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Seepartie mit Sarottimohren

von Sabine Leucht

München, 29. September 2011. Yank will es dem Ding mit der schönen Fratze zeigen, das ihn angestarrt hat wie ein Tier. Er will es der Welt zeigen, dem nutzlosen Gesocks auf dem Oberdeck, dass er, der Heizer und Macher, etwas Besseres ist und kein "haariger Affe".

Eugene O'Neill schrieb den gleichnamigen Einakter 1921. Und die Münchner Kammerspiele haben zur Spielzeiteröffnung  Ausschnitte daraus in den Bauch von Fellinis "Schiff der Träume" geschmuggelt – obwohl der 1983 gedrehte Film im Sommer 1914 spielt und beide Geschichten mehr als ein Weltkrieg trennt: Jene von der Crème de la Crème der europäischen Oper, die an Bord eines Luxusliners die Asche der formidablen Sopranistin Edmea Tetua zur Insel Erimo geleitet und vom Kriegsausbruch überrascht wird, von jener des Heizers, den die überlegene Kälte der Bessergestellten in die tödliche Umarmung mit einem echten Affen treibt.

Fatzkes hüben, Bolle drüben

Johan Simons hat einen Teil des Personals aus beiden Geschichten in einen Wettlauf geschickt. Und es ist auch am Ende des gut dreistündigen Abends noch nicht raus, wer von ihnen den Preis für das albernste Gehabe bekommt. Denn was sich hinter dem spektakulären Gemälde eines riesigen Schiffes auftut (Szenenapplaus für Bühnenbildner Bert Neumann!), ist eine Welt der Fatzken, die sich auf dem schrägen Deck gegen die Schwerkraft wie gegen das Identifikationstheater stemmen. Dagegen müssen die beiden im Maschinenraum aufpassen, dass man sie vor lauter Berlinern und dumpfbackigem Kraftmeiern nicht Bolle nennt.

Warum er unter Deck so stark auf die Proletentube drückt, dürfte Simons' Geheimnis bleiben. Es passt zwar zur vorherrschenden Comic-Ästhetik mit Halbmasken, Geschlechtertausch und Kulissen, die auf- und zuklappen wie in einem Pop-Up-Bilderbuch. Und diese wiederum passt zur ausgestellten Künstlichkeit des Films. Doch warum wird so wenig Sympathie zugelassen mit den "Lohnsklaven", die durch den O'Neill-Einschub zu Protagonisten wurden? Bis hin zur natürlich kitschigen Idealisierung wäre noch etwas Spielraum gewesen.

"Ich möchte irgendwie richtig leben!"

Das meiste andere an dieser Inszenierung jedoch ist nur allzu klar. Es soll Ungleichheit gezeigt werden und das kalte Herz des Reichtums. Daher bekommen die Heizer ihren Wunsch nach einer Arie nicht erfüllt, aus dem Fellini einen herrlichen Sängerkrieg der Eitelkeiten entspringen ließ. Und während Fellini subtil die Tempi variierte, um den unterschiedlichen Pulsschlag in Kombüse, Heizkeller und Salon zu zeigen, benötigt man in München Hinweise auf den Preis eines achtlos liegen gelassenen Pelzmantels (umgerechnet in Heizerjahre auf See) oder privilegierte Seufzer: "Ich möchte irgendwie richtig leben!"

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E la nave va mit dem Ensemble der Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder

Simons will hingeschaut haben, einen Missstand benennen, den heute an Kraft verlierenden europäischen Gedanken mit seinen Stolpersteinen konfrontieren: den Armen und den Anderen. Im "Schiff der Träume" sind diese Anderen serbische Flüchtlinge, die nach der Ermordung Franz Ferdinands auf der Flucht vor der österreichisch-ungarischen Monarchie sind. Mit schwarzen Strümpfen über dem Kopf halb Sarottimohr, halb Bankräuber, dürfen sie hier jedoch nicht ihre ansteckenden Tänze zeigen, sondern nur auf Knopfdruck in einen hopsenden Trott fallen. Bloß keine positiv rassistische Volkskulturverklärung, klar!

Viele Akteure dieses wunderbaren Ensembles wirken vor einem wunderbaren Holzschnitt-Meerespanorama wie aufgeklebt. Ab und zu gibt ihnen die Lust auf einen Gag, der Seegang oder eine hypnotische Bassstimme einen Schubs und sie purzeln spektakulär durcheinander. Das ist hübsch auf die Spitze getrieben, wenn etwa der Großherzog Nichtigkeiten über die Weltlage verbreitet und der Rest sich erst tatsächlich und dann nur noch in seinen Übersetzungsbemühungen überschlägt; wenn Kristof Van Boven mit dem Publikum kokettiert oder Stefan Märki sich einmal mehr als Travestie-Darsteller empfiehlt. Doch es ist selten auch sinnig.

Ringen mit der Kreatur

Und so umstandslos wie aus zwei Fellini-Figuren und O'Neills Millionärstochter eine Rolle für Brigitte Hobmeier geschneidert wird, fällt Stephan Bissmeiers Chronist am Ende ein: "Halt, ihr wollt ja noch wissen, was mit dem Affen passiert ist!" Und nachdem Fellinis und das Gegnerschiff restloser untergegangen sind als bei Fellini selbst, sieht man einen lebensechten Gorilla und Edmund Telgenkämpers Yank, der Zuflucht sucht bei der Kreatur, die leider zu viel Kraft hat.

Die Natur ist schwer kalkulierbar. Und der Mensch? Hat die Zivilcourage versagt, als die feine Gesellschaft die Serben wieder ausgeliefert hat? Oder war da das Bedürfnis, endlich wieder unter sich zu sein? Solche Fragen beantwortet Simons Inszenierung nicht. Dafür findet sie eine schöne Antwort auf den von Fellini genährten Verdacht, dass Kulturmenschen mit Kultur nur ihre eigene Karriere meinen: In dem Chor, der den Abend über immer mal wieder sanft Verdis "Requiem" singt, stehen Sänger aus allen Abteilungen des Theaterschiffes Kammerspiele nebeneinander. Dunkles Gewöll auf ihren Händen macht sie als "haarige Affen" kenntlich. Aber sie alle sind da, um mit ihrem Intendanten gemeinsam Hallo zu sagen: Die zweite Spielzeit von Johan Simons in München hat begonnen.


E la nave va
nach Federico Fellini
unter Verwendung von Eugene O'Neills "Der haarige Affe"
Regie: Johan Simons, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Musik: Martin Schütz, Christoph Homberger, Jan Czajkowski, Bendix Dethleffsen, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Marc Benjamin, Stephan Bissmeier, Helene Olga Blechinger, Pierre Bokma, Benny Claessens, Dan Glazer, Katharina Hackhausen, Anika Herbst, Walter Hess, Brigitte Hobmeier, Nico Holonics, Adrian Huber, Nikolai Huber:, Stefan Hunstein, André Jung, Susanne Lemke, Oliver Mallison, Stefan Merki, Mitarbeiter MK, Ilja Rossbander, Sven Schelker, Anton Schneider, Johannes Sima, Regina Speiseder, Edmund Telgenkämper, Isabel Thierauch, Kristof Van Boven.

www.muenchner-kammerspiele.de


Mehr zu Johan Simons im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Irgendetwas ist da ganz schrecklich schief" an der Münchner Bühnenversion von Fellinis 'Schiff der Träume', konstatiert Sven Ricklef in seinem verschriftlichten Beitrag für den Deutschlandfunk (Kultur heute, 1.10.2011). Simons scheine das auch "bis zu einem bestimmten Punkt gewollt zu haben", schließlich schicke er Fellinis "skurriles Oberschichtspanoptikum" auch noch "als Witzblattfiguren mit aufgeklebten Masken auf die Planken". Das funktioniere auch "bis zu einem gewissen Grad"; der Inszenierung gelinge "in den besten Momenten schräger Slapstick", sie erschöpfe sich allerdings auch weitgehend darin. Die O'Neill-Einsprengsel wirken ob ihrer Plakativität auf Ricklefs "eher überflüssig", "sie dehnen den ohnehin zerdehnten Abend noch mehr". Wiederum zeige sich, dass der Münchner Intendant "ein politisch bewegter Sozialromantiker ist" – was zwar sympathisch sei, aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass er sich an "E la nave va" "gründlich verhoben" habe.

Für Michael Schleicher Müchner Merkur (1.10.2011) ist diese Spielzeiteröffnung einer jener Glücksfälle, "die unterhalten und dabei die entscheidenden (wenn auch bekannten) Fragen stellen – ohne jedoch Antworten geben zu wollen oder zu können." Die brauche es auch gar nicht, sei diese Inszenierung doch von tiefem Humanismus ebenso getragen wie von heftiger Theaterleidenschaft befeuert. Bert Neumann habe ein "wunderbares" Bühnenbild gebaut, das bei der Premiere spontan beklatscht worden sei. Stark lebt der Abend aus seiner Sicht jedoch auch von der beeindruckend stimmigen Ensembleleistung.

Auch Gabriella Lorenz von der Münchner Abendzeitung (1.10.2011) findet Bert Neumanns Bühnenbild atemberaubend und auch die Typen des Abends reißen sie hin: "skurriles Personal, das auf der steilen Deck-Schräge abenteuerliche Rutsch-Slapsticks abliefert". Das alles ist aus Kritikersicht "wunderbar leicht erzählt". Als Schwachpunkt empfindet Schleicher allerdings die Verklammerung des Fellini-Stoffs mit dem O'Neill-Stück: das mache die Botschaft des Abends übderdeutlich und ziehe die Inszenierung unnötig in die Länge.

Ein wenig ratlos steht der Filmkritiker Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung (1.10. 2011) dem Abend gegenüber. Denn zunächst ist ihm nur die Verweigerung klar "Fellini wird hier nicht fellinesk gegeben, okay, und die Gassenhauer der Opernwelt, von 'La donna è mobile' bis zu Verdis Gefangenenchor, dürfen auch nicht erklingen." Doch werde schnell deutlich, dass die Erzählstruktur des Abends alleine nicht reiche, "um das Schiff unter Dampf zu halten. Die erste Antwort darauf ist, gleich noch ein weiteres Stück mit an Bord zu nehmen." Allerdings führt das aus Kritikersicht auch nicht wirklich irgendwo hin. So hat es für Kniebe dann zwar grundsätzlich "seinen Reiz, ein opulentes Fellini-Gemälde zu versprechen und dann eine Art Bauern-Bruegel zu liefern". Nur wenn man jetzt sagen müsse, was der höhere Sinn der ganzen Reise war, so der Kritiker, dann müsse man das Wort wohl einem Affen aus dem O'Neill-Teil des Abends erteilen: "Er grunzt".

Für keine gute Idee hält es Jan Küveler in der Welt (5.10.2011), Fellini mit O'Neill zu kreuzen: "Denn der mit dem Holzhammer zusammengehauene Proletarier-Plot dehnt das Stück ins Lange und Flache wie ein zu eifrig durchgeklopftes Schnitzel." Dabei sei seine Fellini-Adaption groß, als dessen Anverwandter sich Simons zeige, "ein trauriger Clown, der anhand von Möwenflug oder brabbelndem Blaublüter exaktere Prognosen macht als alle Wirtschaftsweisen und politischen Thinktanks zusammen."

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