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Erleuchtung im Gotlandwald

von Tim Schomacker

Bremen, 22. Juli 2011. Die Bäume sind nach oben hin offen. Als irreale Schonung stehen sie in der rechten hinteren Bühnenecke. Natürlich überwiegt an ihnen das Requisiten- und Zeichenhafte: zylindrische Stämme, die unterhalb der Decke enden – und unterhalb der "Baumkrone". Sie sind ja keine Natur, sondern Kunst. Doch als Kunst höchst real. "Eine Nacht im schwedischen Sommer" ist ein Stück über Kunst. Und über deren eigene Sichtweisen auf das, was als wirklich gilt.

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© Dariush Safa

Geschrieben hat es der große schwedische Schauspieler Erland Josephson – während der Dreharbeiten zu "Opfer", dem letzten Film von Andrej Tarkowskij. Produktion und Premiere von "Opfer" sind – genau wie Tarkowskijs Tod – ein Vierteljahrhundert her. "Eine Nacht im schwedischen Sommer" wurde nun vom Bremer "Theaterlabor" erstmals in deutscher Sprache aufgeführt. Bei Regisseur Patrick Schimanski als karge und bisweilen augenscheinlich ehrfürchtige Hommage an den langsamsten und vielleicht konzentriertesten aller russischen Filmemacher.

Warten auf den richtigen Himmel

Dankenswerter Weise erliegt Schimanski nicht der Versuchung, ein Atomkatastrophenstück daraus zu machen. So kurz nach Fukushima. Und angesichts von Tschernobyl, das in die Story wie in den Mythos von "Opfer" so prominent hineinragt. Stattdessen wird kunstvoll und beredt gewartet in Josephsons Stück. Tarkowskij, der bei ihm nur "Der Russe" heißt, wartet auf den richtigen Himmel für die nächste Einstellung.

Josephson selbst, der hier namenlos "Ich" heißt, wartet nebst Schauspielkolleg/innen, Produktionsleiterin und Dolmetscherin auf Tarkowskij. Ohne ihn können sie nicht weiter machen. Das nervt, kostet Zeit und Geld. Fördert aber ein Nachdenken über ihre Rollen als Künstlerinnen und Schauspieler, als Westeuropäer und Schwedinnen, als Menschen und Produktionsleiterinnen zu Tage, das es mit reibungslosem, drehplanmäßigem Ablauf nicht gegeben hätte.

Im Traum braucht man keine Übersetzer

"Der Wind, das Licht und der sowjetische Parteiapparat sind gegen ihn. Der westliche Kapitalismus mit seinen Lohnforderungen ist gegen ihn", sagt die Hauptfigur über den qua Systemkonflikt und Exil aus Raum und Zeit gefallenen Regisseur. Frank Warneke spielt seinen "Josephson" mit nachdenklicher Zurückhaltung. Eine Reihe von traumartigen Dialogen – in denen "der Russe" nicht russisch spricht, das Gespräch nicht übersetzt werden muss – richtet "Ich" sich (nicht nur künstlerisch) neu aus. "Im Traum braucht man keine Übersetzer", sagt er gleich zu Anfang, "der Traum ist es, den man übersetzen muss". Entlang dieses Leitsatzes nähert sich Josephson jener Sprache, die Tarkowskij gefunden hat, die "dem Wesen des Films entspricht", wie Ingmar Bergman einmal gesagt hat. Und wir im Publikum mit ihm. "Das Leben als Traum".

Das längliche des Concordia-Raums wurde zugunsten einer cinemascopehaften Breite aufgelöst. Das Publikum muss oft den Kopf drehen. Von einer Tür oben in der gegenüber liegenden Wand, von den Außen her ragen Bruchstücke aus Tarkowskijs Klassikern "Stalker" und "Solaris" in die übersichtliche Handlung, dazu Ausschnitte aus Tarkowskijs Filmästhetik "Die versiegelte Zeit". Der Film, heißt es dort, ähnele der Bildhauerei, die aber nicht am Werkstoff, sondern innerhalb der Zeit gestaltet wird.

Diese Idee macht sich Schimanski zu eigen, baut aus Josephsons und Tarkowskijs Texten eine gut neunzigminütige Skulptur, in der simple Gegenstände wie ein Stuhl oder eine Karaffe mit Milch mit Bedeutung aufgeladen, aber nicht erklärt werden. In der musikalische, filmische, textliche Korrespondenzen geschaffen, aber nicht vor-gedacht werden. In der schließlich der Film, "Opfer" – wie in Josephsons Vorlage auch – nur über Bande betrachtet wird. Höhlengleichnis statt Making-Of.

Ein Hauch von René Pollesch

Wenn sich etwa die junge, aufstrebende Schauspielerin Lotti (mit einigen impulsiven "Susanne-Lothar-Momenten": Angela Weinzierl) in "den Russen" verliebt, birgt das weniger amourös-dramatisches Potenzial für Arthaus-Celebrities als dass es eine mögliche Konstellation verdeutlicht. Wenn sie in atemlosem Stakkato sagt "Dass ich so verdammt beliebt bin, hilft mir nur leider nicht, meine inneren Konflikte zu gestalten", durchweht sogar ein Hauch Pollesch den echt-unechten Gotlandwald und Josephsons Text. Genau wie wenn Erika Bests Viktor, vom Warten am Deutlichsten genervt, immer wieder damit hadert, das alle alles, was er tut, dauernd auf Eichmann beziehen, seit er den Vernichtungsvordenker erfolgreich in einer Bühnenproduktion gibt.

Versteht man nach neunzig Bühnenminuten Tarkowskij besser? Vielleicht nicht. Alexander Abramyan gibt "den Russen" in abgewetzter Lederjacke (und mit echtem und tatsächlich dolmetschungsbedüftigem Russisch) als scheues wie bestimmtes Mysterium. "Wieso sagst Du die ganze Zeit, ich verstehe?", hält er seinem Hauptdarsteller in einer der Traumsequenzen vor. "Du kannst meine Sprache nicht, kannst kaum Puschkin buchstabieren und sagst trotzdem, ich verstehe, sobald ich den Mund aufmache." Patrick Schimanski und seinem soliden Ensemble ist es gelungen, mit einer durchwarteten "Nacht im schwedischen Sommer" unser vorschnelles Verstehen zu befragen. Die Bäume sind nach oben hin offen. Und das ist gut so.

 

Eine Nacht im schwedischen Sommer
von Erland Josephson
Deutsch von Renate Bleibtreu
Regie: Patrick Schimanski, Bühne: Prema Strack, Kostüme: Christiane Dobbratz.
Mit: Frank Warneke, Alexander Abramyan, Erika Best, Angela Weinzierl, Tanja Schlaugat, Judith Achner, Anke Baden, Iris Bebensee, Anna Ewald, Andreas Gräbe, Kathy Graumann, Kevin Hoffmann, Hanna Markutzik, Berit Möller, Joanna Semmelrogge, Kathrin Steinweg.

www.theaterlab.de


Alles über den Regisseur Patrick Schimanski auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Der elegische Tschechow-Stil des Abends und besonders die Intensität von Hauptdarsteller Alexsander Abramyan hat Sven Garbade vom Weserkurier (25.7.2011) nicht unbeeindruckt gelassen. Seine "energische innere Grundspannung" mache den Tarkowskij-Darsteller zum Kraftzentrum der Inszenierung, schreibt der Kritiker. Aber auch sonst findet Garbade diese intensive wie aktuelle Erinnerung an Tarkowskij, den Meister der "magisch entschleunigten Bilder" grundsätzlich geglückt. Zwischen den Zeilen kann man aber auch leise Kritik am Design der Inszenierung erkennen, die für den Kritikergeschmack augenscheinlich etwas zu oberflächlich ausgefallen ist. "Videioprojektionen von Tarkowskij typischem Wassergeplätscher veredeln zudem die Wände mit visuellem Entspannungsprogramm," schreibt Garbade u.a. etwas mehrdeutig.

 
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