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United Colors of Schiller

von Bernd Mand

Mannheim, 8. Juni 2011. Eine Stunde bezeichnet nüchtern betrachtet den vierundzwanzigsten Teil eines Tages, aber der hat im Theater bekanntlich seine eigenen Gesetze. Nach dreieinhalb Stunden fadem Auf- und Abgehen mit ausufernder Textlastigkeit in modischem Aschgrau bekommt ein Vierundzwangistel des Tages rasch eine komplett neue Bedeutung.

Dass man mit einer Stunde Lebenszeit aber auch ganz anders verfahren kann, zeigte jetzt Performance-Künstler und Regisseur Massimo Furlan bei der Premiere seiner Auftragsarbeit für die Schillertage am Nationaltheater Mannheim. "Schiller Thriller" übertitelt der theatrale Bilderschreiber seine exakt 60 Minuten dauernde Extravaganz, die den Historiker Friedrich Schiller in den Mittelpunkt der Bühne im Schauspielhaus rückt.

What a Wonderful World

Das Projekt baut sich textlich ziemlich konkret um Schillers Antrittsrede als Geschichtsprofessor an der Universität in Jena "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte". Sie ist ein lautstarkes, ja fast schon heißblütiges Zeugnis für Schillers Glauben an den Fortschritt des gebildeten und zivilisierten Menschen am frühen Morgen der Industrialisierung, der den Siegeszug des Kapitalismus und der Kolonisierung in seinem Frühnebel mit sich bringt.

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Schiller Thriller. © Hans Jörg Michel

Furlan lässt den historischen Schiller mit Textstücken seiner Rede auf der offenen und (bis auf eine lange Stuhlreihe am hinteren Ende) leeren Bühne seiner eigenen, nie gekannten Zukunft gegenüber treten. Nicolas Leresche begegnet uns in dieser Rolle am Anfang als etwas überforderter Samstagabendshow-Moderator, der hektisch seine Notizkarten in den Händen schwenkt.

Man kann es ihm nicht verdenken, musste er sich doch zuvor erst den Bühnenplatz hart erkämpfen, den widerspenstige Paartänzer zu Louis Armstrongs "What a Wonderful World" einnehmen wollten. Aber auch seine Minuten im Scheinwerferlicht sind rasch gezählt. Laut dröhnt Michael Jacksons "Thriller" über die Boxen und der King of Pop macht dem Dichter und Denker mit großem Zombie-Ensemble schnell den Platz streitig. In großen Lettern prangt über allem die Projektion "Schiller Thriller". Wir sind da.

Schiller im Bilderstrudel

Massimo Furlan setzt von nun an auf einen mächtigen Bilderstrudel, der Schillers wissenschaftliche Abhandlung kritisch bis bissig kommentiert. Und dabei wird mit großer, internationaler Statisterie und allem was ein theatralischer Bildersturm so braucht schlicht und ergreifend auf den Putz gehauen: von der wild wuchernden Schillerverehrung seiner Zeit, hier in einem herrlichen Ballspiel mit weiß gekleideten Musen verballhornt, bis zu einem schmerzhaft entlarvenden Zwischenspiel, das Schiller am Keyboard sitzend über die "Wilden" Afrikas parlieren lässt. Sanft klimpert es "We Are The World" und lässt einem kalte Schauer über den Rücken laufen.

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Furlan legt den Finger in einige offene Wunden in Schillers Gedankenwelt, die der Glorienschein seiner Dramen oftmals überstrahlt. Und dennoch gerät das schmissige und straffe Unterfangen nicht zum verkopften Szenenspiel. Zu stark ist die Spielfreude dieser Anlage, die den Dichter auf einem Teppich von Dollarscheinen vom bösartigen Showgirl in großem Federschmuck verprügeln lässt, die Windmaschine bis zum Anschlag aufdreht und am Ende einen heliumgefüllten Bomber aus dem Bühnenturm zaubert, unter dessen Flügel man sich schließlich wieder zu Louis Armstrongs Gassenhauer im Kreise dreht. Und noch einmal zur Erinnerung: alles in nur einer Stunde.


Schiller Thriller
von Massimo Furlan und Claire de Ribaupierre
Regie: Massimo Furlan, Dramaturgie: Claire de Ribaupierre, Bühne: Thomas Hempler, Licht: Antoine Friderici, Kostüme: Cécile Delanoë.
Mit: Young-Soon Cho, Diane Decker, Anne Delahaye, Thomas hempler, Nicolas Leresche, Stéphane Vecchione.

www.nationaltheater-mannheim.de


Den Globalisierungstheoretiker Schiller untersuchte auch die Berliner Volksbühne in der Spielzeit 2009/2010 mit den Seestücken.

 

Kritikenrundschau

Massimo Furlans Performance wecke ungeheuer viele Assoziationen, schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (10.6.2011), "tiefgründige und oberflächliche, bunte und laute, meditative und burleske." Ganz schön viel, was da in 80 Minuten Tanz- und Bildertheater gestopft werde. "Der Schweizer Theatermacher Furlan und seine Dramaturgin Claire Ribaupierre lassen einen dozierenden Schiller im Rokoko-Kostüm auf einen tanzenden Michael Jackson treffen (...) Eine schwarz gewandete Magierin schaut verdrießlich drein, während eine langbeinige Truppe von Revuegirls so tut, als käme sie geradewegs
aus dem Friedrichstadtpalast." Fazit: "Sieht nett aus, hat aber nicht so viel zu bedeuten (...) Am Ende viel Beifall für dieses mächtig aufgeblähte Allerlei. Man wird es schnell vergessen."

Im Mannheimer Morgen (10.6.2011) ist Martin Vögele dagegen sehr angetan. Die Jenaer Vorlesung bilde das Grundgerüst von "Schiller Thriller", und wie auch Schillers Trauerspiele als Kontrast zum Fortschritts-Optimismus seiner Antrittsrede gelesen werden können, "so setzt Furlan hier dem Historiker den Dramatiker, dem gesprochenen Wort gewaltige, teils gewalttätige und alptraumhafte Bilder entgegen". Fazit: "Die Welt mag nicht wunderbar sein - Furlans spektakulärer Inszenierung aber ist dieses Attribut sehr angemessen".

 
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