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Seltsame Leere nachher

von Tobias Prüwer

Leipzig, 21. Mai 2011. Vor der Zuschauertribüne in der Leipziger Skala baut sich ein Viertelstuhlkreis aus 23 – Zufall? – Einzelstücken auf. Eine Schauspielerin hat bereits Platz genommen, die drei anderen Mimen bewegen sich in kleinen Kreisen. Alle vier sind in hellbraune Decken gehüllt – sind das jene Kamelhaarfabrikate, die man bei Kaffeefahrten offeriert? – und erinnern an staksige Wagner-Heroen.

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© R. Arnold/ Centraltheater

Winkt hier als bleiche Reminiszenz die Wacht vom Rhein oder sind das in deutscher Mordlust gescheiterte Weltkriegssoldaten? Dann nehmen alle vier Platz und sprechen abwechselnd und manchmal im Chor ihre "Antworten an Deutschland" in den leeren Raum.

Wie war gleich die Frage?

Es beginnt ein leiser, vierstimmiger Vortragsabend, sehr reduziertes Sprechtheater, dem man gebannt zuhört. In einer willkürlich scheinenden Textfolge wird im Sitzen Monolog um Monolog nachgeschoben. Bis zum Schluss in Decken gehüllt, rufen die Protagonisten alle Übel dieser Erde aus: Nukleare Katastrophen, Hunger irgendwo, Euro-Krise, rassistische Polizeigewalt in Deutschland, Luxusprobleme, Apple-Hype, soziale Schere, Fast-Waffenexportweltmeister Deutschland, europäische Flüchtlingspolitik, Deutsche Bank und deutsches Geld, RAF, Weltgeist, RTL, Tierversuche, entspannter Patriotismus. Das hat eine sehr suggestive Wirkung, auch wenn vieles Allgemeingut ist. Man erkennt im Textsampling seinen Hölderlin und Brecht, wer die Nachrichten verfolgt, erfährt auch über die politische Lage nichts Neues. Im unaufgeregt-nüchternen Vortrag aber birgt die geballte Auftürmung Ungerechtigkeit eine ordentliche Menge  Empörungspotenzial.

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Aus der Rolle fallen da die persönlichen Schilderungen der Schauspielenden. Während Artemis Chalkidou aus ihrer kleinen heilen Familienwelt berichtet – und sich dafür entschuldigt –, liest Benjamin Lillie aus seinem Indien-Tagebuch vor. Linda Pöppel, die sich über das eigene Konsumentin-Dasein ärgert, ist alles irgendwie zu komplex. Der Sinn dieser als quasi-authentisch markierten Stimmen erschließt sich freilich nicht. Nur Paul Matzke sticht heraus, indem er eine selbstreflexive Ebene einfügt. Was machen wir hier eigentlich?, merkt er an.

Stell dir vor, es ist Deutschland, und keiner ist empört

Und was wird sich das Publikum fragen? Antworten werden die nicht bekommen, aber haben sie die wirklich erwartet? Hätten sie nicht wenigstens ein Bier bekommen sollen? Und warum gibt es dieses Zögern – Kein Gerede, nur die Tat? –, fragt er, wo doch die Kalamitäten so offensichtlich vor uns allen liegen. Damit berührt er einen Kern, den der Abend leider nicht weiter verfolgt.

Stell dir vor, es ist Deutschland, und keiner ist empört. – Natürlich erwartet man keinen Abend der allgemeingültigen Antworten. Interessant aber ist, dass Regisseur Frank-Patrick Steckel keine deutsche Stimme des Zorns verwendet – ja: gefunden? – hat. Hierzu muss das Wut-Manifest der Free Gaza Youth herhalten. (Die mindestens missverständliche Sentenz: "Die Geschichte wiederholt sich aufs Grausamste", hätte man allerdings streichen sollen.) Warum gibt es keine deutschen Zungen der Erregung und was bedeutet das? Natürlich muss auch hier die Botschaft der Empfänger zahlen, aber mehr Verdichtung hätte als leichter Schlag gegen den Hinterkopf nicht geschadet.

Deutschland wird ansatzweise auch in Frage gestellt, aber meist bleibt es universell. So plätschern Name- und Katastrophendropping à la "Fukushima", "Wallstreet", "Libyen" beliebig dahin – wenn sie immer auch etwas mit Deutschland zu tun haben, irgendwie. Deutschland ist ein in willkürlich gezogenen Grenzen abgestecktes Konstrukt, heißt es einmal leicht konkret. Richtig, aber geschenkt – gäbe es da nicht die behauptete deutsche Leitkultur und ihre nicht gerade machtlosen Apologeten. Doch davon kein Wort.

Alles nur Theater?

Ein bisschen harmlos hört sich der literarische Flickenteppich an und man vermisst Autoren wie Tucholsky und Nietzsche, Heine oder auch Celan und Adorno. Und warum hat man nicht die Popkultur geplündert, etwa der süffisant-zynische "Biergarten Eden"-Rap von K.I.Z: "16 Bundesländer unser ganzer Stolz. / Germany, wir machen die 20 voll." - "Und wir reiten auf den Schäferhunden Richtung Horizont / Er leuchtet Schwarz Rot Gold".

Den Fehlstellen und der selbstgeschürten Erwartungshaltung – die Inszenierung gibt sich dem Namen nach immerhin als Finale der "Deutschland"-Spielzeit – zum Trotz entfaltet sich ein stiller Sprechtheaterabend von manchem Gewicht. Dieses Sammelsurium und die Geste der Hilflosigkeit erzählen ihrerseits nicht wenig über Deutschland und implizit auch von den Bedingungen der Möglichkeit einer solch deutschen Institution namens Stadttheater. Auf seine intensive Art angehend und vereinnahmend, verpufft die Wirkung des szenischen Abends rasch, tritt man aus dem Theaterraum wieder ins reale Deutschland. Man ist seltsam leer. Vielleicht aber nicht das schlechteste Gefühl, denkt man an Deutschland.

 

Antworten an Deutschland (UA)
mit Texten von Artemis Chalkidou, Linda Pöppel, Benjamin Lillie, Paul Matzke sowie Bertolt Brecht, Albert Camus, DIW, Robert Fisk, Free Gaza Youth, James Galbraith, Jakob van Hoddis, Friedrich Hölderlin, Birgit Hogefeld, Bradley Manning, Jean Ziegler u.a.
Regie: Frank-Patrick Steckel, Ausstattung: Frank-Patrick Steckel, Musik und Chorarbeit: Dirk Raulf, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Artemis Chalkidou, Benjamin Lillie, Paul Matzke, Linda Pöppel.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Mehr: Rein theoretisch, einen ähnlich Fragen formulierenden und nach Antworten suchenden Abend inszenierte Frank-Patrick Steckel im Oktober 2010 am Theaterlabor Bremen.


Kritikenrundschau

So "souverän" sich "Altmeister Steckel" auch der "Traditionssplitter" des politischen Theaters bediene, "seine Inszenierung bleibt seltsam spröde und distanziert, hat kaum die Wucht von Revolte und Zeitstück", befindet Sebastian Göschel in der Leipziger Volkszeitung (23.5.2011). Der Abend sei "eine szenische Installation. Steckel buchstabiert das gesamte Repertoire theatralen Sprechens durch: Rhythmik, Chor, Übernahme von Motiven, Tempowechsel, Gesang, Rezitation et cetera. Das ist geradezu hypnotisch, aber auch langatmig". Einwände hat die Kritik gegen die "parataktisch erzählten Geschichten", die neue Gehalte vermissen ließen und sich nicht gegenseitig vertieften, ebenso wie gegen "die unhinterfragte, linkssoziale Meinung" in der Inszenierung, die allein bewirke, "dass man trotz ähnlicher politischer Denkart irgendwann dagegen sein will". So führe hier eine "(u)ndifferenzierte Systemkritik" nicht "zu zivilem Ungehorsam, sondern zu Unempfindlichkeit".

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (25.5.2011): "Ironie und Spielermentalität" seien Frank-Patrick Steckel "absolut fremd". Sein Themenabend "Antworten an Deutschland" sei konzentriert altlinke Mentalität gewesen, die mindestens so nostalgisch der 68er-Empörung nachhänge wie Leipzig dem Barock. Vier "bemitleidenswerte Schauspieler, eingewickelt in beige Wolldecken", säßen 90 Minuten "starr auf vier Stühlen" und sprächen im "lächerlichen Ton der Betroffenheit Vorwurfsdaten über den bösen Kapitalismus". Das könne man täglich überall nachlesen. Und in "dieser primitiven Schuldkonstruktion" stecke nicht mehr Weisheit als "in naiven Verschwörungstheoretikern, die alles glauben, was sie im Internet finden". Höchste Zeit, dass Steckel eine Ölquelle fände und einmal ein paar Verlockungen des Reichtums spüre.

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