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Des einen Glück ist auch des anderen Freud

von Kai Krösche

Wien, 10. September 2011. Wenn am Ende Dorothee Hartinger in der Rolle der Mona auf die von ihrem Mitbewohner gestellte Frage, ob sie denn den anstehenden Rückzug der Amerikaner aus Vietnam gut finde, mit den Worten "Klar, wenn es wirklich das ist, was sie wollen" antwortet, dann ist in einem kurzen Satz auf humorvolle Weise die Quintessenz des vorangegangenen Theaterabends auf den Punkt gebracht: Bei aller Moral, bei allen verschiedenen Möglichkeiten einer Weltanschauung, bei allem Verständnis für andere Sichtweisen und Blickwinkel – am Ende tut jeder doch das, was er will und lässt bleiben, was ihm widerstrebt.

Kann Altes bleiben, wenn Neues kommt?

Blöd nur für die, denen die Hände gebunden sind, die nicht tun können, was sie wollen: Sie bleiben auf der Strecke. Gefangen im sterbenden Alten, gleichsam fern von einem möglichen Neubeginn werden sie überrollt, übergangen, zurückgelassen. Ihnen helfen auch nicht die Idealwelten Dritter, in denen des einen Glück nicht gleich des anderen Leid zu bedeuten hat: Verlieren tun sie trotzdem.

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"Die Kommune" © Georg Soulek

So auch Anna, die von heute auf morgen von ihrem Mann Erik für eine jüngere Frau verlassen wird. Verlassen natürlich nicht im eigentlichen Sinne – denn als Mitbewohnerin der gemeinsamen Kommune bleibt das Wohnverhältnis auch weiter erhalten, schließlich befindet sie sich im Jahre 1975 und dann auch noch mit Kopenhagen in einer Groß- und Hauptstadt – nein, soviel muss das Ideal des gemeinsamen Zusammenlebens dann doch aushalten, überhaupt, soll die Neue doch gleich mit einziehen.

Ideal und Wirklichkeit

Dass das natürlich nicht einmal theoretisch, nicht einmal für einen kurzen Augenblick gut gehen kann, liegt auf der Hand. Und so kommt es in Thomas Vinterbergs (gemeinsam mit Mogens Rukov geschriebener) Uraufführung am Akademietheater, wie es allzu vorhersehbar kommen muss: Anna verzweifelt, die Kommune droht zu zerbrechen, das Ideal (vielleicht auch das Glück) scheitert an der Wirklichkeit, ist flüchtig, ein kurzer Funke nur im Rauschen der Dunkelheit.

Das klingt banal. Das ist es auch. Genauso banal, genauso komplex, genauso undurchdringlich und genauso unfassbar wie der Mensch und das Zusammenleben des Menschen mit anderen Menschen eben ist. Nicht mehr wohl und nicht weniger. Denn "Die Kommune" versucht gar nicht erst, die Mittel des Theaters neu zu erfinden oder eine eigene Theatersprache zu finden, die vielleicht einen abstrakten, über die reine Betrachtung hinausgehenden Gedanken in Bilder, Geräusche, Bewegung zu übersetzen versucht.

Spiegelbild innerer Kämpfe

Gab es in Vinterbergs bekanntestem Film "Festen" noch die immer stärker werdende Körnung des unter zunehmendem Lichtmangel leidenden Videobildes, war es in der Fortsetzung "Das Begräbnis" (letztes Jahr auf der großen Bühne des Burgtheaters) noch das sich langsam wie von Geisterhand ins alles verschluckende Schwarz dekonstruierende Bühnenbild, so arbeitet "Die Kommune" lediglich mit einem fast reinen schauspielerischen und – abgesehen von gelegentlichen Musikeinspielungen, die eher wie inszenatorische Inkonsequenz wirken statt wie ein geschickt eingesetztes Stilmittel – theatersprachlichen Realismus. Über die beiden Stunden hinweg blickt der Zuschauer ausschließlich in einen beeindruckenden, aber mit Ausnahme der notgedrungen unsichtbaren vierten Wand bis ins kleinste Detail naturalistischen Nachbau eines Hauses.

Damit verspielt die Inszenierung die Chance, etwas anderes zu sein als ein reiner Spiegel – schließlich kennt wohl jeder die ein oder andere dargestellte Situation von gleicher oder ähnlicher Intensität auch ganz ohne Kommunenvergangenheit. Egal ob Ende einer Beziehung, Stress mit komplizierten WG-Mitbewohnern oder gar die Arbeit am Theater selbst, die mit all ihren Höhen und Tiefen und oft unlösbaren (manchmal auch emotionalen) Abhängigkeitsverhältnissen an die Vor- und Nachteile des Kommunengedankens erinnert: Beinahe jeder ist – möglicherweise mehr als einmal in seinem Leben – bereits an einem Punkt gewesen, an dem er erkennen musste, dass es keine Kompromisslösung geben kann, dass das Tun des einen zum Zwecke seines Wohlergehens einen direkten Nachteil für den anderen bedeutet.

Unaufgeregter Grundton

In dieser Hinsicht stellt "Die Kommune" in ihrem stets unverfremdeten und lebensnahen Realismus keine ungewohnten Fragen, im Gegenteil, wirft sie den Betrachter stattdessen ganz auf sich selbst zurück. So wenig das auf den ersten Blick zu sein scheinen mag, so überraschend viel ist es am Ende dann doch – nicht zuletzt dank der handwerklichen Dichte der Inszenierung, dem durch die Bank überzeugenden Spiel der Darsteller und einem erfrischend humorvollen und unaufgeregten Grundton.

Zwar mag ein Spiegel eben nicht viel mehr als ein Spiegelbild zurückzuwerfen – aber ist er präzise, dann zeigt er eben auch ein ungeschöntes Bild desjenigen, der in ihn hineinblickt. Was der Betrachter mit ebendiesem zurückblickenden Bild weiter anstellt – ob er es sich schönredet, ob er darin eine feste Gegebenheit sieht oder ob in ihm der Wunsch nach Veränderung aufkeimt, das hängt wohl letztlich von ihm selbst ab: Ein Schrei nach Veränderung entsteht an diesem Abend jedoch (in erster Linie leider, in zweiter Linie vielleicht auch spannenderweise) allenfalls im Kopf des Betrachters.


Die Kommune (UA)
von Mogens Rukov und Thomas Vinterberg
Regie: Thomas Vinterberg, Bühne und Kostüme: Stefan Mayer, Dramaturgie: Plinio Bachmann.
Mit: Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Elisa Plüss, Adina Vetter, Dietmar König, Fabian Krüger, Joachim Meyerhoff, Tilo Nest.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Thomas Vinterberg gibt es im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

Von einer "erstklassigen und umjubelten Uraufführung" berichtet Sebastian Gilli im Standard (12.9.2011). In Vinterbergs neuem Stück sei "die Gewalt unterschwellig und äußert sich in Demütigungen und Verrat." Lob fällt auf das Ensemble, allen voran auf Joachim Meyerhoff, und auf die "Visualisierung des stilvollen Bühnenbilds" von Stefan Mayer. Ansonsten zeigt sich der Kritiker vor allem von der Atmosphäre und der Problemstruktur des Abends überzeugt: Vinterberg schärfe mit seiner Tragikomödie aus der Kommune "den Blick auf die Probleme und Konflikte, die durch die grenzenlose Liebe und die Grenzen der individuellen Freiheit innerhalb menschlicher Verhaltensmuster auftreten."

"Reichlich Wortgeklingel und Stöhnen" hat dagegen Barbara Petsch von der Presse (12.9.2011) vernommen und fühlt sich an Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" erinnert. "Die Burg spielt Edel-Boulevard mit Grips", wobei allein die vorzüglichen Schauspieler der Rezensentin die "Passagen des höchstens mittelmäßig originellen Textes" erträglich machten. Meyerhoff sei als Erek "natürlich etwas ganz Besonders" ("nervös, ungeduldig, autoritär, sexbesessen, egozentrisch"). "Dem Ensemble ist anzumerken, dass es mit reichlich Improvisation diese charmante Petitesse genießt."

Ein "Zerrbild von Machtspielchen und Duckmäusertum" zeige Vinterberg mit seiner Innenansicht einer Kommune, urteilt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.9.2011). Auch er hat ein "großartiges Ensemble" beim Gang durch eine "recht schwache Handlung nebst mehr oder minder witzigen Episoden, die immer wieder zu Gelächter aus den falschen Gründen verführen", erlebt. Der jungen Elisa Plüss wird eine gesonderte Würdigung zuteil. Fazit: "So rettet hinreißendes Schauspiel ein doch eher mittelprächtiges Stück vor dem Absturz ins Banale."

Der dänische Filmemacher, der in den siebziger Jahren selbst in einer Kommune aufwuchs und jene Zeit als glückliche Kindheit in Erinnerung hat, zeige fast ausnahmslos die komischen Seiten dieses Zusammenlebens, so, wie es uns heute erscheint, "weil doch alles Handeln aus Überzeugung vollkommen komisch wirken muss", schreibt Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (13.9.2011). So entstand in Zusammenarbeit mit Mogens Mukov eine gut gebaute Komödie, aus der in Vinterbergs eigener Inszenierung ein phantastisch leichtsinniger Spaß wurde, vom Wiener Publikum frenetisch gefeiert und mit Sicherheit ein Renner für viele andere Bühnen.

"Die Produktion ist ein Triumph der Schwerelosigkeit, sämtliche Darsteller scheinen zu schweben", jubelt Ulrich Weinzierl in der Welt (13.9.2011), sei's Joachim Meyerhoffs als Softie getarnter Macho, sei's die leise leidende Anna von Regina Fritsch; die äußerst ansehnliche Emma der Adina Vetter ebenso wie die blutjunge Elisa Plüss in der Partie der Freja. Als Gruppenclowns brilliere Tilo Nest, der Kommunarden-Opa Ole und Dorothee Hartingers Mona, die das Bayerische mit dem Brünstigen mühelos auf den Nenner des Unbedarften bringe. "Derlei gelingt sonst nur, wenn Yasmina Rezas eleganter Psychoboulevard auf kongeniale Theatermacher trifft."