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Vergesst Warhols Factory!

von Kai Bremer

Bielefeld, 4. Juni 2011. Nicht wenige Zuschauer, die die Wendeltreppe zur engen Spielstätte unter dem Dach des Theaters am Alten Markt hochsteigen, tun das gewiss voller Erwartung. Tom Peuckert ist kein Unbekannter am Bielefelder Theater. Seine Stücke finden hier regelmäßig den Weg in den Spielplan. Die meisten der an diesem Abend beteiligten Künstler haben Erfahrung mit Peuckerts Texten. Zugleich lässt der Titel seines Stücks, "Gedächtnisambulanz", vermuten, dass der Autor sich mit einem lokalen Thema, der Bielefelder Gedächtnisambulanz, auseinandersetzt, die seit einem Jahrzehnt erfolgreich im Bereich der Neuroanatomie tätig ist und Gedächtnisstörungen diagnostiziert und therapiert. Diese Vermutung liegt auch deswegen nahe, weil sich Peuckert schon einmal, 2005, dem hiesigen Geistesleben mit "Luhmann" gestellt hat.

Bühnenwirksames Farbleitsystem

Wenn man dann die Dachkammer betritt, ist nicht mehr ganz klar, ob hier auf Gewohntem aufgebaut wird. Rechts stehen ein Schlagzeug sowie Synthesizer und eine Orgel. In der Mitte ist ein schlichter Tisch, um den herum die fünf Schauspieler Oliver Baierl, Therese Berger, Omar El-Saeidi, Stefan Imholz und Thomas Wolff sitzen und stehen; die Männer in grauen Hosen mit einem gelben, einem roten, einem orangen und einem blauen T-Shirt, entsprechenden Schnürsenkeln und Socken. Klar identifizierbar, gut erinnerbar.

Ebenfalls markant ist Schimanski selbst, nicht nur, weil er selbst die musikalische Begleitung liefert, sondern vor allem, weil er mit Brille und grauer Mähne sich offenbar vor Andy Warhol verneigt: Bielefelds Antwort auf die Factory. Dazu passt auch, dass im Laufe des Abends eine ganze Reihe von Klassikern aus den 60ern und 70er angestimmt werden. Zu Texten von Peuckert erklingt beispielsweise "A Whiter Shade of Pale". Weniger markant, aber doch gut sichtbar ist das Memory-Spiel auf dem Tisch.

Neurophysiologische Antwort auf Goethes "Zueignung"

Allein schon diese Anordnung - Warhol, Memory, markante Kostüme – kündigt an, dass das Thema "Gedächtnis und Erinnerung" nicht nur diskursiv durchdekliniert wird, sondern auch visuell und musikalisch. Diese Vielfalt betonend, verzichtet Peuckert auf eine durchgängige Handlung. Viele Szenen sind kaum mehr als Konstellationen, die irgendwie bekannt sind und die ihrerseits um das Erinnern kreisen. Da ist der Ossi, der zwar die Weihnachtskekse "Engelsaugen" nicht kennt, aber dafür viele eigene Erinnerungen hat, die die anderen nicht mit ihm teilen. Da ist der Sohn, der vom Vater wissen will, was die Mutter gesagt habe, bevor sie sich umgebracht hat. Der Vater erinnert sich nicht, sagt er. Da ist der Opa, der sich an die geschlagenen Schlachten erinnert und das nicht darf, weswegen ihm sanft das Wasser aus dem Fluss Lethe eingeflößt wird. Da wächst die Heroisierung an einen geliebten Mann von Generation zu Generation und macht aus dem vielleicht rechtschaffenen Gatten einen Urgroßvater, der Hitler widerstanden hat und die Brust des Urenkels stolz schwellen lässt.

Neben all dem steht Schimanski und begleitet nicht nur musikalisch, sondern mimt auch den alles lenkenden Strippenzieher, der die Hirne auffordert zu erwachen, zu singen und schließlich zu schweigen – gewissermaßen die neurophysiologische Antwort auf Goethes "Zueignung" im "Faust".

Memory mit BRD und DDR

Der Abend entwickelt sich also facettenreich. Die Schauspieler sind offensichtlich mit ungeheurem Spaß bei der Sache und verlieren doch nie die Kontrolle über die präzise aufeinander abgestimmte Szenenfolge. Potenziert wird all dies durch Bildassoziationen, die ebenso vielfältig sind. Den Boden bilden schwarze Quadrate, die im Laufe des Abends umgedreht werden. Auf ihrer Rückseite sieht man unter anderem ein Porträt von Picasso, Pin-Ups, romantische Gemälde und Exit-Symbole. Teilweise wiederholen sie sich und werden wie Memory-Paare zusammengelegt, teilweise ergänzen sie sich, wie die Silhouetten von BRD und DDR.

So verwandelt sich die Bühne sukzessive in ein surrealistisches Gemälde, durch das sich die Schauspieler wiederholt mit Tiefseefischen aus Stoff und mit gewaltigen Mäulern bewegen und die auch als abstruse Hüte dienen. Doch selbst das zielt nicht einfach nur auf bloße Wirkung, auf Potenzierung der Eindrücke, sondern variiert die Frage nach den Tiefen der Erinnerung symbolisch.

Mehr als eine Revue

Wenn man dieser Inszenierung überhaupt etwas vorwerfen kann, dann nur, dass Peuckerts Genrebezeichnug "Revue" für das Stück, viel zu kurz greift. Was Schimanski und seine Schauspieler aus dem vielfältigen Drama entwickeln, ist nicht weniger als eine in jeder Hinsicht herausragende Auseinandersetzung mit der Erinnerung, die immer und immer wieder unterschiedliche Assoziationen auslöst. Gemeinsam dürfte dem Publikum nur eins gewesen sein, als es von der Dachkammer die Wendeltreppe wieder heruntergestiegen ist: die Gewissheit, sich an diesen Abend noch zu erinnern, wenn vieles andere schon vergessen ist.

 

Gedächtnisambulanz. Eine Revue (UA)
von Tom Peuckert
Regie: Patrick Schimanski, Bühne: Fabian Siepelmeyer, Kostüme: Kamila Grochowski, Dramaturgie: Katrin Michaels.
Mit: Oliver Baierl, Therese Berger, Omar El-Saeidi, Stefan Imholz, Patrick Schimanski, Thomas Wolff.

www.theater-bielefeld.de


Diese Inszenierung wurde von den Lesern für das virtuelle nachtkritik-Theatertreffen 2012 ausgewählt. Mehr zu Patrick Schimanski: Im August 2010 inszenierte er in Bremen Einar Schleefs Mütter, im März 2010 in Bremen Peter Hacks' Der Schuhu und die fliegende Prinzessin und im Sommer 2009 Heiner Müllers Germania Tod in Berlin. Von Tom Peuckert besprachen wir Elende Väter, das im November 2007 in Bielefeld uraufgeführt wurde.


Kritikenrundschau

Man erfahre an diesem Abend viel über die Funktionsweise des Gehirns und die Genauigkeit von Erinnerungen, sagt Stefan Keim im kritischen Gespräch für die Sendung Mosaik auf WDR 3 (5.6.2011). Die Grundidee, die Revue aus einer Teerunde heraus zu entwickeln, lehne sich an Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" an. Von dort aus würden in "Gedächtnisambulanz" über einzelne Geschichten "Erinnerungen aktiviert". Es gehe einerseits witzig und "sehr, sehr temperamentvoll nach vorne", andererseits gebe es auch "ganz ruhige und ganz leise Momente". Das Ensemble agiere mit einer "unglaublichen Spielenergie". Ohne dass es "pädagogisch mit Zeigefinger" verdeutlicht würde, entwickele der Abend Bezüge zur deutschen Geschichte und zeige, dass das "Definieren" und "Beherrschen von Erinnerungen auch etwas sehr Politisches ist". Schimanskis Regie nehme das parodistische Element in Peuckerts Stück auf und schaffe zudem eine offene Form, die dem Thema des Stückes sehr angemessen sei. Fazit: "Es ist ein sehr reicher, sehr anregender und enorm unterhaltender Abend in Bielefeld."

Marie Frickenstein schreibt in der Neuen Westfälischen Zeitung (6.6.2011): "Vom Erinnern und Vergessen, vom Erleben, Erfinden und Umlernen" handele das "kurzweilige Stück" von Tom Peukert, das Regisseur und Komponist Patrick Schimanski "mit Tempo" aufführe und mit Schlagzeug und Synthesizer "zurückhaltend, aber pointiert" begleite. Neben den chorischen Einlagen zeigt sich die Kritikerin von dem "Memory-Fußboden" von Bühnenbildner Fabian Siepelmeyer überzeugt. "Auch die Konzeption, das Stück als eine Art Revue zu zeigen, passt exakt, denn die Lieder aus der Jugend kennen selbst Menschen mit Demenz oftmals noch."



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