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Kein Alltag! Nur Poesie!

von Esther Slevogt

Berlin, 15. September 2011. Sie ist Mitte zwanzig, er schon vierzig Jahre alt. Sie fängt gerade am Theater an, wo er bereits ein berühmter Theaterregisseur ist. Sie beginnen ein Verhältnis, obwohl er eine Frau irgendwo hat. Es ist, wie es ist, er ist der Star, sie seine Muse. Die Wirklichkeit muss ausgeblendet werden. Sei es die politische oder die private. Nie verbringt er die ganze Nacht bei ihr. "Nur kein Alltag, sondern nur Poesie! Nur Kleist!" Über die Arbeit an einem Kleistprojekt waren sie einander begegnet. Heinrich von Kleist, dem sich das heimliche Paar nun in geradezu existenzieller Weise verbunden fühlt, finden sie in seinem Werk doch das eigene Lebensgefühl wieder, in der Unmöglichkeit nämlich "mit uns selbst und der Welt, in der wir lebten, eins zu sein".

Aphrodisiakum Kleist

Die Welt, in der das neue Buch von Barbara Honigmann spielt, ist das Ostberlin der 70er Jahre, dessen kunsterhellte Dunkelheit und Bedrückung sie mit wenigen Strichen so atmosphärensatt zu schildern und gegenwärtig zu machen versteht, dass man beim Lesen diese Zeit fast schmecken und riechen zu können glaubt. Und das Deutsche Theater, das bei Barbara Honigmann stets "Berliner Theater" heißt – ein verheißungsvoller Ort, an dem die Künstler glaubten, an der Utopie zu werkeln, an einer besseren Welt, die vor allem ein besseres Deutschland sein sollte. Das damals eben in so fataler Weise dem finsteren Preußen glich, das schon Kleists Leben verdüsterte. Dessen tödlicher Fatalismus wird den Liebenden nun zum ambivalenten Aphrodisiakum.

honigmann-coverDas Buch erzählt eine im Kern wahre Geschichte: die Liebesgeschichte einer Tochter jüdischer Emigranten aus Theaterkreisen zu einem wesentlich älteren (und nichtjüdischen) Mann, der einen, besonders für jüdische Nachgeborene, nahezu unaussprechlichen Vornamen hat.

So wird denn dieser Name auch niemals ausgesprochen in Barbara Honigmanns Buch "Bilder von A.". Es ist auch nicht wirklich wichtig zu wissen, dass sich hinter "A." der Regisseur Adolf Dresen verbirgt und die Erzählerin hier ihre eigene Geschichte zu Literatur gerinnen lässt. (Wer es genauer wissen will, mag u.a. Barbara Honigmanns Rede zur Verleihung des Kleist-Preises im Jahr 2000 lesen.) Denn es ist eine exemplarische Geschichte, die man nicht besser hätte erfinden können: die Geschichte einer Liebe, die nur im Raum der Dichtung bestehen kann, im Schatten von Kleist. Und zwar vor der Vergangenheit, vor der Gegenwart, vor dem Leben überhaupt. Weshalb das Buch auch ein wunderbar diskretes Kleistbuch ist. Wie eine Mauer steht zwischen den Liebenden stets auch A.s Weigerung, ihre unterschiedlichen Plätze in der Geschichte anzuerkennen, die sich aus der Tatsache ergeben, dass sie jüdisch ist und er nicht.

Ein richtigeres Leben im falschen?

In dieser Sphäre zwischen Wirklichkeit und Poesie, in der die Beziehung über Jahrzehnte weiterbesteht, auch als beide einander und auch die DDR längst verlassen haben, in anderen Bindungen leben und ihre Liebe in ihrem Versprechen auf Wahrheit am Ende unerlöst bleibt, tischt Barbara Honigmann, fast beiläufig, schwere Fragen auf. Wie das zum Beispiel ist mit der Vorstellung der Theaterleute, ihr Leben sei irgendwie richtiger als das, das die anderen (also auch die Zuschauer) leben. Ob diese Selbsteinschätzung am Ende nicht verhindert, dass das richtige Leben überhaupt in die Sphäre der Berührbarkeit gelangt – und damit gestaltbar wird. Ob letztlich die Theaterkunst nicht die fatalen Verhältnisse betoniert, statt sie zu verändern – da sie eben aus der Friktion mit den repressiven äußeren Bedingungen wesentliches künstlerisches Potenzial bezieht, weshalb sie letztlich an der Veränderung der Verhältnisse nicht wirklich interessiert sein kann.

So wandern die reflektierenden Erinnerungen der Erzählerin durch die Jahrzehnte, in denen sie mit A. korrespondiert. Immer wieder (und vielleicht ein paar mal zuviel) sind sie durch den schockhaften Satz "A. ist jetzt tot." phrasiert. Die Geschichte der Beziehung endet nach der Wende, als A., der längst im Westen Karriere gemacht hatte, nach Ostberlin zurückkehrt und mit der neuen Wirklichkeit, gegen die nun kein Kleist mehr zu setzen ist, nicht mehr umgehen kann. Von seinem Tod erfährt die Erzählerin schließlich aus der Zeitung.

In Moskau und der "inneren DDR"

In der flüchtigen Heimlichkeit ihrer Liebe sind A. und die Erzählerin nur einmal wirklich ein Paar. Als sie für eine Woche nach Moskau fahren und dort auch mit Künstlern und Wissenschaftlern, einer kritischen Intelligenz zusammenkommen. Dort beurteilt man die Zukunftschancen des Sozialismus deutlich skeptischer. Hört in der Hauptstadt des Kommunismus schon in den 70er-Jahren, dass man daran glaube, den Zusammenbruch der Sowjetunion und des Kommunismus noch zu erleben. "Solche Sätze", schreibt die Erzählerin, "waren wir aus der DDR nicht gewöhnt", wo auch die kritischen Geister immer noch an einen idealen Sozialismus glaubten. "Den realen, den wir zu erleiden hatten, hielten sie nur für eine abartige Verirrung, die es zu verbessern galt. So auch A." Dresen selbst hat dieses Ideal, an das er glaubte, in seinen Essays die "innere DDR" genannt.

Aber vielleicht, das postuliert Barbara Honigmanns Erzählerin zwischen den Zeilen, wollte er den real existierenden Sozialismus gar nicht real verändern. Ebenso wenig, wie er fähig war, sich zu ihr und ihrer Liebe zu bekennen. Denn dann hätte A. schließlich nicht mehr wie Kleist leben und fühlen können. Nicht mehr ausschließlich in der Sphäre der Kunst existieren. Und das, nur das, hat er wohl gewollt.

 

Barbara Honigmann
Bilder von A.
Carl Hanser Verlag, München 2011, 144 Seiten, 16,90 Euro

 

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