Auf der Orchesterzerreißprobe

von Sarah Heppekausen

Köln, 29. September 2011. "Wir spielen." Dieser Satz ist Zustandsbeschreibung und Drohung, Motivation und Ausrede, Verteidigung und Kapitulation, Welt-Aufgabe und Welt-Aufgeben. Der Satz ist alles in einem, voller Komplexität in seiner Einfachheit und zugleich das Fundament für einen klangstarken Kunstkampf ohne Katharsis. Im Kölner Schauspielhaus tritt die Kunst gegen sich selbst an. Bei so viel kritischer Selbstbeschmutzung kann es nur einen Gewinner geben: die Kunst.

Aber irgendwie ist es auch anmaßend. Der Uraufführung von Elfriede Jelineks Auftragsstück "Kein Licht." stellt Erfolgs-Intendantin Karin Beier ihr eigenes Werk "Demokratie in Abendstunden" voran, eine Collage, die Großbausteine wie Demokratie und Freiheit thematisiert. Eine selbsternannte "Kakophonie", die Text- und Musikzitate von Cage bis Žižek zu einer ausartenden Orchester(zerreiß)probe komponiert. Eine zweistündige Inszenierung, die sich zwei Drittel des gesamten Abends erspielt, und wohl doch nur als großes Vorspiel zum Jelinek-Stück verstanden werden will.

Kunst verheißt die nächste Katastrophe

Es treten zum Beispiel auf: die individualistisch improvisierende Bassklarinette (Yorck Dippe), das schmollend nach Gerechtigkeit suchende zweite Cello, stets "verdeckt als Tutti-Schwein" (Lina Beckmann). Die egozentrische und wenn nötig auch zur Waffe greifende Harfe (Julia Wieninger). Und der arbeitsmüde und ein Publikum voller Wichtigtuer-Huster verachtende Diktator-Dirigent (aus München angereist: Wolfgang Pregler). Da trifft Beuys' "Jeder Mensch ist ein Künstler" auf den Stumpfsinn demokratischer Kunst, Rainald Goetz' "Dreck Dreck" auf die Willensfreiheit und Büchners Revolutionsruf "Wir sind das Volk" auf Hans Sahls "Ich gehe langsam aus der Welt".

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Bunte Demokratie in Köln  © Klaus Lefebvre

Karin Beier und die Dramaturginnen Rita Thiele und Bettina Auer bedienen sich aus einer Art Kanon für Revolutionsliteratur. Die dramaturgische Setzung einer Orchesterprobe – inspiriert von Fellinis gleichnamigem Film, wie es im Programmheft heißt – erweist sich dabei als kluges Konstrukt. Vor allem ermöglicht sie den Schauspielern, im Zitatreigen auch mal eine Figur zu entwickeln. In ihrer Komik (und Tragik) befreien sich die Schauspieler so vom Literaturgeschichts- und Biographieballast.

Aus der Kakophonie wird das Hohelied der Kunst, in das die multitalentierten Schauspieler auch als Musiker einstimmen. Bespritzt von anarchischer Pinselei und stimmungsvoll unterlaufen von schwarzen Farb-Rinnsalen, die die grauen Wände von Johannes Schütz' offen gehaltener Bühne herabtriefen. Kunst verheißt die nächste Katastrophe. Mit Das Werk / Im Bus / Ein Sturz inszenierte Karin Beier im vergangenen Jahr außerordentlich erfolgreich Jelineks Baukatastrophentrilogie, die Mensch und Natur verheerend aufeinander stoßen lässt. Ungeahnte Aktualität bekam der Abend durch den GAU in Fukushima. Eben darum geht es in Jelineks neuem Stück "Kein Licht", ein weiteres Werk über das Versagen menschlicher Technik, über menschliche Hybris, aber auch über die Grenzen der Kunst.

Ein grollendes Klangerlebnis

Die Katastrophe ist ein Klangerlebnis: Ein grollendes Beben und die tosende Flutwelle haben Licht und Ton verschluckt. Also bleibt das Licht erst mal aus, bis einer in die Pedale tritt. Der Ton der Musik, für den sie zuvor so geschätzt wurden, ist unhörbar. Erste und zweite Geige bleiben stumm. Lina Beckmann und Julia Wieninger geben zwei naive Narren unter Maskennasen, plump und penetrant: "Aber wir spielen." Derweil sucht eine Japanerin im Flutschlamm und Notenzetteldreck verzweifelt nach Vermissten, zündet Kerzen an, posiert vor einem Plastikkirschblütenzweig für die Kamera, will aber nicht weinen. Beier spart nicht mit Klischees, fängt sie aber auf im bitter-ironischen Spiel ums Gehört- und Gesehenwerden, bei dem der Mensch im Allgemeinen verdammt schlecht weg kommt. Da kann er noch so sehr für die Kunst brennen.

"Demokratie in Abendstunden" hat sich reichlich bei Jelinek bedient. Ja, "Kein Licht" – das im selben Bühnenbild spielt – erscheint als notwendige Antwort auf Teil eins. Nur schwächen die vorweg genommenen Zitate und Wortspielereien Jelineks gewohnt starke (aber ungewohnt kurze) Sprachpartitur. Die Schlammschlacht hat längst stattgefunden, wenn der Dreck den Bühnenboden besudelt. Überzeugen kann die Inszenierung dennoch durch ein hervorragendes Bühnen(musik)spiel, mit dem sie das Paradox der Kunst, wie es der Jelinek-Text entwirft, umkreist: Sie feiert und problematisiert mit den Mitteln der Kunst eine Kunst, die immer weiterspielt, auch im Angesicht der Welterschütterung.


Demokratie in Abendstunden
Eine Kakophonie
mit Texten von Joseph Beuys, John Cage, Rainald Goetz und anderen
Fassung von Bettina Auer, Karin Beier, Rita Thiele
Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Maria Roers, Komposition und musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Bettina Auer, Rita Thiele.
Mit: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Jennifer Frank, Charly Hübner, Jan-Peter Kampwirth, Thomas Loibl, Wolfgang Pregler, Sonia Theodoridou, Michael Weber, Kathrin Wehlisch, Julia Wieninger, Michael Wittenborn, Musiker: Silvia Bauer, Tilmann Dehnhard, Achim Fink, Nora Krahl, Bernhard Schwanitz, Radek Stawarz, Yuko Suzuki.

Kein Licht
von Elfriede Jelinek
Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Maria Roers, Komposition und musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Rita Thiele.
Mit: Lina Beckmann, Sachiko Hara, Kathrin Wehlisch, Julia Wieninger, Michael Weber, Michael Wittenborn.

www.schauspielkoeln.de


Mehr zu großen Jelinek-Regisseur*innen finden Sie in den Lexikonartikeln zu: Karin Beier, Nicolas Stemann und Jossi Wieler.

 

Kritikenrundschau

Als fulminant aufgeführtes Happening beschreibt Ulrich Weinzierl in der Tageszeitung Die Welt (1.10.2011) diesen Doppelabend. Staunenden Auges erlebt der Kritiker die Perfektion des ersten Teils: "der scheinbar schlichte Raum wird zur Wundermaschine des Untergangs, rentenberechtigte Wutbürger verwandeln sich in einen preußisch gedrillten Wutkünstlerchor – Volker Lösch, der Herr der Bürgerchöre, müsste vor Neid erblassen." Aber auch Teil zwei des Abends erreicht bei Weinzierl Bestnoten: Elfriede Jelinek habe "ein grandioses Wort-Requiem verfertigt, aus ihren altbewährten, mittlerweile ungemein verfeinerten Stilelementen eine bachsche Fuge strengster Konsequenz komponiert. Höchstes Lob auch für das Ensemble und seine präzise Eindringlichkeit, das "Elfriede Jelineks bereits beim Lesen faszinierende Partitur" zum Leben erwecke. "Jede Geste, jeder Ton, jedes Flüstern, jeder Schrei stimmt."

Für Dirk Pilz hingegen fallen in den Dumont-Blättern Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung (1.10.2011) beide Uraufführungen "in Sachen ästhetischer Dichte und schauspielerischer Präzision arg auseinander." Aus seiner Sicht verläppert sich Jelineks Text "in schalen Wortspielandeutungen". Auch Karin Beiers Regie helfe da kaum weiter. "Jede Szene, jedes Wort wirkt aufgeklebt, die Kunst hat sich einen Mantel herbeigeschaffter Mittelchen übergeworfen. Fukushima, der Schrecken, die Menschen – alles weit weg, alles eingemümmelt in kunstgewerblicher Betriebsamkeit." Der erste Teil allerdings bestach den Kritiker durch "dringliche, aufrüttelnde Bilder": "Zwei Stunden voller Dreck, Hass, Pathos, Überwältigung. Es ist ein Theater auf der Suche nach der Revolution. Ja, Revolution: Umsturz und Aufstand."

Dieses Uraufführungspaket sei "Durchschnitt, kein wirklich heller Schein", befindet Ulrich Fischer in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio (29.10.2011). Es sei aber auch ein Abend der Mahnungen. "Das Theater gibt sich nicht als Lehrmeister, meint nicht, alles besser zu wissen. Aber es legt doch den Finger in die Wunde."

Von einer "postbeckettschen Gespenstersonate" spricht Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.10.2011). "Panikorchesterprobe bis zur Pause, dann wird die Luft dünner. Groß angelegt, vielfältig im szenischen Ablauf und ingeniös verknüpft, kann die Performance, die vom Kölner Ensemble so virtuos wie vehement getragen wird, Witz und Wut, Unruhe und Beunruhigung oft zusammenbringen." Doch hat sie aus Sicht des Kritikers auch "überfrachtete, diffuse, deklamatorische Passagen". Karin Beier wolle zu viel, die Schärfe und Schlagfertigkeit von Jelineks "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" entwickelt dieser Abend Rossmanns Ansicht nach nicht. Wenngleich das Publikum die Premiere ähnlich groß gefeiert habe.

Mit diesem Abend hat Karin Beier Dietmar Kanthak vom Bonner Generalanzeiger (1.10.2011) wieder einmal ihr Talent bewiesen, "hochabstrakte Prosa in wunderbar lebendige Theaterbilder, eine schlüssige künstlerische Vision zu übersetzen." Allerdings nur mit dem ersten Teil dieser Doppeluraufführung. Denn den Jelinek-Teil empfand Kanthak als "fahrige Fingerübung". Ziemlich schnell sehnt er das Ende herbei und stellt fest: "Karin Beier hält ihrer Autorin die Treue, kann aber die Leerstellen der Vorlage nicht füllen, erst recht nicht mit einer vorhersehbaren Endzeit-Ästhetik."

Für Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (1.10.2011) ist die Inszenierung "zunächst ein großes Vergnügen, mag die Komik insgesamt auch billig zu kriegen sein". Auch beginne der Abend als großes Versprechen. "Welches dann aber doch nicht wirklich gehalten wird, dazu ist der Demokratie-, Gewalt- und Revolutionsexkurs, der alsbald anhebt und zu einem großen Durcheinander führt, zu krude und beliebig. Und zum Teil sogar öde." Erst gegen Ende von Teil eins, wenn sich die "skandierenden, schreienden, singenden Stimmen zu einem grandios rhythmisierten Wutkonzert bündeln", entwickelt sich aus Sicht der Kriikerin "jene dunkle Kraft, die bei diesem künstlerischen 'Reinigungsprozess' intendiert gewesen sein mag." Im Jelinek-Teilö dringe Kari Beier erst gar nicht zur Kernschmelze des Textes vor".

Nicht ganz gelungenen, aber anregend findet Eva Pfister von der Wiener Tageszeitung Die Presse (1.10.2011) die Kölner Spielzeiteröffnung. Zwar zeige sich wieder einmal "die große Stärke der Regisseurin Karin Beier: Sie kann abstrakte Themen anschaulich in sinnliche Vorgänge übersetzen." Die Inszenierung zeige aber auch "wie schwierig es ist, eine Katastrophe auf die Bühne zu bringen".

"Karin Beier hat diesen Abend überfrachtet, bis er fast platzt", schreibt Andrea Heinz in der Zeit (6.10.2011). Inhaltlich kann sie besonders wohl der erste Teil ("buntes Diskurs-Allerlei") seiner vorhersehbaren Schlussfolgerungen wegen, nicht überzeugen. Auch wenn vereinzelt auch bittere Tropfen gereicht würden, die allerdings niemanden zum Würgen brächten. Dem zweiten Jelinek-Teil bescheinigt sie immerhin ein paar subtile Bilder und eine gewisse Abgründigkeit. Doch auch manche Plattheit fällt der Kritikerin auf.

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