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Der Schlamm der Gerechten

von Martin Pesl

Wien, 11. September 2011. Gar weiß ist seine Weste, während er in Embryonalstellung den Schlaf der Gerechten schläft. Und Schneeflocken von der Bühnendecke hüllen Michael Maertens obendrein noch in eine Wolke sanfter Unschuld. Das Bild eines unbedarften, tollpatschigen großen Kindes gibt er anfangs für einige Minuten ab, wie  man es von diesem Komödianten gewohnt ist. Aber damit hat es sich auch schon erledigt, sobald er erwacht, denn er ist der durchtriebene Richter Adam aus Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug". Nach einer wilden Nacht klaffen Wunden an Kopf und Fuß, und er kotzt sich erstmal an.

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Michael Maertens als Adam  © Reinhard Werner

Handfester Auftakt

Der schneeweiße Sockel der Gerechtigkeit, der sich buchstäblich aus dem dörflichen Verbrechensschlamm erhebt, hat den ersten Schandfleck abbekommen, und schon muss die weiße Weste zum Aufwischen und Zudecken herhalten. Kein Zweifel, dass der Mann Dreck am Stecken hat. Nachts suchte er die junge Eve (Yohanna Schwertfeger) heim, um sie mit dem Militäreinzug ihres Bräutigams Ruprecht (Peter Miklusz) zu erpressen, wurde dabei fast in flagranti erwischt und warf auf der Flucht einen wertvollen Krug von Eves Mutter Marthe (Maria Happel) zu Bruch. Die nutzt nun den Gerichtstag dazu, um ausgerechnet Ruprecht der Tat anzuklagen.

Viel, auch viel Zotiges, verspricht der handfeste Anfang des von Direktor Matthias Hartmann selbst verantworteten Burgtheaterbeitrags zum Kleistjahr. Doch was dann folgt, überrascht: ein relativ zurückgenommener Maertens, der oft ausdruckslos beobachtet, nur hin und wieder seine heisere Komik bedient, nicht einmal das Stück immer trägt. Diese Aufgabe übernimmt zeitweise Roland Koch als gestrenger Gerichtsrat aus Utrecht, der die laxe Justiz auf dem Lande unter die Lupe nehmen will.

Auftritt der Pedanten

Wenn jedoch Handlung und Spiel beide etwas durchhängen, ist es Stéphane Laimés Bühne, die den roten Faden durch die Inszenierung straff hält, wenn auch mittels absolut simpler Symbolik: Wie lange wird es gelingen, den Respekt vor der Justiz reinzuhalten, sprich: Wer kann was tun, damit das weiße Quadrat in der Mitte der Bühne nicht zugematscht wird?

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Hohes Gericht am Wiener Burgtheater
© Reinhard Werner

Der beflissene Schreiber Licht (Juergen Maurer) zieht pedantisch die Gummistiefel aus, bevor er die hehren Hallen der Justiz betritt; der Angeklagte breitet die eigene Jacke als Fußabtreter aus. Roland Koch vollbringt akrobatische Balanceakte, während der Richterstuhl – er könnte auch auf einem Tennisplatz stehen – überhaupt von der Decke runtergelassen wird, um ihn nicht durch den Morast anschleppen zu müssen. Solcherlei Slapstick prägt das erste Drittel des Abends. Dann marschiert der beklumpfußte Dorfrichter selbst mit dreckigen Schuhen zu seinem Platz, was viel zu früh auch das Bemühen aller anderen um Sauberkeit korrumpiert. Sie lassen es anschließend bleiben.

Mit dem Abwürgen dieser schönen Bühnenidee kommt der Inszenierung ihr letzter Spannungsfaktor abhanden, und bis Eve das erlösende "Der Richter Adam hat den Krug zerbrochen!" ausruft, zieht sich der Abend dahin wie die weniger gelungenen "Columbo"-Folgen, wo es ja auch nicht darum geht, wer der Täter ist, sondern wie er entlarvt wird. Schon Regisseur Johann Wolfgang von Goethe langweilte 1808 die Zuschauer der "Krug"-Uraufführung (angeblich ja aus Bosheit gegenüber dem Autor) mit einem Whodunit.

Finale Einsicht: Nie enden Kalkül und Korruption

Aber auch den Lustspielpfad schlägt Hartmann nicht entschlossen ein. Zwar sind die Figuren skurril gearbeitet, besonders die kurzsichtige Zeugin Brigitte (Therese Affolter), mögliche Pointen brettern aber oft ab. Was Hartmann wirklich zu wollen scheint, nämlich politisch gesellschaftliche Abgründe aufreißen, das offenbart sich erst ganz am Schluss: Da ist Adam abgehauen, der Schlamassel hat sich aufgeklärt; der bisher die Vernunft repräsentierende Gerichtsrat schenkt Eve Geld. Sein nachgeschobener Satz "Jetzt geb ich dir einen Kuss" ist der eines Möchtegernvergewaltigers, und Eves Aufforderung an ihren Ruprecht, getrost nach Utrecht zum Militär zu gehen, klingt, als würde sie ihn nun berechnend abservieren.

Gerechtigkeit? Ha! Nie enden Kalkül und Korruption! Böse, das alles, und kurz etwas beklemmend. Nun, für diesen Dreh (im Vorfeld hat Hartmann zur Erklärung gar Vergleiche zwischen Adam und sesselklebenden Despoten wie Gaddafi angestellt) stellt sich der Rest von Kleists Text einfach nicht zur Verfügung. Der ist vielmehr eine raffinierte Studie über die Wahrung von Gesicht und Stellung mit den Mitteln der Sprache. Und ebendamit hat der komödienerprobte Hartmann-Trupp diesmal gründlich zu hadern.


Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Tina Kloempken, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Roland Koch, Michael Maertens, Juergen Maurer, Maria Happel, Yohanna Schwertfeger, Ignaz Kirchner (für den erkrankten Branko Samarovski eingesprungen), Peter Miklusz, Therese Affolter, Brigitta Furgler.

www.burgtheater.at


Mehr: Der zerbrochne Krug ist ein Lustspiel für die Prachtkerle der Schauspielergilde: Am Berliner Ensemble spielt Klaus Maria Brandauer den Richter Adam in der Inszenierung von Peter Stein, auf der Ruhrtriennale 2009 sah man Sven-Eric Bechtolf als selbigen in der Inszenierung von Andrea Breth.

 

Kritikenrundschau

Mit viel komödiantischem Handwerk, aber ohne rechten Erzählplan mache sich das Burg-Ensemble im Akademietheater auf die Suche nach Heinrich von Kleists "Zerbrochnem Krug", so Ronald Pohl im Wiener Standard (13.9.2011). Zunächst liege der Zauber des Beginnens über Matthias Hartmanns Inszenierung. "Ein etwas unmanierlich wirkender Mittvierziger mit schütterem Haupthaar verscheucht die Schlafgespenster. Er erbricht sich auf das Weiß der Fläche, wischt mit dem Schal nach und wird sogleich vom Schreiber Licht (Juergen Maurer) aus seiner waidwunden Beschaulichkeit herausgerissen." Wie Maertens seine Blessuren misst, um doch sogleich seinem intriganten Kanzleiangestellten Rede und Antwort zu stehen, "das hätte den Beginn einer unerhörten Begebenheit markieren können: Adams Kampf um das Recht, vor aller Welt wie vor den Bewohnern des Dorfes Huisum schuldig zu sein." An schauspielerischer Klasse fehle es hier nicht. "Was schmerzlich abgeht, ist eine ästhetische Haltung: der Wille, das Leben eines schuldlos Schuldigen aufs Spiel zu setzen."

Gerhard Stadelmaier hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.9.2011) das Format seiner berüchtigten Kurzkritik gewählt, um klipp und klar zu sagen, was er von diesem "Zerbrochnen Krug" hält, nämlich gar nichts. "Des regieführenden Burgtheaterdirektors Hartmann Schauspieler müssen waten können (als geistverlorene Schmuddeliane). Durch die Schmiere. Denn das Wiener Akademietheater ist mit Schlamm überschwemmt. Mittendrin ein weißes Podest, das auch schnell dreckig wird. Darauf und drum herum exekutieren leidlich besudelte Schmierspieler eine Art 'Zerkrochnen Krug'. Wenn sie nicht schmatzend platzende Knallchargenblasen werfen. Nölend der Richter, patzig das Mädchen, rotzig ihre Mutter, stotternd ihr Verlobter, blasiert der Gerichtsrat. Kleist hat Menschen, Hartmann Typen. Ein dreckiger Unterschied."

"Matthias Hartmanns Wiener Inszenierungen sind aus zwei Gründen betrüblich: Sie werden den Texten kaum je gerecht und vergeuden die Qualitäten von Publikumslieblingen, die zu Stereotypen ihrer Macken und Mätzchen verkommen, findet Ulrich Weinzierl in der Welt (13.9.2011) klare Worte. "Über Hartmanns Inszenierung kann man nicht einmal streiten, weil es ihr an innerer Kohärenz mangelt." Weder decke sie Abgründe auf, noch erreiche sie Schwankniveau. "Stars ziehen einfach ihre Nummern ab und degradieren den Dichter zum Verslieferanten." Und schwer laste die dick aufgetragene Symbolik von Stéphane Laimés Raumlösung auf dem Ganzen: ein weißes Bühnenquadrat, umgeben von Morast.

Zufrieden ist dagegen Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (13.9.2011), der in seiner Doppelbesprechung des "Zerbrochnen Krugs" und Thomas Vinterbergs "Die Kommune" resümiert: "Das Wiener Burgtheater hat seine neue Saison mit zwei großen Erfolgen eröffnet. Was wir bis jetzt nach Hause nehmen: Die Experimente sind gescheitert, der Sumpf nimmt zu. Wer jetzt lacht, beweist Humor. Das Burgtheaterpublikum hat sich begeistert darauf eingelassen. Die Schauspieler sind in bester Spiellaune. Was will man mehr?" Michael Maertens Dorfrichter sei ein schlaksiges Dorfrichterlein in mittleren Jahren, "ein kleiner Sünder wie alle, die ihn anklageführend umgeben". Allen voran die herrliche Maria Happel als Marthe Rull stilisiere ihren zerbrochnen Krug, das Corpus Delicti, zum historischen Juwel. Der eigentliche Richter dieses Abends ist nicht Adam, sondern Gerichtsrat Walter (Roland Koch), ein selbstherrlicher, kalter Bürokrat in grauem Anzug und blütenweißen Socken. Wo er auftauche, scheint die Gerechtigkeit ihren Lauf zu nehmen. Am Ende bleibt er knietief im Matsch stecken, "das ist das Schlussbild einer intelligenten und amüsanten Inszenierung".

Kritisch blickt Peter Kümmel in der Zeit (15.9.2011) einer Doppelbesprechung von "Der Zerbrochne Krug" und Thomas Vinterbergs "Die Kommune" auf die Schlammmassen des Bühnenbilds: "Früher," als nämlich das Theater noch wirklich politisch war, wäre dem Publikum ein so simples Bild für die herrschenden Verhältnisse "zu billig, zu pauschal" gewesen. "Heute funktioniert es prächtig. Man sieht die Schauspieler in den Matsch schlagen – und schon ist einem leichter ums Herz. Der Schlamm ist das, was uns verbindet und zusammenhält: Er wärmt uns alle. Politisches Theater hat einmal bedeutet, diesen Umstand für unzumutbar zu erklären. Heute gibt es sich damit zufrieden, ihn opulent zu beleuchten."

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