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Eine Fahrt im Riesenrad

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 30. Juli 2011. Die einsame Baggerschaufel links im Bühnenhintergrund könnte eine Chiffre sein fürs Leben als Dauerbaustelle. Die ist aber aufgeräumt. Nur noch schwarzbraune Erde ist übrig. Verbrannte Erde? Die vier Menschen, die das Schicksal aus einer Laune heraus aus allen Himmelsrichtungen zusammengeblasen hat, haben "ihre" Story jedenfalls hinter sich. In Satzschnipseln erzählen sie, und bei jeder Wortmeldung, bei jedem stenogrammartigen Dialog  kommt ein kleines Kaleidoskop-Element mehr ins Spiel. Gedanken an Michael Hanekes legendäre "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" schleichen sich ein. Auch bei Schimmelpfennig geschieht ein Überfall. Und ein Mensch stirbt (aber nicht beim Überfall). Den Todesfall sieht die Wahrsagerin schon bald voraus, aber sie ist klug genug, dem Publikum nicht zu verraten, wer es sein wird.

Verlust dem einen, Fundstück dem anderen

Mit Fragmenten werden wir also hineingeführt in eine Geschichte aus Zufall und Beiläufigkeit, die vier Biographien ganz fest und zwingend miteinander verknotet. Der "kräftige Mann" hat seinen LKW zu schnell in die Kurve dirigiert und unfreiwillig vierhundert Kisten mit Knet-Luftballons abgeladen. Er wird daraufhin zum Aussteiger, besorgt sich eine Waffe und begeht zwei Überfälle. Ein anderer Mann findet die Luftballons und beginnt mit dem unverhofft dahergeschneiten Material ein neues Leben als Schausteller. Dass es ein rechtes Luftgeschäft wird, wen wunderts?

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Ulrich Matthes, Andreas Döhler, Almut Zilcher, Kathleen Morgeneyer © Arno Declair

Die beiden Männer geraten erstens an "eine junge Frau" und zweitens aneinander in einer Wirtshausrauferei. Die junge Frau ist Kellnerin und "sieht viele Leute an". Im Fall des sich als Clown schminkenden Luftballonverkäufers bleibt die Schwärmerei einseitig, wogegen der "kräftigere Mann" der Frau droben am Riesenrad nicht nur einen Kuss abringt.

Vier Menschen und ihre Verstrickungen

Mit wunderbaren Typen und wunderbaren Schauspielern hat Schimmelpfennig als sein eigener Regisseur da arbeiten dürfen. Kathleen Morgeneyer ist die junge Frau, die wie unbeholfen, schüchtern einsteigt in ihre Geschichte: Die gewellten Haare, von denen die Rede ist (in Wirklichkeit: blonde Schnittlauchfrisur), erinnern Ulrich Matthes, den poetischen Luftballon-Clown, an Medusa. Er will Perseus sein, aber der würde Medusa ja den Kopf abschlagen. "Macht nichts", befindet die junge Frau trocken, "er tut ohnedies immer weh".

Die Wahrsagerin (Frau aus dem Osten, wegen Schneefalls in der Stadt gestrandet und geblieben) sieht die ominösen Locken "nach innen wachsen". Ein Arzt wird ein Gewächs konstatieren, zu groß, um es noch zu operieren. Wahrsagerin (Almut Zilcher) und "kräftiger Mann" (Andreas Döhler) stehen für die handfesteren Typen. Vor allem Döhler gibt einen Kerl, der nicht viel fragt und noch weniger denkt, sondern handelt.

So divergent die Charaktere in diesem Puzzle sind, so unterschiedlich sind ihre vier Geschichten. Und ganz verschiedenartig auch die Sinn-Ebenen, denn Roland Schimmelpfennig bettet in die Alltagsbanalität ganz unaufdringlich Spuren zum Mythos (Medusa, Perseus), zur Psychologie (Kröte, Schlange, Katze, Schwein als verhasste oder als Lieblingstiere). Schimmelpfennig versteht sich aufs (Kunst-)Handwerk, um das Unterschwellige nicht zu bedeutungsschwanger werden zu lassen. Auch als Regisseur gelingt ihm das, indem er den Schauspielern genaue Deklamation und Text-Gewichtung abringt und sie zugleich wundersam farbige Eigenbrötler sein lässt.

Der Lauf der Dinge

So empfindet man den Text kaum als artifizielles Konstrukt (das er eigentlich ist), man erlebt ja Menschen aus Fleisch und Blut. Man darf über Meta-Ebenen im Text nachdenken, kann die Sache aber auch einfach als einnehmendes Bühnen-Spiel betrachten.

Ein Stehsatz für alle vier Figuren: "Jetzt erkennt er (oder sie), dass die Zeit vorbei ist." Vorbei ist sie nach hundert Minuten, ein jeder und eine jede sagt einmal noch seine Geschichte, jetzt als Ganzes, und dann stehen sie wieder da, in Reihe. Der Erschlagene auch. Vielleicht ist ja nur die Zeit (dieser einen Episode) vorbei: "Schön, dass wir oben sind", sagt die junge Frau auf dem Riesenrad. "Nur schade, dass das Ding sich dreht."   

Die vier Himmelsrichtungen (UA)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Roland Schimmelpfennig, Bühnenbild und Kostüme: Johannes Schütz, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Ulrich Matthes, Kathleen Morgeneyer, Andreas Döhler, Almut Zilcher.
Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Deutschen Theater Berlin

www.salzburgerfestspiele.at

 

Mehr zu Roland Schimmelpfennig gibt es im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

Von einem "Wunder differenzierter Schauspielkunst" und "glänzend aufeinander eingespieltem Ensemble" spricht Regine Müller in der tageszeitung (2.8.2011). Auch jedem einzelnen der vier Darsteller stellt die Kritikerin Bestnoten aus, wie sie so virtuos die Textebenen wechseln, mit direkter und indirekter Rede spielen, hier die Künstlichkeit ausstellen und zwei Sätze später wieder ins Reale durchbrechen würden. Schimmelpfennigs Stück selbst, dessen Plot Müller "die unbegreifliche Shlichtheit einer Fabel" bescheinigt, sei "ein verschachteltes, vielfach an sich selbst gespiegeltes und in leitmotivisch verarbeiteten, variierenden Wiederholungen kreisendes Textgebilde, das in 52 kurzen Szenen überwiegend mit Monologen in indirekter Rede arbeitet". Das schaffe Distanz zum Geschehen, das aus verschiedenen Perspektiven wieder und wieder erzählt werde und verwirre zunächst, "verdichtet sich dann langsam und mit großem Sog zu einer Art höheren Klarheit"

Die "Dramatik der indirekten Rede" treibe "die Künstlichkeit der Fabel" in Schimmelpfennigs neuem Stück "auf die Spitze", meint Ulrich Weinzierl in der Welt (1.8.2011). "Sätze werden leitmotivisch wiederholt, in ihrer kreisenden Bewegung, der ewigen Wiederkehr des Gleichen, waltet das Gesetz der Unausweichlichkeit: Was geschah, war nicht zu verhindern, so unglaubwürdig es klingen mag, das Geschehen nahm seinen unabänderlichen Lauf." Derlei erfordere "allerhöchste, präziseste Schauspielkunst: Artisten, Jongleure, Hochseilakrobaten der Worte." In seinem "hinreißend aufeinander abgestimmten Quartett" habe Schimmelpfennig sie gefunden. Alsbald ziehe uns "die Aufführung in eine Atmosphäre des Wachtraums jenseits der bei Tage geltenden Logik. (…) Frei von modischen Videoschnipseln inszeniert Schimmelpfennig, auf der Zeitebene hin- und herfahrend, an Fellini erinnerndes Filmtheater, er schafft einen Kosmos von bedrohlicher Schönheit des Mehrdeutigen."

Stück um Stück arbeite Schimmelpfennig "an der Annäherung an ein namen-, end- und wohl auch sinnloses Gebiet", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (1.8.2011). "Will man ihm einen Namen geben, ist es der Tod. Eigentlich aber ist dieser Raum stumm. Ein Raum der Ungewissheit und Angst, des Zufalls und Schicksals. Sanfter, manchmal liebevoller Horror, sozusagen." Ulrich Matthes spiele in dem neuen Stück "einen Clown mit der ganzen überwältigenden Kraft der Vergegenwärtigung, die ihm eigen ist. Mit weit aufgerissenen Augen zaubert er ihn her wie ein lebendiges Phantom. Da scheint dieses Stück des Zeigens, des immer wieder neu Vorspielens, Vorstellens, Präsentierens, wie für diesen Schauspieler geschrieben." Nach dem Tod von Jürgen Gosch sei Schimmelpfennig nun selbst sein bester Regisseur: "Aber auch der Meister ist dabei. Es ist wie wenn die Selbstverständlichkeit und Gleichmut des Goschtheaters auf Schimmelpfennig übergegangen wären."

Für Norbert Mayer in der Presse (1.8.2011) stellen sich "Die vier Himmelsrichtungen" "todernst mitten im leichten Spiel" dar: "Vier Schauspieler gestalten in konzentrierter Form einen Abend, der nachdenklich stimmt, selten Witz aufblitzen lässt, dafür aber viele poetische Momente hat, die sich mirakulös aus einem schnoddrigen Grundton entwickeln." Ein wenig zu oft verliere "sich der Text vielleicht in Wiederholungen, aber dieses Kammerspiel ist der Truppe des Deutschen Theaters Berlin (…) im Ganzen wirklich eindrücklich gelungen. Schimmelpfennig beweist erneut, dass er zu Recht einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker ist."

Roland Schimmelpfennig befrage "vor allem das Prinzip der Wiederholung, und mit ihm reflektiert er das Prinzip der Zeit – und die Regeln des Theaters", sagt Karin Fischer auf Deutschlandfunk (31.7.2011). "Die Frage lautet: Wiederholt sich ein Mythos, indem man ihn zitiert? Kann er die Wirklichkeit verändern? Kann die Aussage: 'Heute stirbt einer' als Vorannahme oder Selffulfilling Prophecy die Zukunft beeinflussen? Wird sie die Liebe, das Leben existenzieller machen?" Schimmelpfennig schreibe "den Mythos in eine moderne Geschichte ein, deutet ihn um, und erweist sich so als zeitgenössischer Alchemist, der weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält: Leben, Liebe, Tod, die Erzählung." Da sei allerdings, das merkt Karin Fischer kritisch an, auch "viel schwebende Bedeutungshuberei im Spiel, und Johannes Schütz hat gut daran getan, das Stück mit seiner Bühne zu erden."

"Bei Roland Schimmelpfennigs Figuren handelt es sich um veritable Traumtänzer, die ohne Netz ihre Balance zu halten versuchen, aber bitter abstürzen. Was der Autor-Regisseur dabei allerdings vergessen hat: Seine Figuren verfügen über keine Fallhöhe, wodurch ihr Ende belanglos und vorhersehbar ist." Und Julia Danielczyk legt in den Salzburger Nachrichten (1.8.2011) noch nach: Schimmelpfennigs Figuren seien "Worthülsen für Ideen und Assoziationen. Strategisch arbeitet Schimmelpfennig stets mit und über oberflächliche Begebenheiten, die unvermittelt an Tiefe gewinnen. Diesmal allerdings bleiben seine Bilder seltsam kraftlos, Geschichten werden nur angerissen und hinterlassen keinerlei Eindruck, wie der Bühnennebel, der bedeutungslos vorüberzieht." Nicht jeder erfolgreiche Dramatiker sei zudem "automatisch ein guter Regisseur. Trotz des hochkarätigen Ensembles bleibt sein Stück Textskelett, intellektuelle Reflexionen ohne erkennbaren Sinn und Sinnlichkeit."

Im Standard meint hingegen Margarete Affenzeller, Schimmelpfennigs Figuren seien "nicht nur sie selbst, sie sind auch die Kommentare auf diese Figuren, ihre Dialoge führen sie vorzugsweise mit sich selbst. Dramatische Momente werden nicht ausagiert, sondern zitiert oder nacherzählt. Und dennoch erzeugt das alles zusammen eine Spannung und Unmittelbarkeit, also Dramatik, die klassische Rollenspiele heute sonst kaum mehr glaubwürdig erzielen können." Die "aus Norden, Osten, Süden, Westen zusammenführenden Lebenspfade von vier Menschen des globalen Dorfes" zeigten, "wie Existenzen zusammenhängen und wie sie aneinander (höchstwahrscheinlich) Schaden nehmen: Es ist ein pessimistisches Stück, das Roland Schimmelpfennig (…) jetzt uraufgeführt hat – mit grandiosen Schauspielern."

Gerhard Stadelmaier erzählt Schimmelpfennigs Stück in der Frankfurter Allgemeinen (1.8.2011) zunächst auf drei verschiedene Weisen nach ("Vier Leute in einem Endspiel", "Vier Leute als meteorologische Dementis" und "Vier Leute als Mythenzitat"), um dann anzuschließen: "Alles zusammen aber ist das kein Drama. Wenn sich – mindestens – drei Stücke in einem Stück auf die Füße treten, in dem auch nicht gehandelt wird, sondern in dem die vier Personen nur einzeln oder auch gerne durcheinander aufsagend berichten, was ihr oder den anderen damals oder jetzt handelnd widerfährt, und mit ihren insgesamt zweiundfünfzig Berichten und Erzählungen vor- und zurückspringen im Zeitverlauf und sich lähmen und behindern und nichts recht vorangeht. Es ist ein Ragout aus der windigen Ecke. Der Schmock als Schicksalsmythenkneipenwetterbericht." Vier "ganz fabelhafte Schauspieler" kann Stadelmaier dann aber auch noch vermelden.

Versatzstücke, Puzzleteile, die Schimmelpfennig setze Versatzstücke und Puzzleteile aneinander, mische und verschiebe diese, "bis sich zwar eine erkennbare Geschichte abzeichnet, aber eine, die, wie erblickt in einer Kristallkugel, zu flirren und zu schweben scheint, magisch aufgeladen, und augenblicklich zu verschwimmen droht", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (1.8.2011). "Der nicht unpoetische Eindruck der Flüchtigkeit, der dabei entsteht, die scheinbare Banalität dieses wie beiläufig aus dem Leben Herausgenommenen und als pars pro toto vor einem tief existenziellen Hintergrund Betrachteten, ist dramentechnisch hart erarbeitet und in 52 schimmelpfennigfuchserischen Kurz- und Kürzestszenen artifiziell generiert, um nicht zu sagen: konstruiert. Das Gute an den 'Vier Himmelsrichtungen' aber ist, dass man ihnen das nicht störend anmerkt". Zumal der Autor und Regisseur "vier formidable, die epische Erzählstruktur des Textes toll bewältigende Schauspieler" zur Verfügung habe. Und so umkreise der Abend "poetisch-melancholisch und ein bisschen auch heißluftig (…) große Fragen im ganz Kleinen."

Anlässlich der Berlin-Premiere im Deutschen Theater schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (29.10.2011), der Text kreise "so leitmotivisch wie bewusst unspezifisch um die großen letzten Dinge (Ich! Tod! Schicksal!)". Das Angenehme sei, dass Autor wie Regie einem auch die Möglichkeit ließen, dieses Gründeln in den angerissenen Motivlagen zu vergessen und stattdessen einfach vier grandiosen Schauspielern zuzusehen – was in diesem Fall tatsächlich heiße: beim Denken. Die Konstruiertheit und potenzielle Bedeutungsfracht des Textes verschwinde so hinter dem reinen Spiel, ohne dass der Horizont dadurch verengt würde.

 
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