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Die Weigerung des Textes

von Regine Müller

Bochum, 23. September 2011. Beinahe aus dem Nichts hat sich Regisseur Nurkan Erpulat in der vergangenen Spielzeit an die Spitze der Theaterrepublik katapultiert. Seine bei der Ruhrtriennale herausgekommene Uraufführung von Verrücktes Blut in Koproduktion mit dem Berliner Ballhaus Naunynstraße räumte die wichtigsten Preise ab und gastierte bei den großen Festivals, er selbst wurde von der Zeitschrift Theater Heute zum "Nachwuchsregisseur des Jahres" gekürt. Nun koproduziert Erpulat mit dem Deutschen Theater Berlin und ist Hausregisseur in Staffan Valdemar Holms neu aufgestelltem Ensemble am Düsseldorfer Schauspielhaus. So schnell gehen heute Theaterkarrieren. Nun ist Nurkan Erpulat mit einer Bühnenadaption von Franz Kafkas spätem Roman "Das Schloss" zur Ruhrtriennale zurückgekehrt. Wieder ist Jens Hillje sein Dramaturg und Ko-Bearbeiter.

Kafkas Roman blieb Fragment, die Geschichte des rätselhaften Landvermessers K., der in ein abgelegenes Dorf kommt, um von dort aus zum unweit gelegenen Schloss zu gelangen, folgt wie alle Stoffe Kafkas der Logik des Albtraums und widersetzt sich sowohl den Gesetzen der Psychologie als auch denen der Konkretion. Ein Problem, mit dem sich eigentlich jede Bühnenadaption konfrontiert sieht. Und doch wird es in letzter Zeit immer wieder versucht, Kafkas hermetische Texte auf die Bühne zu zerren (zuletzt unternahm das Jan Klata nebenan im Bochumer Schauspielhaus mit einer Comic-Version von Amerika).

Erwartungen bewusst unterlaufen

In der Turbinenhalle, einer neuen Spielstätte an der Jahrhunderthalle, geht Erpulat vorsichtig, um nicht zu sagen ehrfürchtig zu Werke. Die Steilvorlage, das Schicksal von Kafkas Antihelden, der ja als Fremder in eine hermetische Gesellschaft kommt, in eine heutige Migrationsgeschichte zu übersetzen, ignoriert Erpulat und unterläuft damit bewusst Erwartungen.

In die vergleichsweise intime Turbinenhalle hat ihm Madga Willi nur zwei Tische gestellt, zwei Plexiglaswände fahren gelegentlich herunter und sind – je nach Beleuchtung – mal durchsichtige Trennwand, mal Spiegelfläche. Wenn die Zuschauer eingelassen werden, sitzt das gemischte Ensemble, teils Schauspieler des Deutschen Theaters Berlin, teils vom Ballhaus Naunynstraße, am Tisch und plaudert. Erst allmählich entwickelt sich das Spiel, zunächst werden die ersten Seiten von Kafkas Text verlesen, daraus entsteht ein vielstimmiger, gehetzter Chor, schließlich schälen sich die Figuren heraus.

Erpulat und Hillje folgen Kafka mit Respekt, großer Genauigkeit, Liebe zum Detail und dem – natürlich vergeblichen - Anspruch der Vollständigkeit. Erpulat komponiert dichte Szenen, führt die Schauspieler souverän und gibt schlaglichtartig Einblicke in zutiefst verstörte Seelen. Immer wieder gelingen ihm intensive Momente und eindrückliche Bilder. Und doch verliert man, zunächst ganz unmerklich, dann mehr und mehr das Interesse am Geschehen auf der Bühne. Nach einer Weile scheint alles gesagt, denn die Aussichtslosigkeit, die Kafkas Roman mitten im Satz im Nichts enden lässt, hat sich längst mitgeteilt und stumpft durch diese Gewissheit ab.

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  Sesede Terziyan und Katharina Matz in "Das Schloss" bei der Ruhrtriennale. Foto: Paul Leclaire

Text auf dem Silbertablett

Zudem weiß man trotz starker Momente in der Summe nicht so recht, was Erpulat zu Kafka zu sagen hat. Seine Begabung, eine Bühnenhandlung kraftvoll zu bändigen und eine Geschichte spannend zu erzählen, läuft sich an Kafkas Nicht-Handlung und an der Weigerung des Textes, sich konkretisieren zu lassen, fast zwangsläufig müde.

Daran ändert auch das hervorragende Ensemble nicht, das Kafkas Texte manchmal wie auf dem Tablett präsentiert – was nicht die schlechtesten Momente sind, denn die Texte wirken nun mal als pure Texte am besten. Moritz Grove ist ein zwischen Unterwürfigkeit und Lebenshunger schillernder, fiebriger K., Sesede Terziyan eine vitale und zugleich rätselhaft gebrochene Frieda, Katharina Matz stattet sowohl die Wirtin als auch die Lehrerin mit freundlich grausamster Unerbittlichkeit aus, wunderbar! Thomas Schumacher grenzt gleich drei Rollen scharf voneinander ab, Tamer Arslan und Max Pellny geben die Gehilfen mit hohem Körpereinsatz und unerklärlicher Hysterie, die sie abwechselnd schleimend auf dem Bauch rutschen oder in Casting-Show-Jubel ausbrechen lässt.

 

Das Schloss (UA)
von Franz Kafka, in einer Bearbeitung von Nurkan Erpulat und Jens Hillje
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Esther Krapiwnikow,
Musik /Sound: Tobias Schwencke /Florian Tippe, Licht: Thomas Langguth,
Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit: Moritz Grove, Sesede Terziyan, Katharina Matz, Thorsten Hierse, Thomas Schumacher, Tamer Arslan, Max Pellny und Mitgliedern des Aalto Kinderchor, Essen.

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

Nurkan Erpulat mache sich die Sache nicht zu einfach, etwa mit einer naheliegenden Zuspitzung auf die Migrationsthematik, findet Dina Netz im Deutschlandfunk (24.9.2011): "Den Darsteller des fremden K. hat er mit Moritz Grove besetzt, dagegen haben die Darsteller von Frieda und dem Gehilfen Jeremias keine deutschen Wurzeln." Eigentlich seien alle fremd, sich selbst und einander, "weil sie alle am Tropf der unsichtbaren Macht hängen und sich gegenseitig ausspielen, um deren Gunst zu erlangen". Zwischendurch hänge der Abend auch ein wenig durch, aber "insgesamt haben Jens Hillje und er eine schlüssige Spielfassung des Romans erstellt, die von den Schauspielern mit viel Präsenz interpretiert wird."

Im Kern sei diese Inszenierung ordentliches, kreuzbraves Handwerk, schreibt Stefan Keim in der Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau (26.9.2011). "Erpulat und Hillje lassen ein paar Kapitel weg, folgen aber dem Handlungsverlauf, bis die Geschichte zerfasert und sich in einzelne Erzählungen auflöst." Das sei alles sehr ehrenwert, aber auch ein wenig mühsam. Auch wenn man anerkenne, dass Erpulat und Hilje nicht den einfachen Weg der Migrantenthematik gehen, bleibe "die leise Enttäuschung, dass dieses 'Schloss' einfach nur normales Stadttheater ist, ohne Überraschung und Aufregungspotenzial".

Auch Bernd Aulich in der Neuen Westfälischen Zeitung (26.9.2011) erkennt an, dass Erpulats "Schloss" kein Migrantendrama geworden ist. Doch bei aller schauspielerischer Brillanz: "Nicht nur das gelegentliche Schnee-Geriesel lässt in dieser um 14 der 25 Kapitel gekürzten, frappierend nah am Text inszenierten, zum handlungslosen Ende hin allerdings durchhängenden Aufführung frösteln."

Abwartend und skeptisch, aber ohne falschen Respekt nähere sich die Inszenierung Kafkas Text, so Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.9.2011). Dicht und ganz anstrengungslos entfalte sich dann das Spiel, die Darsteller fänden zu einer lebendigen und nuancenreichen Ensembleleistung zusammen. Erpulat und Hillje hätten "Das Schloss" nicht zu einer Migrantenparabel verbogen, sondern den Text in modellhafte Szenen zerlegt, die "das Thema Fremdheit pointieren und variieren." Das führe allerdings dazu, dass man sich im Laufe des Abends von Kafka entferne und die Romanvorlage an Bedrohlichkeit verlöre. Doch am Ende stehe "ein selbstkritisches Fragezeichen".

In einem porträtartigen Zugriff für die Süddeutsche Zeitung (29.9.2011) bezieht Vasco Boenisch diesen Abend auf die Biographie des Regisseurs Nurkan Erpulat: "Der 37-Jährige kennt noch die Mühen der Ebenen. Er weiß, was es heißt, fremd zu sein. Was er nicht weiß: Wie dieses Gefühl aus Kafkas 'Schloss' packend auf die Bühne zu bringen ist." Die Inszenierung "begnügt sich damit, den Roman nachzustellen – mit mehr Requisiten als analytischen Gedanken." Unklar bleibe, wofür das Schloss in der intellektuellen Topographie dieser Bühnenadaption stehe. Mit Ausnahme von Katharina Matz, die "etwas verwegenen Witz" verströme, kann der Abend den Kritiker auch darstellerisch nicht überzeugen: "Man schlägt, beschimpft und streichelt einander, eine Welt der Unberechenbarkeit – aber völlig harmlos."