die Dinge müssen sich ändern!"). Die Tragik dieser Inszenierung dürfte aber, ihrer eigenen Setzung nach betrachtet, nicht in solchen ästhetischen Ausrutschern liegen, sondern in ihrem ästhetischen Gelingen.

Tristesse in eindringlichsten Farben

Denn tatsächlich gibt es grandiose Momente an diesem Abend, viele sogar, ab Hälfte des zweiten Aktes. Sie entstehen allesamt in den sentimentalen Liebesverwicklungen und im tendenziell kleinformatigen Generationenstreit zwischen dem Familienoberhaupt in der 1950er-Jahre-Strickweste (mit sicherem Gespür für den wackligen Boden unter den Füßen seines Bessemjonow: Helmut Mooshammer) und seinen Kindern. Die Schauspieler erinnern sich in diversen Videobeiträgen – teils aus ihren Figuren heraustretend – an die eigene Jugendzeit; Katrin Wichmann lässt einen juvenilen Tagebucheintrag mit augenzwinkerndem Vortrag funkeln.

Dann kommen live die großen Paarszenen, zumeist von gedämpfter Musik untermalt: Wichmanns Jelena und Lagerpuschs Pjotr geben sich ein hinreißend verwackeltes Liebesgeständnis; der Erzkomödiant Peter Jordan (mit Sonnenbrille wie ein Blueser, der den Teufelspakt geschlossen hat) rechnet als Teterew Mooshammers Bessemjonow dessen Lebensbilanz vor: "Du bist die perfekte Verkörperung der Mittelmäßigkeit". Das alles ist nah, direkt, packend, aber es fischt thematisch wie formal im Becken der kleinbürgerlichen Ästhetik. Es ist eine Ästhetik, die soziologisch und politisch unmarkiert ein irgendwie Allgemeinmenschliches generiert.

Tatjana sagt es im Anschluss an ihr oben zitiertes Theaterdiktum: "Das Leben zerbricht die Menschen ohne Lärm, ohne Schreie … ohne Tränen … unmerklich." Das Leben, sagt sie, nicht die historische Situation. Das zunehmend zur Höchstform auflaufende DT-Ensemble weiß dieses Leben in den eindringlichsten Farben zu zeichnen, in seiner Tristesse und Tragikomik. Eigentlich stören da nur die Empörungsgesten einer Regie, die sich mit einer Bespiegelung des kleinbürgerlichen Gefühlshaushalts nicht zufrieden geben wollte.


Kleinbürger
von Maxim Gorki
Deutsche Fassung von Joachim Lux
Regie: Jette Steckel, Bühne: Rufus Didwiszus, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur, Video: Bernadette Knoller-Buck, Anja Läufer, Claudia Trost, Dramaturgie: Anika Steinhoff. Mit: Helmut Mooshammer, Barbara Schnitzler, Ole Lagerpusch, Natali Seelig, Felix Goeser, Markus Graf, Olivia Gräser, Katrin Wichmann, Peter Jordan, Thomas Schumacher, Mark Badur (Live-Musik).

www.deutschestheater.de



Kritikenrundschau

Peter Laudenbach hat in der Süddeutschen Zeitung (13.5.2011) "viele Rätsel" ausgemacht, "die diese nicht unsympathische, aber etwas konfuse Inszenierung ungelöst lässt." Aus den Gorki-Figuren seien "etwas diffuse Zeitgenossen geworden. (…) Die vorrevolutionäre Unzufriedenheit der Jungen ist hier zum Ennui wohlstandsverwöhnter, nicht recht erwachsen gewordener Endzwanziger geschrumpft." In Anspielung auf die "Kinder der Sonne"-Inszenierung Stephan Kimmigs am gleichen Haus, meint Laudenbach: "Steckel fehlt bei ihrem Versuch Kimmigs eindringlicher Blick auf die Figuren, sie gleitet an der klischeenahen Oberfläche ab." Doch gerade "als sich die Relevanzwerte der Veranstaltung bedrohlich der Null-Linie nähern, hat sie dann einen gespenstischen Moment der Wahrheit, der es in sich hat." Wenn Felix Goeser das Publikum zum Protest animiere und dieses sich von den Sitzen erhebe, dann sei das "ein komischer, peinlicher, bizarrer Augenblick: Theater als Wohlfühloase für saturierte Protest-Freunde. Hier ist der Wutbürger bei sich selber angekommen. Kein schöner Anblick."

Jette Steckel zeige in ihrer Inszenierung, dass "diese träge Sippschaft mit ihren Flausen, Freuden und Verzweiflungen, die Gorki schon 1901 wie ein prophetisch politisches Menetekel an die Wand der heraufziehenden Umbrüche gemalt hatte, nichts weniger als billige Witzfiguren für die Nachgeborenen liefert", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (13.5.2011). Steckel überspringe "mit übermütigem Ernst einfach die inzwischen vergangene Zeit, weil sie ihr für den hier ausgetragenen Konflikt zwischen den Generationen unwichtig erscheint." Sie vermöge "die zehn Schauspieler sozusagen an der biographischen Ehre zu packen, um deren eigene Erfahrungen eng mit den entsprechenden Personen des Stücks zu vermischen. Das ist riskant, könnte es doch ungefiltert in Privatkitsch münden, aber der Mut aller Beteiligten lohnt sich und macht die 'Kleinbürger', denen nie viel Erfolg beschieden war, zu einer kurzweiligen, unsentimentalen und berührenden Aufführung."

Michael Laages auf Deutschlandradio Kultur (10.5.2011): Das Stück zeige "ein Panorama ungelebten Lebens" aus der russischen Provinz. Eine Ahnung der kommenden Revolution. Jette Steckel habe der "Wechsel der Wahrnehmung von Welt" interessiert. Die "sehr amorphe, vage Veränderungsstimmung", bei Gorki noch "sehr politisch", sei bei Steckel auf das Altern, den Generationenwechsel bezogen. Steckel beschäftige sich in ihren Arbeiten immer wieder mit Aufbruchsstimmungen. Das zentrale Thema sei "der Einzelne gegen die Gesellschaft", das kulminiere in der Aufforderung Felix Goesers an das Publikum sich zu wehren. Das sei eigentlich Agit-Prop. Steckel sei ungeheuer begabt in "der Herstellung erstaunlicher Momente". Sie habe zwar fast immer das gleiche Thema, aber immer unterschiedliche Methoden der Annäherung, dieses Mal etwa Videoeinspielungen von privaten Schauspielergeschichten. Steckel gehe mit aktuellen Popsongs um, "extrem intelligent und extrem musikalisch", außerdem habe sie "ein hoch entwickeltes Maß von Ironie". Steckel könne in dieser "Gemengelage aus Musik, Film, Ironie und großem Ernst etwas herstellen, was einen manchmal wirklich von den Socken haut."

Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (12.5.2011) hat in der Bühnen-Statue den "passenden Entwurf für das Einheitsdenkmal" entdeckt. Der Kleinbürger-Koloss habe "die gehobene Hand geöffnet wie ein Kind, das jemanden zum Anfassen braucht, jemanden, der ihm den Weg zeigt (...): Mama, Papa, Chefchen oder Befehler". Heute taugten Gorkis "verächtliche Karikaturen zur Voll-Identifikation. Der Spießer ist reif für den Sockel. (...) Es lebe der gepflegte Generationen-Konflikt, es lebe die Kraft der Einsicht in die Ohnmacht, es lebe die Depression!" Als "karikierende Figuren-Denunziation" beginne der Abend "eigentlich ganz werktreu", bevor Steckel ihn "immer mehr ins psychologische Theater hinübersinken" lasse, bis er "als warmblütige, berührend gespielte Liebes- und Liebeskummergeschichtensammlung endet". Steckel nehme "Anlauf aus der Karikatur" und organisiere allen Schauspielern "nach allen möglichen Verfremdungsexperimenten, nach dem Einsatz von Musik und Privat-Videos" schließlich amtliche Seelenlebenauskrempelauftritte, so dass man sich fast bei Ibsen wähnt und heimisch wird". Den "revolutionären, systemkritischen Gorki-Glutkern" lasse sie "zusehends verglimmen mit dem Aufflackern der Liebe bei den einen und dem hereinstürzenden Privatunglück bei den anderen. Die Verbürgerlichung wird auf theaterästhetischer Ebene vorgeführt."

"Oje, ein Generationenabend!", ruft Andreas Schäfer im Tagesspiegel (12.5.2011). Durch Boxen-Gewummer werde dem Klassiker "schon in der ersten Minute mit der Brechstange ein vermeintliches Heute-Gefühl eingeprügelt. Und dabei bleibt es. In den folgenden drei Stunden wird also mehr die Hintergrundmusik als das Spiel der Akteure für Atmosphäre sorgen". Allüberall gebe es "inszenatorische Übersprungshandlungen und Ablenkungsmanöver, die mal mehr und mal weniger Kurzweil generieren, vor allem aber den eisernen Willen erkennen lassen, unbedingt lockeres junges Theater machen zu wollen". Was Steckel von der "klassenkämpferischen Seite des Stückes hält", zeige schon das Bühnenbild mit dem Lenin von hinten: "Sie geht ihr buchstäblich am Hintern vorbei." Im "zweiten, besseren Teil" griffen die Mittel "immerhin organischer ineinander (...) als in den bemühten ersten anderthalb Stunden". Felix Goesers "ironischer Schalk" mache deutlich, "dass auch die Empört-Euch!-Geste Pose ist, ein weiterer schneller Griff in die Kiste des jugendlichen Inszenierens". Die große positive Ausnahme an diesem Abend sei Peter Jordan, bei dem "die Wucht der Gauklerei auch einen Grund" habe: "Bitterkeit. Von der man diesem Abend viel mehr gewünscht hätte".

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