Der Blick der anderen

12. Mai 2011. Im Berliner Tagesspiegel ist heute ein Interview zu lesen, dass Peter von Becker und Patrick Wildermann mit Nurkan Erpulat, Shermin Langhoff und den Schauspielern von "Verrücktes Blut" geführt haben.

Der Film "La journée de la jupe", dessen Adaption die Ruhrtriennale vorgeschlagen hatte, sei "sehr schwierig", so Langhoff, "fallenreich und selber in Stereotypen verbleibend". Das Motiv der Lehrerin hingegen, die als "Bildungsterroristin" eine Klasse in Geiselhaft nimmt, "schien uns theatral durchaus spannend". Zu Probenbeginn sei gesagt worden, "dass wir jetzt nicht auf politische Korrektheit achten sollen", erzählt Nora Abdel-Maksoud. Und Emre Aksizoglu ergänzt: "Die Figuren sind ja immer nur angerissen und verkörpern auch die Klischees, die in den Köpfen stecken. Und wir hatten die Freiheit, diese Klischees benennen zu können, aber nicht, indem ich mich hinstelle und sage: Wir kratzen uns in Wirklichkeit gar nicht dauernd an den Eiern (...). Sondern indem wir die Machogesten, die aggressiven Haltungen einfach spielen." Erpulat präzisiert: "Die schauspielerische Aufgabe war aber zu untersuchen: Wie werden diese jungen Menschen gesehen? Ob die Figuren tatsächlich so sind, ist eine ganz andere Frage. (...) Die spielen nicht das Klischee! Wir kritisieren den Blick auf diese Jugendlichen. Und der ist kein Klischee, der ist die Wahrheit."

Die Erarbeitung der Szenen, in denen die Lehrerin die Schüler zu bestimmten Dingen zwingt, etwa die Hose runterzuziehen, sei "manchmal extrem hart" gewesen, so Gregor Löbel. Deswegen sei es auch schockierend gewesen, meint Abdel-Madsoud, als das erste Publikum auf der Ruhr-Triennale "sich gerade bei diesen Szenen weggeschmissen hat vor Lachen. Wir hatten eher Betroffenheit erwartet, und plötzlich haben uns die Leute angelacht, ausgelacht."

Gespielt wird zwar auch vor Schulklassen, das Stück ziele aber "eher aufs Bildungsbürgertum (...). Junge Schüler aus Kreuzberg oder Neukölln kapieren das zum Teil gar nicht. Die lachen über irgendwelche Sprüche von uns Schülern, wenn wir zu der Lehrerin sagen: 'Sie sehen ja richtig bombe aus!', dann sind sie auf unserer Seite." Shermin Langhoff erklärt auch, warum die Produktion Einladungen von Kinder- und Jugendtheaterfestivals nicht annehmen könne: "Wir schätzen Kinder- und Jugendtheater sehr, fühlen uns aber missverstanden, wenn 'Verrücktes Blut' so gelabelt wird. Wenn das auch Aufklärungstheater ist, dann ist es schon gemeint für ein erwachsenes Publikum, egal welcher Herkunft."

Darüber, ob Schüler die Mehrbödigkeit der Inszenierung verstehen, sind sich die Schauspieler nicht einig – zum Beispiel die Szene, in der eine Figur ihr Kopftuch abnimmt und damit, so erklärt Abdel-Maksoud, den Wunsch thematisiere, "dass das vermeintlich unmündige Kopftuchmädchen endlich ihr 'Drecks-Tuch' runterreißt, und dann fahren 70 Jahre Emanzipationsgeschichte durch ihren Körper". Gerade bei den Schulklassen habe es diese hochambivalente Szene schwer.

Aksizoglu glaubt, die Jugendlichen seien "eher begeistert von der Energie, die wir auf der Bühne haben, und dem Spaß, den wir rüberbringen. Die schauen gerne zu, saugen alles auf, aber meine Meinung ist, dass sie die Vielschichtigkeit, die Brüche, nicht verstehen, weil der Grad an Reflexion noch nicht so hoch ist." Terziyan möchte dem "komplett widersprechen", und auch Rahel Johanna Jankowski meint, "dass Schüler sehr wohl verstehen, dass da ein Spiegel vorgehalten wird und zugleich eine Überspitzung stattfindet". Erwachsene fragten sie hinterher manchmal, ob sie wirklich in Neukölln aufgewachsen sei, ohne zu verstehen, "dass wir Theaterrollen spielen"; die Schulklassen sähen das sofort. Aber "wenn die das sofort sehen, ist die Frage, warum gibt es Schüler, die sich selber genau so verhalten, wie wir das spielen?", wendet Aksizoglu ein. In jeder normalen, gemischten deutschen Schulklasse gebe es "natürlich junge Männer, junge Jungs, die sich so benehmen. Jedes Klischee hat einen Kern von Wahrheit. Es geht ja nicht darum zu sagen: das gibt es nicht! Sondern: nicht nur! Problematisch wird es, wenn nur das Negative gesehen und vergrößert wird, um die Probleme im eigenen Land auf andere schieben zu können. Wie bei Sarrazin."

Abdel-Maksoud erzählt, wie sie als Schauspielschülerin dauernd gefragt wurde, ob sie die Ayse im Ehrenmord-Drama spielen wolle. "Ich bin geboren und aufgewachsen in München und war ganz lange einfach ich. Und auf der Schauspielschule war ich plötzlich gebeten, die andere zu spielen." Für Aksizoglu ist es schlimm, darüber nachdenken zu müssen, "ob mein Name für mich ein Hindernis ist in der beruflichen Gleichstellung. Im Theater geht es ja noch, aber viel schwieriger ist es, auf dem Filmmarkt überhaupt Fuß zu fassen, eben nicht mit den Migrantenrollen, mit den Kanaken-Rollen. Ich habe keinen Akzent und rein optisch könnte ich auch etwas anderes spielen, aber es findet nicht statt, einfach aufgrund des Namens." Tamer Arslan hingegen meint, niemals "einen Hans oder Helmut spielen" zu können. "Ehrlich gesagt – ich mag auch mehr, was in Richtung türkisch geht. Da bin ich mit mehr Energie dabei." Er möchte gar nicht so gerne den Hans spielen – "weil es nichts mit mir zu tun hat." Wie solle er sich "selber als Deutschen akzeptieren, wenn die Gesellschaft mit dem Finger auf mich zeigt und sagt: Da ist der Türke. Seitdem ich auf der Welt bin, habe ich das Gefühl, ich bin ein Außenseiter. Ich bin nicht blond, ich trinke meinen Kaffee anders, ich pass' nicht in deren Vorstellungen."

(ape)

 
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