logo_nachtkritik_klein.png
Drucken
alt

Warum sind die Türken so uncool?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 3. September 2011. "50 Jahre Scheinehe" feiert das Ballhaus Naunynstraße, das selbst ernannte postmigrantische Theater, noch bis Ende Oktober – bedeutet: 50 Jahre Gastarbeiter-Anwerbeabkommen mit der Türkei. Die, die Anfang der sechziger Jahre im Zuge dieses Abkommens aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind und dann, meistens wider Erwarten, geblieben sind, das ist die erste Generation. Nach dieser Rechnung haben wir es bei den heutigen Heranwachsenden, für die der "Migrationshintergrund" erfunden worden ist, mit der dritten Generation zu tun.

Der Regisseur Lukas Langhoff hat den Generationen drei Theaterabende gewidmet, für jede einen. Das Ballhaus hat sie nun im Rahmen einer "Langen Nacht" hintereinander weg gezeigt. In diesem Jubiläumsjahr hat Langhoff die Trilogie mit "Pauschalreise – die 1. Generation" vollgemacht. Angefangen hat er 2007 mit der zweiten Generation.

Klassentreffen – Die 2. Generation

Die feiert da laut Titel ein "Klassentreffen": Von einer Bühne aus, die aussieht, als sei die Party schon vorbei, buhlen sechs deutsch-türkische "Experten des Alltags" abwechselnd um die Gunst des Publikums. Ein Taxifahrer, ein Musikproduzent, eine Polizistin, eine Schauspielerin, ein Politiker und eine politische Aktivistin erzählen, wie sie wurden, was sie sind.

So unterschiedlich wie sie auftreten, so unterschiedlich sind ihre Lebenswege. Was sie eint, ist ein pragmatischer Umgang mit der Heimat-Frage: hätte er sich in seiner Jugend-Karriere als Handballer entscheiden müssen, ob für Deutschland oder für die Türkei spielen, erzählt der Taxifahrer: so hätte er Deutschland gewählt. Und in die bedeutungsschwere Stille hinein, die auf dieses Statement folgt, schiebt er nach: "Schon wegen der besseren Erfolgschancen." Die Türken würden nämlich immer verlieren. Gruppendynamisch passiert nicht viel beim Klassentreffen der zweiten Generation. Die wenigen szenischen Elemente, die Lukas Langhoff eingestreut hat, um die Erzählungen zusammen zu kleben, wirken meist aufgesetzt. Spannend sind die Geschichten.

Ferienlager – Die 3. Generation

Sehr viel inszenierter begegnet uns die dritte Generation, die Lukas Langhoff ins "Ferienlager" gesperrt hat. Sie liegen oder sitzen in ihren Betten im Schlafsaal der Jugendherberge oder tanzen manchmal plötzlich wild durch die Gegend. Die meiste Zeit verweigern sie sich dabei der Anforderung, eine Generation darzustellen. Denn zunächst einmal sind sie ganz normale Jugendliche, die mit ganz normalen Themen wie der Eroberung des anderen Geschlechts oder der Flucht vor demselben beschäftigt sind. Der interkulturelle Kontext, in dem sie sich bewegen, wird nicht problematisiert, sondern wirkt eher als Würze. Für die eigenen Geschichten interessieren sie sich nicht so sehr, und Lukas Langhoff zwingt sie auch nicht dazu, altersungemäß ernsthaft zu reflektieren. Die Qualität von "Ferienlager – 3. Generation" liegt dementsprechend eher im Atmosphärischen.

Während die jeweiligen Generationen in Teil 2 und 3 mit sich selbst alleine gelassen wurden, treffen sie im neuen Teil 1, der "Pauschalreise", endlich aufeinander – und zwar diesmal als Figuren in einem Stück. Hakan Savas Mican hat einen Szenenreigen geschrieben, der übers Generationenporträt hinausgeht. Die "Alten" der ersten Generation sind da allesamt irgendwie gestrandet und nehmen das mit Humor. Während ihre Kinder aus unterschiedlichen Gründen an ihnen verzweifeln, finden ihre Enkel sie cool.

Pauschalreise – Die 1. Generation

Eine von vielen schönen, pointierten Szenen beschreibt einen Arztbesuch. Ein junges Mädchen (dritte Generation) begleitet ihren Großvater (erste Generation) zu dessen neuer, deutsch-türkischer Hausärztin (zweite Generation). Die weigert sich, mit dem Alten türkisch zu sprechen, bescheinigt ihm ein "Adaptions-Defizit" und empfiehlt ihm, eine Begräbnisversicherung abzuschließen, denn so eine Überführung in die Türkei koste Geld, das habe sie selbst schmerzlich erfahren. Wenn der Alte entgegnet, dass er sich bereits eine Grabstätte gesichert habe, die per BVG-Ticket Kurzstrecke erreichbar sei, dann hat sich die Ärztin schon so sehr in ihre Verzweiflung über die tumbe Elterngeneration hineingesteigert, dass sie das gar nicht mehr mitbekommt. "Warum sind Türken so uncool?" schluchzt sie.

Diese Szene ist ein Bild von vielen unterschiedlichen. Wie auch in den anderen beiden Teilen wird in "Pauschalreise" lustvoll mäandert. Widersprüche sind nicht nur zugelassen, sondern werden herausgefordert. Dabei tut die Distanz der Spieler zu ihren Figuren und deren Sprache gut. Denn sie schützt die "Pauschalreise" zuverlässig vor der Selbstreferentialitäts-Falle, in die die anderen beiden Produktionen doch manchmal zu tappen drohen – auch wenn sie den Bogen dann immer wieder kriegen.

Die Lange Nacht der Generationen
Eine Trilogie von Lukas Langhoff im Rahmen des Festivals Almanci! – 50 Jahre Scheinehe
Regie: Lukas Langhoff, Text "Pauschalreise - die 1. Generation": Hakan Savas Mican, Ausstattungen: Lukas Langhoff, Justus Saretz, Dramaturgien: Christopher Hanf, Hanno Lehmann, Tunçay Kulaoğlu, Mitarbeit Klassentreffen: Hülya Duyar, Mitarbeit Ferienlager: Hülya Karcı.
Mit: Ozan Aksu, Kader Arslan, Tamer Arslan, Duygu Şebnem İnce, İdil Laçin, Sema Poyraz, Nuri Sezer, Serpil Şimşek Bierschwale, Çidem Topbaş, Tuna Başgerdan, Dilek Bölükgiray, Murat Dikenci, Hülya Duyar, Özcan Mutlu, Ünal Yüksel, Emel Zeynelabidin, İbrahim Utku-Erdoğan, Eray Kaya, Çağla Şanalan, Alkım Taş, Süheyla Ünlü.

www.ballhausnaunynstrasse.de


Mehr: Besprochen wurde bereits die Premiere von Klassentreffen – Die zweite Generation, die im November 2007, noch vor Neueröffnung des Ballhaus Naunynstraße unter Shermin Langhoff, im Hebbel am Ufer Berlin stattgefunden hat.

Kritikenrundschau

In der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel (1.9.2011) schreibt Patrick Wildermann: "Pauschalreise" sei eine Produktion der hauseigenen "Akademie der Autodidakten", mit der die "schmal budgetierte Kreuzberger Bühne" Laien ans Theater bringt. In nur zwei Wochen habe Hacan Savas Mican, der ein großes Talent zur poetischen Verdichtung besitze, eine Szenenfolge für Großeltern und Enkel geschrieben, die einen deutschtürkischen Alltag "aus Sprachlosigkeit und Missverständnissen ins Groteske wendet". In "Konversation mit Opa" wolle die Enkelin Geschichten hören aus der anatolischen Heimat, bloß habe der Alte keine Lust darauf. "Der schwört als Laubenpieper auf Buletten, hat Kegelpartner und Swingercluberfahrung." Die Alten hätten "keinen Kompass" mehr. Die Jungen trügen Pfadfinder-Uniform, "wissen aber erst recht nicht, wo’s langgeht". Der Abend wirke etwas unfertig und "bis zur Utopie dringt er nicht durch". Aber Lukas Langhoff habe die Szenen "bestmöglich verwoben, das Ensemble "bemerkenswert eingeschworen". Und "alle Gastarbeiter-Melancholie" mit Mican "surreal hochgenommen".

Im Neuen Deutschland (5.9.2011) schreibt Tom Mustroph: Enkel und Großeltern ließen verschiedene Episoden Revue passieren, die in Form eines Reigens angeordnet sind und von den individuellen "Alltagsbitternissen" handelten, die nicht nur deutsche Türken treffen könnten, die aber durch die Bedingungen von Einwanderung häufiger produziert würden. Unverständlich bleibe nur, warum bei dieser Eigenproduktion der Aspekt der aus politischen Gründen aus der Türkei geflohenen Menschen, von denen nicht wenige noch heute rings um die Naunynstraße wohnten, außer acht geblieben sei.