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Wollt ihr den totalen Tanz?

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 13. Mai 2011. Der Stoff, so wie ihn der Roman von Horace McCoy kreiert und Sydney Pollacks Verfilmung adaptiert hat, ist in zwei Referenzrahmen gespannt: zunächst die Dreißiger Jahre der Weltwirtschaftskrise und Großen Depression in den USA; dann, 1969, das zur Revolte herausfordernde Engagement der Vereinigten Staaten in Vietnam. Dass die Ikone der Anti-Vietnamkriegs-Front, Jane Fonda, als "Hanoi Jane" verunglimpft, die Hauptrolle in "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" spielte, hatte ihr Regisseur kalkuliert.

Amerika führte Krieg, die Gesellschaft ist emotional schockgefroren, Gründungsmythen werden entromantisiert. In den Jahren um und ab 1970 bröckelt die Legende der Cowboys, der Blauröcke, der Besiedlung des Westens – und ein Tanzmarathon ist auch kein ausgelassenes Vergnügen, sondern eine Veranstaltung der sinnlosen Schritte. Metapher für den Lebenskampf.

Im Getriebe der machine infernale

Bei Amélie Niermeyer bzw. den Autoren der Neufassung – Lutz Hübner/Sarah Nemitz und Martin Heckmanns – ersetzt ein drittes Bezugssystem den ursprünglichen Erzählimpuls: die Gameshow, genannt "Eternity Dance". So ist es dann auch: nichts weiter als ein simpler Verdoppelungs- und Abbildungs-Trick. Waren es damals 1500 Dollar Preisgeld, die Tanzpaare aufs Parkett nötigten, steigt die Summe jetzt auf 220.000 Euro. Ebenso inflationär gebärdet sich die Aufführung, die nach knapp drei Stunden (45 Tage sollen für die anfangs 33 teilnehmenden Paare vergangen sein) zum Stillstand kommt.

Wollt ihr den totalen Tanz? Es geht hoch her mit Cha-Cha, Rumba, Samba, Fox und Walzer und allen Schikanen. Während die Kamera sich einzelne Tänzer ausguckt und auf zwei Leinwände projiziert, die eine Bühne mit Satinvorhang flankieren, während das Publikum auf Tribünen die Arena beäugt, während Animateure zum Klatschen auffordern, der naturgemäß schmierig grinsende Conférencier (Rainer Galke) Sprüche klopft, das assistierende Boxenluder girrt, der Schiedsrichter Zynismen absondert, das Reinigungspersonal steppt, während die Anzeigetafel die Verlierer runter rechnet und die Kapelle schmettert, während das Catering "Burger" auftischt, während Derby-Gerangel für Kitzel und Wasserschauer für optische Erotik sorgen, während dieser ganze Rummel passiert, wird das principium individuationis gewissermaßen mit Füßen getreten. Denn für die Figuren, die durch die Tortur der machine infernale müssen und dabei, wie es bei Kafka heißt, die "Einheit von Ekstase und Thanatos" erfahren, interessiert man sich nicht die Bohne. Aggressionen und Frust, Verzweiflung und ihr Wille zum Glück lassen uns kalt, mögen sie auch in Großaufnahme aufs Maximum zielen.

Histörchen auf müden Beinen

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Wie grandios filmische Montage funktioniert, konnte man bei Pollack sehen. Im Niermeyer-Theater schaut sich die Kamera gerade mal in künstlerischem Schwarzweiß backstage um. Dort fängt sie auch den Todesschuss ein, mit dem Robert seine Partnerin Gloria auf ihre Bitte hin erlöst. Er, von Beruf Kamera-Assistent (Marian Kindermann), sie, die Schauspielerin ohne Fortune (Nadine Geyersbach, die mit der schönen Härte einer Gena Rowlands agiert), sind die Hauptfiguren des Todesspiels. Eine andere rezitiert Strindberg, eine kotzt, eine schweigt, eine ist schwanger, Nr. 17 tanzt Extra-Tango, zwei sind schwule Friseure usw. Histörchen auf je zwei müden Beinen.

Uns, die wir Methoden und Mechanismen der Reality-Shows und die Voyeurslüste bei Big Brother, Superstar-Wettbewerben und Dschungelcamp-Mutproben konsumieren oder kritisieren, kann das nichts Neues sagen. Außer, dass das bei McCoy und Pollack ehemals existenziell Unbedingte einem Trieb zur vulgären Selbstdarstellung und zum extremen Ausreizen persönlicher Umstände gewichen ist. Der Zuschauer als "Zerstreuungspatient" (Hermann Glaser) sitzt dabei.

Düsseldorf als geistige Bewegungsform

Einen Menschenpark hatte Niermeyer gleich zu Beginn ihrer Düsseldorfer Schauspiel-Intendanz im Herbst 2006 kultiviert, hatte Elias Canettis "Hochzeit" als Unterhaltungsrevue am Abgrund mit Disco-Einlagen inszeniert und den Höllensturz der Kleinbürger unter einem Effekt begraben. Aus der Traum. Holte sie den Totentanz ums Goldene Kalb von Geld und Gier zum Finale ihrer fünf uninspirierten Jahre vielleicht nach? Die banale Großmannssucht, die einem am ESC-Wochenende in der NRW-Landeshauptstadt allerorten entgegenlärmt, tönt auch auf der Bühne des Central: Düsseldorf als geistige Bewegungsform.

Eine Aufführung, die sich in ihrer Indolenz selbst zu Markte trägt und dort als Sonderangebot ihre "Medienkritik" preisgibt. Im Fernsehen wäre der Abend ein Quotenkiller. Die Pointe ist zwar etwas billig, dafür aber der Inszenierung angemessen.

 

Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss
nach Horace McCoy
Düsseldorfer Fassung mit Szenen von Lutz Hübner/Sarah Nemitz und Martin Heckmanns
Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Nikolaus Porz, Kostüme: Kirsten Dephoff, Musik: Cornelius Borgolte, Choreographie: Teresa Rotemberg, Video: Stefan Bischoff.
Mit: Miguel Abrantes Ostrowski, Lisa Arnold, Natalia Belitski, Andreas Bichler, Michele Cuciuffo, Rainer Galke, Nadine Geyersbach, Daniel Graf, Claudia Hübbecker, David Jacobs, Insa Jebens, Marian Kindermann, Anna Kubin, Winfried Küppers, Ilja Niederkirchner, Simone Rehberg, Stefan Rehberg, Christiane Roßbach, Katrin Röver, Wolfram Rupperti, Elena Schmidt, Thiemo Schwarz, Bastian Sierich, Alexander Steindorf, Susanne Tremper, Hanna Luise Witt, Milian Zerzawy sowie 60 Tänzern.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr über die Regie-Arbeit der scheidenden Düsseldorfer Intendantin Amélie Niermeyer, die in diesem Jahr als Professorin ans Mozarteum Salzburg wechselt, im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrunschau

Als Kommentar auf den Eurovision Songcontest empfindet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.5.2011) diese Abschlussinszenierung von Amélie Niermeyer. Es werde das Gros des Ensembles bewegt und reichlich Ausstattung aufgefahren. "Doch die Aufführung findet keinen Rhythmus und entwickelt keinen Sog." Von den Geschichten der Tanzpaare, "darüber, was alle dem Glück so blind hinterherrennen lässt, über ihr Leid und ihre Verzweiflung ist wenig zu erfahren. Allzu platt setzt die Regie auf die Konsequenz einer Geschichte, deren Verlauf früh absehbar ist. Am Ende steht nur völlige Erschöpfung." Und der Kritiker bilanziert die Intendanz Niermeyer in Düsseldorf bildgerecht: "Mit letzter Kraft erreicht die scheidende Generalintendantin, die sich mit Mitte vierzig auf eine Professur am Salzburger Mozarteum zurückzieht, in Düsseldorf nicht das selbstgesteckte Ziel. Sondern so gefällig und risikoschwach, wie sie es hier hat angehen lassen."

Auch Stefan Keim, der Kollege von der Frankfurter Rundschau (16.5.2011), erkennt in diesem Theaterabend das fernsehgerechte Format: "Die Tanzmarathons von früher sind die Castingshows von heute." Vor der Pause laufe "die Aufführung unterhaltsam durch, mal mit einem bissigen Gag garniert, gelegentlich die Spannung anziehend." Dann aber bleibe ein Bruch aus, der der Verfilmung des Stoffs durch Sidney Pollack vergleichbar wäre. Auch Keim diskutiert diesen Abend exemplarisch für die Intendanz Niermeyer: "Eine gute Idee wird nicht ausgereizt. Gerade Niermeyer bleibt in ihren Inszenierungen oft stecken, der letzte Biss fehlt. Wobei sie nie unter das Niveau handwerklicher Solidität sinkt, sie war immer das stabile Element, gerade auch in Krisenzeiten." Auf der Habenseite ihrer Jahre in Düsseldorf stünden Inszenierungen wie "Joseph und seine Brüder" von Wolfgang Engel, "Kasimir und Karoline" von Karin Neuhäuser und "Rechnitz" von Hermann Schmidt-Rahmer sowie die Entdeckung der jungen Regisseurin Daniela Löffner.

Von den verzweifelten Geschichten der Tanzpaare, auf denen der "Fokus des Stücks" liegen müsse, sei wenig zu vernehmen, urteilt Ulrike Gondorf in der Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur (13.5.2011). In Amélie Niermeyers Inszenierung "scheinen Vorder- und Hintergrund vertauscht", weil die knallige Bühnenshow und der "Unterhaltungsklamauk" nah ans Publikum gerückt würden, während die Geschichten "nur indirekt über Kamerabilder, Videoleinwände und Mikrofonverstärkung" vermittelt erschienen So werde Identifikation verhindert; je länger der Abend dauere, desto mehr verwandle sich die Anteilnahme für die Figuren in "ein genervtes 'selber schuld'. Und bei aller berechtigten Kritik an menschenverachtenden Unterhaltungsformaten ist dieses Anliegen schnell durchschaut und erschöpft." Auch Gondorf zieht eine eher ernüchterte Bilanz der Intendanz Niermeyers ("auch und gerade wenn die Chefin selbst inszenierte, war oft schwer auszumachen, welche Fragen diese Arbeit antrieben, im Hintergrund brannten und nun das Publikum fesseln, herausfordern oder überraschen könnten"). Positiv vermerkt sie die Qualität des Ensembles und Thomas Jonigks Autorenlabor.

Nicht nur den Verweis auf Castingshows, sondern auch Hintersinniges macht Annette Bosetti in der Rheinischen Post (16.5.2011) aus: "Vielleicht will Niermeyer nach fünf Jahren Intendanz ja auch durch die Blume mitteilen, dass sie einen diesem Marathon ähnelnden Kraftakt von Blut, Schweiß und Tränen in der Landeshauptstadt hinter sich hat." Die scheidende Intendantin habe "einiges in Bühnenzauber investiert, in gute Livemusik und viele, viele Päckchen Zigaretten. Sie hat auf glänzende Schauspieler gesetzt und weiteres Geld springen lassen für Videos und Sounds. Großer Aufwand also – und doch hat sie die Menschen nicht erreicht. Der verhaltene Schlussapplaus sagt alles."

Dieser Abend gerate "plakativ, wird am Ende auch lang, obwohl die Inszenierung Pfiff hat und Livemusik", schreibt Petra Kuiper auf dem Portal der WAZ-Mediengruppe derwesten.de (15.5.2011) und richtet Einwände gegen die Parallelisierung des Stoffes mit heutigen Verhältnissen: "Nein, die Geschichte stimmt nicht. Kein Mensch wäre im sozialversicherten Euroland zu solch einer Tortur bereit. Unterhaltsam ist das trotzdem. Und gut gespielt.“"Auch hier dient der Charakter der Inszenierung für ein Resümee der Intendanz Niermeyers: "Am Ende bleibt das Gefühl des gepflegten Mittelmaßes, das sich durch die gesamte Intendanz von Niermeyer zog."

Neben den Verweisen auf die Fernseh-Unterhaltungsformate hebt Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (16.5.2011) die "religiöse Note" dieses Marathontanzstücks hervor und urteilt: "Es gelingt Niermeyer gut, den Zuschauern vor Augen zu führen, wie gegenwärtig genau diese Art von Unterhaltung ist. Schwach ist die Inszenierung da, wo es tiefer gehen könnte, wo es um die Verlierer und ihre Motivation geht."

In der Süddeutschen Zeitung (17.5.2011) schreibt Egbert Tholl: Fast alle Schauspieler des Ensembles, "auf das Niermeyer sehr stolz ist", wirkten in der Aufführung mit. Der Aufwand sei beträchtlich. Niermeyer zeige die "riesengroße Tanzshow", bei der am Ende nur noch "drei, vier Paare in völliger Zerrüttung von Geist und Körper wie seelenlose Hüllen aneinander hängen". Doch die Struktur sei das Problem des Abends, um das Gefühl "der totalen Verwahrlosung spürbar zu machen", müsste die Aufführung "vielleicht fünf, sechs Stunden dauern und nicht knapp drei". Der "Zerfall der Figuren" bleibe Theater, wirke "gemacht".

Niermeyer, lobt Martin Eich in der Welt (18.5.2011), verfalle "nicht falschem Historismus", Hübner und Heckmanns hätten der Geschichte "den Staub des Gestrigen ausgetrieben". Porträtierten Roman und Verfilmung noch "die Not, so ist es hier die Gier (...): Im Empört-und-erhebt-euch-Zeitalter zeigt Niermeyer die Korrumpierbarkeit der Masse, die freiwillige Selbstausbeutung und Selbstaufgabe des Individuums". Dass die "Biografien zu Strichzeichnungen und Hintergründe nur angedeutet werden, ist hinnehmbar, weil es die gewollte Anonymität der Rollen unterstreicht. Überall nur Masse." Die Inszenierung "glückt, weil trotz mancher Längen stimmig erzählt wird". Niermeyer gestalte die Handlung "als Parabel auf das Showgeschäft", wobei sich die Produktion "nicht in Medienkritik erschöpft, sondern darüber hinausgeht": "Die privaten und auf überdimensionierten Videoscreens eingefangenen Momente des Tanz-Viehs werden zum Spiegel einer Gesellschaft, die verlernt hat, Geheimnisse zu waren." Fazit: "So kann politisches Theater als unpolitisch anmutendes, den Zuschauer forderndes Gleichnis inszeniert werden. Das fordert, bisweilen überfordert es auch, aber an keiner Stelle misslingt es."

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