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Ich bin bin ich, und ich will dich

von Eva Biringer

Berlin, 11. Juni 2011. Nach der Post-Moderne jetzt also der Post-Porno. Ein Gefühl der Enge stellt sich ein beim Betreten des Studios im Maxim Gorki Theater. Die Sitzreihen sind dicht aneinander gerückt, eine hauchdünne Papierwand trennt die Bühne von der ersten Reihe. Erst spielen die beiden Schauspielerinnen mit ihren Schatten, pressen ihren Körper, besonders die Brüste dagegen, reißen mit dem Finger kleine Löcher ins Papier, um kurz darauf mit rasenden Gesten die Bühne freizulegen.

Da stehen sie also: Barfuß, mit prolligen Tattoos auf Rücken und Oberarmen und knallpinken Shorts. Noch sind sie ganz zahm, schütteln beinah schüchtern die Hände der Zuschauer und spielen wie kleine Mädchen an ihren Haaren herum. Schnell werden dann aber die "sporty girls" zu "naughty girls".

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Dann nämlich, wenn sie von ihrer Fantasie erzählen, die nicht nur erotisch ist, aber auch: Von einem großen Haus mit vielen Zimmern und alle Menschen darin, die Schönen vor allem!, könnten doch, denken sie, unverbindlich Sex miteinander haben. Dem aufmerksamen Zuschauer ist zwar nicht entgangen, dass es solche Institutionen bereits gibt, doch der Anblick der beiden Mädchen, die sich vor Aufregung verhaspeln und von stattlichen Subventionen für ihr Projekt träumen, lässt einen das beinahe vergessen. Großen Respekt verdient die Leistung der Schauspielerinnen Hanna Binder und Ivana Sajevic. Einer Tour de Force gleich stellen sie ihre Körper bloß, schinden sich und gehen bis an ihre Grenzen.

Die Logik der Verwertung

Agnes Hansch, die nach dem Studium der angewandten Theaterwissenschaft und einer Regieausbildung an der Hochschule Ernst Busch mit "Post Porn Poetry" ihre Diplominszenierung vorlegt, interessiert sich, sagt sie, für den Zusammenhang zwischen "sexueller und pekuniärer Inflation", und das "Post" vor "Porno" markiert ihr zufolge eine neue Form der sexuellen Dienstleistung, die jetzt nicht mehr nur die Körper der Ausführenden fordert, sondern auch deren Seele.

"I am what I am", das meint eben zunächst reale Körper in ihrer Verletzlichkeit. Was man damit so alles machen kann, ist seit Menschengedenken hinlänglich ausprobiert worden, und so ist es nur konsequent, wenn immer mal wieder allgemeines Kulturgut Eingang in den Text findet: Von Freuds Todestrieb über Platons Kugelmenschen bis hin zu de Sades Gedanken zur Grenzüberschreitung.

Post-Produktion lautet hier das Stichwort, das adäquate Sampeln vom geistesgeschichtlichem Überbau. Derzeit eine beinahe inflationäre Technik, deren Einsatz dafür umso mehr zu begründen wäre. Post Porn Poetry bleibt diese Antwort schuldig – und macht es sich über weite Strecken bequem in der kapitalistischen Verwertungslogik.

Die Macht der Worte

Öfters an diesem Abend stellt sich deshalb das Gefühl ein, das alles schon gesehen zu haben, bei Volker Löschs Lulu an der Schaubühne zum Beispiel. Auch dort kommen Sexarbeiterinnen zu Wort, die man sich der Logik des Stücks zufolge durchaus als glückliche Menschen vorstellen muss; und hier wie da werden deren Erzählungen in Form von Erfahrungsberichten in den Text eingebaut. Allerdings verzichtet Agnes Hansch, anders als Lösch, auf die Beschäftigung von Laien.

Bei "Post Porn Poetry" hören wir Amüsantes – wie den Monolog der jungen Schönen, die auf Louboutins in die edle Hotellobby stöckelt, dabei sichtlich die Blicke der Anwesenden genießt, um kurz darauf ein hocherotisches Schäferstündchen mit einem mittelalten französischen Geschäftsmann zu genießen, Superorgasmus inbegriffen; mal Verstörendes, wenn eine der Protagonistinnen ihr Erlebnis mit einer Internetbekanntschaft schildert. Wie sie sich verausgabt, schutzlos und beinahe nackt und völlig außer sich – man hat allzu deutlich das Bild vor Augen wie ihr Kopf gegen die Badewanne geschlagen wird.

Überhaupt spielt das Kopfkino bei "Post Porn Poetry" die heimliche Hauptrolle, schließlich bleiben bei aller Freizügigkeit die meisten Dinge doch ungetan. Welche Macht Worte zu entfalten vermögen, kann man an den Gesichtern Zuschauer ablesen, wenn sie förmlich am rosaroten Erdbeermund der Erzählerin hängen und gespannt lauschen, wie sich diese "durchs Kaffee Einstein fickt, an all den Latte Macchiatos und Streuselkuchen vorbei".

Schubidu! Hurra!

Unterm Strich zähl ich, das ist im Sexmetier nicht anders als im Finanzsektor. Schade, dass die Beiden an diesem Abend nie über den Tellerrand der eigenen Befindlichkeiten hinausschauen. Dann nämlich würden sie sehen, dass es anderen genauso geht mit ihrer Suche nach Geborgenheit und Anerkennung. Nur zu Beginn spürt man bei ihnen so etwas wie Zusammenhalt; je öfter sie ihre Kostüme wechseln, je öfter sie sich in der Präsentation ihrer begehrenswerten Körper zu übertrumpfen versuchen, desto weiter entfernen sie sich voneinander.

Nach all der Publikumspartizipation, während der man zu "Hurra!" und "Schubidu!" Rufen aufgefordert wurde, möchte man den Beiden am Ende gerne den Ratschlag mit auf den Weg geben: Vertragt euch!

Der Schlussapplaus vollzieht sich vor einem Gruppenbild mit lauter Damen. Alle, die an der Produktion mitgearbeitet haben, sind weiblich, mit Ausnahme des Mopses vielleicht, dessen Geschlecht unklar bleibt. Soviel weiblicher Zusammenhalt stimmt versöhnlich – und diesen Zusammenhalt werden wir brauchen im Kampf gegen die sexuelle Inflation.

 

Post Porn Poetry
Ein Cut-up von ZENTRALE
Regie: Agnes Hansch, Bühne: Halina Kratochwil, Kostüme: Silvia Albarella, Video: Branka Pavlovic, Dramaturgie: Sophie Nikolitsch
Mit: Hanna Binder und Ivana Sajevic.

www.gorki.de



 
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