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Fünf vor zwölf ist anderswo

von Michael Laages

Berlin, 1. September 2011. Glücklicher Buddha! Vom ewig lächelnden Bauch-Gott ist nicht bekannt, dass er die Anhägerschaft die Welt erobern lassen wollte. Auch schwarze Witwen mit umgeschnallten Sprengstoffgürteln sind in seinem spirituellen Umfeld noch nicht unangenehm aufgefallen. Vieles läuft schief in den Reichen, deren Bewohner sich zu ihm bekennen – aber ein Kriegsgott ist er nicht. Glückliche Buddhisten – sie können sich am "Day before the Last Day", am vorletzten Tag also vor "Doomsday", dem Tag des Jüngsten Gericht, in der Berliner Schaubühne gemütlich und buddhagleich lächelnd zurück lehnen, denn sie sind nicht gemeint.

Yael Ronen, Autorin und Regisseurin aus Israel, die die Spielzeiteröffnung am Lehniner Platz besorgt hat (in Koproduktion mit dem Habima-Nationaltheater in Tel Aviv sowie der Comédie in Reims und mitfinanziert vom "Wanderlust"-Fonds der Bundeskulturstiftung) lässt lieber noch einmal die Bataillone fundamentalistischer Religionsausübung auffahren. Insofern darf sich (neben Buddhisten und Hinduisten) auch die Durchschnittskundschaft im alten Berliner Westen wohl nicht recht angesprochen fühlen – mit dem aufgeklärt-liberalen Alltag zwischen Ökomarkt und Boulevard hat die Schlacht vom vorletzten Tag wenig bis gar nichts zu tun.

Herausforderung Fundamentalismuskritik

Fünf vor zwölf ist anderswo. Und die Produktion tut alles dazu, dass das so bleibt – warum um alles in der Welt kommt Religions-, besser: Fundamentalismuskritik oft genauso wenig intelligent und herausfordernd daher wie die Fundamentalismen selber? Aber der Reihe nach.

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© Heiko Schäfer

"The Day before the Last Day" fängt eigentlich sehr vergnüglich an – ein Zukunftsforscher referiert über verschiedene Szenarien für den Weltuntergang. Er weiß, dass er nichts weiß, aber dann immerhin doch so viel: Zwischen 2018 und 2020 geht das Finale los, natürlich im Nahen Osten und ebenso selbstverständlich aus Gründen der Unvereinbarkeit von Religion und Weltanschauung. In Nebenrollen treten auf: die Finanzkrise in Europa und den USA und diese dumme Sache mit der Armut weltweit. Der Herr Professor hatte eigentlich eine hübsche Powerpoint-Präsentation vorbereitet. Aber ein jesusmäßig behaarter und mit Dornenkrone verzierter Kollege von hinter den Kulissen versagt beharrlich – und so brechen nacheinander Leinwand, Computer, Flipchart-Wandtafel und schliesslich sogar die Stromversorgung des Theaters zusammen. Helferlein kriegt einen Stromschlag, ist aber nur scheintot und wird mit einer Vision wiedergeboren: Alle Religionen soll er abschaffen auf der Welt und "Einheit" predigen.

Fiktion des Was-wäre-wenn

Schön schräg – allerdings scheint Yael Ronen das Potenzial dieser ziemlich furiosen Eröffnung in der Folge ganz schnell wieder vergessen zu haben. Genauso wie das forcierte Spiel mit der Vorhersehbarkeit einer Theateraufführung – zeitweilig soll das religiös und herkunftsmäßig schön durchmischte Ensemble den Eindruck erwecken, als besäße der Abend die Chance zu freier Improvisation, über das Textbuch (und die deutschen Übertitel im Bühnenhintergrund) hinaus. Plötzlich melden sich per Skype-Anruf auch noch die (vermeintlichen oder tatsächlichen) Eltern und/oder Verwandten der beteiligten Ensemblemitglieder – mit der skeptischen Frage, was denn der Nachwuchs eigentlich so treibe in dieser Produktion, die da zuerst in Deutschland gezeigt werde; bei den Nazis, natürlich …

Solange die Fiktion des Echten im Spiel aufrecht erhalten wird, funktioniert Yael Ronens szenisches Konstrukt ganz gut. Was wäre denn, fragt sie, wenn die versammelten Juden, Muslime und Christen, wie gläubig oder ungläubig auch immer, tatsächlich mal frei von der Leber weg, ohne altvordere Vorurteile und ohne dass irgendwas irgendwo geschrieben stünde, miteinander im Gespräch sein könnten? Theaterspiel und Heilige Bücher tauschen da für einige schöne Augenblicke die jeweilige Bedeutungsmacht – aber bald darauf beginnt ein motivisches Durcheinander, in dem dann nach und nach eben doch wieder nur alle möglichen Klischees und Feindbilder zusammen gerührt werden. Dann wird "The Day before the Last Day" entsetzlich vorhersehbar und erzlangweilig.

Durcheinander statt miteinander

Eigentlich beginnt dieser Irrweg schon kurz nach der Berufung des seltsamen Stromschlagpropheten – denn er hat dann ja auch nicht viel mehr anzubieten als die nicht ganz frische Idee, dass wir einander jetzt mal alle ganz lieb, aber fest an den Händen nehmen sollen … Hallelujah! Also steht doch wieder nur Erlösungsschmarrn auf der spirituellen Speisekarte. Da ist es gerade so eben noch konsequent, dass gleich darauf ein Mediziner-Team unser aller Religiositätspotenzial zu messen versucht und angesichts der Ergebnisse die Weltreligionen persönlich (Hinduismus und Buddhismus immer exklusive) hübsche kleine Werbespots schalten: "Pope and more", das katholische Marketing-Motto, ist dabei sicher das modernste.

Da ist der Weg dann nicht mehr sehr weit zu allerlei fundamentalistischem Gezeter unterschiedlichster Art auf Facebook, Twitter oder sonst irgendeiner Selbstdarstellungsplattform für Alltagspsychopathen im Internet. Gegen Ende werden all diese Bilder neben-, über- und untereinander projiziert: ein Alptraum; zumal auch nicht eine Stimme im Spiel bleibt, die diesen ganzen Schwurbelschwachsinn von Erwähltsein und Erlösenwollen als das bezeichnet, was er ist. Nur einen multipel gepiercten Hasskappen-Europäer hat Yael Ronen anzubieten, der gern die Bombe würfe auf all die Terrornester weltweit … Na klasse.

Wenn das alles ist, was dem Irrsinn gegenüber steht, dann – in der Tat – ist es nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf. Denn die religiös Verblendeten streiten ja noch über der Leiche des wirren Stromschlagspropheten, der – schöne Pointe! – in die Aufführung nebenan geriet und irrtümlich erdolcht worden ist von Hamlet, diesem dänischen Top-Terroristen … Versöhnung? Never. Und die Sehnsucht wächst nach einer Stimme wie der jenes Wissenschaftlers, der unlängst die Forderung formulierte, dass die Religionen der Anfang vom Ende seien und vernünftigerweise abgeschafft gehören. Stimmt wohl. Auch wenn es schade um Buddha wäre.


The Day before the Last Day
von Yael Ronen & The Company
Regie: Yael Ronen, Bühne und Kostüme: Magda Willi, Dramaturgie: Irina Szodruch, Video: Benjamin Krieg, Musik: Yaniv Fridel, Licht: Erich Schneider.
Mit: Knut Berger, Niels Bormann, Shredi Jabarin, Rotem Keinan, Orit Nahmias, Yousef Sweid und Maryam Zaree.

www.schaubuehne.de

 

Mehr: eine Workshop-Präsentation von "The Day before the last Day" zeigte Yael Ronen auf dem F.I.N.D.-Festival im März 2011 an der Schaubühne Berlin.

 

Kritikenrundschau

Von hundert dichten Theaterminuten zum Thema Religion spricht Dirk Pilz in Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau (3.9. 2011). Der Kritiker stellt den Theaterabend der israelischen Regisseurin Yael Ronen auch in den Kontext aktueller Diskurse zum Thema, womit er ihm diskursive Schärfe und große Aktualität bescheingt. Dankenswerterweise jedoch habe, so Pilz, "Ronen aber kein philosophisches Religionsbelehrungstück gebastelt; sie lässt Komödie und Kabarett spielen, Slapstick und Satireshow." Jede Szene sei "kaum mehr als Skizze und Entwurf", viel werde aus den Rollen und Spielsituationen gestiegen, alles bleibe "angedeutet, vage. Und nirgends schraubt sich der Abend ins Dogmatische, nichts und niemand wird denunziert, aber alle trifft derselbe Enthüllungsfuror. Diese Inszenierung lugt den Religionen unter den Schleier und findet immer dieselben ängstlichen, komischen, verwirrten und verwickelten Kreaturen." Nein, so Pilz schließlich, das sei keine neue Erkenntnis. "Aber Ronen stürzt sich nicht nur ins Gestrüpp der Phänomene, sie dröselt die ganze himmelschreiend komplizierte Dialektik des Religiösen auf: Es ward bislang noch kein Ungläubiger gefunden, es sind so oder so alle in Glaubenswelten verstrickt. In einer zentralen Szene kämpft Maryam Zaree verbittert mit ihrem Schwarzschleier, um danach nackt und wütend ihre neuen Götter anzurufen: 'Facebook! Freiheit! Und Zukunft!' Bis übermorgen."

Enttäuscht hingegen zeigt sich Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (3. 9. 2011). Alles, was Yael Ronens Vorgängerinszenierung "Dritte Generation" ausgezeichnet habe, "fehlt hier, will nicht gelingen. Damals jonglierte das Ensemble mit der Erinnerung an den Holocaust, verlogener Betroffenheit und bequemen Klischees, dass einem Hören und Sehen verging und oft nur ein befreiendes Lachen blieb." Dieser "kabarettistischen Abend, der vom Dritten Weltkrieg handelt, oder vielmehr von religiösem Irrsinn, Verschwörungstheorien, Jerusalem-Syndrom" aber bleibe harmlos, "die Hinterbühnenspielchen sind durchschaubar, die Religionswitze flach".

Was in Berlin vielleicht nur "milde unterhaltend" sei, dürfte am koproduzierenden Habima-Theater in Tel Aviv "eine explosivere Wirkung entfalten", meint Eberhard Spreng in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio Kultur (1.9. 2011, 23.05 Uhr). Dem Abend, der in "atemberaubendem Tempo die alten Klischees und Fundamentalismen" aufeinander losgelassen habe, konnte er einiges abgewinnen. Denn Yael Ronen hat aus seiner Sicht "nicht nur das Talent, mit ihrer erfrischenden Energie auf alle Tabus loszugehen", sondern auch "theatralischen Untiefen unbeschadet zu durchqueren."

Als "bestechend kluge Bestandsaufnahme" wertet Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (3.9.2011) die Inszenierung. "Übergangslos flitzt der schnelle, kurze, gedankensatte Abend zurück in den geistreichen Witz, liefert auf jedes Argument ein Gegenargument und sichert sich mit Theateranspielungen ordentlich ab." Die Verunsicherungsstrategien, mit denen der Abend operiere, seien zwar nicht ganz neu, funktionieren aus Kaschs Sich "aber dennoch hervorragend, weil die Schauspieler die Illusion, identisch mit ihren Rollen zu sein, in die Perfektion treiben. Und weil man ihnen einfach glauben möchte. Am Ende stehen Aussage gegen Aussage, Pro gegen Contra. Eine Entscheidung, ob und an was man glauben sollte, nimmt einem der Abend nicht ab. Aber allein die Diskussion ist den Gang in die Schaubühne unbedingt wert."

"Muss ein aus deutschen und israelischen Schauspielern gemischtes Ensemble sich immer die Identitätsfrage stellen?", fragt Katrin Bettina Müller auf der Berlin-Kultur-Seite der taz (3.9.2011). "Könnten sie nicht einfach Lessing oder Shakespeare spielen? Das könnten sie vielleicht, aber Yael Ronen hat sich an der Schaubühne Berlin und am Habima National Theatre aus Tel Aviv genau diese Performer ausgesucht, weil sie Lust haben auf den Diskurs der Identität, auch gerade da, wo er peinlich wird. Wo sie aus ihrer Haut schlüpfen möchten, aber nicht können. Und weil man spürt, dass jeder einzelne der Mitspielenden sich haftbar macht für das Stück, rechnet man dies ihnen auch an."

In der Süddeutschen Zeitung (5.9.2011) schreibt Peter Laudenbach: Yael Ronen habe ihr Erfolgsrezept von "Die Dritte Generation" recycelt mit einem ähnlichen Ensemble, "nur mit sehr viel weniger Esprit". Von Anfang an rette sich "die Regie" ins "routinierte Witzeln". Die Scherze seien wenig originell – "von der Entdeckung der Bühnenfiguren, dass sie ja nur Bühnenfiguren sind, bis zum Publikums- Fragebogen, der klären soll, welche Religion zu wem passen könnte" Zusammengehalten werde das "Nummernkabarett" davon, dass sich "der Slapstick-Hippie (komisch: Niels Bormann) nach einem Stromschlag für den neuen Erlöser hält". Der Abend erreiche "knapp das Reflektions-, Erkenntnis- und Unterhaltungsniveau einer besseren Sendung von Harald Schmidt".

 
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