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Das hieße ja denken!

von Dirk Pilz

Berlin, 11. September 2011. Verführt mich! Stürzt mich in Anfechtung! Lasst mich zweifeln! Darum geht es doch, oder?

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© Arno Declair

Am Ende dieses Dreistundenabends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters postiert sich Daniel Hoevels mittig auf dem goldglänzende Dollargroßzeichen; es folgt die harsche Ansprach' ans tumbe Volk. Hier der entscheidende Abschnitt: "Den Menschen ist beigebracht worden, Abhängigkeit als Tugend anzusehen. Der Mensch, der versucht für andere zu leben, ist abhängig. Er ist aufgrund seines Motivs ein Schmarotzer, und er macht Schmarotzer aus denen, denen er dient. Er schafft ein Verhältnis wechselseitiger Korrumpierung – sonst nichts." Das Übel dieser Welt: der Altruismus, mithin der Sozialstaat. Und: "Alle großen Gräueltaten der Geschichte wurden im Namen eines altruistischen Motivs begangen." Abhängigkeit oder Unabhängigkeit? Individuum oder Kollektiv? Darum geht es. Heißt: "Zivilisation ist der Prozess der Befreiung des Menschen von den Menschen." Heißt also: Der Einzelne ist alles, die Gemeinschaft ist nichts.

Glauben Sie das? Eben. Aber Daniel Hoevels spricht es – in gleisnerisches Messiaslicht getaucht, die Augen scharf gestellt, die Gesten weltumfassend – derart im Verführerhochton, dass er uns just dies glauben machen möchte, was in der Logik dieser Inszenierung für den Zuschauer bedeutet, sich in Denken zu üben, nämlich lieb gewonne Selbstverständlichkeiten, ungeprüfte Voraussetzungen in Zweifel zu setzen und also wider jenen ideologischen Stachel zu löcken, der in aller Denkselbstzufriedenheit nistet. Das ist ja die Freiheit (und Gefährlichkeit) des Denkens, gleichsam gegen sich selbst auch dort noch Alternativen als möglich zu erachten, wo einem alles unverrückbar scheint.

Wider die Wohlfahrt

Insofern ist dieser von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner zu verantwortende Abend eine hervorragende Sache. Er will uns aus den Sofaecken der Geistesgemütlichkeit locken, setzt uns zur Prüfung vor, was wir uns längst abtrainiert haben, in Frage zu stellen. Vielleicht ist es ja doch so, dass die einzelnen, rücksichtslosen, von allem und allen Unabhängigen das menschlichste Gesicht zu tragen vermögen – und nicht die Propheten von Mildtätigkeit und Wohlfahrt, von Altruismus und gegenseitiger Abhängigkeit.

Und auch die Geschäftsgrundlage dieser Inszenierung ist eine feine, nämlich bestens streitbare Sache: der einstige Bestseller "The Fountainhead" (1943) von Ayn Rand, jener in Sankt Petersburg geborenen und vor knapp dreißig Jahren in New York verstorbenen Schriftstellerin, Philosophin und Radikaldenkerin, die das kapitalistische Prinzip schlicht und schonungslos zu Ende buchstabiert hat. Das kapitalistische Prinzip nach Ayn Rand lautet: Der Einzelne ist alles, die Gemeinschaft ist nichts. Nicht das Geld und nicht die Finanzwirtschaft macht den Kapitalismus, sondern dieses ethische Grundgebot eines durchnüchterten Egoismus.

Wider die Vielen

Der Roman hat dies allerdings in eine reichlich melodramatische Handlung gewickelt, die hier wiederzugeben nicht lohnt. Nur so viel: Es gibt da einen Architekten namens Howard Roark, der sich zum Prediger des wahren, unverfälschten Individualkapitalismus aufschwingt und zum bösen Ende eines seiner Bauwerke in die Luft sprengt, weil es nicht seinen Ideen gemäß, sondern in kompromisslerischer Rücksicht auf die Interessen der Vielen verwirklicht und damit also verraten wurde; diesen einen spielt Daniel Hoevels. Auf ihn kommt es an. Den Verführer. Den Herausforderer. Den Radikalen.

Allein, er läuft hier ins Butterweiche. Denn Kühnel und Kuttner meinen nicht nur, den ganzen melodramatischen Schmonzes spielen, sondern ihn in gleichem Spielzuge auch wieder zurücknehmen zu müssen, indem sie jedes Wort und jede Figur zu Kitschfilmwiedergängern  verfremden, immerfort also demonstrieren und ausstellen, dass wir es hier mit Schmonzes und keinem ernst zu nehmenden Geschehen zu tun haben. Funktioniert zehn Minuten, wird drei Stunden lang zur Qual.

Was soll das, wenn Kuttner als der Don Draper der supererfolgreichen US-Fernsehserie "Mad Men" auftritt? Was soll uns der Roark-Gegenspieler Peter Keating (Felix Goeser), wenn er nur der Gestenclown sein darf? Wieso die wimmernde Filmmusik? Wozu das dauernde zwangsironische Wortwürfeln? Und wieso überhaupt ein Dollardings auf der Bühne, wenn der Kapitalismus gerade nicht bloße Geldanbeterei ist?

Am Ende wirkt damit alles eingebuttert, was radikal, herausfordernd, provokant sein könnte. Und dass am Anfang dieses Premierenabends am 11. September 2011 die Skyline von New York eingeblendet wird und zum Schluss einer auftritt, der zum Terroristen in eigener Sache wird – die heikle Analogie verpufft zur bloßen Augenzwinkerei, ausgezahlt in braver Stadttheatermünze.

Wider den Zweifel

Vor einem Jahr haben Kühnel und Kuttner an selber Stelle Peter Hacks' Die Sorgen und die Macht herausgebracht. Auch das war eine Denkverführung, die Einladung, die Idee des Kommunismus nicht auf die gar zu leichte Schulter zu nehmen. Das Motto damals, mit Brecht gesprochen: "Lasst euch nicht verführen!" Lasst euch nicht einreden, dass diese Alternative für alle Zeiten ad acta gelegt sei. Ließen wir nicht. Aber mit Hacks haben sie es sich seinerzeit auch nicht so einfach gemacht, wahrscheinlich, weil "Die Sorgen und die Macht" ein ziemlich gutes, gehörig kompliziertes Stück ist. Der dazugehörige Abend war es auch.

Jetzt dagegen, mit "Capitalista, Baby!", sind Kühnel und Kuttner ziemlich schnell dort, wo wir uns inzwischen angewöhnt haben, die Wahrheit zu vermuten: Kapitalismus ist schlimm, Radikalismus ist schlimm, Rücksichtslosigkeit sowieso.

Kein Zweifel, keine Anfechtung nirgends.

 

Capitalista, Baby!
Nach "The Fountainhead" von Ayn Rand. Deutsch von Werner Habermeh
lRegie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selig, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Daniel Hoevels, Natali Selig, Michael Schweighöfer, Matthias Neukirch, Felix Goeser, Jürgen Kuttner.

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Nichts ist der dialektischen Reflexionsmaschine Kuttner und seinem Regie-Kompagnon Tom Kühnel absurd genug, um die Absurditäten der Gegenwart und ihre postideologische politisch-ökologische Korrektheit als Ideologie zu entlarven, na, zumindest um argumentative Verwirrung zu stiften", so Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (13.9.2011), und jetzt gebe es also von rechts einen nicht weniger freudig-fiesen Angriff auf die haltungslose Kleingeistigkeit. "Die Idee - Kapitalismuskritik durch aggressive Affirmation - ist großartig, der Stoff und die Schöpferin sind bizarr, und auch das Datum sitzt." Die Inszenierung selber aber bleibe überraschend eindimensional. Abgesehen von ein paar tollen Auftritten von Kuttner als Ayn Rand werde an der melodramatischen Romanhandlung entlang ironisiert - mit rhetorischer Meisterschaft, wie sie dem DT gebühre. Fazit: "Man wäre gern tiefer in die moralischen Dimensionen des Randschen Individualismus eingestiegen, aber die ironisch imprägnierte Inszenierung lässt einen nicht. Dennoch verdient der Abend für seine Abseitigkeit und Konsensfeindlichkeit den schönen, wohlgelaunten Applaus, den er einheimste."

"Kuttner und Kühnel erzählen – einigermaßen brav nach dem Drehbuch – die 'Fountainhead'-Story nach. Architekt will nach oben, macht aber keine Kompromisse", so Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (13.9.2011). Die böse Welt der Investorenhaie wirke hier aber eigentlich gar nicht so böse. "Die wollen doch nur spielen auf dem riesigen goldenen Dollarzeichen (Bühne: Jo Schramm). Der Grundton der Inszenierung liegt zwischen Märchen und Groteske. Es fehlt allen Darstellern an Schärfe und Kontur, jedoch nicht am Klischee."

Alteuropäischer Genie-Kult trifft auf kapitalistische Verkündigungs- und Thesenritter-Prosa und das werde "als schöne Mischung aus altem Hollywood-Film und Brecht'schem Lehrstück inszeniert, musikalisch wirkungssicher untermalt vom 'Parsifal'-Vorspiel", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (13.9.2011). "Jede Geste wurde vergrößert und ausgestellt, der Verfremdungseffekt in einer lässig-lustigen Pop-Variante." Auch das Bühnenbild lasse an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Ein riesiges, goldenes Dollarzeichen, in dessen Untergeschossen Büros und Schlafzimmer untergebracht sind.

"Wenig Glück" hat das Regieduo in den Augen von Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen (15.9.2011) mit Ayn Rand, deren Philosophie sie "mit lautersten Absichten aushebeln wollen". So gingen sie bald "auf den so dogmatischen wie intellektuell furiosen Leim dieser Eisernen Lady des Kapitalismus. Dadurch erscheinen deren knallharte Thesen, obwohl sie ironisch bis herablassend vorgetragen und komisch-grotesk gespielt werden, plötzlich viel interessanter als die reichlich bemühte Inszenierung." Musik aus Wagners "Parsifal" bilde "den Klangteppich für den überzeugenden Daniel Hoevels als übermenschlich-heroischen Architekten Roark".

 
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