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Die Drastik im Kopf

von Rudolf Mast

Hamburg, 22. September 2011. "Stephan Kimmig ist zurück in Hamburg!" Mit einem Ausrufungszeichen kündigt das Schauspielhaus seine aktuelle Premiere an. Das Satzzeichen verdankt sich dem Umstand, dass der Regisseur, dem der freudige Aufschrei gilt, nach seiner Zeit am Hamburger Thalia Theater mit dessen Intendanten vor gut zwei Jahren nach Berlin wechselte und nun erstmals an der Kirchenallee inszenierte. Die Wahl des Stückes verdient ebenfalls ein Ausrufungszeichen, denn es handelt sich um "Der Fall der Götter" nach Luchino Viscontis Film von 1969, der im deutschen Verleih "Die Verdammten" hieß und in Klammern "Götterdämmerung" – nicht von ungefähr eine Anspielung zugleich auf den Abschluss von Wagners "Ring" und die "Buddenbrooks" von Thomas Mann.

Der Film, der Stoff, der Star

Der Film handelt vom moralischen und physischen Zerfall der (der Industriellendynastie Krupp entlehnten) großbürgerlichen Familie von Essenbeck, die sich, um ihren Stahlkonzern zu retten, den Nazis andient, deren Brutalität prompt bis in die familialen Strukturen einsickert und zu Intrigen, Mord und Totschlag führt.

Zugleich aber handelt der Film von narzisstischer Nabelschau und sexuellen Fantasien, von Regression und Perversion, von verdrängten und unterdrückten Emotionen, denen Visconti in endlosen Großaufnahmen, opulent ausgestatteten Innenräumen und dem Qualm unzähliger Zigaretten nachspürt.

Und drittens stand der Film am Anfang der Weltkarriere von Helmut Berger, der hier zum ersten Mal mit Visconti drehte. In Anbetracht dieser Sachlage machte es stutzig, dass die Ankündigung der Premiere Kimmig als "Spezialisten für den Mikrokosmos Familie" rühmt: Nicht, dass am Ende doch wieder – Kimmigs Spezialdisziplin – ein bürgerliches Trauerspiel draus wird!

Der Blick auf die noch unbespielte Bühne von Katja Haß nimmt diese Sorge nur zum Teil. Im Parkett ist ein Teil der roten Bestuhlung ausgebaut, an ihrer Stelle stehen kleine Schirmlampen, die sich am Rande der Spielfläche wiederfinden, einer angeschrägten Ebene aus Metall, die nach hinten vom Eisernen Vorhang begrenzt wird. Dort stehen ein weißer Flügel und ein Schlagzeug, daneben (und darüber) sind rote Sessel aufgetürmt – und dass sich auf der Bühne und im Saal dieselben Elemente finden, dient oftmals als Wink mit dem Zaunpfahl, dass "oben" im Namen und Auftrag von "unten" verhandelt wird.

Etliche Figurenseelen in einer Schauspielerbrust

Doch mit der ersten Szene ist die Angst vor einem Stellvertreter-Abend verflogen. Im fahlen Licht des Hauptscheinwerfers, der direkt über der Szene hängt, treten vier Gestalten auf und spielen ein Stück Musik, das an "Soft Machine" und den Artrock aus der Entstehungszeit des Films erinnert.

Zwei der vier entpuppen sich als Julia Nachtmann und Katja Danowski, die dem Abend das Rückgrat verleihen, weil sie außer als Musiker auch in wechselnden Rollen auftreten und als (im Film im Überfluss vorhandenes) "Personal" genannte (und gekleidete) Figuren die Regieanweisungen vortragen, was den Nachvollzug der Szenen oft leichter macht als im Film, ohne sie zu vereinfachen.

Die Mehrfachbesetzung ist durchgehendes Prinzip und etwa dann von absichtsvoller Bedeutung, wenn Markus John den Patriarchen Joachim, dessen Enkel Martin und den ehrgeizigen Friedrich spielt, was ihm Gelegenheit gibt, sich zunächst zu ermorden, sich dann als Nachfolger an der Firmenspitze zu benennen und schließlich selbst dieser Nachfolger zu werden.

Der Hinweis, dass in einer Brust mitunter mehrere Seelen wohnen, bleibt jedoch dezent, und es überwiegt die am Film orientierte, aber eigenständige Schilderung, die für die filmischen Vorgaben theatergerechte Umsetzungen wählt und etwa die Emotionalität der Großaufnahme in die Musik verlegt.

Drang zur Deutlichkeit

Überzeugende Lösungen findet die Inszenierung auch für so "delikate" Dinge wie Martins Pädophilie und die "Befreiung" von seiner Mutter durch ihre Vergewaltigung. Und für die diversen Erschießungen wird nicht einmal eine Waffe benötigt. Hier wie dort findet die Inszenierung Mittel und Wege, die Drastik im Kopf entstehen zu lassen, statt sie vorzuführen – mit Sicherheit die nachhaltigere Art der Wirkung.

Nur zum Schluss will der Abend darauf nicht so recht vertrauen, denn der schlägt den Bogen, der wie im Film beim Reichstagsbrand 1933 beginnt, weiter bis in die Bundesrepublik der Adenauerzeit. Doch auch dieser Drang zur Deutlichkeit kann den Gesamteindruck einer Inszenierung nicht trüben, die selbst die Länge von zweieinhalb Stunden vom Film übernimmt – wozu im Theater aber eine längere Pause zählt. Und im Unterschied zum Film ist die der einzige Moment, in dem im Schauspielhaus geraucht wird.

 

Der Fall der Götter
nach dem Drehbuch zum Film "Die Verdammten" von Nicola Badalucco, Enrico Medioli, Luchino Visconti, Bühnenbearbeitung: Tom Blokdijk, deutsch von Monika The
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Komposition und Live-Musik: Philipp Haagen, Michael Verhovec.
Mit: Katja Danowski, Ute Hannig, Lukas Holzhausen, Markus John, Julia Nachtmann, Samuel Weiss, Sören Wunderlich.

www.schauspielhaus.de

 

Mehr zu Der Fall der Götter: bereits im September 2008 inszenierte Karin Henkel den Visconti-Stoff im Düsseldorfer Schauspielhaus.

 

Kritikenrundschau

Die nötige Fallhöhe raubt dem Stoff in dieser Inszenierung bereits die zu kleine Bühne, schreibt Werner Theurich auf Spiegel-Online (23.9. 2011). Darüber hinaus werde, so der Kritiker, schon in der ersten Szene wenig agiert, "dafür kräftig diskursiert: Thema Faschismus, Proseminar der historischen Fakultät für erste Semester, es droht ein Erklärstück aus dem Meta-Theater". Temporaubend wie mühevoll werde hernach das dramatische Personal vorgestellt, "ohne dass lange Zeit Wesentliches passiert. Diese Exposition ist für die Schauspieler durchaus fordernd, denn schnell stellt sich heraus, dass alle mehrere Rollen meistern müssen, was paradoxerweise keine Dynamik sondern dramaturgische Lähmung erzeugt." Stephan Kimmig, aus Sicht des Theurichs "eigentlich ein Experte für psychologische Nuancen und filigrane Zeichnung von Individuen und Situationen", hechele in dieser Inszenierung "den Figuren und ihren Konflikten nur hinterher". Das führe immerhin "zu enormen Leistungen der Schauspieler, die sich durch einen Szenen-Parcours rund um Gewalt, Sex und Macht kämpfen müssen".

Als Theater von antiker Wucht empfand Stefan Grund auf Welt-Online (24.9.2011) die Inszenierung. Je nüchterner der Regisseur die ideologischen Verstrickungen von Kapitalismus und Nationalsozialismus untersuche, "je konzentrierter er die zerstörten Charaktere durchdringt, desto erschütternder greift die Inszenierung ideologische Sattheit an und weist den Weg zur permanent modifizierten Gesellschaftsanalyse." Kimmig denke Visconti weiter, lasse sein Stück weder in den Dreißigerjahren enden, noch beschränke er sich "auf das in sich geschlossene Interpretationsweltbild der Altachtundsechziger." Das Schauspielhaus-Ensemble feiert der Kritiker als "wundervoll", seinen Umgang mit dem Stoff als "energisch und verspielt, klug und beängstigend". Die Musik wird als "verstörend, nervenfasergenau, experimentell" hochgelobt.

Tendenziell schwerfällig wirkt Kimmigs Inszenierung auf Volker Corsten von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.9.2011), weil sie aus seiner Sicht nie in Gang kommt und auch niemals einen Rhythmus findet. Die Schauspieler müssten sich durch ein "Marionettentheater der Entkräfteten" durchwursteln. "In manchen Szenen klappt das sogar gut. Meist aber hampeln die Akteure wie Puppen. Das ist Absicht, lässt sie aber so schlaff in der Luft hängen wie die beiden Girlanden aus Stühlen, die im Hintergrund von der Bühnendecke baumeln."

Von "polterndem, unrhythmischem und peinlichem Affentheater" spricht Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2011). Die Inszenierung sei "so meilenweit entfernt von der sensiblen und genauen Schauspielkunst, für die Kimmig berühmt ist", dass es fast wie Sabotage wirke. Die Frage, warum man eine brillante Psychostudie über die deutsche Großindustrie im Dritten Reich überhaupt total veralbern muss, fiel dem Kritiker "bei diesem Debakel fast nicht mehr ein." Briegleb vergleicht den Zustand des Schauspielhauses unter seinem Interimsleiter Florian Vogel mit dem Zustand der FDP nach der Berlin-Wahl. "An der 1,8-Prozent-Bedeutung, die dieses Theater für die Gegenwartskunst noch hat, wird sich so schnell vermutlich nichts ändern. Im Schatten, den das Ereignis Karin Beier voraus wirft, gedeihen nur Frust und Absetzbewegungen". Im Abwärtstrend nütze es nichts, "den Zögling zum Zirkusdirektor zu machen, wenn man die Inhalte nicht grundsätzlich neu diskutiert."

Einen munteren Bilderbogen, bei dem sich aber keine weiteren Fragen aufdrängen würden, beschreibt Elske Brault auf Deutschlandradio Kultur (23.9.2011). Es gehe um das Treiben von denen da oben, "und wir unten im Parkett können uns das anschauen, ohne dass sich jemals die vom Soziologen Jan Philipp Reemtsma treffend gestellte Frage aufdrängen würde: 'Wie hätte ich mich verhalten?'" Von Regisseur Stephan Kimmig, "dem Spezialisten für Familientragödien", erwarte man eine tiefere psychologische Durchdringung der Figuren. Ebenso vergeblich hoffe man, "auf Katja Hass' von einem gigantischen Stuhlturm dominierten Bühne würde sich die schwarze Bretterrückwand irgendwann heben und eine weitere, interessanter gestaltete Ebene freigeben."

Im Deutschlandfunk ist Michael Laages nicht begeistert: Kimmigs Inszenierung lasse sich "ganz weit weg treiben vom Kern der politischen Geschichte", so Laages. Die Psychopathologie der Familie Essenbeck triefe stattdessen "schier aus allen Szenen". Laages kritisiert die "forcierten Mehrfachbesetzungen" fast aller Rollen. "Auch das eigentlich recht konsequente Spiel mit der geradezu Brecht'schen Nicht-Einfühlung" könne dem Abend "nicht die Spur von Rückgrat geben".

Etwas positiver urteilt Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (26.9.2011): Katja Haß' Bühne sei "ein von unten beleuchtetes Metallgitterpodium, das in den Zuschauerraum hineinragt, während die Samtstühle, die dafür weichen mussten, an den Seiten der Bühne stehen, auf ihr gestapelt oder hängend im Hintergrund zu sehen sind - Sinnbilder für imaginäre Opfer und Claqueure". Dazu orchestrierten die Musiker Michael Verhovec und Philipp Haagen "oft verhalten die Stimmungen. Da wünscht man sich mehr Mut. Oder wenigstens eine eigene Aussage."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Fall der Götter, HH: Briegleb irrtfabian kerschowsky 2011-09-24 16:54
briegleb irrt - mal wieder...
ein großartiger abend bei dem die besten des schauspielhaus-enesmbles zeigen dürfen was sie können. allen voran markus john und ute hannig. kimmig führt seine figuren gewohnt gekonnt und bis ins detail virtuos durch diesen abend.
#2 Fall der Götter, Hamburg: war Reinfall der Götter kraftus 2011-09-24 20:02
Till Briegleb hat eine faire und gründliche Kritik geschrieben; er hätte sich wesentlich weniger Mühe machen müssen, um diesen "Reinfall der Götter" zu beschreiben.
Wir waren fest entschlossen, diese Produktion gut zu finden und wurden wieder prompt enttäuscht.
Das Ganze wirkte wie das Bemühen einer Gruppe, einer anderen Gruppe einen Film zu beschreiben. Da die Gruppe nur sechs-sieben Leute stark war, mussten eben alle mehrere Personen spielen, so gut es eben ging- und es ging einfach nicht gut. Es musste umständlich und zeitraubend viel erklärt werden, aber ohne platte Symbole, wie Hakenkreuz-Armbinde oder SS-Mütze, wäre es völlig konfus geworden. Das Bühnenbild sollte angeblich das Publikum (das Volk) zum Teil dieser Gesellschaft machen, wieso? Es zeigte eine kleine, schäbige, mit Gerümpel vollgestellte Welt, als Prophetie? Die Schauspieler gaben sich alle Mühe und es gab durchaus rührende Momente, aber das war zu wenig; sehr schade.
#3 Der Fall der Götter, Hamburg: KritikerkritikArkadij Zarthäuser 2011-11-12 14:27
Finde auch nicht, daß Till Briegleb so gewaltig irrt, obschon er vielleicht noch gewaltiger zu irren droht. Der-F.D.P.-Vergleich hat möglicherweise die ungewollte Pointe, daß "wir" kaum aufmerksam werden auf eine Art, ich will es so nennen, Marginalisierungseffekt. Michael Laages schreibt von der Entfernung vom "politischen Kern", dieser wird sozusagen in den ersten Sätzen des Patriarchen und ziemlich wortgetreu im Stückbegleitheft quasi abgehandelt, ja, abgetan, was folgt, ist mehr eine Neurosenschau anhand einer Familiengeschichte, und erst am Ende wird der Faden wieder aufgenommen: Kontinuität in der Adenauerzeit.
Und also: Zunächst wohl kaum eine regelrechte Verfallsgeschichte einer Familie- hat nicht der beste Sproß (Günther) sich prächtig herausgemendelt, den Blockflöten"chor" ob des schlechten Spieles zu loben bereit wie eine Vorwegnahme des "Abiturs für alle" ??
Kein Hagen- oder Wagenström weit und breit, der hier statt der von Essenbecks produzierte und sich produzierte ! Das Ende einer gesellschaftlichen Klasse, nur indem sie sich jetzt so klasse in die Gesellschaft fügt. Zurück zur Marginalisierung: Die gesellschaftliche Entmachtung der F.D.P.-"Klasse", weil eine Wahl verloren wird ?? Ist so eine Wahl für "die" nicht eine Art Surplus ? Gewinnt man Stimmen, nun gut, dann kann man sich darstellen, seine Akzeptanz in der Gesellschaft demonstrieren. Und verliert man Stimmen, nun, so läßt es sich schön im taghellen Dunkel handeln, und jeder soll nur denken, man sei entmachtet: aber, was verwaltet denn die Politik (überhaupt-noch). Mag sein, jeder ist gewillt, hier mit den Essenbecks erst 1933 anzuheben und 1952 entgegen der Handlung das Ende einer gesellschaftlichen Klasse auszurufen, aber es diesem "Triumph des Willens" so leicht machen wie Kimmig in seiner Inszenierung, die vielmehr der Ali-Baba-Story folgte, die einmal im Stück eingeführt wurde: Frau Brault schreibt von einem Bilderbogen, ich hörte und bekam dann zu sehen immer wieder eine Bildergeschichte ??. Hätte es die Pause nicht gegeben, wäre mir der Unterschied der Szenerie vom Parkett her betrachtet schlicht entgangen: richtig, vielleicht wurde für die teureren Plätze dort unten anders, überhaupt nur für sie gespielt: mit dem Festsaal teilt das Parkett die Lampen, wo sonst noch (aus dem Weg geräumte, emigrierte) Nachbarn saßen. Später wird sich auch die Familie nur "ausgedünnt" haben, und hieße all das "Die Ausdünnung der Götter oder die Genese des schlanken Staatsgottes Günther" wäre das treffender.
Ich kann nicht mit Stefan Grund loben, daß man sich hier nicht auf die Alt-68er-Sicht beschränkt hat, denn "man" geht schier von ihr aus wie von einem klassischen Mythos, macht seinen Ausgangspunkt flexibel und gleicht sich dem "Es kütt wie es kütt"-Duktus der Erzählung selbst an, das Publikum befragend: Macht Ihr es denn nicht genauso ?! Wie ein Kommunist in der Führungsetage der von Essenbeck-Werke sich immerhin bis 1933 halten und vielleicht erstaunlich wenig verbiegen mußte (?) -löst nicht immer nur die eine Technokratie die andere ab, ging nicht auch die sogenannte Deutsche Einheit jetzt wie geschmiert, vielleicht weil der technokratische Kern in beiden Systemen regiert(e) ??-, und das alles nach der großen Materialschlacht des Ersten Weltkrieges !; ob es durch die "Systemzeit" etwas zu bewahren, erhalten, überliefern etcpp. galt für die Nichtemigranten, ob das, ohne Deformation der eigenen Persönlichkeit drin gewesen ist, von glaubwürdigen (und seien sie auch notwendig in Verfremdung getaucht, denn es herrscht gar kein reiner Satirezug (wie es beim LN-Kritiker, der die Hamburger Interpretation mit der Lübecker der Vorspielzeit (übrigens heute und morgen in Lübeck wieder anlaufend), sondern verfremdete Satire) und aufrüttelnden Passagen in diese Richtung war herzlich wenig zu sehen: nein, da finde ich, irrt Herr Briegleb nicht !.
#4 Fall der Götter, Hamburg: Kritik als Sprungbrett zum WeiterdenkenArkadij Zarthäuser 2011-11-14 13:34
"Kritikerkritik" hätte da wohl etwas mehr zu leisten; ich nahm lediglich obiges "Briegleb irrt" zum Ausgangs- und Endpunkt (ein wenig den Aufbau der Inszenierung karikierend) dafür, Stichpunkte aus dem Kritikerspiegel aufzugreifen (auch um zu zeigen, daß sich vieles, was Kritiker (hier) so schreiben, auch dann noch nachzeichnen läßt, wenn man nicht mit ihren Ansichten bzw. Akzentuierungen übereinstimmt), auch um meiner eigenen ersten Verbalisierung von der Wirkung des Abends auf mich auf den Weg zu helfen (auch dazu können (gute) Kritiken herangezogen werden), wenn Sie so wollen: die Kritik als Krücke. Nun gut, es ist auch nicht immer einfach, zu einem Theaterabend überhaupt zu einer irgendwie "befriedigenden" oder produktiven sprachlichen Form zumindestens für den Hausgebrauch (Internet ist öffentlicher Hausgebrauch) zu gelangen: das ging offensichtlich zu "Der Fall der Götter" nicht nur mir so (siehe zB. Falk Schreiber zu dem Abend in der "Bandschublade"): was ich aber nach dem Abend mehrfach aus Gesprächen, an denen ich aus dem Haus gewissermaßen entlangstreifen mußte, aufschnappte, war immer wieder der Satz "Aber, schon Klasse, was die können, was die draufhaben, schon gut gespielt, gute Musiker auch". Nun ja, wenn ich mir die Blockflötenszene so vor Augen rufe, wo Günther von Essenbeck seine Rede Marke "Leistung muß sich wieder lohnen !" hält, dann finde ich, läßt mich so ein Satz darauf "Aber, was die Schauspieler können, Klasse !" nicht ganz unbegründet ein wenig mich schütteln. So schaffen es also einige, sich vom Blockflötenchor flugs loszureißen
mit ihren (ersten) Worten zum Abend. Setzen wir uns da etwa tatsächlich mit Könnern der Schauspielkunst, indem wir sie "Könner der Schauspielkunst" nennen, die sogar so einen ärmlichen Kinderblockflötenchor so "herzerweichend" hinparodieren, gerade über diesen KINDER-BLOCK-FLÖTEN-CHOR hinweg ??
Und ist so ein "Drüberhinwegsetzen" zu einer "positiven (deutschen)
Tradition" nicht der allerneueste Schrei von "Wirmüssenengerzusammenrücken". Nehmen Sie nur den SPIEGEL von der Vorwoche, lesen Sie, wie unsere mittelalten altersweisen Jungautorinnen, philosophisches Quartett-erprobt, sich für "deutsche Tugenden" ins Zeug legen, auf einer Linie mit dem Franz-Wille-Thomas Metzinger-Fiktionalismus: "Wir sind wieder wer, solange wir das noch sagen können, und es lernt sich, das zu sagen, sei das erste Sagen auch etwas enervierend wie Blockflöte übende Kinder ... ."
Da gerade auch die Lübecker Version von "Joseph und seine Brüder"
verstärkt in dieses Horn geblasen hat/bläst, schwante mir für den gestrigen Besuch des Lübecker "Vergleichsabends" nichts Gutes; allerdings bestätigte sich dieser "Verdacht" dann doch nicht so ganz. Eine "Marginalisierung" der politischen Kerngeschichte sehe
ich zwar auch hier, aber weniger im Stile des "God save America and within us" (der Joseph-Inszenierung) oder der Abhandlungsgeste
durch den Kimmig-Visconti.
#5 Fall der Götter, Hamburg: Vergleich mit LübeckArkadij Zarthäuser 2011-11-14 14:36
Fortsetzung:

In Lübeck überwiegt der Macbeth-Zug (der auch Viscontis Film entscheidend beeinflußte); wir sehen weniger den im Programmheft
"favorisierten" Wirtschaftskrimi als vielmehr eine, so nannte es der LN-Kritiker Hanno Kabel, "strenge Tragödie" (die TdZ-Kritikerin schrieb dazu in 5/11 zum Stil der Aufführung "wilsonhaft"). Wie in den Lübecker Aufführungen zuvor auch (siehe wilsonhaft) jener expressive, mitunter überdeutliche
Lübecker Spiel- und Bildgestaltungsstil ! Hierbei gelingt es den Lübeckern mitunter vortrefflich (unbedingt sehenswert der Martin von Essenbeck durch Matthias Hermann, der schon als "Transe" in "Alles über meine Mutter" brillierte !), die Bilder in einen Erzählfluß zu überführen, so daß eigentlich ein ziemlich dichter Theaterabend entsteht, der dennoch nicht verhuscht wirkt: Handlung und Intrigengang etcpp. sind sehr gut nachvollziehbar (und insofern dem an "Zerfaserung" des HH-Abends Leidenden anempfohlen). Andererseits, und da kommt das Thema "Marginalisierung" dann doch wieder auf, wird der Tragödie bei der Stoffdurchdringung und -formung an dieser Stelle doch meineserachtens zu sehr vertraut, ja: der Abend wird geradezu der Tragödienform aufgebürdet, als sei nicht das Geschehen als Tragödie eher fraglich als die Tragödie als ein (heutiges) Geschehen: immer mehr muß die SS hier Schicksal spielen, immer mehr wird die FIRMA zum Spielball der Politik bzw. im Fatalismus der letzten Martin-Sätze: zum bloßen Auftragsempfänger von Nachfragern: "Der Tod siegt immer am Ende, solange es den Tod gibt, gibt es ein Geschäft mit ihm, wenn ich es nicht tät, täts ein Andrer, so muß ich nur warten: auf den nächsten Auftrag." Aus dem "kleinen bis mittleren" Emporkömmlingstypus ASCHENBACH (ein sprechender Name !) wird ein mittlerer bis großer Jago, geradezu ein Mastermind-Gott (kein Bach, ein reißender Strom mit einem Meer an Möglichkeiten), ja ein Gott (der irgendwie nicht fällt zudem): von Schritt zu Schritt regiert die SS die Szenerie; die Schäferhunde, die sonst schon dafür sorgen, daß niemand außerhalb strenger Familienzusammenkünfte so leicht zB. an den Patriarchen herankommen
könnte, das System hinter der Kammer in den Kammerspielen, bleibt Staffage, und mit jedem Abgang einer Person entleert sich ein wenig
die Kammer vom Außendruck und auf diesem Wege von tragödienhafter
Fallhöhe. Dadurch, daß in HH die Spieler nicht abtreten konnten, konnte eine solche Entleerung dort nicht statthaben; dafür allerdings litt die Szenerie von Beginn an in HH daran, daß es nicht viel Fallhöhe und bröckelnde Fassade dort geben kann, wo von vornherein ziemlich tumbe Gesellen das Feld beackern (wie Natalie Fingerhut, schon sehr streng, im Online-Feuilleton "Hamburger Feuilleton" -ein Tip für die regionalen Seitenlinks !!- bemerkt).
Überhaupt, daß es beim Patriarchen (Anfangsszene), bei der SA (Röhmputschszene) und später beim Konzernchef Martin (Endsequenz) immer SCHÄFERHUNDE sind, mag zwar Kontinuität dort anzeigen, wo sie wehtut, aber man sollte das Züchterwesen hierzulande nicht unterschätzen und alle Machtstrukturen, die es gegeben hat, gibt und geben wird, hier gleichschalten: das verharmlost einerseits, und das bietet zu wenig an möglichen Entwicklungslinien an bezüglich heutiger und hiesiger Verhältnisse, denn diskutiert werden solche ja schon ! Es müssen ja nicht gleich Afghanen-Windhunde sein, das Zeichen wäre vielleicht zu hiesig-heutig und plump, aber das Leben der "armen" Waffenschmieden als Befehlsempfänger und Durchleidende der immerselben Hundsprozesse (die Lübecker Bühne hat auch "Tribunaliges") zu zeichnen, noch dazu in Lübeck (dessen "Buddenbrooks" neben Macbeth Pate standen für den Visconti-Film)-das ist schon zweifelhaft. So sah ich gestern gewissermaßen MacbeSS in Lübeck, und sehe mich zuletzt mit jener merkwürdigen Röhmputsch-Szene konfrontiert, bei der die Namen der dort Gerichteten (als plötzliche historische Konkretisierung) einzeln deklamiert wurden (ua. Enoch von Guttenberg): galt diese Szene lediglich einer "Aktualisierung" via
bloßer Namensnennung und Nähe zu den Ereignissen zur Demission eines sehr populären Verteidigungsministers ?? Mag jemand drauf antworten ! Ich hielte dergleichen für höchst unglücklich einerseits, andererseits ist die Hervorhebung des Röhm-Putsch-Masakers durch die SS (ua. auch durch die Schäferhunde !) ansonsten ein echtes Rätsel (wenngleich es freilich auch an jene Grabsteine zweifelnd "gedenken" ließe: "XYZ sind für uns gefallen")..

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