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Rocky-Horror-Faust-Show

von Wolfgang Behrens

Schwerin, 26. August 2011. "Musik wird so häufig eingesetzt, daß 'Faust' das deutschsprachige Stück ist, in dem am meisten gesungen, musiziert und getanzt wird." So hat es Einar Schleef einst in gewohnter Zuspitzung in seinem Mega-Essay "Droge Faust Parsifal" formuliert, und er stand nicht an, den "Faust" gar als "deutsches Musical" zu bezeichnen. Im neuen "Faust" am Staatstheater Schwerin sieht es anfangs ganz so aus, als würde aus diesem Diktum nun trashiger Ernst.

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© Silke Winkler

Da kuschelrocken sich zwei reichlich schräge Engel – ich sage nur: Wolkenpuschel als Luftgitarren! – durch ihre "Und alle deinen hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag"-Verse, Katrin Heller erscheint dazu als Göttin im Science-Fiction-Silberglitter mit blinkendem Strahlenkranz, und wenn Amadeus Köhli schließlich als schwarzbeflügelter, teufelshörniger, bocksbeiniger und ansonsten knallroter Muster-Mephisto den hardrockigen Widerpart gibt, dann meint man endgültig, in die "Rocky Horror Faust Show" geraten zu sein.

Grooviges Gretchen, röhrender Erdgeist

"Faust-Musik-Projekt" hat Schauspieldirektor Peter Dehler seine Inszenierung zur Spielzeiteröffnung genannt, und der beschriebene "Prolog im Himmel" weist in eine Richtung, die einem Angst und Bange machen könnte, die aber auch eine Verheißung ist: Weg mit dem Deutungstiefsinn, über Bord mit aller Interpretation, stattdessen Goethe als Rockoper, wir travestieren, bis es kracht.

Doch, leider oder Gott sei Dank, kommt es anders. Zwar werden sich die Klänge des amerikanischen Theatermusikers John R. Carlson noch manchmal in den Vordergrund schieben – der Erdgeist etwa röhrt im "Rammstein"-Sound aus dem Off und das bekannte "König von Thule"-Lied wird im Gretchen-Teil zum groovigen Leitmotiv –, gespielt wird nun allerdings in erster Linie wieder "Faust. Der Tragödie erster Teil": Gesprochen, nicht gerockt.

Herr Doktor Faust in der Bütt

Wo sich aber die Deutung wieder regt, da lauert auch schon die Gefahr des dramaturgischen Sich-Verzettelns. Einige hübsche Einfälle fügen sich eben nicht unbedingt zu einer schlüssigen Aufführung. Bei Dehler sieht man zuerst einen Faust im weißen Labor-Kittel, der seine Wissenschaft (welche?) nicht eben ernst zu nehmen scheint: Der Ensemble-Rückkehrer Dirk Audehm spielt den Eingangsmonolog nicht als Gelehrtentragödie, sondern als Gelehrtenkomödie – mit persiflierender Überdeutlichkeit führt er Fausts Erkenntniseifer vor und Goethes Sprache dabei in die Nähe der Büttenrede. Was nicht ohne Witz ist, im Kontext der Gesamtinszenierung aber seltsam folgenlos bleibt.

Fausts Versuchung besteht dann nicht in einer Phiole mit einem braunen Saft, sondern in einer Cyberspace-Brille, die ihn der Realität entfliehen lässt und in eine virtuelle Welt hineinführt. Vermutlich ist genau hier der Clou des Abends zu suchen, denn im Cyberspace-Geschehen, das wir Zuschauer bequem und ohne Brille per Videozuspielung (Stéphane Maeder) verfolgen können, trifft Faust auch auf den Pudel, dessen Kern natürlich Mephisto ist. Und auch wenn zuerst die Brille und später noch die Videos wieder verschwinden, darf man wohl annehmen, dass Faust sich von nun an im Cyberspace bewegt. Im jungen Faust (Christoph Bornmüller), der der (Video-)Hexenküche entsteigt, bekommt der alte Faust zudem eine Art Avatar, der ihn in der Gretchen-Welt verkörpern kann.

Gefährlich cool: Mephisto

Da auch der Mephisto gedoppelt ist – zur Teufelskarikatur des Prologs tritt noch ein geschniegelter Zuhälter-Typ, dem der sehr präsente Özgür Platte einige gefährlich coole und einige wunderbar spöttische Züge verleiht –, kann Dehler ein paar schöne Szenen mit gewissermaßen multiplen Persönlichkeiten bauen. Doch auch hier mangelt es der Idee an einer schärferen Umsetzung, dramaturgisch bezwingende Funken werden aus den Doubles nur wenige geschlagen. Berührend immerhin ist es, wenn der alte Faust mit stiller Bewegung seinem jüngeren Wiedergänger beim Ringen mit der Gretchenfrage zuschaut und einzelne Worte vorwispert.

Bei der Rolle des Gretchen sind die ironischen und parodistischen Anwandlungen des Aufführungsbeginns ohnehin wie weggeblasen: Wenn sich Brit Claudia Dehler die blonden Haare ausrauft und irre Tänze vollführt, erlebt man eine geradezu klassische Darstellung von Leidenschaft und Verzweiflung.

Solch ein Ragout, es muss Euch glücken

Wenn das weniger ans Herz greift, als es sollte, liegt das nicht unbedingt an Brit Dehler als vielmehr daran, dass die Inszenierung bis dahin keinen einzigen Faden konsequent an sein Ende verfolgt hat und so irgendwann im nur noch Vagen verläppert.

Es ist wohl müßig, darauf hinzuweisen, dass Goethe das Rezept für Aufführungen dieser Art selbst angegeben hat: "Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken! / Solch ein Ragout, es muß Euch glücken; / Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht. / Was hilft's, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht? / Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken."

Das Publikum, dem kein Ganzes dargebracht wurde, war's denn auch zufrieden und applaudierte lang anhaltend.

 

Faust-Musik-Projekt
Schauspiel mit Musik nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Peter Dehler, Bühne: Olaf Grambow, Kostüme: Susanne Goder, Komposition: John R. Carlson, Schlagwerk: Hannes Richter, Video: Stéphane Maeder, Choreographie: Rüdiger Daas, Dramaturgie: Ralph Reichel.
Mit: Dirk Audehm, Christoph Bornmüller, Özgür Platte, Amadeus Köhli, Brit Claudia Dehler, Katrin Heller, Bernhard Meindl.

www.theater-schwerin.de



Kritikenrundschau

Peter Dehler organisiere die "Faust"-Szenen neu, schneide sich "quasi seinen eigenen 'Faust'. 'Faust reloaded'", schreibt Holger Kankel im Nordkurier sowie in der Schweriner Volkszeitung (29.8.2011). "Frappierend an dieser Methode: Goethes Gesamterzählung bleibt erhalten, jede Szene geht organisch aus der vorherigen hervor." Dirk Audehm stehe im Zentrum der Inszenierung: "Nicht allein, weil er die Titelfigur spielt. Dieser 'Faust' gibt ihm Gelegenheit, viele Facetten dieser klassischsten aller deutschen Bühnengestalten herauszuarbeiten, seine Verrücktheit, seinen Überdruss, seine Unerbittlichkeit auszudrücken, ironisch zu zu brechen und sie so im besten Sinne aufzuheben." John R. Carlson am Synthesizer und Hannes Richter am Schlagwerk seien "die musikalische Seele dieses stark rhythmisch geprägten Abends (…). Mit dieser Musik, mit Videoprojektionen, die nicht um des bloßes Effektes willen eingesetzt werden, mit Bockshörnern und einem virtuellen Pudel, mit Witz und Textreue, die in der Abfolge nicht sklavisch bei Goethe ist, mit einem kleinen großen Spielerensemble (…) gelingt Peter Dehler, um einmal die Schweriner 'Faust'-Legende Christoph Schroth zu zitieren, Volkstheater, allerdings für das 21. Jahrhundert."

"Nicht mehr ganz Goethe, aber für unser Zeitalter des Regietheaters doch recht nahe dran", urteilt Dietrich Pätzold in der Ostsee-Zeitung (29.8.2011). Die rockigen Klänge von John R. Carlson "drängen nicht in den Vordergrund, sondern dienen schlicht dem Schauspiel: Die Musiker liefern den Groove für Fausts Verzweiflung, den Sound zu seiner Selbstverlorenheit, auch den zarten Klang zu blühender Natürlichkeit und beginnender Liebe." Bedenke man, was sonst so mit der Faust-Geschichte angestellt werde, "dann hat das Schweriner Theater hier nur einen modern klingenden Titel unters Volk geworfen, um zur Neuinszenierung von Goethe zu locken." Die immerhin einiges Interessante biete: So zeige Dirk Audehm auch den Kleinbürger in Faust, "der Anschluss ans 'Große' und 'Ganze' sucht, aber nicht findet, und der gar – in steter Selbst-Fehleinschätzung – zu einer eifrig nachahmenden Unterwerfung neigt".


 
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