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Ökologisches Prinzip gesucht

von Eva Löbau

Rom, 7. Juli 2011. Plötzlich steht der Sänger mitten unter uns. Seine Arie "Sposa son disprezzata" aus der Oper "Bajazet" von Antonio Vivaldi führt uns zurück zu den Anfängen dieses Theaters, das 1726 als Musikbühne begann. Damit ist die Pressekonferenz im Teatro Valle eröffnet nach 22 Tagen der Okkupation. Der Saal ist voll.

Vor der Rampe stehen, auf der Bühnentreppe sitzen die Gastgeber und lesen, immer wieder das Mikrofon weiterreichend, ihre Presseerklärung vor, die sie in den letzten Wochen in vielen Stunden des Zuhörens und Besprechens in geschlossenen und öffentlichen Versammlungen erarbeitet haben. Der Forderung der Erhaltung des Teatro Valles als ein offenes wie öffentliches Theater haben sich inzwischen 8000 Personen angeschlossen.

Vorausschauende Projekte

Jetzt schlagen die Besetzer vor: "Das Theater soll (...) erhalten werden als ein Gemeingut subjektiven Rechts, dessen Finanzmittel einer Geschäftsleitung unterstellt werden, die die juristische Form einer Behörde [ähnlich der aufgelösten Ente Teatrale Italiano] oder einer Stiftung annehmen soll."

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Pressekonferenz am Teatro Valle    © Teatro valle

Künstlerisch habe sich "die Vorstellung durchgesetzt, im Teatro Valle ein Zentrum des italienischen Dramas und des Gegenwartstheaters zu bilden. Ein der Theater-Literatur gewidmetes Theater mit Schwerpunkt auf die Ausbildung soll hier geboren werden, fähig zu einem Austausch auf Augenhöhe mit gleichwertigen Kollegen im Ausland wie dem Royal Court Theatre, London, dem Thèatre de la Colline in Paris und der Schaubühne in Berlin." In einem Brief schrieb Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier, "das Theater, wo Pirandellos Stück 'Sechs Personen suchen einen Autor' uraufgeführt wurde, welches seiner Zeit das italienische Drama revolutionierte und begründete", sei "natürlich der am meisten geeignete Ort diese Funktion weiterzutreiben". Vorgeschlagen wird außerdem, das Theatro Valle wegen seiner besonderen Bühnenbeschaffenheit zu einem Ausbildungszentrum für Bühnentechniker zu machen.

Die Besetzer verweisen darauf, dass der Staat die Pflicht habe, Einrichtungen wie das Teatro Valle als einen historisch und künstlerisch wertvollen Ort von nationaler Bedeutung zu schützen. Sie sind sich der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes bewusst: "Gerade deswegen halten sie es für wichtig, dass man dieser Situation nicht mit einer blindwütigen Politik der Kürzungen entgegentritt, sondern mit vorausschauenden Projekten, die die Verschwendung verringern und das künstlerische Schaffen wertschätzen, welches eine fundamentale Ressource darstellt, die das ganze Land vorantreibt."

Transparenz! Ausgewogenheit! Gerechtigkeit!

"Eine erneuerte Zukunft des Teatro Valle würde einen Anfangspunkt setzen, der wichtig wäre für alle. Damit wäre eine neue Spielzeit der italienischen Kulturpolitik eröffnet, die die Kunst, das Wissen und die Kreativität wieder ins Zentrum des Sozialsystems zurück trüge, durch radikale Reformen, die die Effizienz und die Unabhängigkeit der öffentlichen Verwaltung garantieren, eine selbstlose Beteiligung von privater Seite zulassen und die Würde der Theaterschaffenden wieder herstellen, mit einer Gesetzgebung, die deren Besonderheit und deren Rechte anerkennt."

teatro-valle-4_c_teatro-valle© Teatro valle

Mit juristischer Unterstützung sei man "am Ausarbeiten einer ethischen Anleitung für das Teatro Valle, die die die Möglichkeit einer mehrköpfigen künstlerischen Leitung vorsieht und deren Turnus festlegt." Gesucht wird: "ein 'ökologisches' Prinzip, das ausgewogene Verteilen von Resourcen sichern soll, zwischen kleinen und großen Produktionen, zwischen Ausbildung und Gastspiel; Lohngerechtigkeit, die Minimal- und Maximalhonorare festlegt; eine erschwingliche und progressive Eintrittspreispolitik; unabhängige Kontrollinstanzen, Transparenz und Rechtmäßigkeit bei den Bilanzen durch deren Veröffentlichung im Netz; Ausarbeitung eines ethischen Kodexes als Modell für alle Theater und Kompanien Italiens."

Wir sind's!

In der anschließenden Fragerunde forderte eine Dame, die sich nicht vorstellte, die Besetzer sollten mit ihrer Heimlichtuerei aufhören und offenlegen, wer sie sind. Daraufhin begannen die vor der Rampe Versammelten ihre Namen zu nennen und ihre ausnahmslos dem Theater angehörenden Berufe aufzuzählen. Bis eine andere Dame aus dem Publikum rief: "Das dauert doch zu lange bis wir uns alle hier vorstellen, können wir nicht einfach sagen: Wir sind's!?" Womit sie einen Applaus auslöste, der minutenlang andauerte  – wohl aus Freude Vieler, nun endlich auch offiziell zu Besetzern geadelt worden zu sein.

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© Teatro Valle

Die wohl wichtigste Frage seitens der Presse war die nach den offiziellen Anspechpartnern. Realistisch betrachtet, stehe und falle das Ganze mit dem Kontakt zu den verantwortlichen Organen der Politik. Die Besetzter verwiesen darauf, die Forderungen seien übermittelt worden und es gäbe eine mündliche Zusage, dem Teatro Valle ab September dieses Jahres für die kommende Spielzeit 1,2 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Aber da diese Zusage informell geäußert worden war und sich nur auf die kommende, ohnehin als Übergangsjahr vor der Privatisierung angesetzte Spielzeit bezog, wurde sie als nicht zufriedenstellend bewertet. Zudem stelle sich die Frage, woher dieses Geld käme, ob es womöglich dem Budget eines anderen, dadurch gefährdeten, Theaters entnommen würde.

Fest angestellt? Unerreichbar!

Aus Deutschland kommend, wundere ich mich, dass zwar die Berliner Schaubühne zitiert wird, aber hier nie grundsätzlich, strukturell besprochen wird, ob es wünschenswert wäre, ein Theater mit festem Ensemble zu bilden. Ob die Künstler eher freiberuflich, also auf Honorarbasis arbeiten wollen, eventuell abgesichert durch eine Künstlersozialkasse, oder, in der Hinsicht versorgt, als Angestellte eines Theaters. Diese Frage habe ich wiederholt verschiedenen Gesprächspartner gestellt und bin damit eher auf Verständnislosigkeit gestoßen. Der Gedanke, als Künstler fest angestellt an einem Theater zu sein, scheint hier so weit außerhalb des Systems zu liegen, finanziell unerreichbar, dass darüber nicht verhandelt wird.

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Nach der Presserklärung gab's Pasta und Bier für alle, gespendet von den Ladenbesitzern aus der Nachbarschaft des Theaters und die Leute verstopften die Via del Teatro Valle wie seit 22 Tagen - nur ausnahmsweise mittags.

 

Eva Löbau, Jahrgang 1972, Schauspielerin, ist zur Zeit Stipendiatin der Kulturstiftung der Länder in Rom. Seit Mitte Juni hat sie mehrere Tage und Abende im Teatro Valle verbracht.

 

Mehr zur Besetzung des Teatro Valle? Hier geht's zum ersten Teil von Eva Löbaus Rom-Bericht. Und hier zur eigens errichteten Website des Theaters.

Noch mehr in unserer Presseschau: Die taz hat eine der Besetzerinnen interviewt, Eva Clausen hat für die NZZ über die Besetzung berichtet.

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