altDas Griechenvolk, es taugte nie recht viel

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 30. September 2011. Spätestens mit dem Auftritt des Schatzmeisters springt der Funke aufs Publikum über: Der Mann beklagt bekanntlich, dass auf die Parteien kein Verlass und zudem das Geld knapp sei. Mephistos findige Idee, Zauberblätter einzuführen, kann man gerne als putzige Analogie auf das Auflegen von Eurobonds verstehen. Den Kaiser hat Regisseur Martin Nimz mit Iris Albrecht besetzt, die – kanzlerinnenhaft gestikulierend – durch eine Staatskrise rudert. Ha, genau wie in Berlin! Es wird gelacht. Wir sind zugleich bei Goethe und im Kabarett.

Die Eurokrise in Endreimen

Faust unterdessen sitzt die meiste Zeit am Bühnenrand und schaut sich staunend an, dass sein Stück offenbar Gegenwartstheater in Reinform ist. Die Kostüme von Ricarda Knödler unterstützen das Konzept: Man trägt, was Peter Stein mal "Peek-&-Cloppenburg-Einheitsausstattung" nannte. Spätestens, wenn im zweiten Akt die Griechen einen übergebraten bekommen (textgetreu nach Goethe: "Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel.") ist der Abend eine Komödie geworden. Und wird es lange bleiben: In Fausts Studierzimmer sehen wir einen zum Nerd gewordenen Wagner auf seinen MacBook den Homunkulus programmieren, und die Walpurgisnacht findet als Schaumparty statt, auf der DJ Nereus Technoides auflegt.

Nach knapp 80 Minuten sind die ersten drei Akte rasant abgespielt, und sicher ist es ein Verdienst der Regie, dass dies weit weniger albern wirkt, als es sich hier lesen mag. Mit dem Faust 2 auf die politischen und medialen Irrungen der Jetzt-Welt zu reagieren, das schaut sich erfrischend an und passt erstaunlich treffsicher. Die Eurokrise in Endreimen.

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Faust (Jonas Hien) beim Einparken eines Monologs ins Goethe-Drama
© Nilz Böhme

Zwischen Anbetung und Erniedrigung

Natürlich hat das Konsequenzen. Die philosophische Ebene des Textes gerät in den Hintergrund. Bildhaft gesprochen, sitzt Faust dadurch auch inhaltlich am Rand der Inszenierung. Hier werden keine tiefer liegenden Schichten freigelegt. Hier wird die Oberfläche erst geschliffen und dann versiegelt.

Nur vereinzelt schimmert das große Drama durch diese unterhaltsame Glasur hindurch. Im dritten Akt erspielen Jonas Hien als Faust und Christiane-Britta Boehlke als Helena die stärksten Momente. Sie erarbeiten ein großartiges Wechselspiel aus Anbetung und Erniedrigung, aus Illusion und Wirklichkeit, wodurch diese Szene, die beginnt, als würde Helena sich bei Heidi Klum als "Germany's next Topmodel" bewerben, am Ende die einzige Szene des Abends gewesen sein wird, in der so etwas wie Ernsthaftigkeit entstanden ist.

Nach der Pause verliert die Inszenierung zunehmend ihre Linie. Einerseits bleibt ein Hauch von Slapstick präsent, etwa wenn der Kaiser mit einer Fliegenklatsche nach seinen Feinden schlägt. Andererseits soll nun statt der die Probleme weglachenden Haltung vom Anfang etwas Stärkeres, offenbar sogar Anklagendes entstehen. Dabei aber verliert sich die Regie in aufgesetzten Aktualisierungen.

Übers Ziel hinaus

Faust spielt einen amerikanischen Söldner auf der Jagd nach Bin Laden, simuliert den Funkverkehr, während das berühmte Foto von einem eben diesen schauerlichen Mord im Stabsraum verfolgenden Barack Obama auf die Bühnenrückwand projiziert wird. Philemon und Baucis treten als angekettete Attack-Aktivisten auf, die aufrütteln wollende Videobotschaften aufnehmen und schließlich von Mephisto erschossen werden. Aua. Man ahnt, dass wir auf der Suche nach Globalisierungswidersprüchen im "Faust" sind, aber nun wirkt das sehr "übers Ziel hinaus" und eher peinlich: als sollten Antworten auf Fragen gegeben werden, die gar nicht gestellt wurden.

Das sich lang hinziehende Ende wirkt wie eine Aneinanderreihung vieler für sich genommen hübscher Ideen und fällt ziemlich auseinander. Während Faust seinen Schlussmonolog hält, schrauben Bühnenarbeiter bereits die Kulissen ab (schöne, multifunktionale Bühne, um es nicht zu vergessen!), und den "Verweile-doch-Satz" versucht Faust dem Publikum zu entlocken. Was nicht klappt, weil das intendierte Prinzip einer Brecht'schen, nicht-naturalistischen Spielweise nicht aufgeht, die beinhaltet, dass auch Faust selbst mit Abstand auf seine Rolle schaut. Dazu hat er tatsächlich zu lange nur zugeschaut sowie hier und da seine Monologe sauber in das heitere Umfeld der oberflächenversiegelten Handlung eingeparkt.

Wäre die Inszenierung eine Parkplatzsuche in – sagen wir – Berlin, Rosenthaler Platz, dann müsste man sagen: Der Fahrer hat zu schnell aufgegeben und den Wagen stattdessen einfach ins Parkhaus "Alexa" am Alexanderplatz gestellt. Da steht er zwar gut und sicher, aber eben doch ziemlich weit weg vom Ziel.

Unverständlich? Vergleiche und Bilder und Ideen, die man erklären muss, sind halt nicht die besten.

 

Faust. Der Tragödie zweiter Teil
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Martin Nimz, Bühne: Bernd Schneider, Kostüme: Ricarda Knödler, Video/ Grafik: Achim Naumann d'Aloncourt, Dramaturgie: Stefan Schnabel.
Mit: Jonas Hien, Axel Strothmann, Iris Albrecht, David Emig, Ralph Martin, Jeremias Koschorz, Alexander Absenger, Silvio Hildebrandt, Heide Kalisch, Christiane-Britta Boehlke, Katja Fricke, Georg von der Gablentz, Michaela Winterstein.

www.theater-magdeburg.de

 

Mehr Faust? Für große Aufmerksamkeit sorgte zuletzt der "Faust"-Marathon (I + II) von Nicolas Stemann bei den Salzburger Festspiele.

 

Kritikenrundschau

Für Joachim Lange von der Mitteldeutschen Zeitung (online am 2.10.2011) ist Martin Nimz' Faust-Vergegenwärtigung nicht in erster Linie den aktualisierenden Bildern zu verdanken, "sondern einer lustvoll neugierigen Haltung zum Text, die insbesondere das geschäfts-partnerschaftlichen Duo aus Faust (Jonas Hien) und Mephisto (Axel Strothmann) betont spielerisch entwickeln". Alle kämen hier daher "wie aus der Gegenwart, vertrauen den Versen, finden einen Sprachzugang, der die historische Distanz erstaunlich schrumpfen lässt". Das alles sei "beglückend heutig und kommt ohne aufgeschlagenes Lexikon aus". Insgesamt sei der Magdeburger Doppel-Faust aber auch "eine überzeugende Selbstbehauptung des Theaters", das von Einsparungen seitens des Landes bedroht ist.

"Nichts ärgert. Nichts verwundert. Nichts verstört", schreibt Gisela Begrich in der Magdeburger Volksstimme (4. 10. 2011), deren "Sehnsucht, großes Theater zu erleben", dieser Abend nicht erfüllt. Zwar gibt es, wie sie schreibt, immer wieder überzeugende Einzelmomente. Auch die Fassung findet Begrich "gut eingekürzt". Dennoch fügt sich für sie nichts zum Ganzen. "Es mangelt an großen, stimmigen Bildern, es fehlen die emotionalen Augenblicke, es hapert an Humor wie Tragik." Armselig gar kommt aus Sicht der Kritikerin der Schluß daher.

 

 

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