Die Tyrannei der Zärtlichkeit

von André Mumot

Braunschweig, 24. September 2011. Gesucht wird das ganz große Gefühl, eines das durch Mark und Bein geht, weil es wirklich echt sein könnte. Die gute Nachricht: Gegen Ende wird es dann gefunden. Es gibt da zum Beispiel eine Szene inmitten der tragischen Kabalen, die hauptsächlich pathetisch ist und die man selten hervorheben würde. Die Tochter gesteht ihrem Vater mit schwärmerischen Worten, dass sie vorhat, Selbstmord zu begehen, weil ihr Ferdinand sie für eine Hure hält.

Rika Weniger aber ist eine ratlose, verstörte, zerbrechliche Luise. Sie zieht die Stirn kraus und versucht zu lächeln dabei. Ihre Augen füllen sich mit Tränen und sie präsentiert ihrem Vater ein kleines Geburtstagsküchlein – mit Kerzen darauf, die er auspusten soll. Sie gehen immer wieder an. Ewige Lichter.

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Ferdinand und Luise (Philipp Grimm, Rika Weniger) © Karl Bernd Karwasz

Das Trauerspiel: ein bürgerlicher Elternabend

Sie verrät ihm ihre Pläne, sie versucht, ihn davon zu überzeugen, dass der Tod nichts Schlimmes sein muss, wenn das Leben kein Glück mehr bereithält, und Hans-Werner Leupelt, der in seiner ungebrochenen Intensität der Stärkste ist an diesem Abend, beginnt als Miller auf sie einzureden, sie festzuhalten. Er läuft über die Bühne, ringt mit sich und ihr. Er argumentiert ausführlich und sachlich und er umklammert die Tochter verzweifelt, die immer mehr einknickt und schließlich begreift, dass "Zärtlichkeit noch barbarischer zwingt als Tyrannenwut." Man kann, man darf, man sollte gerührt sein.

Bezeichnenderweise ist es nicht das Liebespaar, das die Gefühlsdämme brechen lässt. Dabei sind Rika Weniger und Philipp Grimm ein durchaus ansprechendes Pärchen. Sehr jung und beide sehr zart, fingern sie fast linkisch an der Gürtelschnalle des anderen herum. Er dichtet für sie, sie lacht verhalten, traut sich noch nicht vollständig, ihr Glück zu genießen – und beide stecken irgendwo zwischen Schillers Zeit und der unsrigen, haben selten die Füße auf dem Boden. Aber wirklich ans Herz geht all ihr zaghaftes, suchendes Küssen erst, als die skeptischen Millers dabei zuschauen und einander, in unwillkürlicher, wehrloser Nostalgie, selbst umarmen.

Überhaupt: Es ist ein Elternabend, den Daniela Löffner in Braunschweig auf die Bühne gebracht hat, und er findet in den Familienszenen von Anfang an seinen Schwerpunkt. Sandra Fehmer und Hans-Werner Leupelt sind absolut wunderbar darin, das Trauerspiel bürgerlich zu machen, indem sie Usamabaraveilchen düngen, sich gegenseitig herunterputzen, ihre gute Stube gegen die Anmaßungen der Berufspolitiker verteidigen und für ihre Tochter nur das Beste wollen.

Emotionale Wahrheitssuche

Aber selbst Moritz Dürrs korruptem Minister von Walter scheint der eigene Sohn durchaus am Herzen zu liegen, wenn er ihn in sperriger Vaterliebe zu Dauerlauf und Liegestützen verdonnert. Er bringt ihn dann allerdings auch dazu, auf die Bevölkerungsgruppen zu schießen, die ihm besonders lästig sind, und die der Rest des Ensembles kurz zu pantomimischen Zielscheiben machen muss: Demonstranten, Schwangere, behinderte Kinder.

Das ist so einer dieser Einfälle, mit der die Hausregisseurin des Braunschweiger Staatstheaters zeitgenössischen Schwung in die ausdauernden dreieinviertel Stunden ihrer Inszenierung zu bringen versucht. Wie manch andere Momente wirkt auch dieser vor allem bemüht: Ebenso wie die Orgie, die Lady Milford (Theresa Langer) in sexueller Ekstase mit ihren Juwelen und den anderen Mitspielern aufführt, ebenso wie die Fotografen, die den eitlen Hofmarschall von Kalb stets umringen.

Dererlei Aktionismus ist Beiwerk auf einer Bühne, die ein großes Oval darstellt, in dem es eine schiefe Ebene gibt und das von einem weißen Rondell umgeben ist, auf dem immer alle Darsteller sitzen, die gerade nicht dran sind. Über ihnen hängt ein riesiges O, aus dem ganz zum Schluss in einer kitschigen Zärtlichkeitsgeste feiner Goldstaub auf die Toten und die Trauernden herniederrieselt. Das alles aber ist tatsächlich nur Kulisse.

Wilde, aggressive Trostlosigkeit

Daniela Löffner konzentriert sich ganz auf Schillers Text, auf seine nach wie vor brillanten dramaturgischen und rhetorischen Einfälle und lässt die Darsteller in jeder Szene auf emotionale Wahrheitssuche gehen. Das politisch-soziale Hierachiegefälle interessiert sie dabei nur am Rande, und so bleibt etwa die zentrale Auseinandersetzung zwischen Luise und Lady Milford unentschlossen, fahrig, blass.

Der Abend leidet unter diesen Abstürzen, findet aber in seinem emphatischen Gefühlsprimat immerhin zu mitreißenden Erregungszuständen. Was munter und geradezu niedlich beginnt, mündet nach der Pause in einer heftigen sexuellen Missbrauchsszene, in der von Kalb (schaurig und komisch und widerwärtig: Sven Hönig) mit Luise kopuliert, während Wurm (Oliver Simon) dazu gierig masturbiert. (Es werden Türen geschlagen im Braunschweiger Publikumsraum.) Ferdinand und Luise schließlich stecken sich die Finger in den Hals, röcheln, würgen, als sie bemerken, dass sie aus falschen Gründen ihr Selbstmordgift genommen haben, und sterben in wilder, aggressiver Trostlosigkeit.

Das bürgerliche Wohlgefühl, es liegt in Trümmern, und die Millers bleiben als verlorene Zeugen übrig. Auf ihren Schmerz steuert der Elternabend konsequent zu. Und tatsächlich: Er geht dann auch durch Mark und Bein.

 

Kabale und Liebe
Ein bürgerliches Trauerspiel von Friedrich Schiller
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabine Thoss, Dramaturgie: Katrin Breschke.
Mit: Moritz Dürr, Philipp Grimm, Sven Hönig, Theresa Langer, Oliver Simon, Hans-Werner Leupelt, Sandra Fehmer, Rika Weniger.

www.staatstheater-braunschweig.de


Am Staatstheater Braunschweig inszenierte Daniela Löffner (Jahrgang 1980) auch Ferenc Molnárs traurige Geschichte vom Karusellausrufer Liliom (1/2011).


Kritikenrundschau

Über "heftige Reaktionen im Publikum" berichtet Florian Arnold auf dem Portal der Braunschweiger Zeitung (und weiterer Zeitungen der Region) newclick.de (26.9.2011): "Die knallharte, aber schlüssig modernisierte Fassung der jungen, für den renommierten Theaterpreis 'Faust' nominierten Regisseurin teilte das Publikum in zwei Lager." Die Inszenierung der Schlüsselszene der Brief-Intrige als Vergewaltigung sei "knallhart anzusehen. Aber Rika Weniger, Oliver Simon als Wurm und Sven Hönig als Marschall spielen es mit eiskalter Intensität." Entsprechend sei diese Interpretation "psychologisch schlüssig und vor allem keine aufgesetzte, sondern eine durchaus stringente Aktualisierung. Stark. Zu stark für einige erboste Saalflüchtlinge." Einschränkungen macht der Kritiker allerdings auch: "So rhythmisiert und dynamisiert Löffner den Klassiker oft gekonnt, überfrachtet ihn aber auch. Der Abend dauert seine dreieinhalb Stunden, und im letzten Drittel geht ihr etwas die Puste aus."

Daniela Löffner packe Schillers Drama "hart an, dockt es, wo sie kann, an die Gegenwart an, nimmt es dabei aber immer ganz ernst", lobt Roland Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (27.9.2011). "Sie lässt ihre Figuren die alte Sprache sprechen und sie dabei doch – Kunststück – ganz von heute sein." Alle Figuren blieben permanent anwesend und würden Teil des Bühnenbilds wie bei "Regiealtmeister Jürgen Gosch", bei dem Löffner als ehemalige Assistentin "offensichtlich sehr gut aufgepasst" habe. Der Kritiker würdigt den "Einfallsreichtum der Regisseurin – und dass sie sich nicht halb amüsiert von einem großen, pathosgeladenen Text abwendet, sondern ihn an- und ernst nimmt."

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