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Solness oder Ein Puppenheim

von Klaus M. Schmidt

Wuppertal, 2. Juli 2011. Oh, diese Stimmen in meinem Kopf. Das denkt er vielleicht einmal zwischendurch. Nein, eine Handlung findet hier nicht mehr statt. Baumeister Solness (Thomas Braus) geistert, tigert durch eine weiße Gummizelle ohne Ausgang. Es ist die zentrale Kammer in einem Riesen-Puppenhaus, mit dem Ausstatterin Pia Maria Mackert die Wuppertaler Bühne gefüllt hat. In den weiteren Kammern drumherum hocken die anderen Figuren. Sie sind höchstens einmal zwanghaft mit Requisiten beschäftigt. Ansonsten sind sie in Marcus Lobbes' Inszenierung nur Stichwortgeber für Solness, der die Jugend als Konkurrenz fürchtet und am Ende an seiner Sehnsucht nach ihr zugrunde geht.

Alle Akteure sind schon da, wenn man in den Zuschauerraum kommt. Das geht nicht anders. An die sechs Meter hoch ist Mackerts Puppenhaus, die Räume liegen zwei- bis dreigeschossig übereinander, sie haben keinen anderen Zugang als die Öffnung zum Zuschauerraum. Regie und Bühne machen Solness so von Beginn an zum Gefangenen seines inneren Konflikts. Auch die anderen Figuren bleiben Gefangene seiner Projektionen. Einen Ausweg daraus gibt es für keinen von ihnen.

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Raummetaphern für Seelenlagen

Links unter der Zelle des Baumeisters liegt Ragnars (Gregor Henze) Kammer. Ein ärmlicher Hochstand möbliert den kleinen Raum. Der liegt also auf der Lauer, um ihn zu überflügeln, sagt dieses Bild. Denn das ist Solness' Unterstellung gegen den Jüngeren, der für ihn arbeitet. Seine Ambitionen werden von ihm daher konsequent unterdrückt. Die Figur Knut, Ragnars Vater, ein einstiger Konkurrent, den Solness seiner Firma inzwischen einverleibt hat, ist in Wuppertal gestrichen.

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                                                                                                               © Sebastian Hoppe

Über Ragnar haust Kaja (Maresa Lühle), die Buchhalterin. Sie begehrt Solness, obwohl sie mit Ragnar verlobt ist. Solness lässt dieses Begehren köcheln, um Kajas Abhängigkeit zu erhalten. Auch sie kommt wegen Solness also nicht vom Fleck. Mackert hat sie optisch folgerichtig zum Inventar degradiert: Ihr Kleid hat dasselbe Muster wie die Tapete ihrer Kammer. Wenn sie sich zum ersten Mal von der Wand löst, ist das eine kleine Überraschung.

Unter Solness hat der Hausarzt Herdal (Holger Kraft) seinen Kerker, es ist der kleinste Raum. Am Anfang hockt er auf Büchern, aus denen baut er sich dann eine Mauer zum Zuschauerraum. Der potentielle Ratgeber, Verkörperung der Vernunft, verschanzt sich. Von ihm ist keine Hilfe zu erwarten.

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Alines Zimmer                     © Sebastian Hoppe

Im Bann der Stimmen

Rechts davon ist das Zimmer von Aline (Sophie Basse), Solness' Frau. Ihr Elternhaus ist einst abgebrannt, dabei sind ihre Kinder umgekommen. Die Neubebauung des Grundstücks hat damals Solness' Karriere in Gang gebracht. Aline aber hat den Tod der Kinder nie verwunden. Ihren Raum hat Mackert mit einem dichten Geflecht aus Fäden versehen: Aline hockt im Netz ihres Schuldgefühls.

Solness ist von allen anderen umzingelt. Mal wendet er den Kopf den Stimmen zu, dann lässt er ihn suchend kreisen. Von Anfang an steht er unter Spannung, presst seine Sätze heraus, als müsse er sich rechtfertigen oder Vorhaltungen abwehren. Kein Schritt ist unbeschwert, die Hände in den Hosentaschen oder die vor der Brust verschränkten Arme unterstreichen das. Dann fährt die Rechte zunehmend an die Schläfe, als poche da ein Schmerz, dann streicht die Hand ratlos über den kahlen Schädel. Schließlich stößt Braus auch mit dem Kopf gegen die Wand.

Hinter der Tapete: ein Königreich?

Wohldosiert zeigt er, wie der Druck auf seine Figur zunimmt. Obwohl die Handlung ja qua Konzept still steht, bleibt man vor allem seinetwegen als Zuschauer am Ball. Braus' Solness bleibt am Ball wegen ihr: Hilde (Juliane Pempelfort) ist zu Besuch gekommen, um von Solness das Königreich "Apfelsinia" einzufordern.

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                                         © Sebastian Hoppe

Das hat er der Zwölfjährigen versprochen, nachdem er sie bei einem Richtfest durch das Erklettern eines Turms rückhaltlos beeindruckt hat. Die 22-jährige, ihre Kammer im Puppenhaus liegt links von Solness' Zelle, gibt mit der unschlagbaren Kombination von Tutu und Gummistiefeln eine Lolita vom Lande, räkelt sich in aller Unschuld auf einem an die Wand gekippten Stuhl. Nur um ihr zu imponieren, will der längst nicht mehr schwindelfreie Solness am Ende erneut einen Turm erklimmen – und stürzt ab. Doch das wird nur erzählt, dann kommt auch schon das Black.

Mit seinen Verhinderungsstrategien blockiert Solness nicht nur alle anderen, sondern auch sich selbst. Eine pubertäre Schwärmerei kostet ihn schließlich dann das Leben, das ist bittere Ironie. Der Generationskonflikt im Stück erzeugt Entwicklungsstillstand an allen Fronten, das haben Lobbes mit seiner Handlungsverweigerung und Mackert mit ihrem Puppenhausgefängnis konsequent übersetzt.

Damit gelingt ihnen paradoxerweise ein ebenso vorhersehbarer wie spannender Abend. Am Ende langer Applaus.

 

Baumeister Solness
von Henrik Ibsen
deutsch von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen
Regie: Marcus Lobbes, Bühne/Kostüme: Pia Maria Mackert, Video: Michael Deeg, Dramaturgie: Oliver Held.
Mit: Sophie Basse, Thomas Braus, Gregor Henze, Holger Kraft, Maresa Lühle, Juliane Pempelfort.

www.wuppertaler-buehnen.de


Alles über den Regisseur Marcus Lobbes auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Ein statischer "Baumeister Solness" sei das, so Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (19.7.2011). Der Setzkasten aufgestapelter kleiner Zimmer, in denen man miteinander spricht, sich aber weder sehen noch berühren kann – "das ist zunächst eine spannende Setzung". Jeder bastele darin an seiner eigenen kleinen Welt. Aber leider habe sich der Abend am Ende seiner architektonischen Grundidee überantwortet, die den Figuren ihren Spielraum raube. Fazit: "Starke Statik mag für Bau-, nicht aber für Dramenwerke tragend sein."

Regisseur Lobbes und Ausstatterin Mackert "Baumeister Solness" hätten den "Solness" "sinnfällig" in Szene gesetzt, meint Martina Thöne von der Westdeutschen Zeitung (4.7.2011). In diesem Puppenhaus gebe es "kein Mit-, sondern nur noch ein Nebeneinander" und lebe "jeder in seinem eigenen kleinen Gefängnis – in seiner eigenen abgeschlossenen Welt". Thöne findet das Ganze "fesselnd", der "gut gestraffte Abend" konzentriere sich ganz auf Solness. So trage vor allem Thomas Braus die Inszenierung, seine eigenen vier Wände werden ihm zur "weißen Gummizelle". An diesem "wahrhaft erbaulichen Schauspiel" störe nur wenig: Optisch sei der Baumeister zu jung, Hilde hingegen zu alt. Und dass dieser unscheinbare Ragnar "allen Ernstes am Thron seines Meisters sägen könnte, scheint von vorneherein keine Option". Zu Recht gebe es am Ende aber "minutenlangen Applaus für ein prächtig gebautes Werk, für große schauspielerische Leistungen und für eine in sich geschlossene Regiearbeit, die den Generationenkonflikt augenscheinlich dramatisiert: Wo keiner dem anderen wirklich entgegenkommt, steht am Ende jeder alleine da."

Großen Eindruck bei sich selbst und auch beim Publikum gibt Ulrike Gondorf in der Sendung "Scala" beim WDR (4.7.2011) zu Protokoll. In Ibsens Stück geschehe fast nicht, in Lobbes' Inszenierung nun gar nichts mehr. Doch trotz der extremen (vom Bühnenbild noch verstärkten) Vorgabe erlebe man staunend das ganze Drama "ohne eine Sekunde Spannungsabfall". Und zwar als "dichten Prozess" und "geradezu leidenschaftlichen Kampf". Konsequent habe der Regisseur die Handlung in den Bewußtseinstrom der Titelfigur verlegt. Alle Figuren seien isoliert wie diese selbst. Einen großer Teil des Erfolgs dieses Abends schreibt die Kritikerin auch dem "tollen Ensemble" gut: seiner ungeheuren Energie und großen Konzentration.

In dem Bühnenbild aus Setzkasten und Puppenhaus sind die Figuren in Einzelkammern eingesperrt, so Michael-Georg Müller in der WAZ (5.7.2011). "Die Verweigerung von
Handlung und Bewegung wirkt anfangs beklemmend, dann ermüdend." Doch erstaunlich
ist: Das Stück gewinne durch die Ausbrüche des einstigen Stararchitekten immer wieder an Tempo und werde aus quälender Lethargie herausgerissen.

Einen "faszinierend dichten Theaterabend, der über 90 Minuten das Publikum in seinen Bann zieht, es am Ende fast atemlos zurück lässt" hat Sabina Bartholomä für die Wuppertaler Rundschau (6.7.2011) gesehen. Das Bühnenbild fordere den Zuschauer, "denn Lobbes Inszenierung wandert nicht von Raum zu Raum, er lässt seine Darsteller ständig agieren, treibt so die Handlung voran". Mit Thomas Braus sei es ein junger Schauspieler, der den Solness verkörpere. "Das führt zu Beginn der Inszenierung zu leichten Irritationen; doch spätestens dann, wenn er von Ängsten getrieben um Lösungen ringt, nimmt man ihm den alternden Mann mit all seinen Widersprüchen ab." Das gesamte Ensemble, die "Säulen des Stücks", biete einmal mehr "großes Theater", alle zeigen, "zu welchen Leistungen auch ein kleines Ensemble fähig ist. Die hohe Qualität der Inszenierung und die schauspielerische Leistung des Ensembles sollten eigentlich jene Diskussion der Sparte Sprechtheater überflüssig machen."