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Hoch- und Höchstkunstansprüche

von Dirk Pilz

Berlin, 31. Oktober 2007. Die ersten acht Vorstellungen waren bereits vor der Premiere ausverkauft. Wegen Kurt Krömer, dem Kleinkunstpreisgewinner mit eigener ARD-Show aus Berlin-Neukölln. "Ick erzähle keine Witze, ick bin der Witz!" Das ist Kurt Krömer. Wer ihn mag, mag ihn sehr. Seit "Na, du alte Kackbratze" mögen vor allem die Berliner KK – die Schnoddrigkeit passt irgendwie in die Stadt. Zumindest nach Neukölln.

Kurt Krömer also. Es ist nicht das erste Mal, dass er an der Schaubühne auftaucht; seine Solo-Show "Krömertorium" lief hier auch schon. Aber das ist etwas anderes. Krömer allein auf der Bühne heißt für ihn: ungebremst blödeln und das Publikum anlispeln.

Immer mit einer Prise Tragik

Jetzt aber steht KK zwischen 13 Mitblödlern: In der tragenden Rolle des verlotterten Theatermanagers Gordon Miller, dessen heillos verschuldete Truppe kurz vor der Premiere aus dem Hotel vertrieben werden soll, weshalb Mister Miller tief in die Trick- und Täuschungskiste greifen muss, um den ehrlich erbosten Hotelchef hinzuhalten und das Stück "Eine glückliche Reise" doch noch irgendwie auf die Bühne zu hieven, was für KK wiederum bedeutet, entweder sehr schnell sehr viele Worte herunter zu haspeln oder hektisch über den blauen Bühnenteppich zu stolpern. Oder aber betont dämlich durch seine Hornbrille zu glotzen. Ein Komiker in einer komischen Rolle? Eher ein drolliger Selbstdarsteller ohne rechten Bezug zur Figur. Am besten ist Krömer, wenn er einfach Krömer sein darf: die ziemlich guten Live-Musiker anbellen, das amüsierte Publikum bepöbeln, an der Brille nesteln.

Der heimliche Star des Abends aber heißt Thomas Bading. Auch Hornbrillenträger, aber von ganz anderem Theaterkaliber. Er peitscht seine Figur des trotteligen Hotelverwalters nicht krawallig durch die Szenen, er entwickelt fast ein zärtliches Gefühl zu ihr.

Wippt mit den Beinen, verknautscht das Gesicht und wahrt immer die Würde der Distanz. Zu sich selbst und zu seiner Rolle. Gerade deshalb wirkt er urkomisch. Sei's, dass er den Besoffenen gibt, sei's, dass er auf große Verzweiflung macht. Hier darf die Komödie ganz Komödie sein. Humorig, kernig und immer mit einer Brise Tragik versehen.

Schluss mit Schokosoße

Der Rest dagegen: Typen. Betont tolle Typen wie Robert Beyer als tuntiger Regisseur, der ohnehin sein komisches Talent nie versteckt und diesmal weidlich auskostet. Oder Jörg Hartmann. Auch lustig. Obwohl, na ja. Wenn er aus seiner Rolle des Hotelchefs aussteigt, weil er zu glauben vorgibt, dass David Ruland ihm in einer trashigen Szene kurz vor Schluss gerade nicht Schokosoße, sondern echte Kacke ins Gesicht gespritzt hat und darum verständlicherweise laut polternd den Saal verlässt, dann will das mehr sein als lustig, nämlich hyperlustig. Komik mit eingebauter Selbstkritik, inklusive unmissverständlicher Anspielungen auf all die Ekel-, Sudel- und Edeltheaterdebatten.

Womit wir beim eigentlichen Thema dieser dreistündigen Veranstaltung wären. Weit gefehlt, dass Thomas Ostermeier das 70 Jahre alte und reichlich berühmte Boulevardstück "Room Service" von John Murray und Allen Boretz einfach als temporeiche, verwechslungsselige, witzelnde Komödie über die heikle Allianz von Kunst und Kasse inszeniert. Boulevard ist das hier nicht. Auch keine Klamotte, eher Klemmi-Comedy.

Denn der Abend will einerseits unter allen möglichen und auch unmöglichen Umständen spaßig sein, gibt andererseits aber immer eindeutig zu verstehen, dass der unbedingte Unterhaltungswille an einem Haus wie der Schaubühne natürlich unter verschärfter Beobachtung steht, weil Ostermeier & Co. ja eigentlich total ernst Theater machen, nur diesmal halt alle Hoch- und Höchstkunstansprüche fahren gelassen werden, weil man ja, siehe oben, auch mal lustig sein möchte.

Alles auf Augenzwinkern getrimmt

Das macht das Verklemmte der Inszenierung: Der unbedingte Wille zur Unterhaltung wird als Wille in seiner Unbedingtheit immer ausgestellt. Deshalb müssen Peter Stein ("Zieht der sich die Hosen runter?"), Terroristen und die ARD erwähnt werden; deshalb ist alles auf Augenzwinkern getrimmt. Man soll schließlich merken, dass man gerade im Kunstbunker Schaubühne hockt.

Jetzt werde mal "so richtig auf die Kacke" gehauen, hat Ostermeier im Vorfeld verlauten lassen. Ja, wenn’s denn so wäre. Aus der waschechten Boulevardkomödie ist aber mangels Mut zur großen, guten, unverbissenen Unterhaltung halbgegorenes Bespaßungstheater geworden. Boulevard muss man eben nicht nur wollen.

Die schicke Bühne von Jan Pappelbaum mit ihren Sofas, Treppchen und Schranktüren sieht übrigens aus, als hätte man es mit einer weiteren Ostermeierschen Ibsen-Anverwandlung zu tun. Und im Grunde kommt der Abend auch so daher: wie ein mit Verrücktheit aufgezogenes Gesellschaftsdrama.

Und Kurt Krömer? War halt auch dabei.

Room Service
von John Murray und Allen Boretz
deutsch von Helmar Harald Fischer
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Ann Poppel, Dramaturgie: Marius von Mayenburg, Musiker: Maurice de Martin, Antonio Palesano. Mit: Kurt Krömer, Thomas Bading, Jörg Hartmann, Robert Beyer, David Ruland, Felix Römer, Eva Meckbach, Rafael Stachowiak, Elzemarieke de Vos, Ulrich Hoppe, Christoph Gareisen, Kay Bartholomäus Schulze, Gerdy Zint.

www.schaubuehne.de

 

 

Kritikenrundschau

Für "Room Service", schreibt Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau (3.11.2007), habe Thomas Ostermeier jede "handelsübliche Komik in sein Ensemble hineingepumpt: Deftigste Selbstentäußerung à la Jack Ass, Tortenklatsch-Geblödel wie von Stefan Raab, heftigeres Tuntentum als in der Bully- Parade, augenklimpernder Klimbim und kurzsichtigstes Jerry Lewis-Getue... Das will soviel und kann so wenig." Die "einzige künstlerische Antwort" auf Kurt Krömer an diesem Abend ist Thomas Bading, wie er als Hoteluntergebener Gribble "das ganze Drama der geduckten Kreatur" gibt, wie er "nie handlungsfähig, aber immer haftbar zwischen den Fronten steht, ... das ist anrührend und sehr komisch."

Mit "Room Service" sei, so befindet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (2.11.2007), Thomas Ostermeiers Theater "wieder mal in der Anal- und Banalphase angekommen". Auf der Bühne sei zu sehen, was Ostermeier "für lustig hält", was aber "meistens nur peinlich" sei. Laudenbach vermisst "Genie und Aberwitz", wie ihn die Marx Brothers in einem Film nach derselben Vorlage noch gehabt hätten. Angesichts des "dröhnenden Knallchargentums" des Ensembles will Laudenbach sogar noch ein "Humor-Rentner wie Dieter Hallervorden" wie "ein wagemutiger Anarcho" vorkommen. Einzig Kurt Krömer bekomme ein paar "echte Lacher" und forme seine Figur zum "Charakter und tragischen Fall".

Irene Bazinger findet in der Frankfurter Allgemeinen (2.11.2007) für John Murrays und Allen Boretz’ Klamotte "Room Service" den wirklich schönen Begriff "radikalutopisches Ermutigungstheater". Man müsse sich aber auch darauf einlassen: "Thomas Ostermeier und seine Akteure lassen sich nicht darauf ein. Sie stellen sich drüber. Oder legen sich drunter. Oder springen demonstrativ zur Seite." Frau Bazinger konstatiert "forcierten Brachialhumor" und "keck aufgemotzte Niedlichkeit". Auch der "Fernseh-Gagbold" (diese neologistische Prägung entstammt der Bildunterschrift) Kurt Krömer bleibe "in einer überflüssigen Soloszene" als quasselnder und singender Entertainer nur mäßig amüsant. Das Fazit zieht die Überschrift des Artikels: "Boulevard ballaballa".

Matthias Heine vermutet in der Welt (2.11.2007) bei Ostermeier "einen gewaltigen Gag-Stau, der sich nun ungehemmt und ohne jede Qualitätskontrolle auf die Bühne" ergieße. Zudem glaube der Regisseur "den Text mit illusionszerstörenden und den Witzfluss eher hemmenden Nummern ‚aufbrechen’ zu müssen". Immerhin gehe es "oft richtig herzerfrischend brachialkomisch" zu, doch Heine empfiehlt die alte Gaghandwerker-Weisheit, nach der "es besser ist, einen guten Witz zuviel zu streichen als auch nur einen einzigen schlechten stehen zu lassen". (Man darf ergänzen: Bei Ostermeier blieben offensichtlich mehr als nur ein schlechter stehen.) Abweichend von einigen Kritikerkollegen empfindet Heine übrigens, dass "Robert Beyer als schwuler Regisseur Harry Binion" der herausragende Akteur der Aufführung sei.

In der Berliner Zeitung (2.11.2007) gibt Ulrich Seidler zu bedenken, dass Ostermeiers Inszenierung "mit Kalkül, mit Lust und mit Gefühl für Rhythmus und Handwerk alle Grenzen des schlechten Geschmacks" sprenge – Seidler sieht darin vage (und vielleicht nicht ganz ernst gemeint?) einen Ansatz zur Gesellschaftskritik. Der Abend leiste "auf geistiger Ebene die hygienischen Dienste eines Brechmittels". Der "bunte Strauß aktuellpolitischer Unkorrektheiten" führe den "Tabubruch als Routine" vor.

Und im Tagesspiegel (2.11.2007) ist sich Rüdiger Schaper nicht ganz sicher, ob die "Room Service"-Aufführung "nicht ein blöder Scherz war. Ob sich da nicht eine hinterfotzige Schauspieltruppe eingeschlichen und unter falschem Namen (Schaubühne! Regie: Thomas Ostermeier!) eine Premiere abgeliefert hat, wie man sie schmieriger und öder lange nicht sah." Das Ganze sei "ohne Tempo, zum Erbarmen schlecht", und das illusionslose Fazit lautet: "Der Vorhang zu, und alle Ärsche offen."